Bernhard Pörksen und der Aufmerksamkeitscrash: Wie lässt sich unter den aktuellen Medienbedingungen Zukunft neu denken? #rp24

In der heutigen Zeit scheint die Paradoxie der öffentlichen Debatten offensichtlicher denn je: Je dramatischer die Langzeitbedrohungen wie Klimakrise und Erosion der Demokratie, desto hektischer und populistischer werden die Diskussionen, die von der aktuellen Krise des Augenblicks dominiert werden. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, greift in seiner Rede auf der redieses Phänomen auf und stellt die zentrale Frage: „Wie lässt sich unter den aktuellen Medienbedingungen Zukunft neu denken?“ Diese Analyse beleuchtet die Kollision zwischen kurzfristigem und langfristigem Denken und deren Implikationen für die Gesellschaft.

Pörksen beginnt seine Rede mit einem eindringlichen Beispiel: „Die Lage ist paradox. Je dramatischer die Langzeitbedrohungen, desto hektischer, getriebener, populistischer und zukunftsvergessener scheinen die Debatten.“ Dieses Phänomen wird besonders deutlich in der Art und Weise, wie Medienberichte und öffentliche Diskussionen strukturiert sind. Anstatt sich tiefgreifend mit langfristigen Problemen auseinanderzusetzen, fokussieren sich die Debatten auf kurzfristige Sensationen und Krisen.

Der Aufmerksamkeitscrash

Ein zentrales Erlebnis für Pörksen war sein Besuch bei Jerry Brown, dem ehemaligen Gouverneur von Kalifornien. Brown konfrontierte ihn mit der Frage: „Can we build a civilization based on news and hypes?“ Diese Frage verdeutlicht die Kollision zweier Zeitdimensionen: Auf der einen Seite stehen Jahrhunderte und Jahrtausende dauernde zivilisatorische Entwicklungen, auf der anderen Seite die kurzfristigen, oft oberflächlichen Sensationen der Nachrichtenwelt. Pörksen beschreibt dieses Dilemma als „Aufmerksamkeitscrash“: „Öffentliche Aufmerksamkeit steckt in der falschen Zeitsphäre fest. Wir müssten langfristig denken und favorisieren einen Kult der Kurzfristigkeit.“

Die Ebenen der Zeit

Pörksen bezieht sich auf das Denkmodell von Stuart Brand, um die verschiedenen Geschwindigkeiten menschlicher Zivilisation zu erläutern. Auf der untersten Ebene befindet sich die Natur, die sich über Millionen von Jahren entwickelt. Darauf folgen Kultur und Governance, die sich über Jahrhunderte oder Jahrzehnte formieren. Infrastruktur und Handel operieren auf kürzeren Zeitskalen, während Mode und Hypes die schnellsten Zyklen aufweisen. Pörksen betont: „Wir greifen im Anthropozän auf der Ebene der Natur ein, verändern Natur im Modus von Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, und stecken gleichzeitig in einer pathologisch kurzen Aufmerksamkeitsspanne fest.“

Empirische Belege für die Kurzfristigkeit

Pörksen untermauert seine Thesen mit empirischen Studien, die belegen, dass unsere Aufmerksamkeitsspannen immer kürzer werden. So reagieren Menschen bereits nach drei Sekunden gereizt, wenn eine Webseite nicht lädt, und entscheiden innerhalb von 30 Sekunden, ob sie einen Artikel teilen möchten. Diese Kultur der Kurzfristigkeit manifestiert sich auch in immer schnelleren und massiveren Aufmerksamkeitshypes, wie die Analyse von Google-Suchbegriffen und Reddit-Postings zeigt. „Wir trainieren ein Kult der Kurzfristigkeit“, so Pörksen.

Politische und gesellschaftliche Implikationen

Pörksen fordert ein Umdenken, um den „Aufmerksamkeitscrash“ zu überwinden: „Keine der Großkrisen […] lässt sich lösen im Modus der Kurzfristigkeit. Alle diese Großkrisen erfordern langfristiges Denken, lernen von anderen Kulturen, eine Auseinandersetzung in der Tiefe.“ Er schlägt vor, ein „Macintosh-Projekt für den menschlichen Geist“ zu initiieren, das intuitiv verständliche Interfaces für hyperkomplexe Probleme entwickelt. Ein Beispiel dafür wäre der „Szenarienjournalismus“, der langfristige Perspektiven und tiefere Analysen in den Vordergrund rückt.

Um die drängenden globalen Herausforderungen zu bewältigen, müssen wir den Kult der Kurzfristigkeit hinter uns lassen und zu einem langfristigeren Denken übergehen. Pörksen appelliert an die Medien und die Gesellschaft, die öffentlichen Debatten mit mehr Substanz zu führen und die tiefgehenden, langfristigen Entwicklungen in den Fokus zu rücken. Nur so können wir eine nachhaltige und zukunftsorientierte Zivilisation aufbauen und erhalten.

Exkurs zu Stewart Brand

In seinem Vortrag auf der rebezieht sich Bernhard Pörksen mehrfach auf den amerikanischen Autor und Visionär Stewart Brand. Brand, eine Schlüsselfigur im Bereich der ökologischen und technologischen Bewegungen, hat bedeutende Konzepte entwickelt, die die Schnittstellen von Natur, Technologie und menschlicher Kultur beleuchten. Pörksen nutzt Brand’s Denkmodelle, um die Komplexität der aktuellen Aufmerksamkeitsspanne zu illustrieren und einen Weg zu einer nachhaltigen Zukunft zu skizzieren.

Die Bedeutung von Stewart Brand

Stewart Brand ist vor allem bekannt als der Gründer des „Whole Earth Catalog“ und als Pionier der frühen Internetkultur. Sein „Whole Earth Catalog“ war eine einflussreiche Publikation, die in den 1960er und 1970er Jahren Wissen und Ressourcen für eine nachhaltigere Lebensweise bereitstellte. Brand’s Philosophie betont die Bedeutung von langfristigem Denken und der Nutzung von Technologie zum Wohle der Gesellschaft.

Brand’s Denkmodell

Pörksen stellt in seiner Rede ein Denkmodell von Stewart Brand vor, das die verschiedenen Geschwindigkeiten menschlicher Zivilisation illustriert. Diese Ebenen umfassen:

  1. Natur: Entwicklungen, die sich über Millionen von Jahren erstrecken, wie die Evolution von Flügeln bei Vögeln.
  2. Kultur: Prozesse, die Jahrhunderte oder Jahrtausende benötigen, wie die Entwicklung kultureller Paradigmen.
  3. Governance: Politische Systeme, deren Stabilität Jahrzehnte bis Jahrhunderte andauern kann.
  4. Infrastruktur: Strukturen, die sich über Jahrzehnte verändern, wie Gebäude und Kommunikationssysteme.
  5. Commerce: Handel, der in noch kürzeren Zeiträumen reagiert, wie die Entwicklung und Vermarktung neuer Produkte.
  6. Mode und Hypes: Trends, die sich in extrem schnellen Zyklen bewegen.

Diese Ebenen zeigen, wie verschiedene Bereiche der menschlichen Zivilisation unterschiedliche Zeithorizonte haben und unterstreichen die Notwendigkeit, langfristiges Denken zu fördern.

Der „Clock of the Long Now“

Ein besonders symbolträchtiges Projekt von Brand, das Pörksen erwähnt, ist die „Clock of the Long Now“, eine Uhr, die für 10.000 Jahre gebaut wurde. Dieses Projekt soll das Bewusstsein für langfristige Zeiträume fördern und als Gegenstück zur kurzlebigen Natur unserer aktuellen Medienkultur dienen. Die „Clock of the Long Now“ steht als Symbol für „tiefe Zeit“ und soll die Menschen daran erinnern, über die gegenwärtigen Generationen hinauszudenken.

Anwendung im Journalismus

Pörksen schlägt vor, das von Brand inspirierte Konzept der „tiefen Zeit“ in den Journalismus zu integrieren, was er als „Szenarienjournalismus“ bezeichnet. Dieser Ansatz soll Journalisten dazu anregen, sich weniger auf kurzfristige Sensationen und mehr auf langfristige, tiefgreifende Entwicklungen zu konzentrieren. Szenarienjournalismus könnte helfen, die Öffentlichkeit besser über die langfristigen Konsequenzen aktueller Ereignisse und Entscheidungen zu informieren.

Stewart Brands Denkmodelle und Projekte bieten eine wertvolle Perspektive, um die aktuellen Herausforderungen der Medienlandschaft zu verstehen. Durch die Betonung langfristiger Perspektiven und die Integration dieser Ansätze in den Journalismus können wir eine aufmerksamere und nachhaltigere Gesellschaft fördern. Pörksens Bezug auf Brand verdeutlicht die Notwendigkeit, tiefere zeitliche Zusammenhänge zu verstehen und zu kommunizieren, um den „Aufmerksamkeitscrash“ zu überwinden und eine zukunftsfähige Zivilisation zu gestalten.

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