Der babylonische Floskelturm der Zivilgesellschaft – jetzt auch in „irgendwie so total spannend“

„Ganz spannend, absolut.“ „Ich fühl mich da so mitgenommen.“ „Das macht total Sinn.“ – So klingt sie, die neue Kanzelsprache der „Zivilgesellschaft“. Und man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll. Was früher Dialektik war, ist heute Feelgood-Talk. Rhetorik als Wärmedecke, als Safe Space, als Podcast-Wellness für die Bildungsboheme.

Wolfgang Kemp hat das messerscharf beobachtet. In seinem Buch Irgendwie so total spannend zerlegt er die weichgespülte Sprachpose des öffentlich-rechtlichen Empörungs- und Relevanzbetriebs. Die Partikel „so“, das entschuldigende „irgendwie“, das angeblich intellektuell-abgeklärte „sozusagen“ – alle dabei, alle auf Sendung. Kemp nennt das die neue phatische Phrasenkultur: Sprechen, um zu sprechen. Nicht, um zu sagen.

Was hat das mit der Zivilgesellschaft zu tun? Alles. Denn wer sich heute als deren Vertreter ausgibt, spricht exakt in diesem Jargon der gesicherten Zustimmung. Man könnte sagen – man muss sogar sagen: Die Repräsentanten der Zivilgesellschaft repräsentieren ein linguistisches Vakuum, in das sie ihre eigene moralische Wichtigkeit hineinblasen. „Ich komme so ein bisschen von der Kritischen Theorie“, sagt die Literatursoziologin, und alle nicken. Genau. Super.

Im Radiostudio, auf der Bühne, im Thinktank-Café: Die Redner sprechen nicht mit, sie sprechen vor. Das Publikum ist eingeweiht. Widerspruch ist nicht vorgesehen. Sprachlich markiert durch die liebkosenden Signalworte: „Ganz genau“, „absolut“, „auf jeden Fall“, „finde ich auch total spannend“. Der Konsens spricht, die Welt hört zu. Und nickt. Genau. Super.

Es ist, wie Kemp schreibt, eine Doppelbewegung: Auf der einen Seite das geschmeidige „sozusagen“-Gewaber, das alles offen lässt und nichts riskiert, auf der anderen Seite der semantische Stahlbeton aus „absolut“ und „immer“. Die Kombination ergibt den perfekten Turm der Verständigungssimulation: Alles scheint besprochen, aber nichts wurde gesagt. Alles wurde gefühlt, nichts durchdacht. Man kann das auch den feuchten Traum der Wohlfühlintelligenz nennen.

Besonders grotesk wird es, wenn die moralische Aufladung dazu kommt: Zivilgesellschaft als letzte Bastion des Anstands. Natürlich „irgendwie“. Natürlich „so ein bisschen“. Natürlich mit „total viel Haltung“. Die Sprecher kommen alle aus irgendwas – aus dem Völkerrecht, aus der Theorie, aus dem Bauchgefühl. Und alles ist „so ein bisschen schwierig“, „auch so eine Art von Verantwortung“, „gerade da irgendwie besonders relevant“.

Das sind keine sprachlichen Ausrutscher. Das ist System. Eine neue Hermetik. Eine sakrale Liturgie der Unverbindlichkeit, bei gleichzeitiger apodiktischer Unanfechtbarkeit. Der Widerspruch? Fühlt sich nicht gut an. Der Zweifel? Wirkt toxisch. Die Debatte? Nur wenn alle einer Meinung sind.

So wird der Turm gebaut. Stein auf Stein. Floskel auf Floskel. „Super spannend.“ „Schön, dass du da bist.“ „Ich bin da total bei dir.“ Die Zivilgesellschaft hat gesprochen. Und alle nicken. Ganz genau. Absolut. Auf jeden Fall.

Vielleicht – ganz vielleicht – wäre es Zeit, den Turm mal wieder einzureißen. Oder zumindest: einmal kurz zu sagen, was man wirklich meint. Ohne „so“, ohne „ein Stück weit“, ohne pseudointellektuelle Schminke. Aber das ist – na ja – irgendwie schwierig. Oder so.

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