
Im Jahr 2010 entflammte in Bonn eine Debatte, die viel mehr war als ein Streit um Beton, Brandschutz und Belegungspläne. Es war ein Streit über das kulturelle Selbstverständnis einer Stadt, die einst Hauptstadt war und sich plötzlich fragte, was ihr eigentlich geblieben ist. Im Zentrum: die Beethovenhalle. Ein Bauwerk der jungen Bundesrepublik. Ein Klangraum, architektonisch gefeiert, musikfachlich gelobt, denkmalpflegerisch gesichert. Und dennoch: umstritten.
Zu den markantesten Stimmen der Abrissfraktion zählte Stephan Eisel, CDU-Politiker und Festspielhauslobbyist. Sein Argument: Die Halle sei eine „abgenutzte Mehrzweckhülle“, ihre historische Bedeutung überhöht, ihre Funktion verzichtbar. Er präferierte einen von DAX-Konzernen finanzierten Festspielpalast und erkannte in der Beethovenhalle keinen Ort der Demokratiegeschichte, sondern eine Art Ü30-Eventlocation mit musealem Geruch.
Dabei war Eisels Sicht nicht nur selektiv, sie war geradezu geschichtsblind. Die Fakten, die gegen seine Abrissrhetorik sprechen, sind so zahlreich wie gravierend: Der Grundstein wurde 1956 gelegt, unterzeichnet von Bundespräsident Theodor Heuss. Mitglieder des Baukuratoriums: Konrad Adenauer, Joseph Frings, die Botschafter der Alliierten. Die Halle wurde als Symbol des demokratischen Neubeginns konzipiert. Bundespräsidentenwahlen, Staatsakte, Trauerfeiern für Petra Kelly, Carl Carstens, Gerold von Braunmühl – die Liste ließe sich fortsetzen.
Die Stuttgarter Zeitung schrieb 1959, der Bau habe jene Schlichtheit, die „Maß hält“ und als einziger Bau Bonns den Wechsel der Systeme überdauern werde. Der Musikjournalismus lobte die Akustik als „Klangwunder“. Die Denkmalpflege reagierte folgerichtig: 1990 wurde die Halle unter Schutz gestellt. Und zwar nicht durch eine private Laune, sondern durch Verfahren der städtischen und staatlichen Fachbehörden, begleitet von kunsthistorischen Gutachten.
Martin Bredenbeck, Kunsthistoriker und Mitglied der preisgekrönten Initiative Beethovenhalle, entlarvte Eisels Position als das, was sie war: eine emotionalisierte Abwertung, gespeist aus Aversion, nicht aus Argument. Die Halle sei ein bedeutendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne, sowohl architekturgeschichtlich als auch städtebaulich. „Fakt ist: Die Beethovenhalle ist ein eingetragenes Baudenkmal“, schrieb Bredenbeck. Und weiter: „Wir brauchen materielle Erinnerung, um uns unserer selbst zu vergewissern.“
Dass ausgerechnet ein CDU-Politiker dieses bürgerliche Erbe mutwillig preisgeben wollte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn wer in der Beethovenhalle nur eine abgewirtschaftete Veranstaltungshülle sieht, ignoriert das kulturelle Gedächtnis der Stadt. Und wer ihre Ertüchtigung mit dem Hinweis auf müde Belegungskalender verweigert, hat wenig Vertrauen in die kreative Zukunft Bonns.
Die Beethovenhalle ist nicht bloß eine Halle. Sie ist gebauter Zeitgeist der 50er Jahre, demokratische Geste, musikalischer Resonanzraum und republikanisches Erinnerungszeichen. Die Debatte von 2010 zeigt exemplarisch, wie fahrlässig mit solcher Substanz umgegangen wird, wenn politische Eitelkeit und Investorenphantasien sich verbünden. Und sie mahnt, dass Erinnerung nicht am Rechenschieber entsteht.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Zweck der Halle: uns daran zu erinnern, dass es Werte gibt, die sich nicht in Belegungsplänen messen lassen. Und dass Denkmalpflege nicht bedeutet, Altes zu konservieren, sondern Geschichte in der Gegenwart erfahrbar zu halten. Die Beethovenhalle steht. Zum Glück. Denn es hätte auch anders ausgehen können.