
Chinas geopolitische Strategie lässt sich am klarsten so beschreiben: Peking will nicht „die bestehende Ordnung stürzen“, sondern sie umprogrammieren – Schritt für Schritt, Thema für Thema, Partner für Partner. Nicht der spektakuläre Bruch ist das Ziel, sondern die Normalisierung einer zweiten Betriebssystem-Logik: Souveränität vor Einmischung, Stabilität vor Liberalität, Entwicklung vor Rechenschaftspflicht, kulturelle Eigenwege vor universalistischen Standards. Die westliche Ordnung soll nicht unbedingt verschwinden. Sie soll, wo möglich, relativiert, wo nötig umgangen und dort, wo sie unvermeidbar bleibt, mit neuen Bedeutungen besetzt werden.
Das ist ein langfristiges Projekt. Es arbeitet weniger mit einer großen „Entscheidungsschlacht“ als mit einer Serie kleiner Verschiebungen: Finanzströme, Infrastruktur, Standards, Ausbildung, digitale Ökosysteme, Sicherheitsformate, diplomatische Mehrheiten – und darüber ein Vokabular, das vertraut klingt, aber anders meint. Wer verstehen will, wie so etwas funktioniert, findet im chinesischen Strategemdenken ein brauchbares Raster: nicht als Verschwörungstheorie („alles geplant“), sondern als Schule der indirekten Wirkung.
Der Umweg als Hauptstraße
Die westliche Außenpolitik denkt gern in Frontlinien: Bündnis gegen Bündnis, Regelbruch gegen Regelwahrung, Demokratie gegen Autokratie. Peking denkt eher in Konstellationen. Der Gegner soll nicht unbedingt besiegt werden, sondern in eine Lage geraten, in der er sich selbst blockiert: durch Widersprüche, Überdehnung, moralische Doppelstandards, innenpolitische Erschöpfung. Dazu passt eine Vorgehensweise, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: China wirbt um Multilateralismus und kritisiert zugleich „westliche Dominanz“; es beruft sich auf das Völkerrecht und dehnt zugleich Begriffe wie Souveränität so, dass sie jede Kritik abwehren; es spricht von „gemeinsamen Werten“ und definiert dabei Werte als kollektive Ziele, nicht als Rechte des Einzelnen.
Das ist kein Zufall, sondern Methode. Indirekte Strategien leben von Mehrdeutigkeit: Ein Begriff muss breit genug sein, dass sich viele darunter versammeln können – und präzise genug, dass er in entscheidenden Momenten politisch nutzbar wird. Das ist Diplomatie als semantische Ingenieurskunst.
Semantik ist Machtpolitik
Der entscheidende Hebel liegt oft nicht in Panzern oder Häfen, sondern in der Frage, wessen Begriffe die Debatte strukturieren. „Menschenzentriert“, „gute Regierungsführung“, „Rechtsstaatlichkeit“, „Sicherheit“, „Zivilisation“, „Entwicklung“ – das sind in der westlichen Tradition stark normativ aufgeladene Wörter. In Pekings Lesart können sie eine andere Achse bekommen: Menschenzentriert heißt dann nicht primär Schutzrechte gegen den Staat, sondern Versorgung des Kollektivs durch den Staat; Rechtsstaatlichkeit meint nicht zwingend unabhängige Kontrolle, sondern Regieren durch Gesetze; „Sicherheit“ meint nicht nur Schutz vor Gewalt, sondern Schutz vor Instabilität – inklusive politischer Instabilität.
So entsteht ein rhetorischer Effekt, den man aus anderen Zusammenhängen kennt: Man übernimmt die Hülle einer universalen Sprache, füllt sie aber mit einer Ordnungsvorstellung, die auf Kontrolle statt auf Begrenzung von Macht setzt. Das wirkt anschlussfähig, weil es nicht wie ein Gegenentwurf klingt, sondern wie eine „andere Interpretation“. Genau darin steckt die geopolitische Sprengkraft: Eine Welt, die dieselben Wörter benutzt, aber nicht mehr dasselbe meint, wird politisch schwer zu koordinieren.
Der Globale Süden ist nicht Kulisse, sondern Hebel
Pekings Strategie ist besonders erfolgreich dort, wo westliche Politik oft belehrend wirkte oder schlicht abwesend war: in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Süd- und Südostasiens. Dort funktioniert das Angebot nach einem einfachen Muster: Respektformel plus Ressourcenzugang. China verspricht Anerkennung, Nichteinmischung und „Entwicklung“ – und liefert gleichzeitig Kredite, Infrastruktur, Handelskanäle, Technologie, Ausbildung. Für viele Regierungen ist das attraktiver als westliche Partnerschaft, die häufig an Bedingungen geknüpft ist, manchmal langsam, manchmal moralisch überladen, manchmal innenpolitisch inkonsistent.
Das ist nicht zwingend „besser“. Aber es ist oft bequemer. Und Bequemlichkeit ist in der internationalen Politik ein unterschätzter Faktor: Wer schnelle Brücken, Netze, Häfen, Glasfaser und Kapital bekommt, nimmt die Nebenwirkungen später in Kauf – bis sie nicht mehr Nebenwirkungen sind.
Hier zeigt sich ein klassisches strategemisches Motiv: Man führt nicht unbedingt Krieg gegen die Ordnung des Gegners; man zieht ihm das Brennholz unter dem Kessel weg. Wenn Abhängigkeiten, Standards und Elitenkontakte sich verschieben, verliert der Westen nicht wegen eines spektakulären Ereignisses, sondern weil seine Angebote im Alltag seltener gewählt werden.
Kulturpolitik als strategische Deckung
Hinzu kommt eine zweite, oft unterschätzte Ebene: Kultur und „Zivilisation“. Peking präsentiert sich gern als Anwalt kultureller Vielfalt und als Kritiker einer Modernisierung, die mit Verwestlichung gleichgesetzt wird. Viele Gesellschaften kennen die Erfahrung, dass „Fortschritt“ als Paket angeboten wurde: Marktöffnung plus Werteimport, Entwicklungszusammenarbeit plus politische Lektion. China bietet eine Alternative: Modernisierung ohne kulturelle Selbstentwertung – zumindest verspricht es das.
Das ist rhetorisch stark, weil es reale Spannungen trifft: Der Wunsch nach Wohlstand ist groß, der Wunsch nach kultureller Selbstbestimmung ebenfalls. Wer beides zugleich anbietet, bekommt Resonanz.
Der Haken liegt in der möglichen Umdeutung: Kultur wird dann nicht Schutzraum für Vielfalt, sondern Legitimationsformel für Staatsmacht. Wenn „Zivilisation“ praktisch mit Nationalstaat und Regime identisch wird, ist Vielfalt nur noch dort erwünscht, wo sie nicht politisch stört. Die Botschaft an viele Autokratien ist trotzdem verlockend: Ihr könnt modernisieren, ohne euch liberalisieren zu müssen.
Sicherheit als Angebot – und als Bindung
Drittes Feld: Sicherheit. China positioniert sich zunehmend als Ordnungsakteur, der Stabilität verspricht: durch Polizeikooperation, Technologie, Grenzüberwachung, Lieferketten-Sicherheit, diplomatische Vermittlung. Auch hier wirkt die Logik indirekt. Es geht weniger um formale Bündnisse nach westlichem Muster als um ein Netz von Beziehungen, in dem China als unverzichtbarer Partner erscheint.
Das ist strategisch klug, weil es Konflikte vermeidet, die China teuer wären. Ein offener Blockkonflikt zwingt zur Loyalitätsfrage. Ein Netzwerk erlaubt es Partnern, „sowohl als auch“ zu sagen – und genau das vergrößert Pekings Spielraum.
Das Ziel: Eine Welt mit zwei Norm-Zentren
In Summe läuft das auf eine Welt hinaus, die nicht zwingend in Blöcke zerfällt, aber in der es zwei Norm-Zentren gibt. Staaten und Organisationen können je nach Thema, Krise oder Regierungslage zwischen beiden Zentren pendeln: Handel hier, Sicherheit dort, Technologie in einem dritten Mischraum. Die westliche Hoffnung, dass „die“ Regeln global gelten, wird dann zur regionalen oder sektoralen Ausnahme.
Das ist die eigentliche strategische Pointe: Eine Ordnung muss nicht zerstört werden, um ihre Wirkung zu verlieren. Es reicht, wenn sie nicht mehr alternativlos ist.
Drei nüchterne Szenarien
Man kann die nächsten Jahre ohne Dramatisierung in drei Szenarien denken:
Erstens: Koexistenz mit doppelter Buchführung. Staaten übernehmen westliche Begriffe, arbeiten aber praktisch nach chinesischen Prinzipien, sobald es um innenpolitische Kontrolle oder außenpolitische Autonomie geht.
Zweitens: Segmentierung. Menschenrechte, Rechtsstaat, Standards werden nicht mehr „global“, sondern thematisch und regional verhandelt. Was im einen Forum gilt, gilt im anderen nicht. Normen werden zu Verhandlungsmünzen.
Drittens: Verkettung. Wirtschaft, Technologie, Sicherheit und Kulturpolitik greifen so ineinander, dass Partner zunehmend Kosten haben, wenn sie sich entkoppeln wollen. Einfluss entsteht dann nicht durch Befehl, sondern durch die Architektur der Abhängigkeiten.
Keines dieser Szenarien braucht einen „großen Krieg“, um politisch folgenreich zu sein.
Was Europa daraus lernen muss
Europas Problem ist nicht, dass China „listig“ wäre. Europas Problem ist, dass es zu oft so handelt, als ließe sich Geopolitik mit Appellen ersetzen. Wer auf Regeln setzt, muss auch die Infrastruktur der Regeln pflegen: Partnerschaften, wirtschaftliche Angebote, technologische Alternativen, diplomatische Präsenz, schnelle Projekte, verständliche Narrative.
Das bedeutet nicht, Pekings Ordnungsvokabular zu kopieren. Im Gegenteil. Europa muss wieder lernen, seine eigenen Begriffe klar zu halten: Was heißt Rechtsstaat – konkret? Was heißt menschenzentriert – konkret? Was ist kulturelle Vielfalt, wenn sie den Einzelnen nicht schützt? Und wo sind wir selbst inkonsequent, sodass andere unsere Sprache nur noch als Maske wahrnehmen?
Das ist die unangenehme, aber produktive Konsequenz aus dem strategemischen Blick: Man gewinnt nicht gegen indirekte Strategien, indem man sie moralisch verurteilt. Man gewinnt, indem man ihre Wirkmechanik versteht – und dann eigene Wirkmechanik anbietet: verlässlich, attraktiv, schneller, weniger belehrend, aber normativ nicht beliebig.
Am Ende steht eine einfache Frage, die in Berlin, Brüssel und den europäischen Hauptstädten zu selten gestellt wird: Wollen wir nur recht haben – oder auch Wirkung entfalten? In einer Welt, in der Ordnung nicht nur verteidigt, sondern gebaut wird, ist diese Unterscheidung nicht akademisch. Sie ist strategisch.