
Es gibt Sätze, die sind so wahr, dass sie nichts riskieren – und genau deshalb regieren sie. Ich arbeite gerade an einem wissenschaftstheoretischen Buchprojekt über Tautologien: nicht als Logik-Spielerei („A ist A“), sondern als Kulturtechnik – als diese glatte, glänzende Satzform, die Diskussionen gewinnt, ohne die Wirklichkeit zu berühren.
Das Buch wird eine Expedition durch Disziplinen und Lebenswelten:
Ökonomie, Management, Soziologie, Naturwissenschaften, Pandemie-Debatten bis hin zum Gottesbeweis.
Immer mit derselben Leitfrage: Wie entstehen Wahrheiten, die unangreifbar sind – und gerade dadurch leer werden?
Worum geht’s wirklich?
Um Sätze, die wie Türen aussehen, aber eigentlich Vorhängeschlösser sind.
Um Modelle, die als Fenster verkauft werden, obwohl sie Spiegel sind.
Um Kennzahlen als moderne Liturgie.
Um Moral als Lackschicht, auf der jede Kritik abperlt.
Und um den Moment, in dem „Evidenz“ nicht mehr Erkenntnis bedeutet, sondern Zuständigkeit beendet.
In dem Opus sollst Du Tautologien nicht nur erkennen, sondern riechen.
Steril (logisch), weich (sprachlich), lackiert (methodisch), kreisförmig (argumentativ).
Tautologien kommen selten im Schulbuch-Outfit. Sie kommen als Lebenshilfe, als Talkshow-Ton, als Führungskräfte-Satz, als „gesunder Menschenverstand“.
Talkshow-Prinzip
Wenn nach einer hitzigen Sendung sowohl die Empörten von rechts als auch die Empörten von links dich gleichzeitig zerlegen wollen, hast du nicht automatisch recht – aber ziemlich sicher einen wunden Punkt getroffen.
Büro & Management
- „Wir müssen jetzt ins Machen kommen.“
(Klingt wie Handlung, ist oft nur eine Flucht vor Kriterien.) - „Am Ende zählt das Ergebnis.“
(Klar. Die Frage ist: welches Ergebnis und zu welchem Preis?) - „Wir brauchen mehr Kommunikation.“
(Kann stimmen – und heißt manchmal: Niemand will entscheiden.)
Beziehungen & Familienleben
- „Wenn du mich lieben würdest, würdest du’s verstehen.“
(Liebe als Beweisersatz: immunisiert gegen jede Nachfrage.) - „Ich bin halt so.“
(Wahr, aber als Argument: ein Schloss ohne Schlüssel.) - „Es ist kompliziert.“
(Manchmal wahr – oft auch: Regress als emotionales Versteck.)
Social Media & Moral
- „Das sagt doch alles über dich aus.“
(Ein Satz, der Diskussionen abkürzt, indem er Personen statt Gründe bewertet.) - „Wer dagegen ist, ist Teil des Problems.“
(Moral als Panzer: Kritik wird zur Charakterfrage.)
Gesundheit & Lifestyle
- „Hör auf deinen Körper.“
(Richtig – aber auch: Was heißt das konkret, wenn Körper widersprüchlich sprechen?) - „Natürlich ist immer besser.“
(Eine Tautologie in grünem Anstrich: „gut“ wird in „natürlich“ hineindefiniert.)
Politik & Öffentlichkeit
- „Wir müssen handlungsfähig bleiben.“
(Ja. Aber wie und woran messen wir Nebenwirkungen?) - „Sicherheit hat Priorität.“
(Fast unbestreitbar – und trotzdem nicht automatisch eine Begründung.)
Wissenschaft, Zahlen, Kurven
- „Die Zahlen sprechen für sich.“
(Zahlen sprechen nie „für sich“. Sie sprechen durch Definitionen, Auswahl, Messpraxis.) - „Das ist wissenschaftlich belegt.“
(Kann heißen: robust geprüft. Kann auch heißen: rhetorisch abgeschlossen.)
Warum ich das schreibe
Weil ich den Eindruck habe, dass unsere Zeit zwei Dinge gleichzeitig liebt:
Komplexität (als Ausrede) und Gewissheit (als Beruhigung).
Tautologien sind das perfekte Bindemittel zwischen beiden.
Und weil ich glaube: Die interessantesten Sätze sind nicht die, die immer stimmen.
Sondern die, die scheitern könnten – und gerade deshalb etwas riskieren.
Wenn du das verfolgen willst
Ich werde hier auf dem Blog regelmäßig kurze Auszüge posten:
- „Tautologie der Woche“ (aus Politik, Alltag, Management, Wissenschaft)
- Mini-Essays zu Modell-Platonismus, KPI-Liturgie, Vorsorge-Paradoxon, Gottesbeweis als Grenzfall
- und kleine „Scanner“-Übungen: Woran merkt man, dass ein Satz nur glänzt?
Wenn du magst, schreib mir in die Kommentare:
Welche Alltagstautologie begegnet dir am häufigsten?
Ich sammle sie – und einige landen (anonymisiert) im Buch.