Biokunststoffe: Die endlose Täuschung – 15 Jahre Stillstand im grünen Gewand

Vor rund 15 Jahren habe ich für einen Beitrag im Handelsblatt intensiv das Thema Biokunststoffe oder biologisch abbaubare Plastikverpackungen untersucht. Der Tenor damals: Laut vielen Experten sind Biokunststoffe vor allem in der Theorie ökologisch.

Biokunststoffe umfassen zum einen Kunststoffe, die auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden und biologisch abbaubar sein können – aber nicht müssen. Zum anderen wird der Begriff für biologisch abbaubare Kunststoffe verwendet, die entweder aus nachwachsenden Rohstoffen oder auf Mineralölbasis produziert werden. In einer Schnittmenge beider Definitionen liegen Materialien wie Zelluloid oder kunststoffbasierte Stärkeprodukte. Besonders unübersichtlich ist die Gruppe der biologisch abbaubaren Kunststoffe. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Faktoren, unter denen sie unterschiedlich schnell zerfallen – im Wesentlichen Sonnenlicht (UV-Licht), Sauerstoff, Wärme, Feuchtigkeit, mechanische Belastung und mikrobiologische Prozesse, wie sie bei der Kompostierung auftreten. Einige Biokunststoffe reagieren nur auf einen dieser Einflüsse, andere auf mehrere, und wieder andere benötigen eine Kombination, wie etwa beim oxo-thermischen Abbau (Sauerstoff und Wärme).

Die Reaktionen in der Entsorgungsbranche fielen damals skeptisch aus. Die oft geheimen Rezepturen der Hersteller weckten das Misstrauen der Betreiber von Kompostwerken. Selbst wenn die Mischungen ökologisch einwandfrei wären, bliebe ein gravierendes Problem: Die Betreiber bezweifelten nicht nur die biologische Abbaubarkeit – sie widerlegten sie sogar. Das Amt für Abfallwirtschaft und Stadtreinigung in Heidelberg berichtete von eigenen Kompostierungsversuchen mit biologisch abbaubaren Verpackungen. Dabei zeigte sich, dass Biofolien auch nach rund sechs Monaten noch nicht verrottet waren. Da der Rotteprozess im Heidelberger Kompostwerk verfahrenstechnisch auf zehn Wochen begrenzt ist, werden die Biotüten zusammen mit anderen Störstoffen maschinell aussortiert und als Restmüll entsorgt. Am Ende landet der vermeintlich nachhaltige Kunststoff in der Müllverbrennung.

Moderne Kompostwerke arbeiten schneller, als Biokunststoffe zerfallen können. Kommen diese in die Anlagen, laufen die Betreiber Gefahr, dass sie den Kompost nicht mehr vertreiben dürfen. Die Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. in Köln hat klare Vorgaben: Kompost mit mehr als 0,5 Prozent Fremdstoffen darf nicht abgegeben werden. Hinzu kommt die Verwechslungsgefahr zwischen herkömmlichen Kunststoffen und Biokunststoffen. Letztere tragen sogar aktiv dazu bei, dass der Fremdstoffanteil überschritten wird. Wenn Biokunststoffe in der Verrottung schneller zerfallen, entstehen unter Umständen kleine Bruchstücke und Folienfetzen, die sich nicht vollständig absieben lassen. Für die Anlagenbetreiber wäre dies ein GAU: Der Kompost müsste als Restmüll kostenpflichtig entsorgt werden, und fehlerhafte Chargen könnten zurückgefordert werden. So viel zu meiner damaligen Recherche und dem Handelsblatt-Artikel von 2009 – hier nur in Auszügen dargestellt.

Und was sagt der Sprecher von Bonn Orange auf meine Presseanfrage zu den Störstoffen in den grünen Tonnen im Jahr 2024?

Die bonnorange AöR möchte eine selbstlernende, innovative Technologie testen, um Rückschlüsse auf die Qualität des Biomülls zu ziehen und zu prüfen, ob Maßnahmen zur Vermeidung von Kunststoffen im Biomüll greifen. „Die Verwertungsanlage hat ein Rückweisungsrecht für Biogut, wenn mehr als 3 Prozent Fremdstoffe in der Frischmasse enthalten sind. Ab Mai 2025 gilt ein verschärfter Kontrollwert von 1 Prozent für Kunststoffe“, erklärte der Sprecher.

„Biologisch abbaubare Plastiktüten oder Beutel aus biobasierten Kunststoffen gehören nicht in die Biotonne. In den Kompostierungs- und Vergärungsanlagen ist es nämlich nicht möglich zu unterscheiden, ob ein Beutel aus fossilen, biobasierten oder abbaubaren Rohstoffen hergestellt wurde. Deshalb werden sie schon in der Abfallaufbereitung zusammen mit anderen Störstoffen aussortiert und als Restmüll entsorgt. Kunststoffe, die nicht aussortiert wurden, bleiben als Mikroplastik im Kompost zurück. Gelangt dieser als Dünger in die Landwirtschaft, findet sich das Mikroplastik irgendwann wieder in der Lebensmittelproduktion. Auch der geplante Test soll klären, ob diese Maßnahmen im gesamten Stadtgebiet sinnvoll wären“, so der Bonn Orange-Sprecher.

Ding-Dong. Es hat sich also nichts an der Problematik geändert – seit 2009. Auch wenn mich die Hersteller von Bioplastik in den vergangenen Jahren gern als Nörgler dargestellt haben, der die neuesten Entwicklungen ignoriert, bleiben die Entsorgungspraktiker und Kompostwerkbetreiber bei ihrer Einschätzung: Die Probleme bestehen weiterhin.

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