
Deutschland zählt seine Krankenstände wie andere Nationen ihre Exporte. Rekordmeldungen aus den Krankenkassen, psychische Erkrankungen im Steilflug, Wartezeiten von bis zu acht Monaten auf einen Therapieplatz. Und der Kanzler erklärt, die Deutschen arbeiteten nicht genug. Das ist mehr als ein Missverständnis. Es ist eine politische Verschiebung: von der Realität der erschöpften Belegschaften hin zu einer moralischen Schuldzuweisung.
Volker Nürnberg, Mitglied der Ethikkommission des Bundesgesundheitsministeriums, hat in unserer Livesendung von Zukunft Personal Nachgefragt die Widersprüche auf den Punkt gebracht. Gesundheit, sagt er, ist längst nicht mehr ein Zusatzprogramm mit Obstkorb und Gesundheitstag, sondern eine Grundbedingung ökonomischer Produktivität. Burnout ist die Pandemie der modernen Gesellschaft, nicht nur bei Erwachsenen, sondern längst bei Jugendlichen, die an den Krisen unserer Zeit zerschellen.
Und Nürnberg warnt vor den falschen Heilsversprechen: KI im Gesundheitsmanagement kann helfen, Wartezeiten zu überbrücken, Chatbots können Gespräche anbieten. Aber ohne eine Kultur des Vertrauens werden diese Werkzeuge zum Selektionsfilter – in den Händen von Krankenkassen oder Arbeitgebern, die „gute“ und „schlechte“ Risiken sortieren wollen. Gesundheit als Statistik, das wäre die endgültige Entmenschlichung.
Wolfgang Brickwedde widersprach direkt den Rechnungen des Kanzlers. Mehr Stunden, so die Logik von Merz, bedeuten mehr Output. Aber Brickwedde zeigt: Studien zur Vier-Tage-Woche beweisen das Gegenteil. Weniger Arbeitstage steigern die Produktivität. Arbeitgeber, die auf diese Modelle setzen, müssen sich vor Bewerbungen kaum retten. Das Paradox des Arbeitsmarkts: Millionen Arbeitslose – und gleichzeitig Vakanzen, die niemand besetzen kann. Drei Millionen Arbeitslose bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung in Akademikerberufen, während einfache Tätigkeiten ins Bodenlose fallen. Es ist keine Faulheit, es ist eine strukturelle Schieflage.
Und dann die dunkle Seite der Performance. Nürnberg und Brickwedde reagierten mit sichtbarer Schärfe, als der Einspieler von Ulf Kossol, Telekom MMS, die Praktiken amerikanischer Konzerne ins Spiel brachte: fixe Quoten, jährlich festgelegte Prozentsätze an „Low Performern“, die aussortiert werden müssen – bei Meta, bei Google, einst bei General Electric. Ein Zombie aus den 1980er-Jahren, wie Brickwedde es nannte. Arbeitsrechtlich hierzulande kaum denkbar, kulturell eine Katastrophe. Nürnberg warnte: Wer Kennziffern zur Guillotine macht, treibt die psychischen Erkrankungen weiter nach oben. Vertrauen wird zerstört, die Kultur zerfrisst sich selbst.
Und dann Matthias Kempf. Er wirkt wie das Gegenstück zu diesen alten Rezepten. Als Chief People Officer der Knauf Group, 45.000 Mitarbeitende weltweit, ist er nicht gekommen, um die üblichen HR-Floskeln zu wiederholen. „Wir müssen die Freude an Produktivität zurückbekommen“, sagt Kempf, seit 2025 auch Präsident des Bundesverbands der Personalmanager (BPM). Ein Satz wie eine kalte Dusche in der warmen Rhetorik vieler Arbeitsmarktdebatten.
Kempf beschreibt den globalen Umbau seines Unternehmens: ein weltweites HR-„Umbrella“, gemeinsame Führungsprinzipien, globales Nachfolgemanagement, verbindliche Kulturarbeit. „Fix-the-Basics“, nennt er es: Investitionen in einheitliche Systeme, Leadership-Development, Unternehmens-Purpose. Doch in seiner Rolle beim BPM geht er weiter: HR ist nicht mehr Dienstleister, HR ist Standortpolitik. Deutschland, sagt er, steht am Scheideweg: Industrie wandert ab, Handwerk darbt, Tech-Firmen meiden den Standort. „Wir brauchen ein neues volkswirtschaftliches Zielbild.“
Seine Fragen sind unbequem: Brauchen wir HR überhaupt noch? Und wenn ja, in welcher Form? Seine Antwort: dringender denn je – aber nur, wenn HR Lust auf Leistung macht. Nicht als Bürokratie, sondern als strategischer Impulsgeber, der Mitarbeitende befähigt und Allianzen mit IT und Business eingeht.
Sein Auftritt bei der Zukunft Personal Europe am 9. September in Köln – gemeinsam mit Birgit Bohle (Deutsche Telekom) und Oliver Stettes (IW Köln) – wird nicht Keynote-Kulisse, sondern Standortdebatte. „Time for New Beginnings“ ist das Motto der Messe. Kempf liefert dafür die politische Übersetzung: HR als Gesellschaftsgestalter.
Die Messe selbst, so Heike Riebe, ist mit über 600 Ausstellern und 700 Programmpunkten kein Schaulaufen, sondern ein Lernlabor. Jubiläumsgespräche, Zeitreisen durch 25 Jahre HR, neue Formate wie die Time Capsule oder das Age of Motion Festival. Von Prävention im BGM über Recruiting im Krisenmodus bis hin zu Kulturwandel und KI.
Die Frage ist nicht, ob wir mehr oder weniger arbeiten. Die Frage ist, ob wir Arbeit so gestalten, dass sie Menschen nicht zerreibt, sondern ihnen die Lust auf Leistung zurückgibt. Zwischen Burnout-Pandemie und Standortkrise entscheidet sich, ob HR nur Verwaltungsfunktion bleibt – oder zum strategischen Herz einer Gesellschaft wird, die nicht länger Symptome bekämpft, sondern Systeme neu baut.
Wer tiefer in die aktuellen Recruiting Themen eintauchen möchte ist herzlich eingeladen, dabei zu sein beim Future of Recruiting Summit (im Rahmen der Hashtag#ZPEurope Recruiting Stage 1, Halle 4.1). Es ist kostenfrei für die 3000-4000 Besucher jährlich. Infos zur Agenda und kostenfreie Tickets gibt es hier:
https://www.linkedin.com/pulse/machen-3000-4000-recruiter-vom-9-11-september-sie-sind-brickwedde-ilg1f
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Ich konnte bei vielen Punkten nicken, zumal ich derzeit auch noch auf Jobsuche bin – nach derzeit knapp 80 Bewerbungen ist das Ergebnis Null… Wenn mir nochmal einer mit dem Wort Fachkräftemangel daherkommt, kriegt er eins aufs Maul.
Was aber ist HR? Im Text fand ich nichts, was es erklärt. (Ich hasse Abkürzungen sowieso – und sowas sorgt für Unverständnis – überall)