
Jan-Martin Wiarda hat recht mit seinem Misstrauen gegen die Sehnsucht nach einer entpolitisierten Wissenschaft. Aber Sabine Döring erinnert an die Grenze, jenseits derer aus gesellschaftlicher Verantwortung politische Überformung wird.
Jan-Martin Wiardas Essay über die „trügerische Sehnsucht nach dem ,Kern‘ der Wissenschaft“ trifft einen wunden Punkt des gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurses. Denn tatsächlich mehren sich die Stimmen, die Diversität, Transfer, Nachhaltigkeit, Gleichstellung und gesellschaftlichen Impact wie lästige Anbauten einer vermeintlich einmal reinen Wissenschaft behandeln. In dieser Erzählung gibt es einen harten Kern der Erkenntnis und darum herum eine wuchernde Zone aus Moral, Politik und Bürokratie. Wiarda hält diese Erzählung für doppelt falsch: empirisch, weil sie keine nachweisbare Leistungskrise erklärt, und politisch, weil sie gerade jenen Kräften in die Hände spielt, die Wissenschaft von rechts begrenzen wollen.
Darin liegt viel Wahrheit. Nur bleibt Wiardas Gegenstoß dort angreifbar, wo er den normativen Charakter der Wissenschaft so stark hervorhebt, dass die Unterscheidung zwischen legitimer gesellschaftlicher Einbettung und politischer Umcodierung wissenschaftlicher Maßstäbe unscharf wird. An diesem Punkt wird Sabine Dörings Buch „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie wichtig“. Es ist der schärfste Versuch der vergangenen Monate, genau diese Grenze wieder sichtbar zu machen. Döring schreibt nicht gegen Gesellschaft, nicht gegen Demokratie und auch nicht gegen Reformen. Sie schreibt gegen die Verwechslung von moralischer Wünschbarkeit und epistemischer Geltung.
Werturteile verschwinden nicht, nur weil man sie verleugnet
Wiarda hat mit seiner Polemik gegen den Ruf nach dem „Wesentlichen“ zunächst einmal einen wissenschaftsgeschichtlichen Befund auf seiner Seite: Wissenschaft war nie wertfrei im trivialen Sinn. Ihre Freiheit ist selbst ein normatives Projekt; ihre Institutionen sind historisch erkämpft; ihre Themen entstehen nicht im luftleeren Raum. Genau das zeigt auch der Anhang zur Debatte über Werturteile. Dort beschreibt Claus Dierksmeier die angebliche Abstinenz der Ökonomik gegenüber Werturteilen als „scheinheilig“. Schon die funktionalistische Brille, die Menschen vor allem als Nutzenmaximierer oder Kunden betrachtet, ist kein neutraler Zugriff, sondern selbst ein Werturteil. Hans Albert hatte längst gezeigt, wie sich Theorien mit ceteris-paribus-Klauseln gegen Falsifikation immunisieren lassen; Uwe Schneidewind wiederum beklagt eine Disziplin, die methodisch sauber selbst dann noch Karriere belohnt, wenn sie die irrelevantesten Fragen behandelt. Das ist kein Plädoyer gegen Wissenschaft, sondern gegen einen Szientismus, der seine Voraussetzungen verschweigt.
Wiardas Einspruch gegen die neue Rede vom „Zuviel“ an Normativität zielt genau auf diesen blinden Fleck. Wer Diversität, Chancengleichheit oder Transfer bloß als Nebenzwecke behandelt, unterschlägt, dass Institutionen nie nur nach innen leben. Die Auswahl von Themen, Personal, Fragestellungen und Karrieren folgt immer auch Vorstellungen darüber, was relevant, förderwürdig und gesellschaftlich bedeutsam ist. Wissenschaft ohne solche Vorentscheidungen gibt es nicht. Schon der Ruf nach dem „Kern“ ist deshalb kein Rückzug in die Neutralität, sondern die Setzung einer Norm: Diese Fragen gelten als legitim, jene als zweitrangig; diese Förderlogik soll fortgelten, jene andere wird als Zumutung behandelt.
Dörings Einwand beginnt dort, wo Wiarda zu rasch beruhigt
Genau hier setzt Döring ein. Ihre Grundfrage lautet nicht, ob Wissenschaft gesellschaftlich eingebettet ist. Das wäre trivial. Sie fragt vielmehr, wann nichtstaatliche Akteure, moralische Erwartungskulturen, inneruniversitäre Milieus, digitale Öffentlichkeiten, Geldgeber oder politische Programme die Autonomie wissenschaftlicher Prozesse so beeinflussen, dass deren eigene Rationalität überlagert wird. Bedrohlich seien „alle Machtwirkungen“, die wissenschaftliche Rationalität durch „normative Setzungen, Erwartungsdruck oder Sanktionierungsmechanismen“ überlagern. Der entscheidende Punkt ist also nicht, dass Wissenschaft Werte kennt, sondern dass sie ihre Gütekriterien nicht aus außerwissenschaftlichen Zwecken beziehen darf.
Döring ist darin weniger restaurativ, als ihre Kritiker meinen. Sie schreibt ausdrücklich, Aktivismus könne epistemische Funktionen erfüllen. In der Tradition Mills kann freie Kritik Wahrheitsansprüche der Prüfung aussetzen, institutionelle Blindstellen sichtbar machen und Reformen anstoßen. Aktivismus ist für sie nicht bloß Störung, sondern auch Korrektiv epistemischer Trägheit. Erst wenn politische Zielsetzungen, moralische Imperative oder kollektive Mobilisierungen Geltungsansprüche über wissenschaftliche Verfahren, Erkenntnisstandards und institutionelle Entscheidungen erheben, kippt das Verhältnis. Dann wird die Universität nicht mehr als Ort wahrheitsorientierter Erkenntnissuche verstanden, sondern als Instrument normativer Durchsetzung.
Wiarda sieht diese Kipppunkte durchaus, nur taxiert er sie auffällig milde. Sein Hauptgegner ist der falsche Rückzug in einen Elfenbeinturm, der rechte Angriffe nicht abwehrt, sondern vorbereitet. Das stimmt. Doch aus dieser richtigen Diagnose folgt nicht, dass die gegenwärtigen Konflikte um Diversität, Nachhaltigkeit, Identitätspolitik und gesellschaftlichen Impact bloß hysterische Überreaktionen eines konservativen Milieus wären. Dörings Buch erinnert daran, dass die Frage nicht lautet, ob Wissenschaft gesellschaftlich verantwortlich ist, sondern auf welche Weise. Zwischen Relevanz und Lenkung liegt ein Unterschied. Und dieser Unterschied ist nicht reaktionär.
Die Universität war nie unpolitisch. Darum braucht sie Regeln
Eine Stärke von Dörings Buch liegt in ihrer historischen Nüchternheit. Die Universität erscheint dort nicht als verlorenes Arkadien reiner Gelehrsamkeit, sondern als von Anfang an politisch berührter Ort. Die Paulskirchenverfassung, die erstmals Wissenschaftsfreiheit garantierte, war selbst das Ergebnis einer politischen Bewegung. Später folgten national-liberale Mobilisierung, akademische Illiberalität, die Entpolitisierung der Nachkriegszeit, die Studentenbewegung und die identitätspolitischen Formationen der Gegenwart. Dörings Pointe lautet gerade nicht, Politik habe an der Universität nie etwas zu suchen gehabt. Sie lautet, dass aus der historischen Verflechtung von Wissenschaft und Politik keine Erlaubnis folgt, wissenschaftliche Geltung politisch umzucodieren. Deshalb fordert sie eine „strikte funktionale Trennung“ zwischen dem Schutzraum epistemischer Praktiken und den Räumen politischer Artikulation auf dem Campus.
Wiarda würde an dieser Stelle vermutlich einwenden, dass die Rede von Trennung leicht in ein restauratives Wunschbild kippt. Und tatsächlich birgt Dörings Begriff des „Aktivismus von unten“ ein Überdehnungsrisiko. Wenn studentische Proteste, NGOs, Förderlogiken, digitale Kampagnen, wirtschaftliche Geldgeber und identitätspolitische Theorieströmungen unter einer großen Kategorie versammelt werden, droht analytische Unschärfe. Nicht jede normative Aufladung akademischer Debatten folgt derselben Logik. Nicht jede Forderung nach Diversität ist bereits eine Attacke auf Wahrheit. Nicht jeder Verweis auf gesellschaftliche Folgen ist eine Drohung gegen Wissenschaftsfreiheit. Dörings Diagnose ist hier streitbar und mitunter weiter, als es der empirischen Differenzierung guttut.
Doch der Einwand erledigt ihren Kern nicht. Denn auch Wiarda kommt um die Frage nicht herum, welche Rolle Werte im Wissenschaftssystem spielen dürfen, ohne wissenschaftliche Qualität in politischen Nutzen aufzulösen. Gerade seine eigene Verteidigung von Diversität und Transfer verlangt eine Antwort darauf.
Diversität ist kein Nebenfach
Wiarda trifft einen empfindlichen Punkt, wenn er die deutsche Wissenschaft an ihren schwachen Frauenquoten, ihren mageren Transferstrukturen und der chronisch schlechten Grundfinanzierung misst. Wer Chancengleichheit oder gesellschaftlichen Impact als bloße Nebenzwecke abtut, verwechselt institutionelle Voraussetzungen mit dekorativem Zusatzprogramm. Eine breitere Talentbasis erhöht die Wahrscheinlichkeit von Exzellenz. Stärkere Transferorientierung kann Autonomie schaffen, weil sie Hochschulen weniger abhängig von kleinteiligen Förderprogrammen macht. Mehr gesellschaftliche Öffnung ist nicht der Feind guter Forschung.
Aber auch hier endet die Sache nicht mit einem Ja. Döring beschreibt sehr präzise, wann aus legitimer Sensibilität ein „präventiver Rechtfertigungsdruck“ wird. Forschungsthemen werden dann gemieden, Positionen nicht mehr vertreten und Fragen nicht mehr gestellt, nicht aufgrund besserer Argumente, sondern aus Angst vor moralischer Delegitimierung und institutionellen Sanktionen. Genau an dieser Schwelle kippt die Lage. Diversität bleibt dann nicht mehr institutionelle Bedingung wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit, sondern wird stillschweigend zum Kriterium epistemischer Zulässigkeit selbst. Dieser Punkt ist analytisch heikel, aber real. Er betrifft nicht nur identitätspolitische Debatten, sondern jede Form der Wissenschaftssteuerung, die Ergebnisse und Fragestellungen vorab nach politischer Passung sortiert.
Die entscheidende Unterscheidung lautet daher: Diversität, Gleichstellung, Transfer und gesellschaftliche Verantwortung sind notwendige Aufgaben von Wissenschaftseinrichtungen; sie sind aber nicht identisch mit wissenschaftlicher Geltung. Wissenschaftliche Qualität entscheidet sich nicht daran, ob ein Ergebnis moralisch erwünscht, politisch nützlich oder institutionell anschlussfähig ist, sondern daran, ob es methodisch tragfähig, argumentativ belastbar und revisionsoffen ist. Wer diesen Unterschied verwischt, verteidigt die offene Wissenschaft nicht, sondern ersetzt sie durch eine Gesinnungsökonomie.
Die Pandemie hat die Rollenverwirrung öffentlich gemacht
Am schärfsten wird Döring dort, wo sie die Pandemie als Lehrstück analysiert. Politische Entscheidungsträger hätten Maßnahmen als bloße „Folgen der Wissenschaft“ präsentiert und damit Verantwortung auf Experten und Institutionen verschoben. Wissenschaftler seien dadurch zu Ersatzlegitimationsinstanzen geworden, zugleich überhöht und politisch angreifbar. Daraus folgt ihr wichtigster Satz: „Wissenschaft muss beraten dürfen, ohne zu entscheiden; Politik muss entscheiden, ohne sich hinter Expertise zu verstecken.“ Wer den gegenwärtigen Streit um Werturteile verstehen will, kommt an dieser Unterscheidung nicht vorbei.
Wiardas Text gewinnt gerade an dieser Stelle seine politische Dringlichkeit. Denn er erinnert daran, dass rechte Wissenschaftsfeinde gar nicht auf den Nachweis warten, ob der Wissenschaftsbetrieb hier oder da zu normativ geworden ist. Sie greifen die Wissenschaft nicht wegen einzelner Überdehnungen an, sondern weil sie freie Forschung, offene Grenzen des Wissens und Minderheitenschutz als Feindbilder markieren. Insofern ist Wiardas Warnung vor dem falschen Rückzug zwingend. Wer meint, die Wissenschaft könne sich vor autoritären Angriffen retten, indem sie Diversität, Nachhaltigkeit oder Transfer rhetorisch abräumt, missversteht die Logik dieser Angriffe. Die Feinde der freien Wissenschaft wollen keine entschlackte Exzellenzrepublik. Sie wollen Kontrolle.
Nur: Daraus folgt wiederum nicht, dass jede Selbstkritik der Wissenschaft schon Verrat wäre. Gerade weil der politische Gegner auf Verengung setzt, muss die Wissenschaft präzise unterscheiden lernen zwischen ihren normativen Voraussetzungen und ihren epistemischen Verfahren. Das ist der Punkt, an dem Wiarda und Döring einander nicht ausschließen, sondern korrigieren.
Der Werturteilsstreit kehrt zurück, aber unter neuen Vorzeichen
Der ältere Werturteilsstreit zielte auf die Frage, ob Wissenschaft Ziele setzen oder nur Mittel prüfen dürfe. Der neue Streit verläuft anders. Er handelt nicht mehr nur von Professoren, die sich in methodologischen Aufsätzen über Max Weber oder Hans Albert streiten. Er verläuft durch Förderprogramme, Gleichstellungsrichtlinien, Berufungsverfahren, Transferstrategien, Rankings, Social-Media-Milieus und politische Erwartungshorizonte. Gerade deshalb hilft der Anhang mit Dierksmeier, Hans Albert und Schneidewind. Er erinnert daran, dass der Ruf nach Wertfreiheit selbst oft als Verschleierung funktioniert. Die Wahl einer Methode, die Definition von Relevanz, die Konstruktion eines rationalen Akteursmodells oder die Immunisierung durch Klauseln sind keine unschuldigen Verfahren, sondern enthalten normative Vorentscheidungen.
Aber der Gegenbefund gilt ebenso: Aus der Unmöglichkeit völliger Wertfreiheit folgt nicht die Beliebigkeit aller Wertsetzungen. Wissenschaft braucht keinen wertfreien Nullpunkt, wohl aber Regeln, die zwischen begründeten Wertprämissen und politisch erzwungenen Loyalitäten unterscheiden. Man kann normativ sensibilisiert forschen, plural arbeiten und gesellschaftlich relevante Fragen stellen, ohne wissenschaftliche Verfahren preiszugeben. Schneidewinds Satz, Karriere lasse sich in einem Fach auch mit den irrelevantesten Fragen machen, sofern sie nur ökonomisch sauber behandelt würden, zeigt das Problem von der anderen Seite: Methodische Reinheit ohne Wirklichkeitskontakt produziert Leerlauf; politische Relevanz ohne methodische Disziplin produziert Agitation. Zwischen beiden Abwegen verläuft der eigentliche Streit.
Was aus der Debatte folgen müsste
Ein brauchbarer Ausweg liegt weder in der Sehnsucht nach dem reinen Kern noch in der Feier grenzenloser Normativität. Nötig ist eine Wissenschaftspolitik, die Diversität, Transfer und gesellschaftliche Verantwortung als institutionelle Bedingungen starker Wissenschaft verteidigt, ohne sie in Ersatzkriterien wissenschaftlicher Wahrheit zu verwandeln. Nötig sind Universitäten, die ihre Personalstrukturen, ihre Grundfinanzierung und ihre Karrierewege reformieren, statt die Verantwortung für ihre Dysfunktionen an vermeintlich zu viel Moral auszulagern. Nötig ist aber auch die Bereitschaft, innerwissenschaftliche Konformitätszwänge, ideologische Kurzschlüsse und moralische Einschüchterungen als reale Probleme zu benennen, ohne sich damit vor den Karren rechter Kulturkämpfer spannen zu lassen.
Wiarda hat recht: Der Rückzug auf ein abstraktes „Wesentliches“ schützt die Wissenschaft nicht. Döring hat ebenso recht: Wissenschaft verliert sich, wenn sie ihre Maßstäbe nach dem Rhythmus gesellschaftlicher Erregung umstellt. Der Kern der Wissenschaft ist weder rein noch politisch disponibel. Er liegt in einem Verfahren: offen für Kritik, gebunden an Begründung, ungeschützt gegen Irrtum, aber geschützt gegen Zweckverordnungen. Gerade weil Wissenschaft normativ eingebettet ist, darf sie epistemisch nicht beliebig werden. Das wäre der Satz, den diese Debatte jetzt braucht.
https://www.jmwiarda.de/blog/2026/04/10/die-truegerische-sehnsucht-nach-dem-kern-der-wissenschaft