Die Zirkelschluss-Gesellschaft: Die Republik der unkaputtbaren Sätze

Wir leben in einem Land, in dem fast alles kaputtgehen darf – nur nicht die Sätze, mit denen man es erklärt.

Die Brücke ist marode? „Komplexe Gemengelage.“ Bürgermeister
Das Projekt implodiert? „Kommunikation war nicht optimal.“ #Merz
Die Strategie wirkt wie ein Horoskop? „Wir müssen agiler werden.“ CEO
Der Laden brennt? „Wir evaluieren die Lage fortlaufend.“ NATO-Generalsekretär

Das ist die Zirkelschlussgesellschaft: eine Kultur, die sich mit unkaputtbaren Formulierungen gegen die Wirklichkeit polstert. Sätze wie Airbags. Schön groß. Schön weich. Und so praktisch, dass man nach dem Crash sagen kann: Wir haben ja alles richtig gemacht – es war nur anders.

Die neue Staatsreligion: Dashboardismus

Früher hat man in Krisen gebetet. Heute klickt man.
Und wenn die Kurve stimmt, stimmt auch der Charakter.

Das Dashboard ist die Kanzel der Gegenwart: Ampeln, KPIs, Inzidenzen, Balken – man sieht so viel, dass man vergisst, dass man gerade nur den Ausschnitt sieht, den man sich vorher gebaut hat. Zahlen sind super. Aber in der Zirkelschlussgesellschaft werden sie zu etwas anderem: zu moralischen Ausweisen.

„Die Zahlen sprechen für sich.“
Klar. Und der Toaster schreibt Gedichte.

Zahlen sprechen durch Definitionen, durch Auswahl, durch Messpraxis, durch das, was man nicht zählt, weil es die Story versaut. Wer „die Zahlen“ als Schlusswort benutzt, will meistens nicht erklären, sondern abwürgen.

Die Lieblingssätze der Bequemen

Wenn du wissen willst, ob du gerade in einer Diskussion bist oder in einer liturgischen Veranstaltung, hör auf diese Klassiker:

„Das ist alternativlos.“
Übersetzung: Ich will nicht, dass du Alternativen siehst.

„Das ist eben komplex.“
Übersetzung: Ich will nicht, dass du Kriterien verlangst.

„Wir müssen handlungsfähig bleiben.“
Übersetzung: Ich will handeln, ohne Rechenschaft darüber, woran wir Irrtum merken.

„Wer das kritisiert, ist verantwortungslos.“
Übersetzung: Ich will gewinnen, ohne argumentieren zu müssen.

    Das ist keine Argumentation. Das ist Rhetorik mit Maulsperre.

    Wenn beide Lager dich hassen…

    Ein Alltagsmesser für Qualität im öffentlichen Streit:

    Wenn nach einer Debatte gleichzeitig die Empörten von rechts und die Empörten von links auf dich losgehen, hast du nicht automatisch recht – aber du hast sehr wahrscheinlich eine bequeme Lüge verweigert.

    Bequeme Sätze sind lagerkompatibel. Sie passen überall rein. Sie sind wie diese Einheitssoße, die in jeder Kantine gleich schmeckt: Du kannst dich dran nicht verschlucken, aber du wirst auch nicht satt.

    Unbequeme Sätze haben Außenkanten. Die schneiden. Und deshalb schreien beide Seiten, weil beide Seiten lieber an ihren Gewissheiten nuckeln als an der Realität zu kauen.

    Münchhausen als Betriebsanleitung

    In Meetings, Talkshows und Ministerien läuft immer derselbe Film, wenn jemand die einzige relevante Frage stellt:

    „Woran würden wir merken, dass wir falsch lagen?“

    Dann gehen drei Türen auf:

    • Regress: „Dazu brauchen wir mehr Studien.“ (Vertagung in seriöser Verpackung)
    • Dogma: „Das ist unser Leitprinzip.“ (Stoppschild mit Moralrand)
    • Zirkel: „Das sieht man doch an den Zahlen.“ (Drehtür mit Excel-Anstrich)

    Und zack: Die Frage ist weg, die Verantwortung auch. Übrig bleibt das Gefühl von Kompetenz. Das ist die eigentliche Ware: Kompetenzsimulation.

    Der Airbag-Satz: Wachstum + Nachhaltigkeit + Profit + Liebe

    Im Management ist es besonders komisch, weil da ständig so getan wird, als würde man steuern – während man in Wahrheit formuliert.

    „Wir wachsen profitabel und nachhaltig.“
    „Wir fokussieren uns auf Kernkompetenzen.“
    „Wir werden agiler und kundenzentrierter.“
    „Wir treiben Transformation mit Augenmaß.“

    Das sind keine Strategien. Das sind Tugendlisten. Formuliert diese Sätze mal um am Gegenteiltag von SpongeBob, dann merkt Ihr, wie hohl diese Sätze sind. S

    Und wenn es scheitert? Dann kommt die Zauberformel:
    „Wir waren noch nicht konsequent genug.“
    Das ist Tautologie mit Karriereleiter: Egal was passiert, der Satz bleibt Chef.

    Die moralische Lackschicht: Kritik = Charakterfehler

    Die gefährlichste Entwicklung ist nicht die Zahl, nicht das Modell, nicht der KPI. Die gefährlichste Entwicklung ist, wenn man eine These so mit Moral umwickelt, dass jede Kritik wie ein Angriff auf Anstand wirkt.

    Dann ist nicht mehr die Frage: „Stimmt das?“
    Sondern: „Darf man das überhaupt fragen?“

    Das ist der Moment, in dem öffentliche Debatte in Gesinnungsprüfung umkippt. Und Gesinnungsprüfungen sind die perfekte Umwelt für tautologische Sätze: Sie sind nicht falsifizierbar, aber maximal karrierefähig.

    Der Tautologie-Scanner (für Leute, die noch denken wollen)

    Kleiner Test, bevor du wieder nickst:

    1. Was müsste passieren, damit der Satz falsch ist?
      Wenn „nichts“: Vorsicht.
    2. Ist das „weil“ eine Begründung oder nur ein Spiegel?
      „Es ist richtig, weil es korrekt ist.“ – Drehtür.
    3. Wird Kritik in Unmoral übersetzt?
      Wenn ja: Das ist kein Argument, das ist ein Panzer.
    4. Kann ich die Buzzwords austauschen und es klingt immer noch wie Weisheit?
      „Innovation / Resilienz / Effizienz / Nachhaltigkeit“ – wenn alles passt, sagt der Satz oft nichts.

    Warum das alles so gut funktioniert

    Weil Irrtum heute wie Schuld behandelt wird.
    Und wer Schuld fürchtet, baut Sätze, die nicht irren können.

    Tautologien sind die Komforttechnologie einer Kultur, die maximale Gewissheit bei minimaler Verantwortung will. Sie liefern den Kick von „wir haben’s im Griff“, ohne den Preis von „wir könnten danebenliegen“.

    Der einzige Satz, der wirklich zählt

    Wenn du nur einen Satz aus diesem Text behalten willst, nimm den:

    Ein Satz, der nicht scheitern kann, ist kein Erkenntnissatz. Er ist ein Machtwerkzeug.

    Ich schreibe darüber ein Buch: Die Zirkelschlussgesellschaft – Wie leere Wahrheiten Macht werden.
    Wenn du Beispiele hast aus deinem Alltag – die unkaputtbaren Sätze, die jede Diskussion töten – her damit. Ich sammle. Und ich verspreche: Wir machen sie kaputt.

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