Die Wunderkammer der Welt und das Labyrinth der Lügen – Eine (fiktive) Erzählung

In einer alten Bibliothek, deren gewölbte Decken im flackernden Kerzenlicht wie der Himmel eines vergessenen Universums schimmern, steht ein Gelehrter zwischen Regalen und Vitrinen voller Rätsel. Umberto Eco – ein moderner Magus der Zeichen – wandelt hier wie ein Pilger durch das Theatrum Chemicum seiner Fantasie. Alte Folianten über Hermetismus, Magie und Dämonologie reihen sich neben kuriose Apparaturen. Da hängt ein verbeulter Messingkompass, dort funkelt ein alchemistischer Ofen, als warte er auf die Transmutation von Blei in Gold. In einer Vitrine liegen Drachenschuppen neben dem Zahn eines Riesen und dem hornartigen Fragment eines Einhorns. Diese Wunderkammer, scheinbar aus Athanasius Kirchers barockem Kabinett direkt in Ecos Träume übertragen, vereint okkulte Wissenschaften und Gelehrsamkeit, Aberglauben und Wissensdurst – ein Kaleidoskop der menschlichen Neugier.

Der Gelehrte und seine Wunderkammer

Pater Athanasius Kircher, jener Jesuit des 17. Jahrhunderts mit unstillbarem Wissenshunger, hätte in dieser Szenerie wohl wissend gelächelt. Er, der “Meister von hundert Künsten”, sammelte in Rom in seinem Wunderkabinett alles Auffindbare: von ägyptischen Hieroglyphenrollen über mechanische Automaten bis zu Fossilien, die er für Gebeine biblischer Riesen hielt. In Ecos imaginärer Bibliothek rascheln die Seiten von Kirchers eigenen Werken. Man hört förmlich das Echo der enzyklopädischen Ungeduld dieses Gelehrten, der kein Mysterium der Schöpfung unstudiert lassen wollte. Hier ein lateinisches Manuskript, das die verborgenen Symbole des Hermes Trismegistos entschlüsseln will; dort Kirchers „Ars Magna Lucis et Umbrae“, flankiert von einem Laterna-magica-Projektor, der gespenstische Bilder an die Wand wirft. Jede Rarität ist zugleich Wissensschatz und Irrlicht: Die ausgestopfte Basiliskus-Schlange neben dem Modell eines Vulkans erinnert daran, wie nahe staunende Bewunderung und staunenswerte Verirrung beieinander liegen.

Eco, selbst ein Sammler von Geschichten und ein Bibliothekar der Welt, streift staunend durch diese allegorische Ausstellung. Er hat sich Zeit seines Lebens mit den merkwürdigen Produkten menschlicher Vorstellungskraft befasst – und mit der Frage, wie wir Bedeutung konstruieren. Für ihn ist Kirchers Welt der Wunder kein bloßes Kuriositätenkabinett, sondern ein Spiegelkabinett: Jedes Exponat ein Zeichen, das gedeutet sein will. In einer Ecke findet Eco das mehrbändige Theatrum Chemicum selbst, eine Sammlung alchemistischer Texte. Die Seiten duften nach Schwefel und altem Papier. Darin versprechen Adepten uralter Künste die Entschlüsselung der Schöpfungsgeheimnisse: das Elixier des Lebens, das Allheilmittel gegen alle Krankheiten, Gold aus wertlosem Stoff. Eco lächelt – er kennt die Verlockung solcher totaler Erklärungen. Er weiß um die menschliche Sehnsucht, im Chaos der Welt ein verborgenes Muster zu finden, einen Stein der Weisen des Sinns.

Labyrinthe des Wissens und der Erinnerung

Während Eco weitergeht, verschwimmt die Bibliothek vor seinem inneren Auge zu einem gewaltigen Labyrinth. Die Gänge zwischen den hohen Regalen krümmen sich und verzweigen sich unvorhersehbar, wie die Linien eines unsichtbaren Plans. Dieses Labyrinth ist Allegorie der Welt: ein verschlungenes Gewebe aus Wegen, Wissen und Irrwegen. Er erinnert sich an die Abteibibliothek seines Romans Der Name der Rose, jenes tetragonale Labyrinth voller Bücher, das ihn an die ehrwürdige Stiftsbibliothek von Sankt Gallen gemahnt, in dem Wahrheit und Lüge sich in Halbdunkel umschleichen. Das Labyrinth, denkt Eco, ist nicht nur ein Bauwerk der Mönche, sondern das Sinnbild unseres Gedächtnisses und unserer Geschichte. Erinnerung und Gedächtnis weben ein Gewirr von Pfaden, durch das jeder von uns seinen Weg finden muss. So wie der blinde Bibliothekar Jorge im Roman die verbotenen Texte hütete, wachen in unserem kollektiven Gedächtnis Hüter über Narrative – Legenden, Dogmen, Mythen –, die manch einer für den einzigen richtigen Weg durch das Labyrinth hält.

Doch das Labyrinth des Wissens ist tückisch: Wer den Faden der kritischen Vernunft verliert, kann sich verirren und von Chimären jagen lassen. Schon Kircher balancierte auf dem schmalen Grat zwischen Wissenschaft und Fantasterei. Seine Studien über Vulkane und Mikroskope waren bahnbrechend, aber seine Glaubenstreue ließ ihn auch nach Noahs Arche am Ararat suchen und an Drachen in fernen Landen glauben. Das Gedächtnis der Menschheit ist voll solcher Abzweigungen: Pfade, die ins Reich der Drachen und Riesen führen, in denen metaphorische Ungeheuer unsere Ängste und Hoffnungen verkörpern. Jeder Drache, den der Gelehrte in alten Berichten zeichnete, war auch ein imaginäres Bedrohungsbild, ein Versuch, das Unbekannte in vertraute Formen zu bannen – sei es als schuppiges Ungeheuer oder als lodernder Leviathan der Tiefe. Und jeder Riese, von dem berichtet wurde, spiegelte das gigantische Ausmaß unseres Ehrgeizes oder unserer Furcht wider.

In der Mitte des Labyrinths schließlich erahnt Eco kein Ungeheuer, sondern einen Spiegel. Hier begegnet man sich selbst: Was suchst du eigentlich, Forscher? Willst du die Welt verstehen oder nur deine eigenen Vorstellungen darin bestätigt sehen? Diese Frage hallt durch die Gänge. Die Zukunft des Wissens, das spürt Eco, hängt davon ab, ob wir lernen, uns in diesem Labyrinth zurechtzufinden – mit Verstand und auch Demut. Denn wer glaubt, bereits den einzigen richtigen Plan des Irrgartens zu besitzen, der erliegt einer gefährlichen Hybris.

Geheime Brüder und gefälschte Schriften

Ein leises Kichern reißt Eco aus den Gedanken. Aus einer dunklen Nische dringt Getuschel: Hier scheinen sich Schatten zu versammeln – Geister vergangener Konspirationen. Halb durchsichtige Mönche und vagabundierende Gelehrte flüstern von verborgenen Orden. Man vernimmt den Namen der Rosenkreuzer, jener sagenhaften Bruderschaft, die zu Kirchers Zeiten wie ein Spuk in Europa umging. Einst tauchten anonyme Manifeste auf, die wundersame Weisen verkündeten: von der Erneuerung der Wissenschaft durch Magie und Geheimwissen, von unsichtbaren Meistern, die die Geschicke lenken. Viele Gelehrte jener Zeit verfielen einer Mischung aus Begeisterung und Paranoia. War da wirklich ein okkulter Orden, der im Verborgenen wirkte? Oder nur ein literarischer Scherz, eine Fata Morgana der Wissensgeschichte? Eco weiß, dass gefälschte Dokumente oft die langlebigsten sind – weil sie unseren Hunger nach dem Wunderbaren bedienen. Wie die Mönche im Labyrinth nach einem verbotenen Buch suchten, jagten Europas Denker dem Phantom der Rosenkreuzer nach und fanden doch nur ihre eigenen Projektionen.

Daneben raschelt es: Eine andere Gestalt, kaum sichtbar, hält ein Pergament hoch, auf dem Zahlen und Lettern in seltsamer Chiffre angeordnet sind. Man meint Worte wie “Shakespeare” und “Bacon” zu erkennen, verknüpft durch unsichtbare Fäden. Das Flüstern erzählt von der Shakespeare-Bacon-Verschwörung – davon, dass der Barde von Stratford nicht der Urheber seiner Verse sei, sondern ein gelehrter Hintermann. Als wäre es unerträglich, dass ein einfacher sterblicher Geist solche Werke schuf, mussten Verschwörer einen großen Alchemisten der Feder dahinter vermuten. So spannen sie komplizierte Deutungen, suchten versteckte Signaturen in den Texten, als seien die Dramen selbst ein Labyrinth mit Geheimbotschaft. Eco schmunzelt: er erkennt hier das semiotische Spiel, das ihn immer faszinierte. Menschen lesen Bedeutung selbst dort hinein, wo keine ist – sie sehen Schwanenbilder in Wolken und „Bacon“ in Hamlet. Diese Neigung, jedes Zeichen ins Gewünschte zu verkehren, hat etwas Rabelaisisch-Komisches und zugleich Tragisches.

Die Flüsterstimmen schwellen an und vermischen sich. Aus den Wänden der Bibliothek dringen nun die Echos zahlloser Theorien und Obsessionen: Templer und Gralshüter, Geheimbünde und Welträtsel. Eco erkennt Passagen aus seinem Roman Das Foucaultsche Pendel: Dort erdachten drei schalkhafte Intellektuelle einen fiktiven großen Plan, eine Verschwörung aller Verschwörungen, und setzten damit ungewollt eine Lawine echter Verblendung in Gang. Was als ironisches wissenschaftliches Spekulationsspiel begann – das spielerische Verbinden disparater Punkte zu einem gewaltigen Muster – endete in Wahn und Gewalt. „Welche Narrheit,“ murmelt Eco leise, „doch wir Narren brauchen manchmal den Spiegel der Fiktion, um unsere eigene Leichtgläubigkeit zu erkennen.“

Die Masken der Gegenwart

Plötzlich flackern die Kerzen heftiger, und ein kalter Windstoß fegt durch die Hallen. Die Szenerie wandelt sich: Die alten Geister ziehen sich zurück, und an ihre Stelle treten Gestalten in grellem Licht der Gegenwart. Das Flüstern ist jetzt das Knistern von Lautsprechern und das Rauschen sozialer Medien. Aus der Ferne ertönt das Dröhnen einer Menge. Wie ein Schauspieler auf einer Bühne tritt eine überlebensgroße Figur hervor – ein moderner Demagoge mit breiter Geste und markantem Zeichen auf dem Haupt. In seinem Gefolge schwirren Mythen wie Motten um eine Laterne: imaginäre Bedrohungen und fantastische Verschwörungen, die er heraufbeschwört, um sich selbst als Retter in Szene zu setzen.

Eco blinzelt, und erkennt in dieser Figur unschwer einen zeitgenössischen Trump-ähnlichen Tribun, der mit der Rhetorik des absurden und grotesken seine Anhänger bezaubert. Hier ist kein feinsinniger Alchemist am Werk, sondern ein grober Gaukler, der die uralten Muster der Mythenbildung instinktiv beherrscht. Wie einstige Prediger vor dem Volk zieht er Dämonen aus dem Hut: mal ist es ein finsterer Geheimbund, mal eine weltumspannende Verschwörung elitärer Drahtzieher, vor denen nur er allein Schutz bieten könne. Seine Worte strömen wie ein schäumender Trank aus einem alchemistischen Kessel – zusammengebraut aus Halbwahrheiten, Ängsten und nationalistischen Träumen.

Die Rhetorik dieses modernen Zauberers ist reich an barocker Ausschmückung: Er malt Untergangsszenarien und Paradiese aus, nennt Feinde beim Namen, als handle es sich um Teufel aus einem dämonologischen Register. Er konstruiert ein neues Labyrinth aus alternativen Fakten, in dem die Verunsicherten Halt suchen. Doch dieses Labyrinth ist kein Ort der Erkenntnis, sondern ein Truggebilde, ein Irrgarten der Lügen, aus dem jeder Ausgang absichtlich verstellt ist. Die Alten suchten nach dem Ariadnefaden der Wahrheit – dieser neue Theseus zerreißt ihn und behauptet, er allein kenne den Weg hinaus, während er seine Gefolgschaft immer tiefer hineinführt.

Eco atmet scharf ein. Vor seinen Augen überlagern sich die Zeitebenen: Er sieht Kircher in Rom, wie er sein Kabinett der Kuriositäten schließt und die Türe zum irdischen Theater der Eitelkeiten hinter sich verriegelt. Er sieht Mönche, die um eine falsche Reliquie streiten, sieht gelehrte Fälscher am Kerzenlicht unsinnige Dokumente schreiben, die Jahrhunderte später Unheil anrichten. Er sieht aber auch die heutigen Massen, wie sie in digitalen Hallen Verschwörungspredigern lauschen, und erkennt: Die allegorische Bildsprache der Macht hat sich kaum gewandelt – nur die Kostüme sind neu.

Erkenntnis im Spiegelkabinett

Inmitten dieser Bilderflut findet Eco sich wieder vor dem Spiegel im Zentrum des Labyrinths. In dem Spiegel sieht er nicht nur sich selbst, sondern uns alle – wie wir als Suchende durch unsere eigene Wunderkammer der Welt schreiten. Die Welt ist ein Theatrum voller Zeichen: Einige leiten uns, andere verführen uns in die Irre. Athanasius Kircher und seine Zeitgenossen versuchten, aus geheimnisvollen Andeutungen Wahrheit zu destillieren, manchmal um den Preis wundersamer Irrtümer. Umberto Eco hat diese Mischung aus Gelehrsamkeit und Irrsinn literarisch nachgebildet, um zu zeigen, dass die Grenze zwischen Erleuchtung und Verblendung mitunter haarfein ist.

Die Gegenwart zeigt uns, dass wir wachsam bleiben müssen im Umgang mit Mythen. Jene Mythenbildung, die einst Drachen an den Rand alter Landkarten malte und unbekannte Regionen “Hic Sunt Dracones” – hier seien Drachen – benannte, malt heute Dämonen in politische Landschaften und stempelt Andersdenkende zu Ungeheuern. Noch immer gilt: Das Unbekannte wird gern mit dem Ungeheuerlichen ausgefüllt. Aber das Erbe der Jesuiten-Gelehrten wie Kircher und der Mahner wie Eco lehrt uns, genauer hinzuschauen. Hinter mancher Hydra der Angst verbirgt sich nur Luft und Schall. Hinter manchem Versprechen eines Allheilmittels steckt nichts als gewöhnlicher Betrug.

Der literarische Geist, den Eco mit schelmischer Gelehrsamkeit weiterführte, offenbart uns schließlich eine Hoffnung: Die Wunderkammer der Welt muss kein Gefängnis der Illusionen bleiben. Wenn wir lernen, Allegorien zu durchschauen und Zeichen zu lesen, ohne uns von ihnen verführen zu lassen, verwandelt sich das Labyrinth von einem Ort der Irreleitung in einen Garten der Erkenntnis. So schließt der Gelehrte die schwergewichtigen Tore der imaginären Bibliothek hinter sich, tritt hinaus in die Morgenluft und lächelt – wissend, dass jeder Drache, jedes Labyrinth und jede Fata Morgana nur so lange Macht über uns hat, wie wir an ihre vom Mythos aufgeblähte Gestalt glauben. Die wahre Erkenntnis aber beginnt dort, wo wir den Mut haben, in den Spiegel zu blicken und die eigenen Gespenster als das zu erkennen, was sie sind: Geschöpfe unserer unbändigen, wunderbaren, aber zähmbaren Einbildungskraft.

Vom Wunderkabinett zur Schattenrepublik: Ein Exkurs zum Bonn-Krimi

Als Autor des Bonn-Krimis Lux et Umbra habe ich beim Schreiben nicht bloß eine Kriminalgeschichte konstruiert – ich habe ein semiologisches Labyrinth entworfen, inspiriert von Umberto Eco, Athanasius Kircher und der ganzen barocken Lust an Täuschung, Wissen und Deutung. Es ging mir nie nur um die Frage: Wer war’s? Sondern vielmehr um die Frage: Warum glauben wir, was wir glauben?

In meinem Roman sind es nicht ein, sondern viele Morde – und doch ist jeder Mord mehr als eine Tat. Er ist ein Zeichen, ein Text, eine Chiffre, die sich nur entziffert, wenn man bereit ist, tiefer zu graben. Die Toten in Lux et Umbra sind nicht bloß Opfer, sie sind Träger eines hermetischen Codes – eingeschrieben in politische Intrigen, archiviert in geheimen Manuskripten, zirkulierend durch die Schattenwelt zwischen Kanzleramt, Krypta und Kurie.

Die Rosenkreuzer treten hier nicht als historische Staffage auf, sondern als lebendige Struktur – ein unsichtbares Netzwerk aus Symbolen, das Vergangenheit und Gegenwart durchzieht. Wie in den Manifesten des 17. Jahrhunderts stiften sie Unruhe, mischen sich ein, verschwinden wieder. Ihre Rolle im Roman ist mehrdeutig: Sind sie Verschwörer? Erleuchtete? Oder bloß der Schattenriss einer Gesellschaft, die sich nach einer höheren Ordnung sehnt?

Was Eco im Foucaultschen Pendel zeigt – das fatale Spiel mit Bedeutungen, die sich selbst verselbständigen –, ist für mich zentral. Auch in Lux et Umbra geht es um eine Sprache, die beginnt, sich selbst zu glauben. Figuren wie Temesvar sind Ausdruck davon: Sie entstehen im Schatten, werden in Akten angedeutet, tauchen in Prophezeiungen auf – und am Ende weiß niemand, ob sie je existierten. Aber sie verändern das Spiel. Wie jeder gute Mythos.

Und wie Kirchers Laterna magica projizieren diese Legenden neue Wirklichkeiten: auf unsere Gegenwart, auf Politik, auf Öffentlichkeit. Die Morde in meinem Krimi werden dadurch zur Metapher für eine Gesellschaft, die sich von Zeichen leiten lässt, ohne ihre Herkunft zu hinterfragen. Die Täter töten nicht nur Menschen – sie manipulieren die Bedeutung selbst. Und das ist, wie Eco wusste, der gefährlichste Mord von allen.

Dieser Exkurs ist kein Nachtrag, sondern eine Spur. Eine Linie im Labyrinth. Ein leises Flüstern aus dem Archiv der Fiktion.

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