
Der bei Suhrkamp erschienene sechste Band der Bargfelder Ausgabe, herausgegeben von Michaela Nowotnick, versammelt den Briefwechsel Arno Schmidts mit Max Bense und macht sichtbar, was die frühe Bundesrepublik im Innersten war: eine nervöse Ordnungsmacht, die auf literarische Abweichung mit frommer Entrüstung, juristischer Drohkulisse und ökonomischer Austrocknung reagierte.
Ein Buch; und plötzlich liegt ein Jahrzehnt offen
Suhrkamp hat mit dem sechsten Band keinen bloßen Briefband vorgelegt, sondern ein Dokument der frühen Bundesrepublik im Rohzustand. Der Briefwechsel mit Max Bense — erweitert um Schreiben von und an Alice Schmidt, Elisabeth Walther und den AGIS-Verlag — zeigt, wie eng damals Literatur, Lebensnot, Verlagsarithmetik, Weltanschauungskampf und Zensurgefahr ineinandergriffen.
Der äußere Gegenstand ist rasch benannt. Als Arno Schmidt 1952 Max Bense kennenlernt, ist er auf der Suche: nach Geld, nach Publikationsorten, nach Resonanz, nach einem geistigen Umfeld, das ihn nicht mit jenem herablassenden Achselzucken behandelt, das die fünfziger Jahre für neue Prosa so gern bereithielten. Bense, Professor in Stuttgart, erkennt in Schmidts Werk früh eine literarische Radikalität, die er theoretisch zu lesen weiß und publizistisch nach vorn bringen will. Daraus entsteht ein Bündnis. Kein friedliches; kein gleichmäßiges; aber eines von beträchtlicher Energie.
Der eigentliche Reiz dieses Bandes liegt freilich nicht darin, daß sich hier zwei bedeutende Namen schreiben. Er liegt darin, daß diese Briefe das Klima eines Landes offenbaren, das seine Demokratie bereits beschwor, seine geistige Liberalität aber nur ungern praktizierte.
Nicht der Text allein; das Verfahren gegen ihn

Besonders scharf wird das am Fall „Seelandschaft mit Pocahontas“. Diese Erzählung, zuerst in Alfred Anderschs Zeitschrift „Texte und Zeichen“ erschienen und Max Bense gewidmet, wurde in der jungen Bundesrepublik nicht als Literatur gelesen, sondern als Anlaß zur Mobilmachung. Genau hier beginnt jene unerquicklich deutsche Spezialität, die man nicht mehr offiziell Zensur nennt, die aber faktisch auf Unterdrückung hinausläuft.
Im katholischen Milieu, das auf solche Dinge spezialisiert war, beherrschte man das Spiel über Bande. Da empörte sich nicht bloß irgendein frommer Leserbriefschreiber. Da griffen Milieus, Vereine, Anwälte, Wochenzeitungen, Staatsanwälte, Prüfstellen ineinander. Als Hauptwaffe diente die Bundesprüfstelle; ein eifriger Zuträger war der „Volkswartbund“, hervorgegangen aus dem „Kölner Männerverein zur Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit“ und dem Erzbischöflichen Ordinariat Köln unterstellt (die öffentliche Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe wurde erst 2014 in Nordrhein-Westfalen gestrichen). Was nach kirchlichem Vereinswesen klang, war in Wahrheit ein Apparat kultureller Fahndung. Werner Fuld hat diesen Typus treffend beschrieben: Buchhandlungen wurden systematisch durchkämmt, Anstöße gesammelt, moralische Entrüstung juristisch formatiert und an die Staatsanwaltschaft weitergereicht. Genau so funktionierte das. Nicht frontal; vielmehr geschniegelt. Nicht mit dem Bannspruch; mit Eingabe, Anzeige, Aktenzeichen.
Im Fall von „Seelandschaft mit Pocahontas“ wurde aus literarischer Kritik sofort Straflust. Im Rheinischen Merkur war von „Halbstarken“ die Rede; kurz darauf wurden Strafanzeigen gestellt — wegen § 166 und § 184 StGB, also wegen „Gotteslästerung“ und „Pornographie“. Angezeigt waren nicht nur Arno Schmidt als Verfasser, sondern auch Alfred Andersch als Herausgeber von „Texte und Zeichen“ und der Verleger Eduard Reifferscheid. Die Kirche hielt sich auch hier nicht nobel im Hintergrund. Wie die Edition festhält, wurden die Anzeigen auf Betreiben katholischer Stellen erhoben; genauer: Das Erzbistum Köln betrieb die literarische Strafverfolgung.
Und nun kommt das eigentliche Elend dieser Anstoßnehmer. Zwei Kölner Rechtsanwälte erklärten Schmidts Text zu einem Pamphlet „auf einer ganz ungewöhnlich niedrigen Kulturstufe“. Einrichtungen und Gebräuche der christlichen Religionsgemeinschaften würden beschimpft; einzelne Stellen wüchsen zur öffentlichen Gotteslästerung aus. Beanstandet wurden unter anderem die Sätze: „Ich? Atheist, allerdings! Wie jeder anständige Mensch“ — und jener bitter präzise Gedanke: „Der Herr, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt oder 10 Millionen im KZ vergast werden: das müßte schon ne merkwürdige Type sein — wenn’s ihn jetzt gäbe.“ Selbst „das bigotte Rheinland“ galt als taugliches Delikt. Das intellektuelle Niveau des Vorgangs ist damit hinreichend beschrieben.
Man darf hinzufügen: Das war nicht einfach empfindliche Religiosität. Das war Machttechnik. Es ging nicht darum, einen Satz zu widerlegen. Es ging darum, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.
Für Bense ein Risiko; für Schmidt eine Existenzfrage
An dieser Stelle beginnt der Unterschied zwischen Bense und Schmidt, und der Suhrkamp-Band arbeitet ihn glänzend heraus. Bense war offensiv, beweglich, taktisch. Im Umfeld des Verfahrens dachte er, anwaltlich beraten, sogar an Gegenklage. Der Verleger bremste ihn eher, weil die öffentliche Aufregung den Absatz beförderte. Für Schmidt dagegen war dieselbe Sache kein publizistischer Nebel, sondern eine Bedrohung seines Daseins als Schriftsteller. Das ist keine Nuance; das ist der Kern. Bense konnte noch kalkulieren. Schmidt sah den Boden schwinden.
Bei der Marbacher Vorstellung des Bandes wurde diese Differenz noch einmal so deutlich, daß man sie nicht mehr vergaß. Michaela Nowotnick und Jan Philipp Reemtsma, von Jan Bürger moderiert, beschrieben Bense sinngemäß als einen Typus, der im Konflikt beinahe Spiellust entwickelte, während Schmidt in demselben Konflikt den Abgrund sah.
Genau diese Spannung verleiht dem Briefwechsel seine elektrische Ladung. Hier schreiben nicht zwei harmonische Geistesverwandte einander. Hier prallen zwei Arten aufeinander, gegen eine restaurative Gesellschaft anzutreten: die offensive; und die verwundbare.
Der „Augenblick“: Opposition in DM gerechnet
Wer wissen will, wie unerquicklich die materielle Grundlage dieser literarischen Opposition war, muß die Passagen über den „Augenblick“ lesen. Bense übernahm 1955 die Herausgeberschaft und schrieb an Karl Georg Fischer, seit etwa einem Jahr beschäftige er sich mit einem Zeitschriftenplan, „der der philosophischen und literarischen Opposition gewidmet sein soll“. Fischer stellte anfänglich 500 DM pro Heft für Redaktion und Honorare in Aussicht; Bense hielt das zunächst für ausreichend, dachte an geringe Honorare und daran, einen Teil dieser 500 Mark gleich wieder in Werbung zu stecken. Schon dieser Anfang sagt alles: große Frontstellung; kleine Kasse. Hat sich nicht viel geändert…..
Dabei war das Programm von seltener Klarheit. Der Kampf, schrieb Bense, gelte dem „theologisierenden Mischmasch“, der literarischen Gartenlaube, der ästhetischen Reaktion; Besprechungen könnten „nicht aggressiv genug sein“. Der „Augenblick“ sollte, so formuliert die Edition, ein „Sammelbecken neuer junger Autoren“ sein, ein Ort des anderswo nicht Druckbaren. Das war keine kulturpolitische Dekoration. Das war Frontalopposition.
Nur rechnete die Wirklichkeit anders. Im Oktober 1956 zog Fischer Bilanz. Der „Augenblick“ habe 1955 einen Zuschuß von rund 6000 DM erfordert, 1956 bewege sich der Zuschuß wiederum zwischen 5000 und 6000 DM. Jeder Heftsatz koste einschließlich Honorar über 2000 DM, Verwaltungskosten noch gar nicht eingerechnet. Etwa 450 Abonnenten seien vorhanden, für 1957 bereits rund 80 Abbestellungen. Tragen werde sich die Zeitschrift erst bei mindestens 1500 Abonnenten. Also, so Fischer in jener erschöpften Offenheit, die kleinen Verlegern eigentümlich ist, ganz klipp und klar: entweder 1000 neue Abonnenten oder ein externer Zuschuß von 5000 DM; sonst sei ab 1957 Schluß.
Das ist der Punkt, an dem aus Literaturgeschichte plötzlich Wirtschaftsdrama wird. Der Verlag hatte zwei Jahre lang Verluste geschultert und kapitulierte nun an der simplen Frage, wer den Luxus geistiger Unbequemlichkeit bezahlen sollte. Fischer sprach zugleich von der neuen Zeitschrift „maschine 2“, für die bis dahin gerade einmal drei Probebestellungen und eine Viertelseite Anzeigen vorlagen. Das ist fast komisch; wäre es nicht so unerquicklich wahr.
Benses Antwort: kein Rückzug, kein Gesinnungswechsel
Bense reagierte scharf. Das Schreiben vom 1. November 1956 gehört zu den stärksten Dokumenten des Bandes. Was Arno Schmidt betreffe, schrieb er, so sei er überzeugt, daß dieser „ein Autor ersten Ranges“ sei und zugleich „eine politisch-antirestaurative Funktion“ habe; „wir sind verpflichtet, für ihn einzutreten“. Würde man diese Art der Argumentation nun aufgeben, bedeute das eine „ideologische Schwenkung“ des ganzen Verlagsunternehmens.
Noch härter wird der Ton, wo Bense auf die Abwicklung des „Augenblicks“ zu sprechen kommt. Es sei nicht richtig und nicht rechtlich, die Zeitschrift zum 1. Januar 1957 eingehen zu lassen, ohne die angenommenen Manuskripte und die bereits vorbereiteten Hefte ordentlich zu behandeln. So einfach gehe das nicht; zwei weitere Hefte müßten erscheinen, und für das letzte brauche es eine gemeinsame Erklärung. In diesen Sätzen verteidigt Bense nicht nur eine Zeitschrift. Er verteidigt Linie. Kurs. Man könnte auch sagen: Er wehrt sich gegen jenen typisch westdeutschen Rückzug in die kaufmännische Vernunft, sobald es geistig unerquicklich wird.
Der zweite Start; oder: Bense zieht die Klinge

Wie sehr Bense den publizistischen Kampf nicht als Hobby, sondern als Auftrag verstand, zeigt das Vorwort zum Neustart des Augenblicks nach einjähriger Pause. Das ist kein editorisches Beiwerk, das ist ein Manifest. Dort heißt es, die Zeitschrift setze ihre Arbeit fort, „gewidmet dem Experiment und der Tendenz als den unseres Erachtens einzigen wesentlichen Kategorien des Schöpferischen“. Und dann folgt der Satz, der die ganze Härte dieser fünfziger Jahre in die Gegenhärte der Form zurückwirft: „Der Rest ist Unterhaltung oder Manöver, Rosenzucht oder Wallfahrt zu alt gewordener Männer.“
Man muß diesen Satz nicht einmal kommentieren; er kommentiert das Milieu. Da spricht einer, der genau weiß, gegen wen er schreibt: gegen Feuilletongemütlichkeit, gegen Managergeist, gegen jene geschmeidige, vaterländisch geschniegelt auftretende Langeweile, die im Nachkriegsdeutschland so gern für Vernunft gehalten wurde. Bense wollte keine Begleitmusik. Er wollte Störung.
In Marbach wurde aus Archiv wieder Gegenwart
Daß die Vorstellung des Bandes in Marbach nicht mit Weihrauch, sondern mit Spannung verlief, ist im Grunde folgerichtig. Michaela Nowotnick machte zusammen mit Jan Philipp Reemtsma, präzise moderiert von Jan Bürger, sichtbar, was diese Edition leistet: Sie archiviert nicht bloß Briefe, sie gibt Konflikten ihre Körper zurück. Da war plötzlich wieder von Holzklasse und Hotelnot die Rede, von einem Schriftsteller, der sich Stuttgart und den Rundfunk nur für eine Nacht leisten konnte, von einem Kreis, der Schmidt auf einmal ernst nahm, wo Verlage zuvor nur Achseln gezuckt hatten. Vor allem aber war da wieder die Macht der Reaktion spürbar: Pfaffen, Pornographievorwürfe, Prozesse, Zensurdruck. Man hörte, was für Schmidt ein solcher Vorgang bedeutete: nicht PR, sondern Panik.
Ein Briefwechsel, der die Republik verrät
Das große Verdienst dieses Bandes besteht darin, daß er die fünfziger Jahre nicht aus ihren Sonntagsreden liest, sondern aus ihren Reizstellen. Von dort aus erscheint die junge Bundesrepublik in einem anderen Licht. Nicht als geläuterte Ordnung; eher als ein Land, das seine demokratische Fassade schnell aufrichtete und zugleich jene alten Reflexe konservierte, die Literatur nur dann dulden, wenn sie geschniegelt, fromm und folgenlos bleibt.
Arno Schmidt war dafür unbrauchbar. Max Bense ebenfalls — wenn auch auf andere Weise. Deshalb sind diese Briefe heute so lesbar. Sie zeigen nicht bloß zwei Autoren, sondern ein System aus Abwehr und Gegenwehr. Auf der einen Seite Kirche, Milieu, Prüfstelle, Anzeigen, verlegerische Feigheit. Auf der anderen Seite Sätze, die nicht kuschten. Man kann das pathetisch finden. Man kann es auch nüchtern so sagen: Selten hat ein Briefband deutlicher gezeigt, wie sehr Literatur in Deutschland nicht am Stil allein, sondern an den Verhältnissen geprüft wird.
Siehe auch:
https://www.arno-schmidt-stiftung.de