Deutschland im Gegenwind – und der Arbeitsmarkt als Gezeitenanzeiger #ZPNachgefragtWeek

Man kann Konjunktur lesen wie Wetterberichte: Einkaufsmanagerindizes, Auftragseingänge, Insolvenzen. Aber wer wissen will, ob ein Land seine Wachstumskräfte verspielt oder nur durch ein Tal fährt, schaut auf einen anderen, unterschätzten Indikator: auf das Angebot an Arbeit – und die Geschwindigkeit, mit der es verschwindet. Nicht als dramatische „Welle“, sondern als Ebbe.

Dr. Tobias Zimmermann, Arbeitsmarktexperte und Sessiongeber der , hat dafür eine Formulierung, die in Zeiten dauererregter Schlagzeilen fast provokant klingt: „realistischer Optimismus“ habe derzeit „mehr Realitätsnähe“ als der verbreitete Alarmismus. Das ist kein Trostpflaster. Es ist eine Diagnose. Denn das, was Deutschland wirtschaftspolitisch bevorsteht, ist weniger eine plötzliche Krise als eine strukturelle Verknappung – und sie frisst sich leise durch Budgets, Personalpläne und Standortentscheidungen.

Die Demografie: Das lange angekündigte Ereignis, das niemand ernst nahm

Seit Jahren wird über Demografie gesprochen, als handle es sich um eine PowerPoint-Folie, die man in jedem Strategieprozess kurz einblendet – und dann wieder zuklappt. Zimmermann beschreibt dieses Muster mit einer Parabel: wie der Junge, der zu oft „Wölfe“ ruft, bis am Ende keiner mehr zuhört – und dann kommen sie doch.

Das eigentlich Bittere: Die Demografie sei in Deutschland „eigentlich gar nicht richtig angekommen“ – nicht, weil sie irrelevant war, sondern weil man erfolgreich darin war, sie eine Zeit lang zu entschärfen. Höhere Erwerbsquoten wurden erreicht, gleichzeitig stiegen Teilzeitquoten – und damit, so Zimmermann, auch das „große Geschimpfe“ darüber, dass „wir vermeintlich zu wenig arbeiten“. Seine Einordnung ist unmissverständlich: „absoluter Quatsch“ und eine „völlig falsche Nebelkerzendebatte“.

Nebelkerzen sind in der Wirtschaftspolitik nicht harmlos. Sie lenken Ressourcen. Sie verschieben Prioritäten. Und sie verführen dazu, einen Engpass moralisch zu diskutieren, statt ihn technisch zu lösen.

Erwerbspersonenpotenzial: Der Engpass bekommt eine Zahl

Zum ersten Mal wird die Verknappung nun nicht mehr nur gefühlt, sondern messbar. Für 2026, so Zimmermann, werde das Erwerbspersonenpotenzial „erstmal sinken“; das IAB rechne mit „40.000–100.000“ Personen weniger, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und er setzt noch einen Satz nach, der für Unternehmen wie Politik unbequem ist: Diese Schätzung könne sich am Jahresende als „zu defensiv“ erweisen – unter anderem, weil sich Migration schwächer entwickle als erwartet.

Die Pointe ist dabei nicht die Spanne, sondern die Richtung. Arbeitskräfte werden zur knappen Ressource – und Knappheit wirkt wie ein Preisschild. Zimmermann formuliert es mit dem nüchternen Einmaleins: „Wenn ein Gut an einem Markt knapp wird, steigt sein Wert.“ Wer das nicht in seine Lohn-, Produktivitäts- und Innovationspolitik einpreist, betreibt Standortromantik.

Arbeitslosigkeit als Schlagzeile – Fachkräftemangel als Realität

Deutschland diskutiert gern über das, was groß klingt. „3 Millionen Arbeitslose“ – das hat Schlagzeilenformat. Zimmermann nennt solche Aufgeregtheiten „Quatsch“, wenn sie die statistische Einordnung unterschlagen. Er zieht eine andere Kennziffer heran, die er für aussagekräftiger hält: eine Erwerbslosenquote von „3,6 %“, die sogar gegenüber Dezember rückläufig gewesen sei. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland damit „mit am allerbesten da“; das individuelle Risiko, arbeitslos zu werden, sei „historisch gesehen“ gering.

Noch schärfer wird die Lage, wenn man den Blick auf Institutionen richtet: Zimmermann zitiert ein Statement, das er ausdrücklich bemerkenswert findet – „die Arbeitslosigkeit beunruhigt mich weniger als der Fachkräftemangel“. Der Satz ist deshalb so stark, weil er die Achse verschiebt: Weg vom Defizitdenken („zu viele ohne Arbeit“) hin zum Kapazitätsdenken („zu wenige für Wertschöpfung“). Genau dort sitzt Deutschlands wirtschaftspolitische Sollbruchstelle.

Stellenabbau ist nicht Entlassungswelle – aber auch kein Aufatmen

Im öffentlichen Diskurs wird jede Meldung über Stellenabbau wie eine Bestätigung gelesen: Der Arbeitsmarkt kippt, die Macht kehrt zurück zu den Arbeitgebern. Zimmermann trennt hier sauber. Erstens: Der Arbeitsmarkt sei fragmentiert; man müsse „immer auf meine Profession schauen“ und sich nicht von großen Sammelzahlen verunsichern lassen.

Zweitens: „Es gibt nicht diese massive Entlassungswelle … Es ist eine Stellenabbauwelle und das ist ein Unterschied.“ Stellenabbau läuft oft über Nicht-Nachbesetzung, über Alterung, über Rentenpakete. Für die Betroffenen ist das nicht trivial – für die volkswirtschaftliche Debatte aber entscheidend: Der Rückgang der Beschäftigung kann mit gleichzeitig hoher Knappheit in Schlüsselprofilen zusammenfallen. Dann wirkt der Markt paradox: weniger Stellen, aber noch weniger passende Menschen.

Der Arbeitgebermarkt als Behauptung – und die Benefits als Gegenbeweis

Nun kommt die Stelle, an der Zimmermann fast ironisch wird. „Ganz viele CEOs“ riefen die „Rückkehr des Arbeitgebermarktes“ aus – ein Verhandlungsanker, wie er sagt. Aber die Realität der Anzeigen spreche eine andere Sprache: Laut Auswertung (Bertelsmann Stiftung) habe sich die Zahl der in Stellenanzeigen angebotenen Benefits im Vergleich zu 2024 „fast verdreifacht“.

Das ist mehr als HR-Folklore. Benefits sind Investitionen – und Investitionen sind Verhalten, nicht Behauptung. Wenn Unternehmen wirklich in einem komfortablen Arbeitgebermarkt wären, könnten sie sich dieses Aufrüsten sparen. Stattdessen professionalisieren sie ihre Pakete, positionieren sich im Wettbewerb um Kandidaten. Der Markt stimmt also mit den Füßen ab: nicht für Überfluss, sondern für Konkurrenz.

Der Bewerbungsunami: Viel Papier, wenig Passung

Und doch klagen viele Recruiter gleichzeitig über etwas völlig anderes: über Posteingänge, die überlaufen. Zimmermann greift dafür ein treffendes Wort aus der Praxis auf: „Bewerbungsunami“. Das Phänomen hat einen technologischen Treiber. Bewerber seien – anders als viele Unternehmen – sehr schnell darin, KI zu nutzen: „Ich nutze halt ChatGPT, ich habe es hier auf meinem Smartphone“, sagt Zimmermann; Bewerbungen lassen sich heute sehr viel schneller und zugleich gezielter zuschneiden.

So entsteht ein neuer Arbeitsmarkt-Widerspruch: mehr Bewerbungen bei gleichzeitig steigender Knappheit. Der Engpass verschiebt sich – weg von Quantität hin zu Signalqualität, Passung, Auswahlfähigkeit. Wer das unterschätzt, führt Debatten über „zu viele Bewerber“ und verpasst, dass er eigentlich über zu wenig funktionierende Auswahl- und Entwicklungsinfrastruktur sprechen müsste.

Kündigungen: Der Markt bewegt sich von innen

Ein weiterer Punkt, der den „Arbeitgebermarkt“-Mythos unterhöhlt, kommt aus der Dynamik der Beendigungen. Zimmermann verweist auf eine IAB-Analyse: Die Kündigung „durch die Beschäftigten“ sei „mit Abstand der wichtigste Grund“, warum Arbeitsverhältnisse enden – deutlich vor Arbeitgeberkündigungen. Das ist eine stille Abstimmung: Mobilität entsteht nicht nur durch Konjunktur, sondern durch Entscheidungen von Individuen.

Für Wirtschaftspolitik heißt das: Wer Wechselbereitschaft mit Unsicherheit bekämpfen will, greift zu kurz. Entscheidend ist, ob Menschen Perspektiven sehen – und ob Unternehmen Räume bieten, in denen Fähigkeiten entstehen und wachsen.

Jobsicherheit: Vom Arbeitsplatz zur Beschäftigungsfähigkeit

Zimmermann setzt hier den vielleicht wichtigsten mentalen Perspektivwechsel: „Den sicheren Job … gibt es nicht mehr“, nicht zwingend als Bedrohung, sondern als Konsequenz schneller Veränderung. Jobsicherheit, so seine These, werde heute vor allem selbst hergestellt – „indem ich in meine Employability investiere“.

Das ist keine Coaching-Floskel, sondern ein wirtschaftspolitischer Auftrag. Denn Employability entsteht nicht im luftleeren Raum: Sie hängt an Bildung, an Weiterbildung, an innerbetrieblicher Mobilität, an Anerkennungslogiken für Kompetenzaufbau. Wer das System nicht liefert, bekommt die Rechnung als Produktivitätsproblem, als Innovationsstau – und irgendwann als Standortdebatte.

Die politökonomische Ableitung: Nicht weniger Arbeit, sondern weniger Illusionen

Die zentrale Gefahr für Deutschland liegt nicht darin, dass „zu viele“ arbeitslos werden. Sie liegt darin, dass wir einen demografisch bedingten Engpass weiter mit Nebelkerzen überdecken: mit symbolischen Diskussionen über Arbeitsmoral, mit Schlagzeilen über große Arbeitslosenzahlen, mit dem bequemen Narrativ, der Markt kippe nun zurück. Zimmermann hält dagegen: Der Druck kommt erst jetzt „rein“.

Wer wirtschaftspolitisch ernsthaft handeln will, muss drei Dinge gleichzeitig aushalten: Erstens kann Konjunktur schwach sein, während Knappheit in Schlüsselprofilen zunimmt. Zweitens kann der Posteingang voller Bewerbungen sein, während die Pipeline an passenden Qualifikationen leerläuft. Drittens kann es Stellenabbau geben, ohne dass sich die strukturelle Verhandlungsmacht im Arbeitsmarkt fundamental dreht.

Deutschland braucht dafür keine neuen Parolen. Es braucht eine Debatte, die wieder zwischen Zahlen und Gefühlen unterscheiden kann – und den demografischen Faktor nicht länger wie einen Wetterumschwung behandelt, sondern wie eine Gezeitenbewegung: langsam, sicher, unumkehrbar.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.