
Es war ein sonniger Sonntag, als ich mich auf den Weg machte, um die prämierte Installation „LAUREN: Anyone home?“ im Kunstmuseum Bonn zu besuchen. Der erste Human AI Art Award war an die chinesisch-amerikanische Künstlerin Lauren Lee McCarthy verliehen worden. Ein Ereignis, das nach feierlicher Kunstbegegnung klang – oder zumindest nach einem funktionierenden Smart Home. Was mich jedoch erwartete, war eine Performance der besonderen Art: ein Stilleben der Ratlosigkeit.
Lauren Lee McCarthy selbst? Fehlanzeige. Ihre Abwesenheit war fast so kunstvoll inszeniert wie die Installation selbst. Stattdessen wurden Besucher am Eingang mit schmallippigen Hinweisen der Museumsmitarbeiter bedacht: „Fragen Sie den Mann mit den Kopfhörern.“ Der Sicherheitsmitarbeiter, der in der „Laube“ Wache hielt, wies mich mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Mitleid darauf hin, dass der wahre Experte im Foyer residiere. Ein Mann, der in konzentrierter Stille Kopfhörer trug und den Eindruck erweckte, er kuratiere das KI-Geschehen mit einer Präzision, die man sonst nur von Flughafen-Towern kennt. Doch auch er blieb bei Nachfragen so wortkarg wie ein Taschenrechner ohne Batterien.
„Anyone home?“ – Ein Raum voller Ideen, aber ohne Bewohner
Die eigentliche Installation, eine reduzierte Szenerie aus weißen Wänden und einigen häuslichen Details, wirkte wie der Prototyp eines IKEA-Katalogs, der es nicht bis zur Druckfreigabe geschafft hat. Die „intelligente Steuerung“ – eine Hommage an die Möglichkeiten der KI – schien auf dem Niveau einer To-Do-Liste stehengeblieben zu sein: Licht ein, Licht aus. Kommentare wie „Das Bad ist frei“ blieben mir zwar erspart, aber vielleicht hätte das sogar für mehr Spannung gesorgt.
Die Frage, die im Raum schwebte: Sollte dies die künstlerische Verkörperung eines futuristischen Smart Homes sein oder einfach nur ein Paradebeispiel für die Grenzen der Technologie? Selbst Joseph Weizenbaum, der schon in den 70ern vor der Überschätzung künstlicher Intelligenz warnte, hätte vermutlich gesagt: „Ich habe es euch doch gesagt.“ Wolfgang Wahlster, der Gründungsdirektor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, hätte wahrscheinlich mit seiner charakteristischen Gelassenheit ergänzt: „Das ist keine KI, das ist Statistik mit WiFi.“
Dadaismus trifft auf Digitalisierung
War die Performance ein unfreiwilliger Akt des Dadaismus? Die Frage drängt sich auf. Denn während Marcel Duchamp mit einem simplen Flaschentrockner ein Kunstverständnis revolutionierte, schien „LAUREN“ eher auf ein interaktives Puzzle zu setzen, bei dem die entscheidenden Teile fehlten.
Die Besucher, die neugierig den Raum betraten, verließen ihn meist mit einem Achselzucken. Ein älteres Ehepaar kommentierte: „Da war ja der Toaster, den unser Sohn uns zu Weihnachten geschenkt hat, intelligenter.“ Und tatsächlich: Die Spannung zwischen Mensch und Maschine, die McCarthy ins Zentrum ihrer Arbeit stellen wollte, manifestierte sich hier vor allem in der Frage: „Wer hat das Licht ausgemacht?“
Ein Preis für die Leere
Der mit 10.000 Euro dotierte Preis für diese Installation mag manchen Betrachter erstaunen. Doch seien wir ehrlich: Wenn sich moderne Kunst durch Provokation definiert, hat „LAUREN: Anyone home?“ ins Schwarze getroffen. Provokativ war vor allem die Leere, das Fehlen jeglicher greifbarer Interaktion – ein stilles Monument an die Überforderung der Digitalisierung.
Was bleibt, ist die Botschaft: Vielleicht sind wir es, die nicht „home“ sind, in einer Welt, die von Technologie und künstlicher Intelligenz kontrolliert wird. Oder – und das ist ebenso plausibel – war es einfach nur ein experimenteller Versuch, Ikea-Design und WLAN-Router zu Kunst zu erklären.
Wenn Joseph Beuys uns mit Fett und Filz die Welt erklärte, hat Lauren Lee McCarthy gezeigt, dass man mit weniger Material noch weniger erklären kann. „Anyone home?“ – die Antwort darauf lautet: „Nein, aber die Lampe ist an.“ Ein faszinierendes Werk, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Vielleicht ist das die Kunst der Zukunft. Auf eine Finissage hätte man aber dennoch verzichten sollen. Und so bleibt mir nur, mit einem Seufzen festzustellen: Wenn das Kunst ist, dann war mein Toaster heute früh ein Genie.