
Der Moment ist da. Er kommt. Die Chance. Ein schmaler Grat. Die Spitze. Das Scharfsein. Alles hängt daran. Jetzt oder nie. Lullus und die große Frage: Kann man das improvisieren?
Im Rückblick auf das Jahrhundert der Explosionen. Die Rhetorik, die Kunst des Redens, das Überleben im Moment des Gefechts. Keine Zeit zu überlegen. Die Worte müssen fließen. Raimundus Lullus, ein Visionär des Mittelalters, schuf eine Technik, die verspricht: Sprich über alles, zu jeder Zeit, ohne Vorbereitung. Lullus, ein Träumer? Ein Magier? Eine Illusion? Es bleibt die Frage. Doch seine Methoden beeinflussten Jahrhunderte.
Raimundus Lullus, auch bekannt als Ramon Llull, war ein katalanischer Philosoph, Dichter und Theologe, der im 13. Jahrhundert lebte. Seine „Ars Magna“, die „Große Kunst“, war ein ehrgeiziger Versuch, eine universelle Sprache und Methode zu entwickeln, um alle möglichen Fragen und Themen zu diskutieren und zu lösen. Seine Methode beruhte auf der Kombination und Permutation von grundlegenden Konzepten und Begriffen, die in einer Art Diagramm dargestellt wurden. Diese Technik sollte es ermöglichen, komplexe Ideen schnell und effektiv zu generieren und zu kommunizieren.
Lullus‘ Vision war revolutionär, und seine Ideen fanden Anklang bei vielen Gelehrten der Renaissance und frühen Neuzeit. Seine Methode wurde besonders von Humanisten und Rhetorikern geschätzt, die nach Wegen suchten, ihre Redefähigkeiten zu verbessern und ihre Argumentation zu stärken. Johann Balthasar Schupp, ein deutscher Theologe und Rhetoriker des 17. Jahrhunderts, war einer der bedeutendsten Promotoren der lullistischen Methode. In seinem „Promus Condus“, einer Sammlung von Wörtern und Synonymen, zeigte er, wie man Lullus‘ Prinzipien anwenden konnte, um Reden und Texte spontan zu erstellen.
Occasio, die Göttin des Augenblicks, auf den Zehenspitzen tanzend, scharf wie ein Rasiermesser. Keine zweite Chance. Ergreife den Moment oder bereue ihn für immer. Die radikale Gegenwart, in der alles auf Messers Schneide steht. Die Welt von Alciato und Cicero, eine Welt der Sofortigkeit.
In der frühen Neuzeit war das Konzept der Occasio, des günstigen Moments, ein zentraler Bestandteil der Rhetorik. Andrea Alciato, ein italienischer Jurist und Humanist, begründete mit seinem Werk „Emblematum Liber“ die Gattung der Embleme. Diese Embleme bestanden aus knappen Überschriften, rätselhaften Illustrationen und erklärenden Epigrammen und wurden zu einem wichtigen Mittel der moralischen und rhetorischen Bildung. Die Figur der Occasio, die in vielen Emblemen auftaucht, symbolisiert die flüchtige Gelegenheit, die man ergreifen muss, bevor sie vorbei ist. Alciatos Darstellung der Occasio als eine nackte Frau mit wehendem Haar, die auf einer Kugel steht und ein Rasiermesser in der Hand hält, ist eine kraftvolle Metapher für die Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit des günstigen Moments.
Die antiken Rhetoriker, insbesondere Cicero, legten großen Wert auf die Fähigkeit des spontanen Sprechens, die sie als „Promptitudo“ bezeichneten. Cicero definierte den „perfectus orator“ als jemanden, der in der Lage ist, jedes Thema aus dem Stegreif zu behandeln, ohne Vorbereitung. Diese Idealvorstellung wurde in der Renaissance wieder aufgegriffen und diente als Maßstab für die Ausbildung von Rednern und Gelehrten. Doch die Realität war oft eine andere. Viele Redner kämpften mit der Angst, im entscheidenden Moment zu versagen, zu verstummen und die Gelegenheit zu verpassen.
Eine bekannte Anekdote, die von Michel de Montaigne in seinen „Essais“ erzählt wird, illustriert die Grausamkeit des günstigen Moments. Monsieur Poirier, ein angesehener Anwalt, sollte eine feierliche Ansprache vor Papst Clemens VII. und König Franz I. von Frankreich halten. Trotz gründlicher Vorbereitung und eines sorgfältig ausgearbeiteten Textes war er im entscheidenden Moment unfähig zu sprechen, als der Papst kurzfristig das Thema der Rede änderte. Diese Geschichte verdeutlicht die Herausforderungen und Risiken, die mit der Occasio verbunden sind, und die Notwendigkeit, stets vorbereitet und flexibel zu sein.
Wir springen in die Neuzeit. Sohn@Sohn, Constantin und Gunnar, die modernen Lullisten. Auf der Rückfahrt von der Zukunft Personal Süd. Projekte, Pläne, wie erklärt man die Arbeit der Agentur? Die Antwort: Lexikon des Livestreamings. Jeder Buchstabe ein Thema. A für Agenda-Setting. M für Thomas Mann und den ersten Tonfilm. Der Meister des Augenblicks, der flüchtigen Gelegenheit, verewigt auf Zelluloid.
Seit rund 20 Jahren entwickeln wir redaktionelle Konzepte für die Live-Kommunikation in allen Facetten. Unser Ansatz ist ein hybrider Mix aus technischer Expertise und redaktioneller Finesse. Wir verstehen uns dabei als „redaktionell-technisch-digitaler-Social-Web-Dienstleister“, ein Schweizer Taschenmesser der Kommunikation. Remote, hybrid, im Reportagestil, schnell und präzise – so agieren wir im digitalen Zeitalter.
Unsere Arbeitsweise ähnelt der antiken und frühneuzeitlichen Rhetorik, in der die Fähigkeit, den richtigen Moment zu ergreifen, von zentraler Bedeutung war. Auf der Messe Zukunft Personal Süd demonstrierten wir, wie man 29 Sessions in zwei Tagen live streamt und dabei die Essenz des Moments einfängt. Constantin Sohn, der Meister der Regie, stellte den Workflow vor: von der Vorbereitung über die Moderation bis hin zur Nachbearbeitung. Es geht darum, gute Statements in Interviews herauszukitzeln, die Atmosphäre des Live-Geschehens einzufangen und die Basis für gelungene Formate zu schaffen – für Unternehmen, Medien, staatliche Organisationen, Wissenschaft, Verbände und Initiativen.
Während der Rückfahrt von der Zukunft Personal Süd entwickelten wir die Idee für ein „Lexikon des Livestreamings“, ein Nachschlagewerk, das die wichtigsten Begriffe und Konzepte der Live-Kommunikation systematisch erfasst. Jeder Buchstabe des Alphabets steht für ein Thema, das für die Praxis des Livestreamings relevant ist. A steht für Agenda-Setting, ein zentraler Begriff der Medienwissenschaften, der beschreibt, wie die Häufigkeit und Hervorhebung eines Themas in der Berichterstattung dessen wahrgenommene Bedeutung beeinflusst. Dieses Konzept, das in der Nachrichtenwerttheorie von Michaela Maier, Joachim Retzbach, Isabella Blogger und Karin Stengel detailliert beschrieben wird, ist für die Arbeit von Sohn@Sohn von großer Bedeutung. Durch gezieltes Agenda-Setting gelingt es ihnen, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu lenken und die Bedeutung von Themen hervorzuheben.
Occasio, die Gelegenheit, die nicht wiederkommt und die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu sprechen. Keine Vorbereitung. Pure Präsenz. Die Lullisten und ihre Wortmaschinen. Ein Wörterbuch als Vorratskammer. Der Promus Condus von Johann Balthasar Schupp. Eine Liste. Unendliche Synonyme. Keine Dürre in der Rede. Immer bereit. Immer fließend.
Die Verbindung zwischen der historischen Rhetorik und der modernen Live-Kommunikation ist deutlich. Die lullistische Methode, die auf der Kombination und Permutation von Begriffen basiert, findet ihre moderne Entsprechung in den technischen und redaktionellen Fähigkeiten beim Livestreaming.
Die modernen Meister der Livestreaming-Kunst tanzen auf dem Drahtseil des Augenblicks. Keine riesigen Technikteams, keine Ü-Wagen. Nur sie, ihre Kameras und die Fähigkeit, den Moment zu erfassen und zu verlängern. Die Flaschenpost an die Zukunft. Die perfekte Verschmelzung von synchroner und asynchroner Kommunikation.
Man hört, sieht und streamt sich im Netz. Die Kunst des Augenblicks bleibt zeitlos.
Das Lexikon ist noch nicht ganz fertig. Ein paar Tage brauchen wir noch.