
Der schöne Schein der Offenheit
In vielen sozialen Initiativen unserer Zeit, die sich selbst mit den Begriffen „Beteiligung“, „Transparenz“, „Augenhöhe“ und „Basisdemokratie“ schmücken, ist ein paradoxes Phänomen zu beobachten: Die institutionelle Rhetorik der Offenheit wird nach innen durch Mechanismen der Exklusion konterkariert. Dieses Auseinanderfallen von Anspruch und Wirklichkeit wird besonders deutlich in Projekten wie Wikipedia, deren Erfolg auf der Idee freier, gleichberechtigter Wissensproduktion beruht, in der Praxis jedoch zunehmend autoritäre Züge trägt.
Der Konsens als Machtinstrument
Wer sich auf das Terrain der Wikipedia begibt, begegnet nicht selten einer unsichtbaren Ordnung. Diese Ordnung ist nicht durch explizite Machtstrukturen definiert, sondern durch subtile Formen der Verhaltensselektion: Wer mit der „Community“ nicht konform geht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern häufig als Troll, Störer oder Projektschädling klassifiziert. Hinter dem Begriff des „Konsens“ verbirgt sich kein freier Diskurs, sondern eine symbolische Ordnung, die das Abweichen vom etablierten Deutungsrahmen als Bedrohung versteht.
Zuschriften aus der Frustrationszone
Seit rund 15 Jahren erreichen mich Zuschriften von Menschen, die – teils ernüchtert, teils verzweifelt – ihre Erfahrungen mit Wikipedia schildern. Es sind keine Einzelmeinungen, keine Ausreißer am Rande des Diskurses. Es ist ein Kontinuum. Immer wieder berichten Autorinnen und Autoren, wie ihre Beiträge gekürzt, ihre Hinweise gelöscht, ihre Biografien entstellt oder ihre Qualifikationen in Zweifel gezogen wurden. Dabei handelt es sich nicht selten um Personen mit beeindruckenden beruflichen Lebensläufen: internationale Organisationen, Beratungsfirmen, Stipendienprogramme – das gesamte Spektrum gesellschaftlicher Anerkennung. Und doch: All dies wird auf Wikipedia zurückgewiesen, sobald es nicht von der „richtigen“ Hand eingebracht wird.
„Wie soll ich beweisen, dass ich war, wo ich war?“, lautet eine typische Zuschrift. Selbst korrekt eingebundene Fotos werden entfernt. Stationen beruflicher Tätigkeit verschwinden. Und immer wieder der Vorwurf: „Selbstdarstellung“. Was als enzyklopädische Neutralität deklariert wird, entpuppt sich als instrumentalisierte Skepsis – selektiv angewandt und ideologisch aufgeladen.
Die unsichtbare Kooptation
Diese Tendenz zur Ausgrenzung basiert auf einem organisationalen Selektionsmechanismus, den man als informelle Kooptation beschreiben kann. Die Macht liegt nicht in der demokratischen Mehrheit, sondern in einem Führungskern, dessen Legitimation sich über Dauer, Aktivitätsquantität und technisches Know-how definiert. Dieser „innere Zirkel“ beansprucht die Deutungshoheit über Relevanz, Neutralität und Qualität – Begriffe, die nach außen wissenschaftlich klingen, aber in der internen Auseinandersetzung oft zur Waffe gegen Abweichler werden.
Die Struktur der Ermüdung
Nicht selten gleichen die internen Machtstrukturen einem postbürokratischen Kontrollsystem. Die Administratoren sind offiziell keine Chefs, besitzen aber exklusive Rechte: Sperrungen, Löschungen, Reverts. Ihre Autorität wird nicht offen ausgeübt, sondern durch Regelverweise und „Diskussionsstand“ legitimiert – einem Begriff, der in der Praxis oft auf vergangene Entscheidungen von Insidern verweist. Wer von außen kommt, sieht sich einem kodifizierten Konsens gegenüber, dessen Genese nicht nachvollziehbar ist. Die Wikipedia als Enzyklopädie lebt von Revisionen, aber ihre Organisation erstickt diese durch Revisionssperren.
Was als Mitmachprojekt beginnt, endet häufig in einem Spiel der Hartnäckigen gegen die Überforderten. Die soziale Schichtung der Teilnehmenden wird durch den Beteiligungsmodus reproduziert statt aufgehoben.
Die Mitmachfalle
Was sich hier zeigt, ist mehr als ein redaktionelles Problem. Es ist der soziologische Beweis für ein System, das sich nach außen als demokratisch, kollaborativ, offen gibt – und nach innen zunehmend exkludierend, selektiv, geschlossen wirkt. Die Zuschriften, die mich seit Jahren erreichen, sind keine Beschwerden über formale Kleinigkeiten. Sie sind Dokumente einer strukturellen Frustration. Eine Frustration, die nicht darin besteht, dass Wikipedia fehlerhaft sei – sondern darin, dass Wikipedia als unzugänglich empfunden wird für jene, die nicht Teil des inneren Spiels sind. Wer nicht dazugehört, wird behandelt wie ein Verdächtiger, nicht wie ein Mitautor.
Jenseits der Ideologie
Das eigentliche Problem ist daher nicht Wikipedia selbst, sondern der Mythos der Teilhabe, den es erzeugt – und systematisch unterläuft. Die Struktur bevorzugt jene, die Zeit, Ressourcen und Durchhaltevermögen besitzen, um langwierige Editwars und Diskussionsschleifen durchzuhalten. Wer wenig Zeit hat – sei es wegen beruflicher Belastung, Familienverantwortung oder Lebenskrisen – verliert gegen jene, die sich dem System vollständig unterwerfen.
Die Lösung? Möglicherweise eine technologische. Vielleicht braucht es „Distributed Version Control“ für das Denken. Vielleicht auch einfach nur mehr Bewusstsein für die Macht in der Mitmachfalle. Denn: Wer an die Offenheit glaubt, ohne über ihre sozialen Kosten zu sprechen, macht sich zum Komplizen eines Systems, das viel zu oft den Schein der Freiheit gegen die Substanz des Ausschlusses tauscht.
Beklemmend. Frage zum Verständnis: In welcher Funktion werden Sie angeschrieben, erreichen Sie die angesprochenen Klagen?
Über Kommentare hier auf dem Blog, über Direktnachrichten, über WhatsApp und Co.
Die neuen Anfragen habe ich in diesem Blogbeitrag verarbeitet, ohne Namen zu nennen.
Und in welcher Funktion? Als Publizist, der sich schon mehrfach über Wikipedia geäußert hat.