
Berlin, dieses Geräusch: nichts. Kein Summen. Kein Hintergrund. Kein „läuft doch“. Und sofort wird sichtbar, was sonst im Dauerrauschen verschwindet: Politik ist nicht Pressekonferenz. Politik ist Reserve. Politik ist Redundanz. Politik ist der zweite Weg, wenn der erste brennt.
Und dann kommt Manuel Atug, Sprecher der Arbeitsgruppe Kritische Infrastruktur, und sagt im ZDF-Interview: Er ist von dem Ereignis nicht überrascht. Die Berliner Verwaltung aber schon. Senat überfordert, der Regierende Bürgermeister und die Senatorin eiern herum, statt Inhalt: Hohlphrasen, Symbolpolitik, „mehr Kameras“, als ob eine Kamera einen Kabelbrand löscht oder ein Hochwasser wegfilmt. Atug insistiert auf dem Unsexy-Wort, das Politik hasst, weil es Geld kostet und keine Schlagzeile macht: Redundanzen. Zweite Trassen. Ersatzenergie. Generatoren. Nicht „wir ermitteln mit Hochdruck“, sondern: wir liefern Strom mit Niederdruck, aber zuverlässig.
Und daneben liegt der Text des Berliner Landesrechnungshofs. Trocken, hart, unliterarisch – und genau deshalb brutal: Berlin sei organisatorisch und personell nicht gut vorbereitet, Zuständigkeiten und Ressourcen weitgehend ungeklärt, im Ernstfall nicht handlungsfähig. Viele der 37 zuständigen Behörden hätten weder Gefährdungsanalysen noch funktionierende Pläne; manche wussten nicht einmal, dass sie zuständig sind. Das „Leuchtturm“-System: nur rund 25 % einsatzbereit. Ein Landesamt für Katastrophenschutz: gescheitert, aber schon mal 1,4 Millionen Euro verbrannt.
Das ist die Berliner Choreografie: Erst wird ein System gebaut, dann wird ein System angekündigt, dann wird ein System beerdigt, dann wird ein System bezahlt, dann kommt der Ernstfall – und plötzlich soll die Bevölkerung resilient sein. Als wäre Resilienz eine Pflichtübung für Bürger, weil Regierungen lieber PR trainieren als Krisenstäbe.
Und jetzt: Blackout. Brandanschlag. Kabelbrücke. Südwesten dunkel, kalt, Handy leer, Notruf eingeschränkt, Schulen zu, Notbetreuung im Modus „vielleicht“. Die politische Reflexhandlung: Etikett drauf. „Terrorismus“. „Linksterroristen“. Jagen, erwischen, bestrafen. Das ist nicht falsch – aber es ist bequem. Denn Täterjagd ist ein Film. Krisenmanagement ist eine Serie mit vielen Staffeln, wenig Glamour, viel Wartung, viel Papier, viel Übung, viel Zuständigkeit.
Atug nennt das, was dann passiert, populistisch: die Debatte über Geheimhaltung, über „Transparentitis“, als wäre weniger Wissen im Netz plötzlich ein Ersatz für Vorbereitung. Denn Naturereignisse lesen keine Geheimhaltungsstufe. Ein Hochwasser prüft kein Impressum. Ahrtal: Warnen, koordinieren, führen – das hat vielerorts nicht funktioniert, deshalb diese bleiernen Aufarbeitungsberichte, diese Untersuchungsausschüsse, diese bittere Erkenntnis, wie schnell „Zuständigkeit“ zur Ausrede wird. Oder: 1997, Deiche, Sandsäcke, Bundeswehr-Großeinsatz – das Land hat gesehen, wie Katastrophe aussieht, wenn sie lange bleibt.
Und trotzdem: immer wieder dieser deutsche Reflex, als wäre jede Katastrophe eine Premiere. Als wäre Lernen optional. Als wäre „Lessons learned“ ein Folienpunkt, der nach der Konferenz wieder verschwindet.
Hier liegt die politische Pointe, die weh tut: Wer im Krisenmanagement schwächelt, bekommt irgendwann die rote Karte. Nicht sofort. Nicht beim ersten Stromausfall, nicht beim ersten Jahrhundertregen. Aber wenn die Summe stimmt. Wenn die Leute merken: Die Regierung kann Stimmung, aber nicht Lage. Kann Worte, aber nicht Wege. Kann „wir kümmern uns“, aber nicht „wir haben einen Plan“.
Und Berlin steht vor einer solchen Quittung – ganz offiziell, ganz langweilig, ganz demokratisch: Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September 2026. Bis dahin wird jede Krise zum Prüfstein, jedes „eiern herum“ zum Meme, jede improvisierte Wärmestube zur Anklage gegen die Planlosigkeit davor.
Kai Wegner macht bislang keine gute Figur, weil er im Krisenmoment vor allem wie ein Mann wirkt, der „Härte“ sagen kann, aber nicht „Struktur“ liefert. Weil das Regieren sich zu oft anfühlt wie: erst der Satz, dann die Zuständigkeitssuche. Und genau das hat der Rechnungshof schon vor dem Blackout beschrieben: fehlende Steuerung, fehlende Klarheit, fehlende Ressourcen – bevor der Ernstfall eintritt.
Das ist der Kern: Nicht die Katastrophe ist der Skandal. Katastrophen passieren. Der Skandal ist die Wiederholung der gleichen Schwäche: zu wenig Reserve, zu wenig Übung, zu viel Pose. Und dann dieses große Berliner Staunen, wenn’s dunkel wird: Wie konnte das nur passieren? Es konnte passieren, weil es passieren durfte. Weil ein System, das laut Rechnungshof nicht handlungsfähig ist, irgendwann genau das beweist: Nicht handlungsfähig.
Und irgendwann, im September 2026, steht dann nicht mehr die Kabelbrücke zur Abstimmung, nicht die Vulkangruppe, nicht das Wetter. Sondern das, was Politik im Kern ist: Verantwortung. Oder eben: Ausreden.