Fünf, vier, drei, zwei, eins – Management-Zirkus für Fortgeschrittene

Es ist 8:59 Uhr. Du hast noch keinen Kaffee, aber da steht er schon: der messianische Manager in seinem Video auf LinkedIn. Lächelnd, selbstgefällig, mit dieser seltsamen Mischung aus Sakralität und Business-Casual. „Denkt immer daran“, flötet er mit der Weisheit eines abgelaufenen Glückskekses, „Probleme sind keine Hindernisse, sondern Chancen!“ Danke, Captain Obvious. Ich bin jetzt erleuchtet.

Das Ritual der Unnötigkeit

Management ist heute keine Wissenschaft mehr, sondern eine religiöse Bewegung. Statt Weihwasser gibt es Engelsspray für die „positive Aura“ im Büro, und wenn das nicht reicht, ein graphologisches Gutachten. Ja, richtig gehört: die Handschrift entscheidet. „Herr Sohn, achten Sie bitte auf YXZ. Der darf auf keinen Fall Top-Leute aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung befragen – Linkshänder, schräges Schriftbild, eindeutig Charakterschwäche.“ Wer braucht schon Fakten oder Leistung, wenn die Kurve der Buchstaben auf dem Papier ein so klares Bild zeichnet? Warum nicht gleich noch ein Pendel schwingen, um die Teamfähigkeit abzuklopfen, oder Tarotkarten legen, um herauszufinden, wer am besten die Deckblätter für die TPS-Berichte sortiert?

Check-In-Days: Willkommen im inneren Mode-Olymp

Und dann gibt es da noch die Check-In-Days bei einem großen Mode-Händler. Ein Corporate-Event der Superlative, an dem alle Abteilungen „abgeholt“ werden sollen. Du betrittst den Konferenzraum – nein, Verzeihung – das „Creative Empowerment Space“ –, und da steht er: der Chief Happiness Officer, in Sneakern und überteuertem Streetwear-Outfit. Er ruft mit der Inbrunst eines Pfadfinder-Gruppenleiters: „Lasst uns heute gemeinsam wachsen und die Zukunft disruptiv anziehen!“
Was folgt, ist ein Tag voller Breakout-Sessions, bei denen Abteilungsleiter in bunter Marken-Activewear bei Gruppenarbeit sogenannte Moodboards basteln. Die Aufgabe? „Visionen unserer Customer Journey aus Papier schneiden!“ Später kommt ein Berater mit Rollkoffer und erklärt mit bedeutungsschwerer Stimme: „Erfolg ist wie Mode – wenn du nicht drin bist, bist du raus.“ Standing Ovations. Jemand weint. Warum? Niemand weiß es. Aber hey, das nennt man jetzt „Corporate Alignment.“

LinkedIn-Kommentare: Der indische Applaus

Die schlimmsten Management-Gurus sind nicht die, die live sprechen. Es sind die, die Videos drehen. Ihr Setup: Ringlicht, minimalistischer Hintergrund, ein Gesichtsausdruck wie Buddha auf Red Bull. „Wenn du groß denken willst, musst du klein anfangen!“ Dieser Satz hat die intellektuelle Halbwertzeit einer Kaugummi-Blase. Und doch: Tausende Likes. Warum? Weil niemand widersprechen will. Es könnte ja disruptiv wirken.

Zudem gibt es ja die emsigen Agenturen, die via Preisliste 500 indisch-englische Kommentare aktivieren. Darunter dann Perlen wie:
„Wow sir, such profound thoughts, never heard anything like this before, truly you are a game-changer!! 🚀“
oder:
„Amazing wisdom, madam! You have transformed my thinking in just 1 minute video. Keep inspiring us with your leadership brilliance 🙏“

Diese Kommentare stehen zwischen weiteren 5000 Beiträgen, die allesamt bezeugen, dass hier jemand zur „Top Voice“ gekürt werden muss – der ultimative Orden im Beratungskarneval. Hofnarrentum mit geistigem Tiefflug, aber ohne den Mut der politischen Narren früherer Jahrhunderte, die wenigstens noch den Herrschenden den Spiegel vorhielten. Die heutigen Narren sind nur noch mit Selfiestab unterwegs, posieren vor Wänden mit leeren Post-its und nennen es „Ideenlabor“.

Ironischer Nebel aus Phrasen und Binsen

Das echte Leben ist längst nicht so beeindruckend wie die Management-Poeten es uns auf TikTok verkaufen wollen. „Innovativ bleiben heißt, jeden Tag disruptiv denken.“ „Führung beginnt bei dir selbst.“ Ja, danke, das wusste ich noch nicht, steht schließlich auch auf jedem zweiten Küchenkalender. Aber die Krönung sind die Slides voller bunter Kreise und Pfeile, die „Komplexität visualisieren“. „Hier sehen Sie das Powerhouse-Modell unserer Strategie.“ Was man sieht: bunte Farben, Buzzwords, nichts dahinter.

Endstation: „Das wäre super, wenn…“

Und dann ist er wieder da, der Geist von Lumbergh: „Wenn Sie am Samstag noch kurz reinkommen könnten, das wäre super. Oh, und die Deckblätter…“ Es endet nie. Es wird nie enden. Es ist das Perpetuum Mobile der Management-Selbsttäuschung. Jeder arbeitet, keiner weiß warum, aber alle tun so, als sei es enorm wichtig. Und wenn’s richtig brenzlig wird, zaubert irgendjemand eine neue PowerPoint mit einer „360-Grad-Lösung“ hervor. Noch Fragen? Nein? Super. Dann weiter so. Immer weiter. Fünf, vier, drei, zwei, eins – null.

Und während wir uns im Nebel der „Synergien“, „Empowerments“ und „Benchmarks“ verlieren, bleibt eine Erkenntnis: Management ist keine Kunst, sondern ein Ritual. Die moderne Form des Regentanzes, nur ohne Regen. Hauptsache, die Likes fließen und der Selfiestab hat den richtigen Winkel.

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