Der neue Mangel: Kombinatorik – Wer Tiefe und Breite verbindet, wird zur Schlüsselfigur – Indeed und LinkedIn zeigen die Reibung auf dem Arbeitsmarkt #ZPNachgefragtWeek

Der deutsche Arbeitsmarkt steckt mitten im Umbau – und das verändert, welche Menschen Unternehmen suchen. Anne M. Schüller bringt es in eine eingängige Typologie: I-, T-, H- und X-Profile. Der Punkt ist dabei weniger ein Personality-Test als eine Diagnose für die Transformation.

I-shaped steht für das klassische Spezialistentum: tiefes Wissen in einem klar abgegrenzten Feld. Dieses Profil bleibt wichtig – aber es ist allein nicht mehr der Schutzschild, der es lange war. Wenn Technologien ganze Aufgabenpakete automatisieren oder KI bestimmte Wissensarbeit skaliert, kann sogar exzellentes Tiefenwissen entwertet werden – nicht weil es „nichts wert“ wäre, sondern weil sich der Kontext schneller ändert als das Fach.

Darum verschiebt sich die Nachfrage in Richtung der Profile, die Tiefe mit Anpassungsfähigkeit kombinieren:

  • T-shaped: Tiefe in einem Kerngebiet plus Breite, um angrenzende Domänen zu verstehen – und in Projekten anschlussfähig zu bleiben.
  • H-shaped: zwei (oder mehr) Tiefen, verbunden durch die Fähigkeit, zwischen Welten zu übersetzen – typische Konnektoren zwischen Tech, Business, Kunden, Regulierung.
  • X-shaped: Menschen, die Muster brechen, querdenken, Unbekanntes strukturieren – und dadurch neue Lösungen überhaupt erst möglich machen.

Ökonomisch übersetzt: In einer Umwälzungsphase zählt nicht nur „Wissen besitzen“, sondern Wissen kombinieren. Genau das macht T-, H- und X-Profile für Unternehmen so attraktiv – weil sie Unsicherheit produktiv machen, Optionen schaffen und Rollen wechseln können, wenn Randthemen plötzlich Mainstream werden.

Zwei Arbeitsmarkt-Barometer: Ausschreibungslust vs. Einstellungspraxis

Warum ist das mehr als eine Debatte über Skill-Profile? Weil die aktuellen Indikatoren für den Arbeitsmarkt genau diese Spannung zeigen:

  • Indeed-Stellenanzeigen messen die Absicht der Unternehmen: Sie zeigen, wie viel gesucht wird – und damit oft auch, wie groß der Druck ist, Kapazitäten aufzubauen oder umzubauen. Im Dashboard Deutschland lagen die Job-Postings zuletzt deutlich über dem Vorkrisen-Niveau (Baseline 1. Feb. 2020).
  • Die LinkedIn Hiring Rate steht näher an der Realität der tatsächlichen Neueinstellungen/Wechsel (wer wirklich irgendwo anfängt). Das ist eine andere Logik als Anzeigen: weniger „wir suchen“, mehr „es hat geklappt“.

Und genau hier liegt die Geschichte der Konjunktur in Transformationszeiten: Ein Arbeitsmarkt kann viele offene Stellen haben und trotzdem zähe Einstellungen – weil das Matching schwer ist. Nicht wegen fehlender Nachfrage, sondern wegen fehlender Passung.

Was das über Konjunktur verrät

Im klassischen Zyklus gilt: Erst werden Anzeigen zurückgefahren, dann Einstellungen. Heute kommt eine zweite Dimension hinzu: der Strukturbruch. Unternehmen suchen nicht einfach „mehr Leute“, sondern anders zusammengesetzte Teams. Gerade dort, wo KI Prozesse verschiebt, entstehen neue Rollen – aber eben Rollen, die häufig T-, H- oder X-Qualitäten verlangen: Schnittstellenkompetenz, Domänen-Transfer, Kombinatorik.

So gelesen sind hohe offene Stellen bei Indeed nicht automatisch ein Boom-Signal. Sie können auch heißen: „Wir müssen umbauen – aber wir finden die Profile nicht schnell genug.“ Dann ist das weniger Hochkonjunktur als eine Umbaukonjunktur: viel Suchaktivität, aber mehr Reibung beim Einstellen.

Pointe

Schüllers Typologie trifft damit ins Zentrum der aktuellen Arbeitsmarktfrage: Spezialisierung bleibt – aber sie reicht allein nicht mehr. Wer Tiefe hat und Brücken schlagen kann, wird in einer Wirtschaft wertvoll, in der die Anzeigenlage (Indeed) optimistisch aussieht, die tatsächlichen Matches (LinkedIn) aber vom Engpass „passende Profile“ abhängen. Genau da entscheidet sich, ob aus Suchdruck echte Beschäftigungsdynamik wird. Wir sollten das auf der Ende Februar vertiefen.

Familienaufstellung im Plastiktopf: Emma Freud verfolgt im „Observer“ die Spur einer Begonie – und schreibt nebenbei eine kleine Geschichte darüber, wie Erbe funktioniert: als Last, als Lücke, als Witz und als Steckling

Ein Dankeschön, das nicht nach Duftkerze aussieht

Es beginnt, wie gute britische Texte gern beginnen: nicht mit einer These, sondern mit einer Einladung. Eine Freundin schickt einen Link, ein noch unveröffentlichter kleiner Film aus Wales rührt den Ehemann zu Tränen, man gibt eine Vorführung im Wohnzimmer, die Medienbekanntschaft wird einbestellt – und am Ende steht als Dank ein Plastiktopf mit einem „Blattstiel in der Mitte“ auf dem Kaminsims. Emma Freud, die Urenkelin Sigmund Freuds und, nicht unwichtig, die Frau Richard Curtis’, weiß selbst, dass eine Duftkerze die naheliegendere Requisite für ein solches Milieu gewesen wäre. Gerade deshalb ist dieser kümmerliche grüne Stock ein Glücksfall: Er hat die Unhandlichkeit eines Symbols, das sich nicht geschniegelt ins Regal stellt.

Die DNA der Erinnerung

Der Stiel ist ein Steckling, und der Steckling ist – so erzählt es Tom Basden – genetisch identisch mit einer Pflanze, die in den dreißiger Jahren Sigmund Freud gehörte. Von Freud zu Kirsten Flagstad, von der Wagner-Sopranistin zur Schauspielerin Sally Miles, von ihr zur Casting-Doyenne Corinne Rodriguez, weiter zum Schriftsteller Barry Walsh, schließlich zu Basden – und am Ende zu Emma Freud, die plötzlich, mit über sechzig, „einen winzigen Teil seiner Geschichte“ in Händen hält. So wird aus dem Plastiktopf ein Stammbaum, aus dem Dankeschön eine Erbschaft, aus der Botanik eine Poetik.

Das ist die schöne, zugleich irritierende Pointe: Ein Steckling ist ein Klon. Er trägt keine „Erinnerung“, aber er trägt Identität als Wiederholung. Während in der Familie Name, Fotos, Geschichten ausradiert wurden, überlebt eine Begonie als reines Fortsetzen. Das kulturelle Gedächtnis hängt – so betrachtet – an Zufällen der Reproduzierbarkeit.

Tabu „Sigmund“ und die Kunst des Tonfalls

Die Begonie stößt auf etwas, das lange vorbereitet war: die Wiederkehr des Verdrängten. Emma Freud beschreibt, wie in ihrem Elternhaus der Name „Sigmund“ tabu war, wie ihr Vater Clement Freud das Thema mit britischem Ernst und brutalem Humor erledigte („peinlich“, der Großvater habe die Spültoilette erfunden; beim nächsten Mal solle man das Thema wechseln). Das ist mehr als Familienwitz: eine Miniatur darüber, wie Geschichte privat verschwindet – nicht durch Argumente, sondern durch Tonfall. Dass die Tochter heute, sechzehn Jahre nach dem Tod des Vaters, noch „ein wenig Angst“ spürt, Ärger zu bekommen, wenn sie über den Urgroßvater schreibt, gehört zu den stärksten Stellen des Textes.

Dossier statt Stammbaum: Barry, Corinne, Sally, Kirsten

Emma Freud schreibt nicht als Biografin, sondern als Amateurdetektivin im Modus der Assoziation. Der Text gliedert sich in Personen-Kapitel: BARRY, CORINNE, SALLY, KIRSTEN, SIGMUND. Hinter der scheinbaren Strenge arbeitet ein Sinn für Zufall, Skurrilität und Milieus: Mermaid Theatre, Theaterverträge wie Liebesbriefe, eine Kultur des Dankens, die zugleich eine Kultur des Begehrens ist.

Hier wird der Essay am lebendigsten. Der angebliche Vertragston – „gehorsam, fügsam, gutmütig“, dazu Laryngoskop-Kontrollen und täglich Oatmeal Stout – wirkt wie eine Parodie auf Institutionen und ist doch ein Dokument von Macht, Abhängigkeit, Eros. Emma Freud erzählt das ohne moralische Keule, aber mit feinem Sensorium: Beziehungen sind hier nie „bloß privat“, sie organisieren Öffentlichkeit.

Charme als Methode – und als Risiko

Der Text ist so verliebt in seine eigene Kette, dass er das Prinzip „Alles hängt mit allem zusammen“ bisweilen wie eine Pointe behandelt, die nicht enden will. Je länger man liest, desto deutlicher wird: Die Begonie ist auch ein narrativer Türöffner. Sie legitimiert, was sonst heikel wäre – den Zugriff auf die prominente Familiengeschichte, das Anklopfen im Lucian-Freud-Kosmos, den Gang ins Freud Museum. Emma Freud macht daraus keinen Triumph, eher Selbstironie („große Mädchenhosen“), doch der Mechanismus bleibt: Das Objekt schafft Zugang, Zugang erzeugt Geschichte.

Gleichzeitig ist Charme ihr Schutz. Die schweren Linien – Exil, Assimilation, Familienrisse – stehen als Hintergrundrauschen da, nicht als Denkmal. Das ist zivilisiert, aber auch gefährlich: Wer so leicht schreibt, kann das Schwere zu glatt passieren lassen. Man wünschte sich stellenweise mehr Widerhaken.

Freud im Marmeladenglas: Reliquienhandel im Museum

Eine der besten Miniaturen spielt im Museum: Der Hausmeister verkauft Stecklinge und passt die Spendenhöhe „wie an der Londoner Börse“ der Nachfrage an. Freud im Marmeladenglas, das Souvenir als Ersatz-Andacht, DNA als Museumsware – hier blitzt die Ökonomie des Authentischen auf. Der Text streift diese Frage nur kurz und macht klugerweise keinen Leitartikel daraus. Aber gerade diese Kürze wirkt wie eine verpasste Chance: Ein wenig weniger Witz, ein wenig mehr Unbehagen hätte dem Stück gutgetan.

Späte Fairness für den Vater

Am Ende deutet Emma Freud die Freud-Phobie ihres Vaters als Bewältigungsmechanismus: Abkehr von Sprache, Kultur, Name als Last, private Abweisung durch die Mutter, öffentliche Kälte durch den Bruder. Das ist kein therapeutischer Schluss, eher eine späte Form von Fairness. Die Begonie liefert nicht die Versöhnung, aber einen Rahmen, in dem Versöhnung überhaupt denkbar wird.

Der neue Trieb

Ganz unironisch treibt der Steckling einen neuen Trieb. Man kann das kitschig nennen; im Kontext ist es eher Minimalismus: ein Beweis, dass Weitergeben nicht nur ideell ist. Diese Geschichte beginnt nicht im Archiv, sondern in einer Hand, die etwas Lebendiges weiterreicht – aus Dank, aus Freundschaft, aus Zufall. Und die freudsche Pointe bleibt: Ausgerechnet eine Pflanze lässt Emma Freud den Urgroßvater „kennenlernen“. Nicht über Theorie, nicht über Ruhm, sondern über Pflege. Über das, was täglich ist. Über das, was wächst, wenn man nicht wegschaut.

Die Umprogrammierung der Welt: Chinas globaler Ansatz

Chinas geopolitische Strategie lässt sich am klarsten so beschreiben: Peking will nicht „die bestehende Ordnung stürzen“, sondern sie umprogrammieren – Schritt für Schritt, Thema für Thema, Partner für Partner. Nicht der spektakuläre Bruch ist das Ziel, sondern die Normalisierung einer zweiten Betriebssystem-Logik: Souveränität vor Einmischung, Stabilität vor Liberalität, Entwicklung vor Rechenschaftspflicht, kulturelle Eigenwege vor universalistischen Standards. Die westliche Ordnung soll nicht unbedingt verschwinden. Sie soll, wo möglich, relativiert, wo nötig umgangen und dort, wo sie unvermeidbar bleibt, mit neuen Bedeutungen besetzt werden.

Das ist ein langfristiges Projekt. Es arbeitet weniger mit einer großen „Entscheidungsschlacht“ als mit einer Serie kleiner Verschiebungen: Finanzströme, Infrastruktur, Standards, Ausbildung, digitale Ökosysteme, Sicherheitsformate, diplomatische Mehrheiten – und darüber ein Vokabular, das vertraut klingt, aber anders meint. Wer verstehen will, wie so etwas funktioniert, findet im chinesischen Strategemdenken ein brauchbares Raster: nicht als Verschwörungstheorie („alles geplant“), sondern als Schule der indirekten Wirkung.

Der Umweg als Hauptstraße

Die westliche Außenpolitik denkt gern in Frontlinien: Bündnis gegen Bündnis, Regelbruch gegen Regelwahrung, Demokratie gegen Autokratie. Peking denkt eher in Konstellationen. Der Gegner soll nicht unbedingt besiegt werden, sondern in eine Lage geraten, in der er sich selbst blockiert: durch Widersprüche, Überdehnung, moralische Doppelstandards, innenpolitische Erschöpfung. Dazu passt eine Vorgehensweise, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: China wirbt um Multilateralismus und kritisiert zugleich „westliche Dominanz“; es beruft sich auf das Völkerrecht und dehnt zugleich Begriffe wie Souveränität so, dass sie jede Kritik abwehren; es spricht von „gemeinsamen Werten“ und definiert dabei Werte als kollektive Ziele, nicht als Rechte des Einzelnen.

Das ist kein Zufall, sondern Methode. Indirekte Strategien leben von Mehrdeutigkeit: Ein Begriff muss breit genug sein, dass sich viele darunter versammeln können – und präzise genug, dass er in entscheidenden Momenten politisch nutzbar wird. Das ist Diplomatie als semantische Ingenieurskunst.

Semantik ist Machtpolitik

Der entscheidende Hebel liegt oft nicht in Panzern oder Häfen, sondern in der Frage, wessen Begriffe die Debatte strukturieren. „Menschenzentriert“, „gute Regierungsführung“, „Rechtsstaatlichkeit“, „Sicherheit“, „Zivilisation“, „Entwicklung“ – das sind in der westlichen Tradition stark normativ aufgeladene Wörter. In Pekings Lesart können sie eine andere Achse bekommen: Menschenzentriert heißt dann nicht primär Schutzrechte gegen den Staat, sondern Versorgung des Kollektivs durch den Staat; Rechtsstaatlichkeit meint nicht zwingend unabhängige Kontrolle, sondern Regieren durch Gesetze; „Sicherheit“ meint nicht nur Schutz vor Gewalt, sondern Schutz vor Instabilität – inklusive politischer Instabilität.

So entsteht ein rhetorischer Effekt, den man aus anderen Zusammenhängen kennt: Man übernimmt die Hülle einer universalen Sprache, füllt sie aber mit einer Ordnungsvorstellung, die auf Kontrolle statt auf Begrenzung von Macht setzt. Das wirkt anschlussfähig, weil es nicht wie ein Gegenentwurf klingt, sondern wie eine „andere Interpretation“. Genau darin steckt die geopolitische Sprengkraft: Eine Welt, die dieselben Wörter benutzt, aber nicht mehr dasselbe meint, wird politisch schwer zu koordinieren.

Der Globale Süden ist nicht Kulisse, sondern Hebel

Pekings Strategie ist besonders erfolgreich dort, wo westliche Politik oft belehrend wirkte oder schlicht abwesend war: in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Süd- und Südostasiens. Dort funktioniert das Angebot nach einem einfachen Muster: Respektformel plus Ressourcenzugang. China verspricht Anerkennung, Nichteinmischung und „Entwicklung“ – und liefert gleichzeitig Kredite, Infrastruktur, Handelskanäle, Technologie, Ausbildung. Für viele Regierungen ist das attraktiver als westliche Partnerschaft, die häufig an Bedingungen geknüpft ist, manchmal langsam, manchmal moralisch überladen, manchmal innenpolitisch inkonsistent.

Das ist nicht zwingend „besser“. Aber es ist oft bequemer. Und Bequemlichkeit ist in der internationalen Politik ein unterschätzter Faktor: Wer schnelle Brücken, Netze, Häfen, Glasfaser und Kapital bekommt, nimmt die Nebenwirkungen später in Kauf – bis sie nicht mehr Nebenwirkungen sind.

Hier zeigt sich ein klassisches strategemisches Motiv: Man führt nicht unbedingt Krieg gegen die Ordnung des Gegners; man zieht ihm das Brennholz unter dem Kessel weg. Wenn Abhängigkeiten, Standards und Elitenkontakte sich verschieben, verliert der Westen nicht wegen eines spektakulären Ereignisses, sondern weil seine Angebote im Alltag seltener gewählt werden.

Kulturpolitik als strategische Deckung

Hinzu kommt eine zweite, oft unterschätzte Ebene: Kultur und „Zivilisation“. Peking präsentiert sich gern als Anwalt kultureller Vielfalt und als Kritiker einer Modernisierung, die mit Verwestlichung gleichgesetzt wird. Viele Gesellschaften kennen die Erfahrung, dass „Fortschritt“ als Paket angeboten wurde: Marktöffnung plus Werteimport, Entwicklungszusammenarbeit plus politische Lektion. China bietet eine Alternative: Modernisierung ohne kulturelle Selbstentwertung – zumindest verspricht es das.

Das ist rhetorisch stark, weil es reale Spannungen trifft: Der Wunsch nach Wohlstand ist groß, der Wunsch nach kultureller Selbstbestimmung ebenfalls. Wer beides zugleich anbietet, bekommt Resonanz.

Der Haken liegt in der möglichen Umdeutung: Kultur wird dann nicht Schutzraum für Vielfalt, sondern Legitimationsformel für Staatsmacht. Wenn „Zivilisation“ praktisch mit Nationalstaat und Regime identisch wird, ist Vielfalt nur noch dort erwünscht, wo sie nicht politisch stört. Die Botschaft an viele Autokratien ist trotzdem verlockend: Ihr könnt modernisieren, ohne euch liberalisieren zu müssen.

Sicherheit als Angebot – und als Bindung

Drittes Feld: Sicherheit. China positioniert sich zunehmend als Ordnungsakteur, der Stabilität verspricht: durch Polizeikooperation, Technologie, Grenzüberwachung, Lieferketten-Sicherheit, diplomatische Vermittlung. Auch hier wirkt die Logik indirekt. Es geht weniger um formale Bündnisse nach westlichem Muster als um ein Netz von Beziehungen, in dem China als unverzichtbarer Partner erscheint.

Das ist strategisch klug, weil es Konflikte vermeidet, die China teuer wären. Ein offener Blockkonflikt zwingt zur Loyalitätsfrage. Ein Netzwerk erlaubt es Partnern, „sowohl als auch“ zu sagen – und genau das vergrößert Pekings Spielraum.

Das Ziel: Eine Welt mit zwei Norm-Zentren

In Summe läuft das auf eine Welt hinaus, die nicht zwingend in Blöcke zerfällt, aber in der es zwei Norm-Zentren gibt. Staaten und Organisationen können je nach Thema, Krise oder Regierungslage zwischen beiden Zentren pendeln: Handel hier, Sicherheit dort, Technologie in einem dritten Mischraum. Die westliche Hoffnung, dass „die“ Regeln global gelten, wird dann zur regionalen oder sektoralen Ausnahme.

Das ist die eigentliche strategische Pointe: Eine Ordnung muss nicht zerstört werden, um ihre Wirkung zu verlieren. Es reicht, wenn sie nicht mehr alternativlos ist.

Drei nüchterne Szenarien

Man kann die nächsten Jahre ohne Dramatisierung in drei Szenarien denken:

Erstens: Koexistenz mit doppelter Buchführung. Staaten übernehmen westliche Begriffe, arbeiten aber praktisch nach chinesischen Prinzipien, sobald es um innenpolitische Kontrolle oder außenpolitische Autonomie geht.

Zweitens: Segmentierung. Menschenrechte, Rechtsstaat, Standards werden nicht mehr „global“, sondern thematisch und regional verhandelt. Was im einen Forum gilt, gilt im anderen nicht. Normen werden zu Verhandlungsmünzen.

Drittens: Verkettung. Wirtschaft, Technologie, Sicherheit und Kulturpolitik greifen so ineinander, dass Partner zunehmend Kosten haben, wenn sie sich entkoppeln wollen. Einfluss entsteht dann nicht durch Befehl, sondern durch die Architektur der Abhängigkeiten.

Keines dieser Szenarien braucht einen „großen Krieg“, um politisch folgenreich zu sein.

Was Europa daraus lernen muss

Europas Problem ist nicht, dass China „listig“ wäre. Europas Problem ist, dass es zu oft so handelt, als ließe sich Geopolitik mit Appellen ersetzen. Wer auf Regeln setzt, muss auch die Infrastruktur der Regeln pflegen: Partnerschaften, wirtschaftliche Angebote, technologische Alternativen, diplomatische Präsenz, schnelle Projekte, verständliche Narrative.

Das bedeutet nicht, Pekings Ordnungsvokabular zu kopieren. Im Gegenteil. Europa muss wieder lernen, seine eigenen Begriffe klar zu halten: Was heißt Rechtsstaat – konkret? Was heißt menschenzentriert – konkret? Was ist kulturelle Vielfalt, wenn sie den Einzelnen nicht schützt? Und wo sind wir selbst inkonsequent, sodass andere unsere Sprache nur noch als Maske wahrnehmen?

Das ist die unangenehme, aber produktive Konsequenz aus dem strategemischen Blick: Man gewinnt nicht gegen indirekte Strategien, indem man sie moralisch verurteilt. Man gewinnt, indem man ihre Wirkmechanik versteht – und dann eigene Wirkmechanik anbietet: verlässlich, attraktiv, schneller, weniger belehrend, aber normativ nicht beliebig.

Am Ende steht eine einfache Frage, die in Berlin, Brüssel und den europäischen Hauptstädten zu selten gestellt wird: Wollen wir nur recht haben – oder auch Wirkung entfalten? In einer Welt, in der Ordnung nicht nur verteidigt, sondern gebaut wird, ist diese Unterscheidung nicht akademisch. Sie ist strategisch.

Ruskin gegen Proust: Die Moral der Steine und die Freiheit der Nuancen

Ein puritanischer Blick, der nicht bei der Kunst stehenbleibt

John Ruskin tritt in die europäische Literatur nicht als bloßer Kunstkritiker ein, sondern als Instanz. Er betrachtet Bilder, Fassaden, Ornamente mit dem Ernst dessen, der in ihnen nicht nur Geschmack, sondern Gewissen am Werk sieht. Wer Ruskin liest, merkt rasch: Hier schreibt einer, der die Schönheit nicht als Zugabe des Lebens duldet, sondern als Prüfstein. Kunst ist für ihn nie unschuldig, Architektur nie nur Form, Handwerk nie bloß Technik. Alles steht im Verdacht, etwas über den Zustand einer Gesellschaft zu verraten – und alles muss sich, im Zweifel, rechtfertigen.

Die puritanische Grundierung dieser Haltung lässt sich nicht weginterpretieren. Ruskins religiöse Prägung – evangelikal, moralisierend, auf den Einzelnen und sein Urteil zugespitzt – wirkt wie ein inneres Reglement: Er sieht die Welt, als müsse sie sich ständig erklären. Dass er britisch ist und schottische Wurzeln hat, gehört weniger ins Feuilleton als in die Temperamentskunde: eine Strenge, die nicht nur kritisiert, sondern missioniert; ein Ton, der selten bei der Beschreibung endet und fast zwangsläufig in die Forderung kippt. Ruskin schreibt nicht einfach gegen schlechte Kunst. Er schreibt gegen eine Moderne, die Arbeit entwürdigt, Material ausbeutet, Menschen verschleißt – und die sich dann auch noch mit „Schönheit“ schmückt.

So wird Ruskin zum Propheten einer sozialen und ethischen Erneuerung. Seine Kunsttheorie ist Sozialtheorie mit anderen Mitteln: Die gotische Kathedrale bewundert er nicht nur, weil sie hoch ist oder reich gegliedert, sondern weil sie, in seinem Idealbild, die Würde der Arbeit und die Verantwortung des Gemeinwesens verkörpert. Das Ornament wird zur moralischen Signatur, die Unregelmäßigkeit zum Beweis menschlicher Freiheit im Werk, der Stein zum Archiv einer Ordnung, die mehr sein soll als Markt und Mode.

Prousts Herkunft als Widerlegung der Doktrin

Und dann Marcel Proust: eine Existenz, die – biographisch wie ästhetisch – quer zur ruskinschen Sehnsucht nach Eindeutigkeit liegt. Halb jüdisch, halb katholisch, katholisch getauft, aber ohne die beruhigende Bindung an Dogma. Proust ist nicht irreligiös im aggressiven Sinn; er ist indifferent gegenüber doktrinären Fragen, weil ihn andere Unbedingtheiten beschäftigen: die unmerkliche Gewalt der Gewohnheit, die Tyrannei der Erinnerung, die soziale Physik des Blicks. Wo Ruskin nach dem „Richtigen“ sucht, untersucht Proust das „Wirksame“.

Auch der Umgang mit Weltlichkeit trennt beide. Ruskin misstraut dem Salon, der Müßigkeit, der gesellschaftlichen Oberfläche – und er hat Gründe dafür, denn für ihn ist Oberfläche oft schon Betrug. Proust hingegen nimmt die Oberfläche ernst. Er betrachtet sie nicht als belangloses Spiel, sondern als Bühne, auf der sich Wahrheit in Verstellung verwandelt und Verstellung in Wahrheit. Gerade die Leichtigkeit, mit der Proust in die weltliche Gesellschaft eintaucht – ihre Codes, ihre Eitelkeiten, ihre Rituale –, wird zur Methode: Wer sich dort bewegt, ohne sofort zu urteilen, sieht die Mechanik der Urteile bei den anderen.

Man könnte sagen: Ruskin schreibt, als müsse Kunst die Welt retten. Proust schreibt, als müsse man erst begreifen, wie die Welt in uns weiterarbeitet, bevor man von Rettung redet. Der eine moralisiert, der andere differenziert. Der eine spricht in Imperativen, der andere in Nuancen. Und doch ist es gerade diese Differenz, die ihre Begegnung so produktiv macht.

Übersetzen als kulturelle Operation

Dass Proust Ruskin übersetzt und kommentiert, ist mehr als eine literarische Episode. Es ist eine kulturelle Operation: Der französische Schriftsteller bringt einen englischen Morallehrer in eine Sprache, die ihm nicht nur Wörter gibt, sondern Temperament entzieht. Proust vermittelt, glättet, verschiebt Akzente – nicht, um Ruskin zu verraten, sondern um ihn lesbar zu machen für ein Publikum, das weniger an moralischer Zucht als an geistiger Erfahrung interessiert ist.

Dabei übernimmt Proust von Ruskin weniger dessen Predigt als dessen Technik: das Lesen der Welt im Detail. Ruskin ist ein Meister der Aufmerksamkeit, ein Fanatiker der Beobachtung, der aus einer Fuge, einem Kapitell, einem scheinbar nebensächlichen Motiv ganze Epochen herausliest. Dieses Verfahren – die Überzeugung, dass sich das Wesentliche im Randständigen versteckt – ist eine Schule, die Proust nicht kopiert, aber verwandelt. Bei Proust werden nicht Kapitelle, sondern Tonfälle bedeutungsvoll; nicht Strebebögen, sondern Nebensätze; nicht Portale, sondern die kleinsten Verschiebungen in der sozialen Temperatur eines Raumes.

So gewinnt Proust aus Ruskin etwas, das Ruskin selbst vielleicht unterschätzt hätte: Nicht Moral ist die Hauptsache, sondern Wahrnehmung. Der Weg zur Wahrheit führt nicht notwendig über das Urteil, sondern über die Genauigkeit.

Kathedrale und Salon: Zwei Modelle der Welt

Am deutlichsten zeigt sich der Gegensatz in den Räumen, die beide bevorzugen. Ruskin liebt die Kathedrale, weil sie – in seiner Lesart – eine „Bibel“ aus Stein ist: ein öffentlicher Text, der eine Gemeinschaft bindet, erzieht, ordnet. Der sakrale Raum ist für ihn nicht nur ästhetisch, sondern normativ. Er soll die Menschen in eine bessere Form bringen.

Proust liebt den sakralen Raum ebenfalls – aber anders. Die Kathedrale fasziniert ihn weniger als moralisches Lehrbuch denn als Zeitmaschine: als Bau, in dem Jahrhunderte übereinanderliegen, in dem Geschichte nicht erzählt, sondern sedimentiert ist. Und während Ruskin im Stein nach dem Soll-Zustand sucht, interessiert Proust sich für das, was aus einem Menschen wird, der vor diesem Stein steht: für die Wirkung der Form auf ein Bewusstsein, für die Verschaltung von äußerer Struktur und innerer Zeit.

Dem stellt Proust den Salon gegenüber: ein Raum ohne metaphysische Weihe, aber mit sozialer Strenge. Dort herrschen keine Dogmen, aber Regeln; keine Gebote, aber Sanktionen; keine Theologie, aber Rangordnung. Gerade weil Proust darin leichtfüßig ist, kann er die Gewalt dieser Welt zeigen. Ruskin würde vieles davon als Dekadenz abtun. Proust zeigt, dass Dekadenz eine ernstzunehmende Ordnung sein kann – eine Ordnung, die Menschen formt, ohne sich als Ordnung auszugeben.

Zwei Ethiken, zwei Wahrheiten

Ruskin ist, in der besten Lesart, ein Moralisierer aus Sorge. Seine Strenge ist nicht bloß autoritär, sie ist auch sozial empfindlich: Er will, dass Schönheit und Gerechtigkeit nicht auseinanderfallen. Er ist unbequem, weil er nicht akzeptiert, dass Kunst vom Leben abgekoppelt wird wie ein schöner Anhang an eine hässliche Wirklichkeit.

Proust ist, in der besten Lesart, ein Skeptiker aus Genauigkeit. Seine Indifferenz gegenüber Doktrin ist keine Pose, sondern eine Konsequenz: Für ihn ist die Wahrheit zu komplex, um in Lehrsätzen zu wohnen. Seine Leichtigkeit im Umgang mit der Welt ist nicht Nachsicht, sondern Methode – ein Zugang zur Wirklichkeit, der ohne vorschnelle Verurteilung auskommt und gerade dadurch mehr sieht.

Man muss sich nicht zwischen beiden entscheiden, aber man spürt die Versuchung. Ruskin fordert. Proust erklärt. Ruskin will bessern. Proust will verstehen. Ruskins Wahrheiten sind oft Sätze, die stehen bleiben sollen. Prousts Wahrheiten sind Bewegungen, die sich nur im Satz entfalten, im Nebensatz, im Zögern, in der Korrektur.

Vielleicht ist das ihr gemeinsamer Punkt: Beide glauben, dass Kunst nicht bloß schmückt, sondern erkennt. Ruskin formuliert diese Überzeugung im Ton des Propheten. Proust im Ton des Analytikers. Und wer – aus nachvollziehbarer Nähe zur Welt – Prousts Leichtigkeit bevorzugt, muss Ruskin nicht abwerten. Es genügt, ihn als Kontrast zu lesen: als Erinnerung daran, dass jedes Sehen auch eine Ethik hat. Nur dass Proust diese Ethik nicht predigt, sondern praktiziert – indem er zeigt, wie schwer es ist, im richtigen Moment das Richtige zu fühlen.

Berlin vor der Bewährungsprobe: Rechnungshof-Bericht und Infrastruktur-Experten stellen Senat infrage @kaiwegner

Berlin, dieses Geräusch: nichts. Kein Summen. Kein Hintergrund. Kein „läuft doch“. Und sofort wird sichtbar, was sonst im Dauerrauschen verschwindet: Politik ist nicht Pressekonferenz. Politik ist Reserve. Politik ist Redundanz. Politik ist der zweite Weg, wenn der erste brennt.

Und dann kommt Manuel Atug, Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastruktur, und sagt im ZDF-Interview: Er ist von dem Ereignis nicht überrascht. Die Berliner Verwaltung aber schon. Senat überfordert, der Regierende Bürgermeister und die Senatorin eiern herum, statt Inhalt: Hohlphrasen, Symbolpolitik, „mehr Kameras“, als ob eine Kamera einen Kabelbrand löscht oder ein Hochwasser wegfilmt. Atug insistiert auf dem Unsexy-Wort, das Politik hasst, weil es Geld kostet und keine Schlagzeile macht: Redundanzen. Zweite Trassen. Ersatzenergie. Generatoren. Nicht „wir ermitteln mit Hochdruck“, sondern: wir liefern Strom mit Niederdruck, aber zuverlässig.

Und daneben liegt der Text des Berliner Landesrechnungshofs. Trocken, hart, unliterarisch – und genau deshalb brutal: Berlin sei organisatorisch und personell nicht gut vorbereitet, Zuständigkeiten und Ressourcen weitgehend ungeklärt, im Ernstfall nicht handlungsfähig. Viele der 37 zuständigen Behörden hätten weder Gefährdungsanalysen noch funktionierende Pläne; manche wussten nicht einmal, dass sie zuständig sind. Das „Leuchtturm“-System: nur rund 25 % einsatzbereit. Ein Landesamt für Katastrophenschutz: gescheitert, aber schon mal 1,4 Millionen Euro verbrannt.

Das ist die Berliner Choreografie: Erst wird ein System gebaut, dann wird ein System angekündigt, dann wird ein System beerdigt, dann wird ein System bezahlt, dann kommt der Ernstfall – und plötzlich soll die Bevölkerung resilient sein. Als wäre Resilienz eine Pflichtübung für Bürger, weil Regierungen lieber PR trainieren als Krisenstäbe.

Und jetzt: Blackout. Brandanschlag. Kabelbrücke. Südwesten dunkel, kalt, Handy leer, Notruf eingeschränkt, Schulen zu, Notbetreuung im Modus „vielleicht“. Die politische Reflexhandlung: Etikett drauf. „Terrorismus“. „Linksterroristen“. Jagen, erwischen, bestrafen. Das ist nicht falsch – aber es ist bequem. Denn Täterjagd ist ein Film. Krisenmanagement ist eine Serie mit vielen Staffeln, wenig Glamour, viel Wartung, viel Papier, viel Übung, viel Zuständigkeit.

Atug nennt das, was dann passiert, populistisch: die Debatte über Geheimhaltung, über „Transparentitis“, als wäre weniger Wissen im Netz plötzlich ein Ersatz für Vorbereitung. Denn Naturereignisse lesen keine Geheimhaltungsstufe. Ein Hochwasser prüft kein Impressum. Ahrtal: Warnen, koordinieren, führen – das hat vielerorts nicht funktioniert, deshalb diese bleiernen Aufarbeitungsberichte, diese Untersuchungsausschüsse, diese bittere Erkenntnis, wie schnell „Zuständigkeit“ zur Ausrede wird. Oder: 1997, Deiche, Sandsäcke, Bundeswehr-Großeinsatz – das Land hat gesehen, wie Katastrophe aussieht, wenn sie lange bleibt.

Und trotzdem: immer wieder dieser deutsche Reflex, als wäre jede Katastrophe eine Premiere. Als wäre Lernen optional. Als wäre „Lessons learned“ ein Folienpunkt, der nach der Konferenz wieder verschwindet.

Hier liegt die politische Pointe, die weh tut: Wer im Krisenmanagement schwächelt, bekommt irgendwann die rote Karte. Nicht sofort. Nicht beim ersten Stromausfall, nicht beim ersten Jahrhundertregen. Aber wenn die Summe stimmt. Wenn die Leute merken: Die Regierung kann Stimmung, aber nicht Lage. Kann Worte, aber nicht Wege. Kann „wir kümmern uns“, aber nicht „wir haben einen Plan“.

Und Berlin steht vor einer solchen Quittung – ganz offiziell, ganz langweilig, ganz demokratisch: Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September 2026. Bis dahin wird jede Krise zum Prüfstein, jedes „eiern herum“ zum Meme, jede improvisierte Wärmestube zur Anklage gegen die Planlosigkeit davor.

Kai Wegner macht bislang keine gute Figur, weil er im Krisenmoment vor allem wie ein Mann wirkt, der „Härte“ sagen kann, aber nicht „Struktur“ liefert. Weil das Regieren sich zu oft anfühlt wie: erst der Satz, dann die Zuständigkeitssuche. Und genau das hat der Rechnungshof schon vor dem Blackout beschrieben: fehlende Steuerung, fehlende Klarheit, fehlende Ressourcen – bevor der Ernstfall eintritt.

Das ist der Kern: Nicht die Katastrophe ist der Skandal. Katastrophen passieren. Der Skandal ist die Wiederholung der gleichen Schwäche: zu wenig Reserve, zu wenig Übung, zu viel Pose. Und dann dieses große Berliner Staunen, wenn’s dunkel wird: Wie konnte das nur passieren? Es konnte passieren, weil es passieren durfte. Weil ein System, das laut Rechnungshof nicht handlungsfähig ist, irgendwann genau das beweist: Nicht handlungsfähig.

Und irgendwann, im September 2026, steht dann nicht mehr die Kabelbrücke zur Abstimmung, nicht die Vulkangruppe, nicht das Wetter. Sondern das, was Politik im Kern ist: Verantwortung. Oder eben: Ausreden.

Abschreckung und Resilienz: Was der Staat seinen Bürgern erklären muss

Worte sind in der Sicherheitspolitik nie bloße Etiketten. Sie sind Ankündigungen, manchmal Drohungen, oft Beruhigung. Als der Verteidigungsminister im Herbst 2023 öffentlich verlangte, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden, war die eigentliche Provokation nicht der militärische Sachgehalt, sondern der Bruch mit einer politischen Sprachregelung, die „Krieg“ seit Jahrzehnten wie eine ansteckende Krankheit mied.

Man kann darüber streiten, ob der Begriff klug gewählt ist. Aber man sollte ihn nicht missverstehen: Gemeint ist – jedenfalls in verantwortlicher Lesart – nicht Lust am Konflikt, sondern die Fähigkeit zur Abschreckung; also die Fähigkeit, einen Gegner davon abzuhalten, uns zu prüfen. Wer Abschreckung verwechselt mit Säbelrasseln, hat noch nicht verstanden, wie zerbrechlich Frieden ist. Frieden ist kein Naturzustand. Er ist ein politisches Werkstück, das gepflegt werden muss – durch Diplomatie, durch Bündnisse, und notfalls durch die glaubwürdige Möglichkeit, Gewalt abzuwehren.

Die Frage, ob die deutsche Öffentlichkeit „kriegstauglich“ sei, ist deshalb doppelt falsch gestellt. Erstens, weil eine Demokratie nicht „kriegstauglich“ sein darf wie eine Kaserne; sie muss konfliktfähig bleiben, streitbar, zweifelnd, parlamentarisch. Zweitens, weil die entscheidende Frage nicht lautet, ob Menschen bereit sind zu sterben, sondern ob Politik, Staat und Gesellschaft bereit sind, die Voraussetzungen zu schaffen, damit niemand sterben muss.

Das demoskopische Paradox: Zustimmung im Abstrakten, Zögern im Konkreten

Die Umfragen der letzten Jahre zeichnen ein Bild, das man weder dramatisieren noch beschönigen sollte: breite Zustimmung zu mehr Verteidigungsfähigkeit – bei gleichzeitig geringer persönlicher Kampfbereitschaft.

So befürworteten in einer Forsa-Erhebung im Sommer 2025 zwei Drittel höhere Verteidigungsausgaben; auch ein verpflichtender Wehrdienst fand – unter Bedingungen – Mehrheiten. Gleichzeitig sagten nur 16 Prozent, sie würden Deutschland „auf jeden Fall“ mit der Waffe verteidigen; weitere 22 Prozent „wahrscheinlich“, eine Mehrheit jedoch eher nicht.

Das ist kein moralisches Versagen der Bevölkerung. Es ist ein Hinweis auf eine lange eingeübte Arbeitsteilung: Sicherheit als Dienstleistung des Staates, nicht als Bürgeraufgabe. Diese Mentalität entstand nicht zufällig, sondern im Schatten einer historischen Erfahrung: Deutsche haben gelernt, dass Militarisierung ins Verderben führen kann. Daraus wurde – durchaus verständlich – eine Kultur der Distanz. Nur: Distanz ist kein Schutzschild gegen einen Gegner, der unsere Zurückhaltung als Einladung missversteht.

Zeitenwende verstanden – aber nicht verinnerlicht

Ein zweiter Befund ist ebenso wichtig: Bedrohungswahrnehmung ist vorhanden, aber politisch nicht stabil.

In der Bevölkerungsbefragung 2025 des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) sahen etwa zwei Drittel Russland als Bedrohung für Deutschlands Sicherheit; besonders genannt wurden Cyberangriffe, russische Aufrüstung und das militärische Vorgehen in der Ukraine. Zugleich zeigte dieselbe Befragung, dass 58 Prozent eine aktive deutsche Rolle in Krisen befürworten – aber 34 Prozent plädieren dafür, sich eher herauszuhalten.

Dieses Drittel ist kein Randphänomen. Es ist die demografische Basis jener Indifferenz, die wächst, sobald das Gefühl unmittelbarer Gefahr nachlässt. Das ist menschlich – und politisch gefährlich. Denn Sicherheitsvorsorge funktioniert nicht wie Feuerwehr: Man kann sie nicht erst dann ernst nehmen, wenn es schon brennt.

Hinzu kommt eine strategische Unruhe, die in Umfragen greifbar wird: Das Vertrauen in die USA als verlässlichen Bündnispartner sank in der ZMSBw-Befragung 2025 deutlich; zugleich nahm die Sorge um den Zusammenhalt der NATO zu. In einer solchen Lage wird Europa nicht „mehr Militarismus“ brauchen, sondern mehr Verantwortungsfähigkeit – und zwar in einem nüchternen Sinne: eigene Fähigkeiten, eigene industrielle Kapazitäten, eigene Resilienz.

Ukraine: Zustimmung, Ermüdung, Spaltung – und die Pflicht zur Ehrlichkeit

Die öffentliche Meinung zur Unterstützung der Ukraine zeigt, wie fragil Mehrheiten sein können, wenn Ziele unklar bleiben.

Eine ZDF-„frontal“-Umfrage Anfang 2025 fand eine Mehrheit für Waffenlieferungen, mit Ost-West-Unterschieden; auch eine Beteiligung der Bundeswehr an einer möglichen europäischen Absicherung einer Waffenruhe fand Zustimmung – wiederum mit deutlichen regionalen Differenzen. Eine Ipsos-Umfrage im Januar 2025 meldete dagegen: 48 Prozent wollten keine weiteren Waffenlieferungen; im Osten war die Ablehnung deutlich höher als im Westen.

Wer daraus nur „Verwirrung“ liest, unterschätzt die Logik demokratischer Meinungsbildung: Menschen fragen – zu Recht – nach Zweck, Risiko und Aussicht auf Erfolg. Wenn Politik diese Fragen mit moralischen Appellen ersetzt, statt sie zu beantworten, verliert sie Vertrauen. Und ohne Vertrauen ist weder Abschreckung glaubwürdig noch zivile Resilienz organisierbar.

Lektionen aus dem Balkan: Wie schnell Zustimmung kippen kann – und warum

Sie verweisen auf eine empirisch gut untersuchte Erfahrung aus dem Jugoslawien-Krieg – und dieser Rückblick ist mehr als Historie. Er ist Warnung.

Die von meiner verstorbenen Ehefrau Miliana Sohn vorgelegte Untersuchung zeigt, wie stark Meinungen in kurzer Zeit beweglich werden können, wenn politische Deutung, mediale Rahmung und moralische Dringlichkeit zusammenfallen. In den erhobenen Daten wird etwa sichtbar, dass im April 1999 68 Prozent die völkerrechtlich nicht legitimierten NATO-Luftangriffe als „richtig“ bewerteten – obwohl zugleich in der öffentlichen Debatte erhebliche Zweifel an Recht und Zweckmäßigkeit existierten. pdf Jugoslawien Krieg
Ebenfalls herausgearbeitet wird die Tendenz, dass Berichterstattung unter den Bedingungen moderner Kriege (Informationsasymmetrien, eingeschränkte Recherchemöglichkeiten, emotionale Bilder) leichter in Richtung „Sprachrohr“ einer Konfliktpartei kippen kann – und damit Urteilsfähigkeit durch Erregung ersetzt.

Die Lehre daraus ist unbequem: Überzeugungsarbeit ist notwendig, aber sie ist gefährlich, wenn sie zur Mobilmachung ohne Maß wird. Der Staat darf nicht Propaganda betreiben; er muss erklären. Und er muss Zweifel aushalten – gerade weil Zweifel der Preis der Freiheit ist.

Bevölkerungsschutz ist keine Nebensache, sondern die innere Seite der Abschreckung

Wer heute nur über Panzer, Munition und Brigadepläne spricht, versteht das 21. Jahrhundert nicht. Die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften liegt in Netzen: Strom, Kommunikation, Logistik, Gesundheit, Wasser, Daten.

Gerade in diesen Tagen kann man das konkret beobachten: Anfang Januar 2026 legte ein Brand an Hochspannungskabeln im Südwesten Berlins zehntausende Haushalte und Betriebe lahm – mit Folgen für Wärmeversorgung, Kommunikation und Pflegeeinrichtungen; die Ermittler bewerten den Vorgang als politisch motiviert.
Solche Ereignisse sind nicht bloß „Kriminalität“. Sie sind Stresstests für Staat und Gesellschaft – und sie zeigen, wie schnell aus Komfort Abhängigkeit wird.

Dazu passt, was die Forschung zum Bevölkerungsschutz seit Jahren sagt: Auf der Mikroebene – bei Vorräten, Wissen, Kompetenzen – gibt es Defizite, denen man mit Information und Weiterbildung begegnen müsse. Das BBK empfiehlt in seinem aktuellen Ratgeber, Haushalte sollten sich im Idealfall für rund zehn Tage selbst versorgen können; zumindest ein Grundvorrat für drei Tage sei ein sinnvoller Anfang. Wer solche Sätze belächelt, hat nicht verstanden, was Resilienz bedeutet: nicht Panik, sondern Handlungsfähigkeit. Und Handlungsfähigkeit entsteht nicht aus Angst, sondern aus Übung.

Was also tun? Drei Grundsätze für eine demokratische Sicherheitskultur

Erstens: Sicherheitspolitik braucht Klartext – ohne Übertreibung.
Der Satz „wir müssen kriegstüchtig sein“ kann nur dann verantwortbar sein, wenn er immer mit dem Zusatz gedacht wird: „um Krieg zu verhindern“. Das ist keine Rhetorik, sondern der Sinn von Abschreckung – und wurde so auch in parlamentarischen Debatten formuliert.

Zweitens: Bündnisfähigkeit nach außen verlangt Bürgerfähigkeit nach innen.
Mehr Geld, neue Strukturen, ein Wehrdienstmodell – all das kann notwendig sein. Aber es wird scheitern, wenn es nur als Verwaltungsreform betrieben wird. Die Umfragen zeigen: Zustimmung ist da, aber sie ist fragil und alters-/regionsabhängig. Genau deshalb braucht es eine ernsthafte, dauerhafte Sicherheitskommunikation – in Schulen, Kommunen, Medien, Verbänden – nicht als Kampagne, sondern als Bildung.

Drittens: Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Landesverteidigung gehören zusammen.
Der Staat selbst zieht diese Linie inzwischen deutlicher: Mit dem angekündigten „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ sollten Milliarden in Warnsysteme, Schutzräume, Fahrzeuge und gemeinsame Übungen fließen – gerade auch gemeinsam mit Bundeswehr und Hilfsorganisationen.
Das ist richtig. Wer im Ernstfall funktionieren will, muss im Frieden gemeinsam üben. Und wer im Frieden nicht investiert, wird im Ernstfall improvisieren – mit vermeidbaren Opfern.

Schluss: Die eigentliche Zumutung der Zeitenwende

Die Zeitenwende fordert nicht, dass die Deutschen „kriegsbereit“ werden. Sie fordert, dass sie erwachsen werden in Sicherheitsfragen: weniger Illusion, weniger moralische Selbstberuhigung, mehr Verantwortung.

Eine demokratische Öffentlichkeit wird immer skeptisch bleiben – und das ist gut so. Aber Skepsis darf nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Gleichgültigkeit ist die Einladung an die Unvernünftigen dieser Welt.

Die Aufgabe der Politik ist daher nicht, die Bevölkerung zu „überreden“, sondern sie zu befähigen: durch Ehrlichkeit über Risiken, durch Klarheit über Ziele, durch Schutz der Infrastruktur, durch Stärkung von Bundeswehr und Bündnissen – und durch einen Bevölkerungsschutz, der den Namen verdient.

Denn am Ende ist „Kriegstüchtigkeit“ – wenn das Wort überhaupt einen Platz haben soll – nur dann legitim, wenn sie der Friedensfähigkeit dient.

Ein intelligenter Späher für Innovation und Nachhaltigkeit

Im vergangenen Jahr ist ein Werkzeug entstanden, das leistet, was viele Strategiepapiere versprechen: Es macht aus Nachhaltigkeit konkrete Optionen. Nicht als moralische Pflichtübung, sondern als wirtschaftliche Suchbewegung – nach Märkten, Modernisierungspfaden, Produkten, Geschäftsmodellen. Und es tut das unter einer Bedingung, an der sonst ganze Programme hängen bleiben: ohne Zugriff auf interne Unternehmensdaten. Umgesetzt von der X-Creation Initiative gemeinsam mit CSCP und T-Systems.

Das ist kein Nebendetail. Es ist der Punkt.

Denn in vielen Häusern beginnt jede ernst gemeinte Analyse mit dem Satz: „Dafür brauchen wir erst die Daten.“ Dann folgen Schnittstellen, Abstimmungen, Freigaben, Berechtigungen. Monate vergehen, bevor überhaupt eine Frage beantwortet ist. In dieser Zeit ändern sich Vorschriften, Preise, Technologien – und die ursprüngliche Fragestellung gleich mit. Das eigentliche Problem ist daher selten Erkenntnismangel. Es ist Trägheit durch Vorbedingungen.

Der Opportunity Scout für Innovation und Nachhaltigkeit (AOSIS( dreht die Reihenfolge um. Erst Entscheidungsvorbereitung, dann – wenn nötig – Vertiefung. Erst Orientierung, dann Integration. Wer das unterschätzt, hat noch nie erlebt, wie schnell ein Vorstand „ja“ sagt, sobald eine Empfehlung nicht nur plausibel klingt, sondern nachvollziehbar begründet ist.

Was das System kann – und warum das zählt

Der Scout analysiert die digitale Reife eines Unternehmens, identifiziert technologische Entwicklungspotenziale und sucht nachhaltige Innovationschancen. Anschließend leitet er strategisch fundierte und umsetzungsnahe Handlungsempfehlungen ab. Das klingt technisch. In der Praxis heißt es: weniger Bauchgefühl, mehr belastbare Prioritäten.

Drei Leistungen sind entscheidend:

Erstens: Scouting. Das System beobachtet fortlaufend Märkte, Technologien, Regulatorik und wissenschaftliche Erkenntnisse. Nachhaltigkeit wird dabei nicht als Randbedingung mitgeführt, sondern als Suchkriterium. Die Frage lautet nicht: „Wie machen wir weiter wie bisher – nur sauberer?“ Sondern: „Wo liegt der nächste Vorteil, wenn wir CO₂, Ressourcen und Kreisläufe ernst nehmen?“

Zweitens: Bewertung. Chancen werden nach strategischem Fit, Marktpotenzial, Nachhaltigkeitswirkung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit eingeordnet. Nicht jede Idee wird zur Option, nicht jede Option zur Empfehlung. Genau diese Härte fehlt oft in Innovationsdiskussionen: Man sammelt, man klebt Post-its, man applaudiert – und am Ende bleibt die Liste. Hier bleibt eine Reihenfolge.

Drittens: Operationalisierung. Aus Bewertung werden nächste Schritte: Handlungsoptionen, Roadmaps, konkrete To-dos. Damit endet das System nicht im Analysepapier, sondern beginnt dort erst seine Wirkung.

Ein Designprinzip zieht sich durch alles: Transparenz. Ergebnisse sind nachvollziehbar, prüfbar und mit Quellen sowie Analysepfaden hinterlegt. Das ist mehr als Hygiene. Es ist der Unterschied zwischen „KI hat gesagt“ und „wir können es vertreten“.

Was ein Mittelständler daran lobt

Ein Projektteilnehmer aus dem deutschen Mittelstand beschreibt den Nutzen mit einer Präzision, die man in PR-Texten selten findet – und die deshalb glaubwürdig ist. Er schreibt:

„Der AI Opportunity Scout liefert auch ohne die Anbindung unternehmensinterner Daten ein überraschend fundiertes, IT-getriebenes Analysepapier, das unsere aktuelle Situation weitgehend realistisch abbildet. Besonders überzeugt haben uns die Einschätzung unserer digitalen Reife, des technologischen Modernisierungspotenzials sowie die Einordnung industrieller Datenräume und der SAP-Cloud-Kompatibilität.

Die Detailauswertungen sind umfangreich, verständlich und klar auf unsere Kernkompetenzen und deren Weiterentwicklung fokussiert. Die strategischen Vorschläge sind gut durchdacht und integrieren Sustainability- und Circularity-Aspekte auf sinnvolle Weise.

Für das C-Level dienen viele Erkenntnisse weniger der Überraschung als vielmehr der Bestätigung und Legitimation, notwendige strukturelle Veränderungen zeitnah anzugehen. In der weiteren Entwicklung sehen wir vor allem Potenzial in einer noch stringenteren Struktur und klareren Entscheidungslogik.“
— Projektteilnehmer, deutsches Mittelstandsunternehmen

Zwei Sätze daraus sind der Kern des ganzen Projekts.

„Realistisch“ – das ist der Ritterschlag, wenn man ohne interne Daten arbeitet. Und „Legitimation“ – das ist der eigentliche Ertrag in Organisationen, die längst wissen, was zu tun wäre, aber für den Schritt den letzten, belastbaren Grund brauchen.

Hier liegt die stille Stärke: Das System produziert nicht nur Erkenntnisse. Es verschafft ihnen Durchsetzungskraft.

Warum Nachhaltigkeit hier kein Zusatz ist

Viele Unternehmen behandeln Nachhaltigkeit wie eine zweite Spur neben dem Geschäft. Abarbeitung statt Angriff. Das rächt sich. Denn Nachhaltigkeit ist längst in Preise, Lieferketten, Ausschreibungen, Finanzierung und Personalgewinnung eingesickert. Wer sie nur verwaltet, wird verwaltet.

Der Scout setzt anders an: Er übersetzt Nachhaltigkeitsanforderungen in Geschäftsoptionen. Er fragt nach Kreislaufpotenzialen, nach CO₂-Effekten, nach technologischen Sprüngen, nach der Anschlussfähigkeit an industrielle Datenräume, nach Cloud-Kompatibilität – also nach den Hebeln, an denen Wettbewerbsfähigkeit hängt. Die Logik ist nicht „grüner werden“. Die Logik ist „besser werden – und dabei grüner“.

Worin die Besonderheit liegt

Die Besonderheiten sind keine Schlagworte, sondern praktische Antworten auf typische Blockaden:

  • Unternehmensspezifische Ergebnisse ohne Zugriff auf sensible interne Daten: schneller Start, weniger Reibung, geringere Hürden.
  • Mensch in der Schleife: KI als Scout, nicht als Richter. Bewertung bleibt kuratiert, nicht blind automatisiert.
  • Fokus auf Umsetzbarkeit: Roadmaps statt Ideensammlungen.
  • Nachhaltigkeit als Innovationsfaktor: nicht Dekoration, sondern Kriterium der Auswahl.

Dass ein Teilnehmer dennoch „noch stringenter“ und „klarere Entscheidungslogik“ fordert, ist kein Makel. Es ist ein Kompliment mit Anspruch: Das Fundament trägt, jetzt zählt Feinschliff.

Warum dieses Projekt Wertschätzung verdient

Weil es ein reales Problem löst, nicht ein theoretisches. Weil es die teuerste Phase vieler Transformationsvorhaben abkürzt: den zähen Anlauf. Weil es dort wirkt, wo Unternehmen scheitern, obwohl sie klug sind: beim Priorisieren, Begründen, Entscheiden.

Und weil es Nachhaltigkeit in eine Sprache übersetzt, die in Geschäftsführungen verstanden wird: Optionen, Wirkung, Aufwand, Reihenfolge.

Im vergangenen Jahr ist damit nicht einfach ein Prototyp entstanden. Sondern eine Methode in Systemform: scouten, bewerten, operationalisieren – transparent, prüfbar, anschlussfähig. Wer heute aus Nachhaltigkeit Wertschöpfung machen will, braucht weniger Pathos und mehr solche Werkzeuge.

Hier geht es zu dem Beitrag auf Smarter-Service:

Kollaps als Lifestyle und Geschäftsmodell

Ob es um Künstliche Intelligenz, Krieg, Klima, Inflation oder „die Demokratie“ geht: Untergangspropheten bewegen sich erstaunlich sicher in einer Komfortzone des Schlauermeiertums. Als Alarmglocken-Lautsprecher hat man in fast jedem Diskurs-Szenario recht – zumindest rhetorisch. Tritt das Unheil ein, war man natürlich der Einzige, der es „schon immer“ wusste. Bleibt der große Knall aus, ist das fast noch besser: Dann waren es eben die eigenen Warnungen, die die Welt gerettet haben. Den Rest erledigen die Vergesslichkeit des Publikums, die Kunst der Umdeutung und die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Wer „Kollaps!“ ruft, wird zitiert, eingeladen, geteilt.

Das Muster ist alt, nur die Bühne hat gewechselt. Früher predigten barfüßige Propheten in den 1920ern den Niedergang und verkauften ihre Heilslehren gleich mit. Heute geschieht das in Podcasts, auf Konferenzbühnen, in YouTube-Essays und LinkedIn-Threads – oft mit perfekt ausgeleuchtetem Hintergrund und dem Gestus des „Ich sage euch die Wahrheit, die ihr nicht hören wollt“.

Apokalypse mit Abo-Modell

Das Kuriose am modernen Untergangsgewerbe: Es lebt von einem System, das es verachtet. Der „Kollaps“ wird über Plattformen verbreitet, die man gleichzeitig für alles Übel verantwortlich macht; monetarisiert über dieselben Mechaniken, die man als „kapitalistische Gehirnwäsche“ verdammt: Reichweite, Engagement, Klicks, Spenden, Subscriptions. Doom sells.

Dazu passt der neue Soundtrack der Gegenwart: „Polykrise“ – ein Sammelbegriff für die Überlagerung vieler Probleme, der sich hervorragend eignet, aus Komplexität eine permanente Endzeitstimmung zu destillieren. Selbst wohlmeinende Stimmen beschreiben damit eine Welt, die sich wie ein zerbrochenes Gefäß anfühlt: alles hängt mit allem zusammen, alles ist fragil, alles kippt gleich.

Nur: Aus der Diagnose wird oft eine Pose. Wer „Polykrise“ sagt, meint nicht selten „Ich habe recht, egal was passiert“.

KI: Reale Umbrüche, maximal aufgeblasen

Ein besonders dankbares Feld ist die KI. Es gibt seriöse Warnungen, es gibt ernsthafte Risiken – und es gibt den reflexhaften Sprung von „Umbruch“ zu „Weltuntergang“. Wenn die Chefin des IWF schreibt, KI werde weltweit rund 40% der Jobs betreffen (ersetzen oder ergänzen) und könne Ungleichheit verschärfen, ist das eine wichtige, nüchterne Aufforderung zur Vorbereitung – kein Freifahrtschein für Endzeit-Opern.

Trotzdem funktioniert die Übertreibung in beide Richtungen bestens:

  • Die einen malen Massenarbeitslosigkeit als unausweichliche Schicksalskurve.
  • Die anderen verkaufen „Disruption“ als Naturgesetz, dem man sich gefälligst zu fügen hat.
    In beiden Fällen ist der Effekt ähnlich: Ohnmacht wird zur Grundhaltung – entweder als Angst oder als Zynismus.

Und selbst dort, wo KI-Sicherheitsforscher wirklich versuchen, Risiken zu benennen, entsteht schnell eine mediale Dramaturgie, die alles in Apokalypse übersetzt: Bürohäuser, in denen „AI doomers“ an Szenarien arbeiten, die von Putsch bis Auslöschung reichen – und in der öffentlichen Wahrnehmung wird daraus dann leicht: „Sie wissen, dass es vorbei ist.“

Bunker-Romantik: Wenn die Elite den eigenen Kollaps nachstellt

Noch deutlicher wird der Wohlstands-Widerspruch beim Prepper-Luxus. Während manche den gesellschaftlichen Zusammenbruch als quasi sichere Zukunft erzählen, kaufen oder bauen sich Teile der Superreichen unterirdische Rückzugsräume – teils als Lifestyle-Accessoire, teils als ernst gemeinte Exit-Option. Apokalypse, aber bitte mit Designerbad und Sicherheitsdienst.

Das ist die egozentrische Spitze des Kollaps-Denkens: Nicht „Wie verhindern wir, dass es schlimm wird?“, sondern „Wie komme ich da durch?“ Aus Politik wird Privatversicherung, aus Gemeinsinn wird Fluchtplanung. Und wer sich den eigenen Bunker mental schon eingerichtet hat, muss sich im Hier und Jetzt weniger anstrengend mit demokratischen Kompromissen abgeben.

Fatalismus ist keine Analyse – er ist ein Betäubungsmittel

Das eigentlich Giftige an dieser Rhetorik ist nicht ihre Dunkelheit, sondern ihre Lähmung. Wer Menschen dauerhaft einredet, alles sei verloren, produziert Resignation. Und Resignation ist der beste Freund der Strukturen, die man doch angeblich verändern will.

Dazu kommt ein zweiter Verstärker: der Zustand des Informationsraums. Wenn Vertrauen in Medien auf neue Tiefstände fällt, gedeihen einfache „Alles ist Manipulation“-Erzählungen – und damit auch der Reflex, jedes Ereignis als Beweis für den bevorstehenden Endkollaps zu lesen.

Ein kurzer Realitätsschnitt: Die Welt ist nicht heile – aber auch nicht am Ende

Ja: Fortschritt ist ungleich verteilt. Ja: Armut sinkt nicht mehr so schnell wie früher, Rückschläge sind real. Der Weltbank zufolge leben rund 700 Millionen Menschen in extremer Armut (etwa 8,5% der Weltbevölkerung) – und der Rückgang stagniert.

Aber gerade deshalb ist das Dauergeheul vom „Alles wird immer schlimmer“ intellektuell billig. Global ist die Lebenserwartung langfristig stark gestiegen; Our World in Data verweist für 2023 auf einen globalen Durchschnitt von rund 73 Jahren und eine historische Verdopplung seit 1900.

Das ist kein „Alles ist gut“-Sticker. Es ist der Hinweis: Wer nur Untergang sieht, macht Erfolge unsichtbar – und ohne sichtbare Erfolge fehlt der Treibstoff, um Probleme überhaupt politisch anzugehen.

Was hilft statt Crash-Gebrüll?

Konstruierte Krisengewissheiten führen zur Erstarrung. Sie machen aus komplexen Aufgaben moralische Endspiele. Dabei werden Krisen auch künftig kommen – mit überraschenden Sollbruchstellen. Nur folgt daraus nicht „Reset“, sondern handwerkliche Politik:

  • Soziale Sicherungsnetze und Weiterbildung, damit KI/Automatisierung nicht zur Abstiegslotterie wird.
  • Wettbewerb und Interoperabilität, damit Plattformmacht nicht als Naturgesetz gilt.
  • Transparenz, Haftung, Audits, damit Technikfolgen nicht im Nebel bleiben.
  • Demokratische Geduld: kleine, überprüfbare Schritte statt Erlösungsfantasien nach dem großen Brand.

Untergang ist eine bequeme Erzählung für Leute, die Recht behalten wollen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Wer wirklich etwas ändern will, braucht weniger Pathos und mehr Präzision: pragmatisch, skeptisch – und in kleinen Schritten.

Siehe auch:

Die Konjunktur beginnt im Kopf: 2026 im Schatten der Skepsis

Seit Jahren untersuche ich einen Befund, der in seiner Schlichtheit fast anstößig wirkt, weil er den großen Apparaten der Prognoseindustrie die Würde nimmt. Ein Informatikprofessor – Karl Steinbuch – hat Ende der siebziger Jahre etwas entdeckt, das man, wäre es eine technische Erfindung, längst patentiert und in eine Maschine eingebaut hätte: Die Stimmung der Menschen, abgefragt mit einer einzigen, beinahe altmodisch klingenden Frage, läuft der Konjunktur voraus. Erst Zuversicht, dann Wachstum. Nicht umgekehrt.

Allensbach stellt diese Frage seit 1949 jeweils zum Jahresende: „Sehen Sie dem Neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ Und Steinbuch fand: Der Anteil der „Hoffnungen“ korreliert mit dem späteren realen Sozialprodukt, ja er eilt ihm voraus – und zwar in Zyklen von vier bis fünf Jahren. Das ist unerquicklich für jene, die an den Reiz des Komplexen glauben; für die Konjunkturprognose wird dort mit mathematischer Prachtentfaltung gearbeitet, wo vielleicht zunächst ein feineres Ohr nötig wäre.

Nun liegen die neuen Werte vor – und sie sind, wie das Land, das sie hervorbringt, von einer eigentümlichen Farbarmut. Für 2026 sagen 33 Prozent „mit Hoffnungen“, 29 Prozent „mit Befürchtungen“, 29 Prozent „mit Skepsis“, 9 Prozent sind unentschieden. Das ist kein Absturz ins Dunkle, eher ein Absinken in ein graues Zwischenlicht. Es ist bemerkenswert, dass die Verschiebung gegenüber dem Vorjahr minimal ist: Die Hoffnungen sinken um einen Punkt, die Befürchtungen ebenfalls, während die Skepsis leicht steigt. Der Regierungswechsel im Frühjahr 2025 hat daran nichts Entscheidendes geändert. Die Politik hat die Stimmung nicht gedreht; sie hat sie höchstens verwaltet.

Wenn Zuversicht ein Konjunkturfaktor ist

Man kann die Sache psychologisch zuspitzen: In modernen Volkswirtschaften ist nicht nur die Steuerlast, nicht nur das Arbeitsrecht, nicht nur der Weltmarkt entscheidend – sondern auch der Gleichschritt. Erst wenn viele, aus ganz unterschiedlichen Motiven, zugleich zögern oder zugleich zugreifen, entsteht jene Durchschlagskraft, die Aufschwung und Abschwung „schicksalhaft“ erscheinen lässt. Genau hier liegt die Pointe der Allensbacher Frage: Sie fragt nicht nach dem BIP, nicht nach Inflationsraten, nicht nach Exportquoten. Sie fragt nach der inneren Neigung, der Zukunft einen Vertrauenskredit zu geben.

Robert Shiller hat (gemeinsam mit George Akerlof) die Ökonomie daran erinnert, dass „Animal Spirits“ nicht dekoratives Beiwerk sind, sondern ein Triebwerk: Stimmungen verändern die Geschichten, die sich eine Gesellschaft über sich selbst erzählt – und diese Geschichten verbreiten sich wie Lauffeuer. Wenn das Narrativ lautet, „es geht wieder“, wird investiert; lautet es, „es wird enger“, wird gehortet. Dass solche Erzählungen sich statistisch nur indirekt greifen lassen, ist kein Einwand, sondern der Grund, warum die indirekte Messung – wie hier – so wertvoll sein kann.

Dr. Oliver Bruttel hat das in einem Fachbetrag für den Wirtschaftsdienst unter der Headline „Bevölkerungsstimmung als Indikator für das Wirtschaftswachstum“ untersucht. Der Anteil der „Hoffnungen“ korreliert über lange Zeiträume deutlich mit dem späteren Wachstum; im untersuchten Zeitraum lag der Korrelationskoeffizient für 1967–2012 bei 0,68. Noch pikanter: Diese simple Bevölkerungsstimmung ist – zumindest in dieser Untersuchung – ähnlich treffsicher wie die professionellen Prognosen von Sachverständigenrat und Gemeinschaftsdiagnose, teilweise sogar stärker.

Das ist nicht die Behauptung, die Masse sei klüger, weil sie „mehr weiß“, sondern weil sie anders weiß: Sie bündelt kleine Beobachtungen aus Betrieben, Verwaltungen, Küchen und Werkhallen – Dinge, die in Modellen spät oder gar nicht auftauchen. Bruttel spricht hier auch von einem möglichen Informationsvorsprung aus dem persönlichen Umfeld und verweist auf die „Weisheit der Vielen“.

33 Prozent Hoffnung: Was sagt das über 2026?

Die Zahl 33 ist unerquicklich niedrig. In den historischen Reihen – man erinnert sich an die großen Stimmungseinbrüche bei Ölkrisen, in Rezessionsjahren oder in der Finanzkrise – markieren Werte in den niedrigen Dreißigern häufig ein Klima, in dem Expansion nicht selbstverständlich ist. bevoelkerungsstimmung-als-indik… Zugleich ist es aber ein Fehler, aus einer Zahl moralische Dramatik zu destillieren. Entscheidend ist das Profil: Nicht die Befürchtungen dominieren, sondern die Mischung aus Befürchtung und Skepsis; das ist ein Land, das weniger Angst hat als Müdigkeit.

Und Müdigkeit ist ökonomisch unerquicklich. Sie führt zu aufgeschobenen Käufen („Wir warten lieber noch“), vertagten Investitionen („Erst mal sehen“), zur Vorliebe für Liquidität, also zur kleinen Alltagsform der Rezession. Der Konjunkturzyklus wird dann nicht durch den großen Schock entschieden, sondern durch Millionen kleine Nicht-Entscheidungen.

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) passt mit seiner Prognose in dieses Bild: Für 2026 werden nur 0,7 Prozent Wachstum erwartet, nach einer erneuten Senkung der Erwartung; 2027 soll es mit 0,9 Prozent leicht besser werden.

Die Begründung, die dort genannt wird, ist strukturell und darum schwerer zu heilen als eine normale Delle: Die Industrie – das „Herzstück“ – habe dramatisch an Wettbewerbsfähigkeit verloren; Produkte aus Deutschland seien immer öfter nicht mehr konkurrenzfähig. pdf Hoffnungen Befürchtungen 2… Dazu kommt der düstere Satz, die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten schrumpften, der Wohlstand werde weiter sinken – eine Art negative Prosperität: Zahlen nach oben, Gefühl nach unten.

Wenn das stimmt, dann erklärt es auch, warum 33 Prozent Hoffnungen nicht automatisch 33 Prozent Verzweiflung bedeuten. Man kann in einem Land leben, das sich noch bewegt, aber nicht mehr an sein Vorankommen glaubt.

Röpke, die Massenstimmung und der „tote Punkt“

Wer heute Wilhelm Röpke liest – „Krise und Konjunktur“, 1932 –, liest nicht nur einen Ökonomen, sondern einen Diagnostiker der seelischen Übertreibungen. Er beschreibt diese geistigen Massenepidemien: Im Aufschwung glaubt man an ewige Prosperität, in der Depression redet man vom Ende des Kapitalismus. Und er setzt den Finger auf den Punkt, der für 2026 so unerquicklich aktuell ist: Ungewissheit, mangelhafte Information, Unsicherheit der Zukunft schaffen Raum für Vermutungen – und für stark gefühlsgetönte Prognosen. Gerade dort wächst die Suggestivkraft der Stimmung.

Das ist keine Romantik gegen Zahlen; es ist die Erinnerung, dass Zahlen nicht handeln, Menschen handeln. Und Menschen handeln nach ihrer Meinung über Tatsachen, nicht nach Tatsachen selbst. Wenn die dominierende Meinung lautet, Deutschland verliere seine industrielle Selbstverständlichkeit, dann wird jede Investition zu einer Mutprobe. Wenn der dominierende Eindruck lautet, Reformen gingen „in die falsche Richtung“ oder blieben halbherzig, dann verfestigt sich Skepsis zu Routine.

Röpke nennt das Seelische eine aktive Kraft, wenn es darum geht, den „toten Punkt“ der Depression zu überwinden – also jenen Moment, in dem eigentlich alles bereit wäre, aber niemand den ersten Schritt wagt. Genau daran erinnert die Allensbacher Kurve: Sie ist weniger Thermometer als Zündschnur.

Drei Bilder für 2026

Das Jahr der zähen Normalität (Basisszenario).
33 Prozent Hoffnung und ein großer Block aus Skepsis deuten auf ein Jahr, in dem die Wirtschaft nicht abstürzt, aber auch nicht „anspringt“. Das passt zu einem Wachstum um die Größenordnung, die HRI nennt: irgendwo im Bereich unter 1 Prozent, begleitet von dem Gefühl, dass es zu wenig ist, um Verluste der letzten Jahre wettzumachen.

Das Jahr der verschobenen Entscheidungen (Risikoszenario).
Wenn Skepsis in einen breiten Investitions- und Konsumaufschub kippt – ausgelöst durch Energie-, Standort-, Regulierungs- oder Weltmarktrisiken –, kann aus „verhalten“ schnell „negativ“ werden. Das ist das tückische an Stimmungen: Sie müssen nicht dramatisch sein, um wirksam zu werden. Ein paar Prozentpunkte mehr Zögern reichen.

Das Jahr der neuen Erzählung (Chancenszenario).
Weil Stimmungen nicht nur reagieren, sondern auch vorauslaufen, kann eine glaubhafte Reform- und Zukunftserzählung – nicht als PR, sondern als sichtbare Ordnungspolitik – schneller wirken als viele annehmen. Das wäre die positive Lesart von Steinbuch: Erst Optimismus, dann Wachstum. Nur: Optimismus lässt sich nicht verordnen, er entsteht aus erlebter Plausibilität.

Was die Allensbacher Frage im Kern misst

Der eigentliche Wert dieser Frage liegt darin, dass sie nicht nach „Wachstumserwartung“ fragt. Sie zwingt niemanden in die Expertenpose. Sie fragt nach dem Grundgefühl gegenüber dem Kommenden – und damit nach jener Bereitschaft, Risiken einzugehen, Pläne zu machen, Ausgaben zu verantworten. Der Wirtschaftsdienst-Artikel betont genau diese psychologische Dimension und erklärt, warum die Bevölkerungsstimmung trotz fehlender expliziter Wirtschaftsfrage eine erstaunliche Prognosekraft entfalten kann.

Für 2026 heißt das: Wir bekommen – mit hoher Wahrscheinlichkeit – kein „Wunderjahr“. Aber auch kein Jahr des großen Absturzes. Wir bekommen eher ein Jahr, in dem Deutschland weiter arbeitet, weiter exportiert, weiter organisiert – und doch mit angezogener Handbremse lebt. Das Entscheidende ist nicht die Null vor dem Komma, sondern die Frage, ob aus Skepsis wieder Zuversicht werden kann. Denn erst dann wird aus Wachstum wieder Aufschwung: nicht als Zahl, sondern als gesellschaftliche Bewegung.

Der europäische Damm gegen den Ozean: Carsten Brosda hat recht. Und genau das ist das Problem. @FAZ_Feuilleton

Selten ist die neue Gemengelage aus generativer KI, Plattformkapitalismus und demokratischer Öffentlichkeit so klarsichtig beschrieben worden wie in dem FAZ-Gastbeitrag von Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg und Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Eine „Melange aus kapitalistischer Landnahme, intellektueller Enteignung und kultureller Kolonisierung“ nennt er das. Für einen amtierenden Senator ist das erstaunlich klare Sprache. Die Diagnose sitzt. Der Patient liegt auf dem Tisch. Und dann ruft der Arzt die Einsetzung einer Kommission aus.

Dämme, überall Dämme. Brosda will regulative Dämme errichten, bevor die Datenflut den Raum der gemeinsamen Verständigung überschwemmt. KI müsse haftbar werden, Plattformen seien als Inhalteanbieter zu behandeln, Medienaufsichten neu zu sortieren, Medienstaatsverträge zügig zu überarbeiten. Wer wollte bestreiten, dass all das sinnvoll klingt. Die Frage ist nur, warum diese Architektur wirkt wie eine minutiös geplante Verteidigungslinie in einem Krieg, den wir längst auf fremdem Terrain führen.

Das vertraute Drehbuch vom europäischen Weg

Denn der Text folgt einem vertrauten europäischen Drehbuch. Er beginnt bei der realen Machtverschiebung, von Verlagen zu Plattformen, vom Journalismus zu Intermediären. Am Ende landet er wieder bei jener Formel, die seit Jacques Chirac, Gerhard Schröder, Emmanuel Macron und Ursula von der Leyen wie eine Beschwörungsformel über jedes Strategiedokument geschrieben wird. Europa brauche einen eigenen dritten Weg der Digitalisierung.

Dass dieser dritte Weg seit rund zwanzig Jahren vor allem als Präsentation, Förderkulisse und Sonntagsrede existiert, gehört zu den zuverlässigsten Konstanten der europäischen Techpolitik. Man beschwört die Eigenständigkeit, während man im Alltag amerikanische Cloud-Dienste nutzt, chinesische Hardware verbaut und die eigenen Bürgerinnen und Bürger in soziale Infrastrukturen einmietet, deren Bedingungen anderswo festgelegt werden.

Brosda weiß das. Er beschreibt präzise, wie der erste Digitalisierungsschub in eine veritable Abhängigkeit geführt hat. Inhalte werden weiterhin in Europa produziert, aber der Zugang zum Publikum ist an Plattformen delegiert, deren Geschäftsmodelle von der Auswertung eben dieser Inhalte leben. Dass er dieses Arrangement kritisiert, ehrt ihn. Dass er am Ende trotzdem dort landet, wo alle landen, beim Ruf nach mehr Regulierung und mehr Medienstaatsvertrag, zeigt das eigentliche Drama.

Europa als Notar der Digitalisierung

Dieses Drama besteht darin, dass Europa sich in der digitalen Epoche vor allem als notarielle Instanz versteht. Es beglaubigt jene Realität, die anderswo entworfen und gebaut wurde. Während in Kalifornien und Shenzhen die Infrastruktur der kommenden Jahrzehnte entsteht, debattiert Brüssel über Erwägungsgründe und Berlin über die Zuständigkeit der Landesmedienanstalten.

Man kann das als zivilisatorische Tugend deuten. Jemand muss ja die Frage stellen, ob eine demokratische Öffentlichkeit etwas anderes ist als ein Nebenprodukt datengetriebener Werbemärkte. Aber man sollte sich nicht einreden, es handele sich dabei um eine gleichberechtigte Form der Macht. Wer nur noch Dämme baut, hat die Entscheidung darüber, wo der Fluss verläuft, längst aus der Hand gegeben.

Hinzu kommt: Der europäische Rechtsoptimismus setzt voraus, dass der Gegenstand, den er bändigen will, sich noch in einem beherrschbaren Maßstab befindet. Brosda beschreibt selbst das Gegenteil. Plattformen sortieren nicht mehr nur Inhalte, sondern produzieren sie. Systeme schöpfen mit hoher Rechenleistung aus dem Archiv menschlicher Werke, ohne sich um Vergütung oder Verantwortung zu kümmern. Gegen diese Architektur soll nun der Medienstaatsvertrag der Länder gewappnet werden, ergänzt um Haftungsregeln und ein geschärftes Leistungsschutzrecht.

Das ist, als würde man versuchen, ein Kreuzfahrtschiff zu stoppen, indem man die Hausordnung des Hafens präzisiert.

Der blinde Fleck: eigene Infrastruktur statt nur neue Regeln

Der blinde Fleck in Brosdas Text ist nicht die Regulierung, die ist berechtigt und dringend. Der blinde Fleck ist die Frage nach der eigenen Infrastruktur. Der Text denkt die Welt von oben nach unten: von der Norm zur Anwendung, vom Vertrag zum Verhalten. Die digitale Öffentlichkeit wird aber längst umgekehrt gebaut, von der Anwendung zur Norm, vom Verhalten zum Vertrag. Das Recht läuft hinterher, nicht voraus.

Brosda fordert Haftung für KI-Inhalte, Kennzeichnungspflichten, Transparenz über Quellen. Doch die entscheidende politische Frage taucht nicht auf: Wo verankern wir jene Inhalte, die wir als demokratisch relevant betrachten. Wo liegen Archive, Protokolle, Analysen. Bei uns oder bei ihnen.

Wer dieser Frage ausweicht, landet zwangsläufig bei einer Feuerwehrpolitik. Wir löschen hier, wir dämmen dort, wir veröffentlichen Leitlinien. Währenddessen verschiebt sich die tatsächliche Organisationsmacht weiter in Richtung privater Infrastrukturen, für die Europa dann nachträglich die Fußnoten formulieren darf.

Vom Damm zur Parasitenstrategie

Eine andere Metapher wäre daher hilfreicher als der Damm, die des Parasiten. Nicht im moralischen, sondern im systemischen Sinn. Michel Serres hat den Parasiten als Störer beschrieben, der sich in bestehende Ordnungen einnistet, von ihnen lebt und sie gerade dadurch verändert. Wirt und Parasit sind keine einfache Täter-Opfer-Konstellation, sondern ein Spannungsfeld, in dem beide Seiten ihr Verhalten anpassen müssen.

Übertragen auf die Gegenwart heißt das: Wir werden die Plattformimperien nicht in absehbarer Zeit verdrängen. Weder Hamburg noch Brüssel werden eine konkurrenzfähige Suchmaschine, eine globale Alternative zu Cloud, Social Media und KI aus dem Boden stampfen. Schon gar nicht im Tempo der aktuellen Entwicklungssprünge.

Was wir aber können, ist ein parasitäres Verhältnis zu diesen Imperien entwickeln. Sie als Wirte nutzen, nicht als Heimat. Eigene Server, eigene Publikationen, eigene Datenräume, und erst dann der Gang in die Feeds. Parasitäres Verhalten bedeutet, die Infrastruktur des Wirtstiers zu verwenden, ohne die eigene Existenz an dessen Wohl und Laune zu koppeln.

Das ist im besten Sinn bürgerliche Selbstverteidigung. Medienhäuser, Behörden, Parlamente und auch einzelne Bürgerinnen und Bürger, die ihre digitalen Häuser auf eigenem Grund errichten und die Plattformen nur als Straße dorthin verwenden. Kein großer Wurf, keine nationale KI Cloud, sondern eine stille, aber wirksame Verschiebung der Abhängigkeiten.

Der ewige europäische dritter Weg

Brosda setzt dagegen auf den europäischen dritten Weg, der am Ende wie eine alte Parole klingt, in die man das Wort KI hineingeschoben hat. Europa brauche eigene Technologiekompetenz, offen, gesellschaftszentriert, kollaborativ. Das liest sich gut, solange niemand die Frage stellt, warum diese Kompetenz ausgerechnet jetzt entstehen sollte, nachdem sie bei Cloud, Suchmaschinen, Betriebssystemen, Plattformen und nun auch bei KI ausblieb.

Was bleibt, ist die Rolle des regulierenden Zuschauers. Wir schärfen das Wettbewerbsrecht, wir justieren das Urheberrecht, wir hoffen, dass das Leistungsschutzrecht diesmal besser greift. Es ist die Rolle eines Kontinents, der seine Zukunft nicht mehr baut, sondern kommentiert.

Haus bauen statt Dämme predigen

Man kann Brosdas Beitrag als ehrlichen Versuch lesen, im Rahmen seiner Möglichkeiten gegenzusteuern. Man kann ihm nicht vorwerfen, die Gefahr zu verharmlosen, das tut er nicht. Gerade weil die Analyse so klar ist, wirkt der therapeutische Teil umso hilfloser.

Europa will den Ozean der Plattform und KI Mächte mit immer raffinierteren Dammkonstruktionen beantworten, statt die eigene Flotte in Ordnung zu bringen. Wir reden von Medienstaatsverträgen, während die Infrastruktur unserer Kommunikationsräume täglich weiter privatisiert wird. Wir beschwören den dritten Weg, während wir uns faktisch längst entschieden haben, für ein Leben als Mieter in fremden Häusern.

Vielleicht wäre es ehrlicher, den europäischen Weg nicht länger als großen Wurf zu verkaufen, sondern als das, was er derzeit ist: eine parasitäre Existenz in den Imperien anderer. Wenn wir schon keine eigenen Plattformkaiser hervorbringen, sollten wir wenigstens gute Parasiten werden, schwer zu verdauen, störend im Signal, mit eigener Verdauung und eigenem Gedächtnis.

Die Frage ist nicht, ob Brosdas Dämme halten. Die Frage ist, ob wir irgendwo noch ein eigenes Haus haben, wenn sie brechen.