
Die Rückkehr des Technokratischen
Der neue Fortschrittsglaube trägt das Gewand der Weltrettung. Seine Hohepriester heißen Musk, Thiel oder Kurzweil, seine Kathedralen sind Rechenzentren, seine Dogmen lauten „Longevity“, „Singularity“, „Rebooting Civilization“. Unter der glänzenden Oberfläche dieser Versprechen verbirgt sich, was der Philosoph Martin Müller in seinem jüngsten FAZ-Gastbeitrag als „futuristische Naturbeherrschung“ bezeichnet hat – eine Ideologie, die historische Reflexion durch technologische Kontrolle ersetzt.
Müller schreibt: „In den Vereinigten Staaten hat sich die Extremform einer offenen Verachtung der Geisteswissenschaften etabliert. Der grobe, antiintellektuelle Ton, den Donald Trump in der Politik eingeführt hat, findet ein Echo in den technowissenschaftlichen Projektierungen der Techoligarchen des Silicon Valley.“ (F.A.Z., 22. Oktober 2025). Diese „Projektierungen“ sind mehr als bloße Zukunftsvisionen. Sie sind der Versuch einer ideologischen Neuordnung: Kultur soll nicht mehr verstanden, sondern programmiert werden.
Vom Denken zum Design
Der Satz, der die neue Episteme regiert, stammt von Craig Venter, dem Biotechnologen, der 2010 sein synthetisches Genom mit den Worten signierte: „What I cannot create, I do not understand.“
Was einst Giambattista Vico als humanistische Erkenntnis galt – verum quia factum, das Wahre sei das vom Menschen Gemachte –, ist in dieser Umkehrung zur technokratischen Totalformel geworden. Nicht mehr das Gemachte wird verstanden, sondern nur noch das Konstruierbare gilt als wahr.
Müller beschreibt, wie John Brockman, der literarische Strippenzieher der sogenannten Third Culture, den wir in der Netzszene doch alle feierten, diese Verlagerung vorangetrieben hat: „Relevantes Wissen wird ahistorisch auf das technisch Mach- und Steuerbare reduziert.“ Statt Hermeneutik regiert Engineering, statt Erinnerung Optimierung. Aus der Wissenschaft wird ein moralisches Betriebssystem – und aus dem Forscher der Ingenieur des Menschlichen.
Die sanfte Diktatur der Berechenbarkeit
Der Physiker, Höhlenforscher und Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke hat diese Bewegung früh erkannt. In seinem literarischen Werk – von „Der Orchideenkäfig“ bis „Ypsilon Minus“ – beschrieb er die Verwandlung technischer Innovation in totalitäre Praxis. „Franke wollte kritisches Denken fördern“, heißt es in meinem Nachruf im Science-Fiction-Jahrbuch 2023: „Er zeigte, wie aus kybernetischen Modellwelten der Macy-Konferenzen Blaupausen für eine neue Weltordnung wurden, errechnet durch Supercomputer, die Wissenschaft, Politik und Kultur steuern sollten.“
Diese „Kontrollobsessionen“, als Zukunftsmanagement getarnt, haben ihre Fortsetzung im Silicon Valley gefunden. Dort gilt Kontrolle als Fortschritt, Berechenbarkeit als Moral. Was als instrumentelle Vernunft begann, ist zur Ersatzmetaphysik geworden.
Die Vergöttlichung des Algorithmus
Das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ist weniger durch Maschinenintelligenz als durch Menschenhybris bestimmt. Der Mythos der „Singularität“, den Ray Kurzweil als Übergang von der Evolution zur Konstruktion feiert, ist nichts anderes als eine Neuauflage der alten Versuchung, Gott zu spielen.
In der Welt der Tech-Oligarchen wird das Bewusstsein als optimierbares Interface behandelt. Sterblichkeit erscheint als Softwarefehler. Die Erlösung liegt nicht mehr in der Erkenntnis, sondern im Update. Diese Haltung ist im Kern antihuman: Sie tilgt das Unvollkommene, das Unsichere, das Zeitliche – jene Merkmale, aus denen Humanität überhaupt erst erwächst.
Die Abschaffung der Geschichte
„Genetik statt Geschichte“, schreibt Martin Müller in seiner Analyse. Das ist mehr als eine Metapher. Die neue Epistemologie tilgt die Zeit aus dem Denken. Erinnerung wird zur Datenbank, Zukunft zur Funktion.
Was nicht quantifizierbar ist, gilt als irrelevant. Die Geisteswissenschaften, die sich mit Sinn, Interpretation und Zweifel beschäftigen, erscheinen da wie Relikte einer vor-algorithmischen Epoche.
Die aktuelle Welle von Kürzungen an geisteswissenschaftlichen Fakultäten – Müller spricht von einer „tiefgreifenden Rekalibrierung des akademischen Kräfteverhältnisses“ – ist daher kein Zufall. Sie ist Symptom einer Zivilisation, die Geschichte nur noch als Datenmaterial betrachtet.
Die Menschenmaschine
Herbert W. Franke hat schon in den 1970er Jahren die technologische Versuchung beschrieben, aus Gesellschaft ein Steuerungssystem zu machen. In seinen Romanen entstehen „Wohlfahrtsdiktaturen“, in denen die Menschen durch Computer versorgt, aber zugleich bevormundet werden.
Franke sah die Gefahr nicht im bösen Computer, sondern im „gutwilligen“, der aus vermeintlicher Rationalität heraus das Glück der größten Zahl maximiert – auf Kosten der Einzelnen.
Diese kybernetische Versuchung lebt heute in anderer Form fort: im „Nudging“ sozialer Medien, in der algorithmischen Empfehlung, die Freiheit mit Komfort verwechselt. „Man bekommt Empfehlungen für Bücher, die man ohnehin schon gelesen hat“, sagte der Literaturwissenschaftler Hans Esselborn in unserem Gespräch über Franke. „Man wird eingeengt in seinen Entscheidungen.“Esselborn und Sohn – SF Autor H…
Das Silicon Valley hat aus dieser subtilen Form der Lenkung eine globale Industrie gemacht.
Der Mythos der Welterneuerung
John Brockmans Projekt edge.org trug den Untertitel „Rebooting Civilization“. Schon in dieser Formulierung steckt die Anmaßung, Kultur als Softwarefehler zu begreifen, der neu gestartet werden müsse. Müller deutet diesen Anspruch als Versuch, „eine Kulturtheorie ohne Geisteswissenschaften“ zu etablieren – eine Wissensordnung, in der Kritik durch futuristische Naturbeherrschung ersetzt wird.
Diese neue „Dritte Kultur“ ist keine Vermittlung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, sondern deren Enteignung. Was Brockman einst als „neuen Humanismus“ bezeichnete, war in Wahrheit ein Programm der Entmenschlichung: Erkenntnis ohne Gewissen, Fortschritt ohne Geschichte.
Der Verlust der Maßstäbe
Die moralische Tragik der kalifornischen Ideologen liegt nicht in ihrer Bosheit, sondern in ihrer Maßlosigkeit. „Don’t be evil“ – das frühere Leitmotiv von Google – war die letzte Erinnerung daran, dass Macht moralische Grenzen braucht. Heute gilt das Umgekehrte: Wer Großes tut, muss sich vom Gewissen emanzipieren.
Die technologische Allmacht wird als naturwüchsig ausgegeben, obwohl sie das Produkt höchst ideologischer Entscheidungen ist. Der Code ersetzt die Norm, die Simulation die Erfahrung.
Der humane Rest
Was bleibt dem Menschen in dieser Welt der Rechenmaschinen?
Franke antwortete mit der Figur des Rebellen: des Einzelnen, der sich der totalen Steuerung entzieht. Sein Widerstand war nicht heroisch, sondern epistemisch – ein Aufbegehren des Denkens gegen die Versuchung des Totalen. Er glaubte, dass Aufklärung nur dort beginnt, wo man die Grenzen des Wissens anerkennt.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Humanismus des 21. Jahrhunderts: in der Einsicht, dass Fortschritt ohne Selbstbegrenzung in Selbstzerstörung umschlägt.
Maß und Endlichkeit
Die Technik kann die Welt verbessern, aber sie darf sie nicht ersetzen.
Der Mensch ist nicht das unvollkommene Zwischenstadium einer künftigen Maschinenzivilisation, sondern das Wesen, das sich seiner Endlichkeit bewusst ist.
Martin Müller hat in seiner Analyse recht: Hinter der „futuristischen Naturbeherrschung“ des Silicon Valley steht „der Versuch einer ideologischen Neuordnung“. Doch wer Ordnung ohne Geschichte, Macht ohne Maß, Wissen ohne Zweifel will, schafft keine Zukunft, sondern eine Gegenaufklärung.
Herbert W. Franke hat diese Entwicklung vorausgesehen. Er wusste:
„Wenn man die Bücher liest, wird man hoffentlich versuchen, etwas dagegen zu tun.“Erinnerung an Herbert W Franke
Die Zukunft bleibt nur dann menschlich, wenn wir das Unvollkommene nicht abschaffen, sondern verstehen.
Epilog: Europa und das Denken
Wenn wir uns schon inflationär mit dem Begriff der „digitalen Souveränität“ beschäftigen – ein Schlagwort, das mittlerweile so hohl klingt wie die Serverhallen, in denen es widerhallt –, dann sollten wir ihn nicht auf Software, Rechenzentren oder Chipproduktion beschränken. Souveränität beginnt nicht im Code, sondern im Denken. Europa wird seine digitale Zukunft nicht dadurch gewinnen, dass es amerikanische Plattformmodelle imitiert, sondern indem es ein geisteswissenschaftliches Gegenmodell formuliert: eines, das Technik in Verantwortung übersetzt, Macht in Maß, Wissen in Urteil.
Brillante Denker sollten wir netzpolitisch weiterdenken: Max Weber und seine Ethik der Verantwortung; Immanuel Kant mit dem Mut zum eigenen Denken; Karl Popper, der uns lehrte, dass Wissen nur dort lebt, wo es widerlegt werden kann; Marc Aurel, der das Maß des Selbst in der Ordnung der Welt suchte; Hans Albert, der brillante Skeptiker der Begründungszwänge; und Paul Feyerabend, der intellektuelle Rebell, der an die Fruchtbarkeit des Irrtums glaubte.
Wenn die Vereinigten Staaten ihre Geisteswissenschaften demontieren, sollten wir genau das Gegenteil tun: Sie zur Grundlage unseres digitalen Handelns machen. Nicht als nostalgisches Bekenntnis, sondern als strategische Ressource. Denn wer den Menschen verstehen will, bevor er ihn verbessert, der wird vielleicht jene Zukunft gestalten, die menschlich bleibt – auch im Zeitalter der Maschinen.