Als die Freundschaft noch auf den Oberarm zielte: 40 Jahre nach dem Kinostart von „Stand by Me“

Vierzig Jahre nach seinem Kinostart wirkt „Stand by Me“ nicht wie ein Film, der gealtert wäre, sondern wie einer, der im Gedächtnis nachgereift ist. Rob Reiners Verfilmung von Stephen Kings Novelle „The Body“ stammt aus dem Jahr 1986, erzählt aber vom Spätsommer 1960 und damit von einer Welt, in der Jungenfreundschaften noch körperlich verhandelt wurden: mit Schubsen, Beleidigungen, Mutproben, Rangkämpfen, Geheimcodes, schlechtem Benehmen und jener abrupten Loyalität, die nur Kinder kennen. Wer den Film einmal wirklich in sich hineingelassen hat, sieht beim Wiedersehen nicht bloß vier Jungen auf dem Weg zu einer Leiche. Er sieht die eigene Herkunft.

Ich war 25, als ich „Stand by Me“ im Kino sah. Ein gutes Alter für einen solchen Film: jung genug, um den Geruch der eigenen Kindheit noch in der Nase zu haben, alt genug, um zu ahnen, dass dieses Gelände bereits hinter einem lag. Der Film traf mich damals nicht als amerikanische Coming-of-Age-Geschichte, sondern als Wiedererkennung. Oregon lag auf der Leinwand, aber in meinem Kopf liefen andere Karten ab: Kreuzberg, Neukölln, der Chamisso-Platz, die Fidicinstraße, später die Gropiusstadt, Baustellen, Brachen, Bunker, Straßenfußball, Cliquen. Die Topographie war eine andere, der Ton derselbe.

Der Ernst des Unfugs

Die Größe von „Stand by Me“ liegt darin, dass der Film den Kinderquatsch nie von oben herab behandelt. Bei Erwachsenen landet das meiste unter der Rubrik Albernheiten. Kinder wissen es besser. Das Hauen auf den Oberarm, sobald einer zusammenzuckt. Der Tritt in den Hintern, wenn der andere gerade nicht aufpasst. Das Austesten der Verteidigungsfähigkeit. Das Anrempeln, Verspotten, Foppen. In solchem Tun steckte eine eigene Grammatik. Nähe wurde nicht erklärt, sondern ausgeteilt. Zugehörigkeit musste man aushalten können.

Genau deshalb blieb mir der Film nicht im Kino sitzen, sondern ging mit nach Hause und von dort weiter ins Leben. Später, mit meinen vier Kindern – zwei eigenen, zwei Stiefkindern –, tauchte diese alte Grammatik in neuer Form wieder auf. Nicht als Kopie, schon gar nicht als Erziehungsmethode, sondern als Familienenergie. Auf einer Florida-Tour mit meiner ersten Frau und den beiden eigenen Kindern nahmen diese Rituale zeitweise den Rang eines Naturgesetzes an. Einer war unaufmerksam, schon saß der Schlag auf dem Oberarm. Einer drehte sich weg, schon kam der Tritt in den Hintern. Dazu die üblichen Vergeltungen, Überfälle, Hinterhalte, aus denen am Ende legendäre Schlachten mit Wasserballons wurden. Solche Ferien geraten Erwachsenen später leicht zum Anekdotenmaterial; Kinder machen daraus ihr Archiv. Dort bleibt nicht die Hoteladresse hängen, sondern der Hinterhalt am Pool, der geglückte Wurf, das Gelächter und die Kameradschaft.

„Stand by Me“ versteht von all dem mehr als viele pseudo-pädagogische Abhandlungen. Der Film zeigt, wie sich Zuneigung tarnt. Nicht als sanfte Mitteilung, sondern als robuster Umgang unter Gleichrangigen. Einer wird gedemütigt, einer prahlt, einer spielt den Trottel, einer den Starken. Dahinter läuft eine viel tiefere Bewegung: Niemand will allein zurückbleiben.

Oregon in Kreuzberg, Maine in Neukölln

Darum sprang der Film bei mir sofort an die eigene Kindheit zurück. Micha und Bonny waren da, kaum dass Gordie, Chris, Teddy und Vern den Bildschirm betreten hatten. Mit ihnen kehrten jene Nachmittage zurück, in denen ein Stadtviertel ein ganzer Kontinent sein konnte. Das Murmelspiel am Chamisso-Platz war damals kein harmloser Zeitvertreib. Es war Unterricht in Verlust und Gewinn, in Zielen, Zögern, Berechnen. In der Hand lagen Kugeln, kleine Universen aus Glas, und mit ihnen ein erster Begriff davon, dass man Glück haben kann oder eben nicht.

Später verlagerte sich der Kosmos. Neukölln, Fritz-Erler-Allee, zwölfter Stock, Fernheizung statt Kohleofen, eigenes Bad, neue Aussicht und unten jene wilden Gärten und Baustellen, die für Kinder mehr versprachen als jeder Spielplatz. Höhlen, Unterbauten, Feldzüge, Mutproben. Der alte Bunker am Otto-Wels-Ring war kein Baudenkmal, sondern Prüfstand. Wer sprang, gehörte dazu. Wer stehenblieb, musste mit seinem Ruf leben. Dazu die großen Spiele gegen benachbarte Cliquen, die frühen Lektionen aus Straßenfußball und Vereinssport, das ständige Messen, das ständige Improvisieren.

Auch der Unfug hatte seine Institutionen. Zauberkönig in der Hermannstraße lieferte die Infrastruktur des Aufruhrs: Juckpulver, Stinkbomben, Scherzartikel, all das unnütze Zeug, das in Wahrheit ungeheuer nützlich war, weil es Phantasie und Gemeinsinn stiftete. Dazu Kokeleien mit Schwarzpulver, Basteleien, Knallkörper, Gerüche, aufgescheuchte Mecker-Opas. Heute würde man den Kopf schütteln oder gar das Gespräch suchen – im Nebenzimmer.

Vier Jungen und die Zumutungen der Welt

Reiners Film bleibt deshalb so präzise, weil er den Jungen nichts erlässt. Die Familienverhältnisse sind beschädigt, die Hierarchien brutal, die Zukunftsaussichten ungleich verteilt. Einer gilt als hoffnungslos, weil sein Name bereits verdorben ist. Einer wird im eigenen Haus kaum wahrgenommen. Einer kompensiert Kränkung mit Lärm. Einer stolpert hinterher und bleibt dennoch unverzichtbar. So entsteht keine sentimentale Clique, sondern eine fragile Republik der Gekränkten.

River Phoenix gab dieser Republik ihre Eleganz und ihre Traurigkeit. Sein Chris Chambers trägt schon als Junge das Wissen, dass Herkunft ein Urteil sein kann, lange bevor man sich dagegen verteidigen lernt. Wil Wheatons Gordie blickt bereits aus der späteren Schrift in diese Tage zurück. Gerade dadurch gewinnt der Film seine eigentliche Form: Nicht Abenteuerkino, sondern Erinnerungskunst. Die Leiche, nach der die Jungen suchen, liegt am Ende weniger in den Wäldern als am Rand ihrer Kindheit. Auf dem Weg dorthin merken sie, dass man nicht als derselbe zurückkehrt.

Darin steckte für mich immer mehr Wahrheit als in vielen Filmen, die das Erwachsenwerden mit feierlicher Pose ausstatten. „Stand by Me“ kennt den Dreck unter den Fingernägeln, das peinliche Gerede, den billigen Mut, die Scham nach der Prahlerei. Gerade deshalb erreichen seine stillen Momente eine Schärfe, die noch Jahrzehnte später trifft. Wenn diese Jungen einander beistehen, dann ohne große Begriffe. Sie tun es, weil die Welt draußen bereits kalt genug ist.

Von Herrn Menne zu Ben E. King

Vielleicht rührt mich der Film auch deshalb so nachhaltig, weil er nicht beim Kinderlärm stehenbleibt. In seinem Innersten arbeitet bereits das spätere Schreiben. Aus Gordie wird ein Autor; aus dem erlittenen und erlebten Material wird Sprache. Auch in meinem Leben stand irgendwann eine solche Schwelle. Da war Herr Menne, mein Deutschlehrer, der den Zugang zu Büchern, zum Schreiben, zum Denken öffnete. Nicht als feierlicher Erweckungsmoment, sondern als plötzliche Entdeckung, dass Worte mehr können als nacherzählen. Sie können retten, ordnen, aufheben. Sie können den Lärm der Herkunft so in Form bringen, dass daraus etwas anderes wird als bloße Nostalgie.

Darum ist „Stand by Me“ für mich nie nur eine Reise in die Vergangenheit gewesen. Der Film erinnert daran, woher das Schreiben seine Energie nimmt. Nicht aus Glätte, nicht aus Wohlverhalten, sondern aus Reibung, Schmerz, Komik, Trotz, Verlust. Die Murmeln von damals, die Sprünge über Bunkerschluchten, die Stinkbomben, die Knallereien vom Balkon, die kleinen Demütigungen und großen Bündnisse unter Jungen: All das liegt nicht hinter der Sprache, sondern in ihr.

Und dann läuft am Ende Ben E. Kings „Stand by Me“. Kaum ein Filmtitel sitzt so genau. Das Lied sagt nichts Kompliziertes, gerade darin liegt seine Macht. Bleib bei mir. Mehr braucht eine Freundschaft nicht, mehr verlangt eine Kindheit von ihren Verbündeten nicht, mehr erhofft man sich später von Familie oft ebenfalls nicht. Keine Erlösung, keine Vollkommenheit, keine ununterbrochene Harmonie. Nur dies: nicht zu verschwinden, wenn es unerquicklich wird.

Beim Wiedersehen mit „Stand by Me“ kehren deshalb nicht nur Filmszenen zurück. Da sind Micha und Bonny. Da ist der Lehm am Chamisso-Platz. Da sind Kreuzberg und Neukölln, die Gropiusstadt und ihre Brachen. Da sind die Streiche, das Juckpulver, die Stinkbomben, das Schwarzpulver, die großen Pläne und der halbgare Unsinn. Da ist die Florida-Reise mit den Kindern, bei der der Tritt in den Hintern fast schon zur Urlaubschoreographie gehörte. Da ist das Gelächter, das nur Familien und Cliquen hervorbringen, wenn sie für Stunden denselben Wahnsinn teilen.

Die bittere Nachricht hat der Film von Anfang an mitgeliefert: Solche Zeiten kehren nicht zurück. Die gute Nachricht liegt gleich daneben. Sie verschwinden nicht vollständig. Sie bleiben in Gesten, in Sätzen, in Reflexen, in der Art, wie einer den anderen aufzieht, beschützt, prüft, besänftigt. Sie bleiben auch in den Filmen, die einem rechtzeitig begegnet sind.

Vierzig Jahre nach dem Kinostart ist „Stand by Me“ darum kein Denkmal der Achtziger und auch kein bloßes Jugendstück nach Stephen King. Wer ihn wieder ansieht, schaut nicht nur zurück. Er hört auch, was von damals noch in ihm spricht.

Ähnlich relevant war übrigens auch dieses Filmchen:

Und natürlich:

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.