
Wenn man Gustav Stresemann liest, hört oder sieht – etwa in der hervorragenden ZDF-Dokumentation „Gustav Stresemann und die Republik“ –, spürt man sofort den Druck einer Epoche, die in mancher Hinsicht unsere heutige spiegelt. Damals wie heute stand die deutsche Außenpolitik vor einer doppelten Herausforderung: Sie musste zugleich nach innen die Legitimität der Demokratie sichern und nach außen die fragile Balance Europas bewahren.
Die Außenpolitik im Feuersturm der Geschichte
Stresemann, der als junger Politiker noch vom Weltreich träumte, wandelte sich nach dem Inferno von 1914–1918 zu einem Realisten. Sein Mut bestand darin, gegen den Zeitgeist zu handeln: während nationalistische Parolen Konjunktur hatten, setzte er auf Verständigung, Kompromiss und Völkerbund. Er wusste, dass es nicht Stärke, sondern Geduld, nicht Lautstärke, sondern Verantwortlichkeit war, die die Republik retten konnte.
Die Krisenjahre 1923 mit Hyperinflation, Ruhrbesetzung und Hitler-Putsch zeigen einen Mann, der – bei allen Widersprüchen seiner eigenen Biografie – das Werkzeug der Diplomatie so ernst nahm wie andere das Gewehr. Seine berühmteste Einsicht lautete: „Uns fehlt der Mut zur Verantwortlichkeit.“
Parallelen zur Gegenwart
Heute ist Europa erneut in einer Phase der tektonischen Verschiebungen. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen zwischen den USA und China, die Energie- und Klimakrisen – sie verlangen wieder nach Staatsmännern und -frauen, die das Kunststück wagen, nationale Interessen mit europäischer Solidarität zu verschmelzen.
Die Herausforderung ähnelt der von damals: Wie schafft man Frieden durch Stärke, ohne in Kriegsrhetorik zu verfallen? Wie verteidigt man Demokratie, wenn ihre Gegner lautstärker und aggressiver auftreten? Und wie baut man Vertrauen zwischen Nationen, wenn der Ton rauer wird und die Versuchung groß ist, sich in nationalen Egoismen zu verschanzen?
Europa als Vermächtnis
Stresemanns Politik führte – über Locarno und den Völkerbund – zu dem, was wir heute als Kernidee Europas kennen: Frieden durch Verständigung, nicht durch Abschreckung allein. Sein Vermächtnis bleibt aktuell, gerade weil es nicht von Illusionen getragen war, sondern von der harten Schule der Realität.
Save the Date: Europa im Gespräch
In diesem Geist knüpft eine Veranstaltung in Bonn an die europäische Tradition des Dialogs an:
📅 19. August, 19 Uhr
📍 Gustav-Stresemann-Institut e.V., Langer Grabenweg 68, 53175 Bonn-Bad Godesberg
Martin Schulz, langjähriges Mitglied und Präsident des Europäischen Parlaments sowie Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung, wird aus erster Hand berichten, wie sich Europas Außenpolitik heute zwischen Realpolitik und Werteverteidigung behaupten muss.
So schließt sich der Kreis: In Bonn, an einem Ort, der Stresemanns Namen trägt, wird über jene Fragen diskutiert, die schon vor hundert Jahren die Republik umtrieben – und die auch heute wieder über Krieg und Frieden, Demokratie und Autoritarismus entscheiden. Man hört, sieht und streamt sich im GSI in Bonn. Sohn@Sohn übertragen das Geschehen im Multistream von Facebook bis Twitch.