Anti-Woke und Leistungsdruck: Rückschritt oder Reflex? #ZukunftPersonalNord

Ein Gespräch über Narrative, Machtverschiebungen und die Rückkehr autoritärer Managementmuster – Cawa Younosi und Kristina Störk diskutieren auf der Zukunft Personal Nord über den gefährlichen Charme der 1980er Jahre in der Arbeitswelt.

Schlagwörter wie „maskuline Energie“, „zurück ins Büro“, „Leistung statt Lifestyle“ dominieren zunehmend die Debatten in Wirtschaft und Management – auch auf der Zukunft Personal Nord, wo Cawa Younosi (Charta der Vielfalt) und Kristina Störk (McKinsey) auf der Keynote Stage eine offene, streckenweise unbequeme Diskussion führen: Über die Anti-Woke-Rhetorik, die Renaissance des autoritären Führungsstils – und über die Frage, ob die Arbeitswelt tatsächlich wieder in die 1980er Jahre zurückgleitet.

Rückbau statt Wandel?

Younosi beobachtet mit Sorge, dass Unternehmen in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit zuerst bei weichen Themen den Rotstift ansetzen – Diversity, Inklusion, New Work, Employee Experience. „Wenn der Leistungsdruck steigt, wird häufig übersehen, dass Leistungsfähigkeit immer auch mit dem Wollen der Mitarbeitenden zusammenhängt – nicht nur mit dem Können“, betont er. Der Rückgriff auf autoritäre Muster sei eine vermeintlich einfache Antwort auf komplexe Herausforderungen – aber eine strategische Sackgasse.

Kristina Störk, Partnerin bei McKinsey, sieht ebenfalls eine gefährliche Schieflage. Zwar sei in der Breite der Unternehmen kein flächendeckender Rückschritt zu beobachten, wohl aber ein wachsender Konformitätsdruck, verbunden mit einem falsch verstandenen Leistungsbegriff. „Wenn Leistung nur noch über Präsenz, Härte und individuelle Resilienz definiert wird, verlieren wir genau die Talente, die wir brauchen.“

Homeoffice und Machtfragen

Die Debatte um Remote-Arbeit wirkt dabei wie ein Seismograph des Zeitgeists. Während einzelne DAX-Konzerne die Rückkehr ins Büro fordern, widersprechen Studien und Praxis gleichermaßen: 80 bis 90 Prozent der nicht-produktionsnahen Mitarbeitenden wollen nicht dauerhaft zurück an den Arbeitsplatz. Der Versuch, Homeoffice zu delegitimieren, sei daher weniger eine Produktivitätsfrage als eine Machtfrage – ein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen.

Störk plädiert für Differenzierung: „Natürlich gibt es eine strukturelle Ungleichheit zwischen Blue Collar und White Collar Jobs, wenn es um Flexibilisierung geht. Aber das darf nicht zur Rechtfertigung einer Rückabwicklung hybrider Modelle werden, sondern muss Ansporn sein, gerechtere Lösungen für alle zu entwickeln.“

Führungsstile im Rückwärtsgang

Beide Gesprächspartner beobachten mit Unbehagen die Tendenz, Führungsrollen wieder stärker zu personalisieren – CEOs als Heilsbringer, autoritäre Entscheider, charismatische Herren im Zentrum des Geschehens. Younosi nennt es „Führerkult light“ – ein gefährlicher Reflex auf Unsicherheit. „Aber Führung braucht heute Netzwerke, nicht Helden“, so sein Kontrapunkt. Die Realität der Transformation sei zu vielschichtig, um in einer Einzelfigur aufzugehen.

Technologie: Werkzeug oder Verstärker der Ungleichheit?

Spannung entsteht auch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Younosi betont: KI kann demokratisierend wirken – etwa im Bildungsbereich, wo sie individuelle Lernpfade ermöglicht und damit insbesondere Menschen aus bildungsfernen Milieus fördert. „Wenn ein Lehrer dank KI 30 individuelle Konzepte für 30 Schüler hat, steigen die Chancen für soziale Durchlässigkeit“, so Younosi, selbst aus einem Arbeiterhaushalt in Berlin-Neukölln stammend.

Gleichzeitig warnt er vor dem strukturellen Bias vieler Technologien: Die Macht über digitale Werkzeuge liegt nach wie vor bei wenigen großen Unternehmen – primär im Silicon Valley, gesteuert von Eliten. „Damit Technologie wirklich inklusiv wird, braucht es bewusst gestaltete Rahmenbedingungen – nicht nur bessere Algorithmen.“

Zwischen Kapitalinteressen und Mitbestimmung

Ein weiteres Reizthema: die Rolle der Sozialpartner. Younosi ist erklärter Befürworter betrieblicher Mitbestimmung, sieht aber Nachholbedarf auf strategischer Ebene. „Es reicht nicht, sich auf IT-Einführungen zu konzentrieren. Wenn gleichzeitig Rekorddividenden ausgezahlt und Stellen abgebaut werden, muss das auch im Aufsichtsrat zur Sprache kommen.“ Die Schere zwischen Kapital und Arbeit dürfe nicht weiter auseinandergehen – nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen, sondern auch im Interesse des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Der Rückschritt ist kein Schicksal – aber auch kein Mythos

Was bleibt von der Session auf der Keynote Stage? Ein aufrüttelnder Realismus. Weder Younosi noch Störk wollen alarmistisch klingen. Sie erkennen Fortschritte, warnen aber vor einer gefährlichen Selbstzufriedenheit. Es sei kein Zufall, dass Diversitätsprogramme weltweit unter Druck geraten – auch wenn 78 Prozent der US-Unternehmen diese weiterführen.

„Wir müssen Narrative hinterfragen“, so Younosi, „auch wenn sie sich etabliert haben.“ Es gehe nicht darum, Wokeness als Dogma zu verteidigen. Sondern darum, Prinzipien wie Gerechtigkeit, Vielfalt und Menschlichkeit nicht dem nächsten Konjunkturzyklus zu opfern.


Weiterführende Informationen:
📺 Video der Diskussion: Anti-Woke & Leistungsdruck: Zurück in die 80er?
📘 Buch von Cawa Younosi: „Unbequem bleiben“ – erhältlich direkt auf der Messe oder im Fachhandel.
🌐 Mehr zur Charta der Vielfalt: www.charta-der-vielfalt.de

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