
Die Gaststube als Maschinenraum
Man betritt keine „Location“, man betritt eine kleine, arbeitende Welt. Die Gaststube steht nicht dekorativ neben dem Brauen – sie ist dessen Schaufenster: Kessel im Blickfeld, Gesprächslärm als Begleitmusik, und irgendwo zwischen Tresen und Kupfer die leise Ahnung, dass hier nicht produziert, sondern gebraut wird. Unten im Keller wird gelagert; abgefüllt und etikettiert wird per Hand. Kein Massenbier, kein Hopfenextrakt, keine Brauerei als PowerPoint.
Der Mann, der an diesem Samstagabend durch die Stunde führt, heißt Luke Lorbetzki, Braumeister aus Beuel. Er macht keine Andacht, sondern lädt zur Zwischenfrage ein – „reinrufen“, wie es in solchen Räumen heißt, in denen man lieber probiert als protokolliert. pdfBierbrauereiEnnert
Zwei Biere, kein Beiwerk
Die Verkostung beginnt nicht mit Dozieren, sondern mit einem kleinen Ratespiel: Was ist das da eigentlich im Glas? Und wie sicher kann man sich sein, wenn man sich sicher fühlt?
An diesem Abend bleiben genau zwei Sorten: Helles und Rotbier. Das wirkt erst wie Einschränkung. Ist aber ein Vorteil: Man kann wirklich hinschmecken, statt sich durch ein Sortenkarussell zu retten.
Das Helle wird hier als „Kölsch in our Art“ erklärt – nicht als Etikettenschwindel, sondern als Hinweis auf die Region und auf den Stil, der bewusst nicht glattgebügelt wird. Kölsch, so Lorbetzki, werde „extrem stark filtriert“, dabei gingen auch Geschmacksstoffe verloren; hier dagegen bleibe das Bier als Naturprodukt unfiltriert – kräftiger, aromatischer, weniger geschniegelt.
Das Rotbier kommt später, weil es schwerer zuzuordnen ist: eher Richtung Red Ale/Pale Ale, mit der Warnung, dass Lagerung und Alterung am Profil mitarbeiten. pdfBierbrauereiEnnert
Malz, das man sehen kann
Wer glaubt, Bier werde vor allem „mit Hopfen“ gemacht, wird freundlich korrigiert: Beim Hellen reicht Basismalz – schlicht, tragfähig, sauber. Beim Rotbier wird es handwerklich farbig: rund 40 Prozent Spezialmalz, geröstet, zuständig für den warmen Ton und die malzige Süße. pdfBierbrauereiEnnert Und plötzlich ist Farbe kein Marketing, sondern ein Prozess, der im Glas sichtbar bleibt.
Riechen ist die heimliche Hauptsache
Dann kommt der Moment, in dem aus „Bier trinken“ eine kleine Lektion über Wahrnehmung wird. Lorbetzki erklärt, dass beim Schmecken weit mehr passiert als bitter–sauer–süß–salzig; der Rest sei im Kern Geruch. Und um das nicht nur zu behaupten, gibt es Zimt auf die Hand: Nase zu, probieren, dann Nase auf – und auf einmal ist die Welt wieder da. pdfBierbrauereiEnnert
Das ist nicht Seminar, das ist Volksaufklärung mit Gewürz. Und nebenbei die Begründung, warum „nichts schmecken“ meist „nichts riechen“ bedeutet.
Hopfen als Pellet – nicht als Extrakt-Idee
Hopfen wird nicht romantisiert, sondern gezeigt: Dolden, Pellets, Bitterkeit, die man besser riecht als kaut. Und dann fällt der Satz, der in einer Zeit industrieller Zutatenlogik fast schon trotzig klingt: Viele Großbrauereien arbeiten mit Hopfenextrakt; da stehen Fässer mit über 500 Litern für Summen, die nach Maschinenpark klingen. pdfBierbrauereiEnnert Pellets seien aktuell das Beste, Extrakt werde zwar stark vorangetrieben – aber hier ist der Rohstoff noch als Rohstoff erkennbar.
Das Glas ist kein Nebendarsteller
Irgendwann geht es nicht mehr nur um Bier, sondern um das Drumherum, das plötzlich Hauptsache wird: Das Glas zum Beispiel. Eine Stange, so wird erklärt, sei gebaut fürs schnelle Trinken, mit wenig Verwirbelung – beim Rotbier dagegen sorgt eine andere Form für mehr Bewegung, mehr freigesetzte Aromen. Das klingt nach Detail. Ist aber der Unterschied zwischen „läuft“ und „spricht“.
Keller, Handventile und andere Gegenwartsverweigerungen
Wer unten in den Keller schaut, versteht: Hier arbeitet vor allem die Hefe – ein bis zwei Wochen, kontrolliert, nicht beschleunigt. Und oben in der Brauküche wird nicht „auf Start gedrückt“. Die Anlage ist fast 30 Jahre alt; umgestellt wird mit Handklappenventilen. Das ist kein Retro-Fetisch, sondern schlicht: Handwerk, bei dem man nicht sechs Stunden die Füße hochlegt.
Bürokratie, Erdnüsse und der kleine Zynismus der Kneipe
In einer Brauerei lernt man auch das deutsche Nebenprodukt jedes Genusses kennen: die Kontrolle. Reinheitsgebot, Labor, Nachweise – und dann der Biersteuerprüfer, der einen Tag lang Bücher wälzt, am Ende vielleicht drei Euro Beanstandung findet, aber 800 Euro kostet. Das Biersteuerbuch wird, so heißt es, teils noch „live“ geführt, nicht digital – ein Museumsstück im laufenden Betrieb.
Und weil Aufklärung ohne Pointe unerquicklich wäre, gibt es zum Schluss noch den Erdnuss-Moment: salzige Erdnüsse machen Bier bitterer, kratziger – und ihr eigentlicher Zweck sei schlicht, dass man mehr trinkt. Selten hat jemand die Kneipenökonomie so ehrlich in einen Satz gepackt.
Ein Abend, der nicht „Event“ sein will
Das Ennert-Bräu zeigt, wie groß eine kleine Brauerei sein kann, wenn sie sich nicht an die Logik der Masse verkauft. Man geht hinaus mit zwei klaren Erinnerungen: dem Hellen, das nicht geschniegelt sein möchte, und dem Rotbier, das mit Malz und Zeit arbeitet. Vor allem aber geht man hinaus mit dem Verdacht, dass Bier nicht bloß Getränk ist, sondern ein System aus Rohstoffen, Sinnen, Lagerung – und einer guten Portion Erdung in Bonn.