Die neue Ära der Psychopathen: Rückkehr der Basta-Männer – In Politik und Wirtschaft gibt es wieder einen heroischen Führungsstil

Die Tyrannen in Nadelstreifen marschieren wieder auf. Diese geölten, grinsenden Karrieristen, die sich in den letzten Jahren ein wenig zurückgehalten haben, als das Zeitalter der Diversity-Broschüren und ESG-Schlagworte kurz so tat, als würde sich etwas ändern. Doch jetzt? Keine Maskerade mehr. Jetzt sitzen sie wieder fest im Sattel, sie, die Choleriker, die Egomanen, die Narzissten, die Macher mit dem festen Händedruck und der unerbittlichen Vision, das Unternehmen „wieder groß zu machen“.

Das war die Lüge der vergangenen Jahre: flache Hierarchien, mehr Menschlichkeit, Teams statt Alphatiere. Bullshit. Die Gier, der Hunger nach Kontrolle, das süße Gefühl, mit einem Fingerschnippen über Karrieren und Existenzen zu entscheiden – das war nie weg. Es lag nur unter der Oberfläche, verborgen unter all den „Wertschätzungsworkshops“ und den absurden LinkedIn-Lobeshymnen über Führungskräfte, die „nahbar“ sind, weil sie sich mal eine Pizza mit den Praktikanten bestellt haben. Die Macht hat nie losgelassen. Und jetzt? Jetzt ist sie wieder unverschämt.

Hare hatte recht – und keiner wollte es hören

Robert Hare, der Meister der Psychopathenforschung, hat schon in den 1990ern gewarnt: Psychopathen sind überall. Und wo sind sie besonders gerne? Ganz oben. Unternehmen, so schrieb Hare, sind eine perfekte Spielwiese für Menschen mit psychopathischen Zügen. Sie müssen nicht töten. Sie ruinieren Karrieren. Sie manipulieren. Sie lügen. Sie verkaufen Unternehmenswerte für ein paar Bonuspunkte und feiern sich dafür. Keine Schuldgefühle. Keine Zweifel. Kein Zögern.

Hare diagnostizierte den kalten Unternehmens-Psychopathen: „Er zerbricht sich nicht lange den Kopf darüber, wie sich sein Verhalten auf die breite Öffentlichkeit auswirkt, solange die Leute die Produkte des Unternehmens kaufen.“ Klingt bekannt? VW, Deutsche Bank, Boeing – wenn man die Liste durchgeht, braucht man kein Expertenwissen, um Hares Thesen empirisch bestätigt zu sehen.

Neue Studien stützen diese Befunde: Während in der normalen Bevölkerung etwa ein Prozent als klinische Psychopathen gelten, sind es in Führungspositionen bis zu zehn Prozent. Tendenz steigend. Ein strukturelles Problem, das sich jetzt, da die alte Basta-Rhetorik wieder angesagt ist, noch verstärkt.

Manfred Kets de Vries: Die Psychologie der Machtgier

Der Leadership-Experte und Psychoanalytiker Manfred Kets de Vries sieht diese Entwicklung als eine logische Konsequenz einer Welt, die aus Angst nach vermeintlich starken Figuren schreit. „Das Werkzeug populistisch-demagogischer Leader – früher hat man einfach Diktatoren dazu gesagt – sind die drei P: Populismus, Polarisierung, Propaganda.“ Klingt wie Politik? Ist es auch. Aber es ist auch die Welt der Konzerne. Die CEOs, die jetzt auf der Welle des autoritären Führungsstils surfen, tun genau das. Sie teilen, sie polarisieren, sie verkaufen sich als „harte, aber gerechte“ Leader.

„In Krisenzeiten wünschen sich viele einen starken Mann, der durchgreift“, sagt Kets de Vries. „Das Problem ist nur: Die Konsequenzen autokratischer Führung sind oft verheerender als die Krise, die sie angeblich lösen soll.“

Diese neue Generation von CEOs ist nicht nur laut, sie ist gefährlich. Sie tun, was sie wollen, weil sie gelernt haben, dass sie damit durchkommen. Sie scheren sich nicht um langfristige Strategien oder nachhaltiges Wirtschaften. Sie jagen nach Quartalsgewinnen, Bonuszahlungen und maximaler Kontrolle. Sie sind „die Besten“, sie „wissen es am besten“, und jeder, der widerspricht, ist „nicht teamfähig“.

Das toxische Ökosystem der Führung

Das Problem ist nicht nur der Einzelne. Es ist das System. Kets de Vries hat es in seinen Forschungen beschrieben: Macht zieht Menschen an, die nach Macht gieren. Und noch schlimmer: Das System stabilisiert sich selbst. Warum? Weil es denen, die aufsteigen, nichts entgegensetzt. „Der Aufsichtsrat müsste eingreifen“, sagt er, „aber die meisten Aufsichtsräte sind zahme Kätzchen.“

Es gibt Tests, es gibt Diagnosen, es gibt Methoden, um toxische Führungskräfte zu identifizieren. Doch wer will das wirklich? Es sind dieselben Psychopathen, die entscheiden, welche Diagnosen angewendet werden und welche lieber nicht. Der Fuchs ist längst der Wächter des Hühnerstalls geworden.

Wie wehrt man sich gegen den Siegeszug der Egomanen?

Kets de Vries schlägt eine radikale Lösung vor: Machtstrukturen aufbrechen. Transparenz einfordern. Psychopathen nicht nach oben lassen. Aber er ist realistisch genug, um zu wissen: Das wird nicht passieren, solange Menschen ihre Chefs lieber für das halten, was sie vorgeben zu sein, als das, was sie wirklich sind.

Denn am Ende ist das das große Problem: Die Psychopathen sehen aus wie erfolgreiche Führungskräfte. Sie reden mit breiter Brust. Sie sind „entscheidungsstark“. Sie „zögern nicht“. Das klingt gut. Aber das, was gut klingt, ist nicht das, was gut ist.

Willkommen zurück in der Welt der Basta-Männer.
Willkommen zurück in einer Wirtschaft, in der das Schlimmste belohnt wird.
Willkommen zurück in einer Welt, in der Psychopathen wieder freie Bahn haben.

Und keiner will es sehen.

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