
Wolf Lotters Kritik an der „Mittelmäßigkeit der Industriegesellschaft“ entlarvt die festgefahrene Ordnung einer Gesellschaft, die von Gleichförmigkeit und Konformität lebt – einer Ordnung, die Innovation fürchtet und Vielfalt verdächtigt. In einem Zeitalter, das sich oft als „aufgeklärt“ und „modern“ rühmt, stellt Lotter die Frage: Wie viel „Fortschritt“ steckt tatsächlich in einer Gesellschaft, die Individualität nur als Problem wahrnimmt? Wie weit ist eine Gesellschaft wirklich, wenn sie Unterschiede homogenisiert und jede Abweichung zur Bedrohung stilisiert?
Lotter geht weiter: Er nennt die Massengesellschaft „strukturell konservativ“. Sie zieht autoritäre Denkstrukturen vor, ordnet Hierarchien über alles und reproduziert sich in einer endlosen Schleife der Mittelmäßigkeit. Dies zeigt sich auch in den Schlagwörtern der Identitätspolitik und der Diversitätsdiskussion. Anstatt in einer wahrhaft pluralistischen Weise Vielfalt zu fördern, sieht Lotter hier eine Verengung der Perspektiven: „Eine neue Schublade“, sagt er, „die genauso eng ist wie die alte.“ Die Frage, ob man Andersartigkeit anerkennt, bleibt stets eine rhetorische, solange die Grundmuster autoritär bleiben und die Unterschiede nur dem Namen nach existieren.
Es ist diese „Mittelmaß-Gesellschaft“, die Lotter frontal angreift. Im Denken der Industriegesellschaft, so Lotter, gehe es nicht um Gleichheit im Sinne gleicher Chancen, sondern um Gleichförmigkeit durch Standards und Normen. Die Forderung der Stunde lautet für ihn daher: den Unterschied nicht nur zuzulassen, sondern als Antriebskraft zu verstehen. Lotter sieht in dieser Anerkennung des Unterschieds die eigentliche Grundlage von Gerechtigkeit und Fortschritt – eine Gerechtigkeit, die sich nicht in Schubladen und Gleichmacherei verliert, sondern auf die Selbstbestimmung jedes Einzelnen setzt.
Sein Ansatz ist ein direkter Schlag gegen die erstarrte Bürokratie, die sich selbst referenziert und in ihrer geschlossenen Welt des Mittelmaßes verharrt. Der „Bildungsirrtum“, wie Lotter es nennt, trägt seinen Teil dazu bei. Indem wir Akademisierung und eine vermeintliche „intellektuelle Elite“ als höchste Stufe der gesellschaftlichen Anerkennung feiern, zementieren wir nur neue Formen der Ausgrenzung und schaffen eine „intellektuelle Faulheit“. Lotters Plädoyer zielt daher auf eine Befreiung aus dieser „konformistischen Gefangenschaft“ ab, hin zu einer Welt, in der kreative Problemlösungen und das Nutzen von Zusammenhängen über bloßer Definitionsmacht stehen.
Die Herausforderung, die Lotter benennt, ist eine radikale Umkehrung der Werteordnung. Der moderne Mensch darf sich nicht länger als passives Subjekt in einer Welt sehen, die von Institutionen und Normen bestimmt wird. Vielmehr fordert Lotter, dass wir als Gesellschaft lernen, die Komplexität anzunehmen und die Vielfalt als unverzichtbare Ressource zu begreifen. Nur so, und das ist Lotters zentrale These, kann die Gesellschaft der Wissensökonomie das 21. Jahrhundert als Zeitalter individueller Emanzipation und kreativer Entfaltung prägen.
Die Zukunft, wie Lotter sie skizziert, verlangt von uns, das „Gleichschaltungsprinzip“ hinter uns zu lassen und in der Vielfalt die Kraft zur Veränderung zu sehen. Die Industriegesellschaft, in ihrem Drang nach Normierung und Vereinheitlichung, ist eine veraltete Utopie. Die Zukunft gehört denen, die den Mut haben, die „Werkzeuge zu erdenken, mit denen wir diese Komplexität erschließen“, und die bereit sind, in einer vernetzten Gesellschaft die Eigenverantwortung zu übernehmen, die uns von der Mittelmäßigkeit zur Exzellenz führt.