
Ann Selzer, ehemals gefeierte Ikone der US-amerikanischen Meinungsforschung, steht derzeit im Zentrum massiver Kritik. Ihre Prognosen, einst als „Goldstandard“ gepriesen, erscheinen heute wie Artefakte eines naiven Vertrauens in vermeintlich unfehlbare Methoden. Selzer steht für eine Disziplin, die, statt gesellschaftliche Realitäten abzubilden, einem abgehobenen Narrativ folgt und dabei die wachsende Kluft zwischen Elite und Öffentlichkeit nicht wahrnimmt. Ihre Fehlprognosen, wie die Einschätzung, Iowa fest in demokratischer Hand zu sehen, offenbaren nicht nur individuelle, sondern strukturelle Schwächen: Die Meinungsforschung selbst steht symptomatisch für ein System, das sich seit Jahrzehnten wenig verändert hat und systemimmanent scheitern muss.
Die Meinungsforscher agieren – wie fast alle Institutionen, die seit über 70 Jahren an denselben Ansätzen festhalten – in einem veralteten Modus. Sie ignorieren dabei die dynamische und sich wandelnde Gesellschaft und arbeiten mit Modellen, die längst den Anschluss verloren haben. Die größte Ironie liegt in der oft zelebrierten Verfassungsnorm der Meinungsfreiheit, auf die sich die Forschung beruft, wenn sie jene verurteilt, die sich aufgrund ihrer Ansichten zur Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft vorsichtig äußern. Meinungsfreiheit, wie nahezu alle Verfassungsgrundsätze, bleibt letztlich jedoch Papier, ein Prinzip ohne Leben. Ob daraus Realität erwachsen kann, liegt in unserer Hand – doch genau diese Verantwortung wird ignoriert und die Sorge der Menschen als irrational abgetan.
Auch ich bin in meiner eigenen Prognose an den unsichtbaren Grenzen dieser Schweigespirale gescheitert. Meine Sentiment-Analyse, die Kamala Harris in den Swing States vorne sah, unterschätzte die Zurückhaltung und die tiefe Isolationsfurcht einer schweigenden Mehrheit. Diese Mehrheit, geprägt von einem Klima der Unsicherheit und der Furcht, sich isoliert zu fühlen, zieht es vor, ihre Ansichten nur im privaten Rahmen zu teilen, während sie in der Öffentlichkeit schweigt. Die „Schweigespirale 2.0“ hat ein doppeltes Meinungsklima hervorgebracht, das das Bild der Medien und Analysten dominiert und zunehmend in Diskrepanzen zur tatsächlichen Stimmung der Bevölkerung gerät.
Während die Menschen in den USA mit Reallohnverlusten und Inflationsängsten kämpfen und den sozialen Abstieg fürchten, gelten diese Themen den Analysten und Entscheidern in ihren elitären Zirkeln als bloßes „Rauschen“. Diese Furcht, mit abweichenden Ansichten isoliert zu werden, führt zu einer zurückhaltenden Exponierbereitschaft der Menschen, deren Stimme in den Umfragen kaum noch erfasst wird. Statt diese Sorgen ernst zu nehmen, werden sie jedoch abgetan. Dies zeigt das Versagen nicht nur der Meinungsforscher, sondern auch der politisch Handelnden, die sich in immer enger werdenden Kommunikationssilos bewegen und so die Wahrnehmung der Bevölkerung ausblenden.
Besonders jetzt, da Noch-Kanzler Olaf Scholz uns keine fünf Monate lässt, um neue, bessere Sensoren für die Stimmungen und Sorgen der Bevölkerung zu testen und zu implementieren, zeigt sich die Dringlichkeit einer Reform. Wir haben nicht die Zeit, uns auf veralteten Methoden auszuruhen, die lediglich etablierte Ansichten reproduzieren. Unsere „klassischen“ Medien – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zum Print – kämpfen mit einer massiven Glaubwürdigkeitslücke, die durch das Festhalten an überkommenen Modellen nur weiter verschärft wird. Die „kreisenden Erregungen“, die Professor Kruse einst diagnostizierte, haben sich verfestigt, und das ursprüngliche Ziel der Meinungsforschung, einen Spiegel der Gesellschaft zu bieten, hat sich längst in eine Projektion des eigenen Denkens verwandelt.
Diese systemische Selbsttäuschung wird immer mehr zum Vorteil der Populisten, die ihre Agenden geschickter denn je platzieren. Die alte Theorie öffentlicher Meinung, von Lippmann bis Selzer, greift längst nicht mehr. Was uns bleibt, ist die Forderung nach einem politischen und gesellschaftlichen Kassensturz, der es ermöglicht, die Demokratie zu erneuern und resilient zu machen. Die Erneuerung kann nur gelingen, wenn die Theorien und Modelle nicht bloß verwaltet, sondern hinterfragt und modernisiert werden. Ansonsten wird die Demokratie den Angriffen populistischer Kräfte immer weiter erliegen – weil wir die Stimmen der Bevölkerung nicht hören wollten.
Gerade gelesen: „In den Demokraten steckt Verachtung. Das hat Trump ausgenutzt”. Da ist was dran.