
In einem schummrigen Pariser Café saß ich mit Emil Cioran und Hermann Burger an einem Tisch, umgeben von dem sanften Murmeln fremder Stimmen. Der Raum war erfüllt von der Eleganz der Vergänglichkeit. Eine gedämpfte Leere, die dem Geist Raum ließ, sich zu entfalten. Vor mir lag die Leere einer Frage: Was bedeutete es, das eigene Leben zu spielen, mit dem Sein zu ringen, es immer wieder in Frage zu stellen? Ich konnte spüren, dass dieses Treffen nicht dem bloßen Austausch diente, sondern eine Herausforderung für mein eigenes Denken war.
„Das Schreiben“, begann Cioran, während er ein Glas Rotwein umkreiste, „ist eine Art des Aufschubs, Gunnar. Ein Aufschub der endgültigen Verzweiflung. So lange ich Worte finde, so lange ich sie ordnen kann, bin ich noch nicht verloren.“
„Ein Aufschub, ja“, wiederholte Burger leise, „aber auch ein Verrat, Cioran. Worte sind Verräter, weil sie das Unaussprechliche zu fassen versuchen, und doch immer daran scheitern. Jedes Wort ist ein Scheitern, das wir mit anderen scheiternden Worten zu überdecken versuchen.“
Ich lehnte mich zurück und betrachtete sie. Beide Männer hatten das Sein in seinen dunkelsten Ecken erforscht, und doch unterschied sich ihre Haltung. Cioran, immer der Meister der Ironie, sah im Scheitern eine Art heimliches Überleben. Burger hingegen erblickte im Scheitern den ständigen Sturz in die Tiefe.
„Ich frage mich“, begann ich, „ob es nicht genau dieses Spiel ist, das uns leben lässt. Das Spiel mit dem eigenen Leben, dem ständigen Überlisten der Verzweiflung. Wir spielen unser Leben, so wie Kinder Krieg spielen – mit der Illusion, wir hätten die Kontrolle.“
„Kontrolle?“ Cioran lächelte sardonisch. „Es gibt keine Kontrolle. Wir sind die Statisten unseres eigenen Dramas. Die Tragik ist, dass wir es wissen und uns dennoch auf die Bühne stellen.“
„Und doch sind wir dabei Künstler“, warf Burger ein. „Unsere Kunst ist es, der Welt eine Form zu geben, die sie nicht verdient. Wir spielen, ja, aber wir tun es aus einer Art verzweifelter Liebe. Der Schauspieler liebt die Maske, die er trägt, obwohl er weiß, dass sie ihn nicht rettet.“
„Was bleibt uns anderes übrig?“ entgegnete Cioran. „Wir sind Wesen des Übergangs, festgehalten im Widerspruch zwischen Sein und Nichtsein. Aber, Gunnar“, er sah mich durchdringend an, „du willst über Bewunderung sprechen, nicht wahr? Über das Skizzieren eines Portraits.“
Ich nickte. „Aber nicht über Bewunderung im klassischen Sinn. Es geht mir mehr um das Erschüttern. Die Begegnung mit einem Werk oder einem Menschen, die einen aus der Bahn wirft.“
Cioran lehnte sich zurück und dachte nach. „Bewunderung? Ich bewundere nichts und niemanden. Ich verachte alles gleichermaßen, und doch rette ich mich durch das Schreiben, durch den Aufschub. Jeder, der sich mit mir und meinen Gedanken auseinandersetzt, muss die Frage stellen: Warum habe ich noch nicht alles in Frage gestellt?“
„Die Frage“, fügte Burger hinzu, „ob das eigene Leben überhaupt einen Sinn hat, bleibt immer unbeantwortet. Es ist die einzige Frage, die kein Text je lösen kann. Deshalb schreiben wir, deshalb existieren wir in einem ständigen Zwischenzustand.“
Ich spürte die Schwere ihrer Worte, und doch lag darin eine seltsame Erleichterung. Vielleicht war es genau dieses Unlösbare, das uns leben ließ – das Wissen um die Möglichkeit, alles zu beenden, aber dennoch weiterzumachen.
„Vielleicht“, sagte ich schließlich, „liegt in der Infragestellung der tiefste Respekt vor dem Leben. Nicht im blinden Festhalten, sondern im ständigen Aushandeln, im ständigen Balancieren zwischen Verzweiflung und Hoffnung.“
Cioran lachte leise. „Das Leben als Verhandlung mit dem Nichts. Ein schönes Bild, Gunnar. Doch vergiss nicht: Das Nichts verhandelt nicht.“
Burger hob sein Glas. „Und dennoch tun wir es. Immer wieder.“
Wir tranken schweigend, jeder in seine Gedanken versunken. In dieser Stille lag eine seltsame Art von Einverständnis, ein ungesprochenes Bündnis zwischen jenen, die das Leben nie ganz annehmen konnten, aber auch nicht loslassen wollten.