Zwischen Stillstand und Aufbruch – Warum Unternehmen endlich handeln müssen und natürlich auch die Politik #ZPNachgefragtWeek

Wer in diesen Tagen über Wirtschaft spricht, kommt an einem Begriff nicht vorbei: Transformation. Das Wort ist allgegenwärtig, wird in Keynotes bemüht, in Studien zitiert, auf Panels diskutiert. Und doch bleibt ein grundlegender Widerspruch: Während in der Theorie alle von Wandel sprechen, klammern sich viele Unternehmen in der Praxis an alte Strukturen. Statt sich an neue Realitäten anzupassen, beschäftigen sie sich mit der Verwaltung ihres Status quo.

In der Auftaktsession der  wurde genau das verhandelt: Warum tun sich Unternehmen so schwer mit echter Veränderung? Warum bleiben sie so oft im Modus der Symptombehandlung hängen, wenn es doch längst darum gehen müsste, das System selbst infrage zu stellen?

Marc Wagner, verantwortlich für People & Organization bei Atruvia, stellte eine These auf, die vielen nicht schmecken dürfte: Management kann ersetzt werden. Technologie macht es möglich. Prozesssteuerung, Ressourcenplanung, selbst klassische Controlling-Aufgaben – vieles davon kann heute durch smarte Systeme übernommen werden. Was bleibt, ist die Notwendigkeit von Führung. Aber Leadership ist nicht dasselbe wie Management. Es ist kein Verwaltungsakt, sondern die Fähigkeit, in Zeiten radikaler Unsicherheit Orientierung zu geben. Und genau daran mangelt es in vielen Unternehmen.

Bernhard Steimel, seit Jahren Berater in digitalen Transformationsprozessen, blickt auf die Situation mit einer Mischung aus Pragmatismus und Unverständnis. „Wir reden immer nur über Wachstumsbremsen. Warum eigentlich nie über Wachstumschancen?“ Die deutsche Wirtschaft hat sich angewöhnt, sich in den Fallstricken der Bürokratie und der Regulierung zu verlieren, als sei das der entscheidende Kampf. Dabei ist der eigentliche Gegner die eigene Trägheit. Während andere Länder strategisch in Innovation investieren, verlieren sich viele deutsche Unternehmen in endlosen Abstimmungen und Risikominimierung.

Die digitale Transformation wurde lange als technologische Frage behandelt. Man investierte in Labs, in Innovationszentren, in Pilotprojekte – meist abseits der Kernorganisation. Genau das ist das Problem. Wagner bringt es auf den Punkt: „Innovationslabore sind gescheitert, weil sie isoliert waren.“ Solange Innovation als Experiment betrachtet wird, das außerhalb des operativen Geschäfts läuft, solange sie in geschützten Räumen erprobt wird, ohne das Unternehmen wirklich zu verändern, bleibt sie folgenlos.

Es gibt sie natürlich, die Unternehmen, die es anders machen. Sie tauchen nur selten in der Berichterstattung auf. Der Mittelstand, oft abgeschrieben als behäbig, ist in vielen Fällen längst weiter als die Konzerne. Dort wird Innovation nicht als Show-Act betrieben, sondern als pragmatische Notwendigkeit verstanden. Wagner spricht von einer Renaissance des Unternehmertums. Nicht die nächste Exit-Welle von Startups ist entscheidend, sondern die langfristige Erneuerung von Unternehmen, die Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Die Diskussion zeigte aber auch: HR spielt in diesem Wandel eine entscheidende Rolle – und wird doch in vielen Unternehmen immer noch falsch verortet. In vielen Organisationen fristet sie ein Dasein als nachgelagerte Support-Funktion, die bestenfalls den Wandel begleitet, aber nicht gestaltet. Dabei liegt genau dort der Schlüssel: Welche Kompetenzen brauchen Unternehmen wirklich? Wie baut man eine Kultur, die Veränderungen nicht nur aushält, sondern aktiv vorantreibt?

Während in der Politik weiterhin über Standortbedingungen diskutiert wird, ohne dass eine wirkliche wirtschaftliche Agenda erkennbar wäre, machen sich Unternehmen, die es verstanden haben, längst auf den Weg. Der Unterschied zwischen jenen, die sich erneuern, und jenen, die sich vor der Erneuerung drücken, wird größer. Es geht nicht um Effizienz oder Innovation. Es geht darum, ob man in der Lage ist, beides zu vereinen.

Diejenigen, die glauben, mit ein paar neuen Technologien oder schlanken Prozessen werde sich das Problem von selbst lösen, übersehen das Wesentliche: Transformation ist kein Projekt, sondern ein Zustand. Und dieser Zustand ist gekommen, um zu bleiben.

Was die Politik daraus macht, bleibt abzuwarten. Aber wenn die neue Bundesregierung einen Beitrag leisten will, dann vielleicht diesen: „Weniger bestrafen, mehr fördern“, fordert Wagner.

https://twitter.com/gsohn/status/1886731329376805153

Siehe auch:

Die neue Unübersichtlichkeit – Warum Organisationen scheitern und was sie retten könnte #ZPNachgefragtWeek

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