
Am Rand der Stadt, am Bonner Bogen, mit Blick auf den Rhein und das Siebengebirge, fand sich eine kleine Gruppe zusammen, um über eine große Idee zu sprechen. Der Raum trug den Namen eines Sponsors – Kreissparkasse KölnBonn –, doch was dort verhandelt wurde, hatte wenig mit finanzieller Stabilität zu tun und alles mit einem wachsenden Unbehagen an der strukturellen Ordnung unserer digitalen Gegenwart.
Das Thema: „Kann das Fediverse die Welt retten?“
Die Frage war nicht naiv, sondern notwendig. Sie öffnete ein Fenster, das in der politischen Kommunikation seit Jahren verschlossen scheint: ein Blick auf jene Infrastrukturen, die unser Denken, Handeln und Wahrnehmen heute mehr bestimmen als jede Regierung, jede Zeitung, jede Partei.
Es war ein Barcamp. Keine Konferenz mit feierlichen Eröffnungsreden und betont leeren Worthülsen. Sondern eine offene Struktur, in der Fragen wichtiger sind als Antworten, und Beteiligung der Stoff ist, aus dem Öffentlichkeit entstehen kann. Der Raum war klein. Die Dringlichkeit war groß.
Die Form der Öffentlichkeit – und ihre Verhärtung
Das Fediverse ist kein Produkt. Es ist ein Versprechen. Ein Netzwerk aus offenen Protokollen, föderiert und frei, gedacht als Alternative zu den zentralisierten, algorithmisch gesteuerten Weltmaschinen von Meta, Google, X. Es ist ein digitales Biotop, das von technischer Eleganz und sozialem Idealismus lebt – und zugleich von einem fundamentalen Misstrauen gegenüber jenen Instanzen, die aus Sicht vieler längst zu Intermediären der Macht geworden sind.
Doch wer genau hinsieht, erkennt: Das Fediverse ist weniger Antwort als Symptom. Es verweist auf eine Öffentlichkeit, die nicht mehr weiß, wo sie beginnt und wo sie endet. Eine Öffentlichkeit, die von Plattformen abhängt, deren Regeln und Interessen nicht öffentlich verhandelt werden. Eine Öffentlichkeit, die sich nach Alternativen sehnt – und dabei oft übersieht, wie tief die Krise reicht.
Denn das Problem ist nicht nur zentralisierte Infrastruktur. Es ist die politische Leerstelle, die um sie herum entstanden ist.
Die Pose der Dezentralität
In der Diskussion im Barcamp-Raum wurde deutlich, was selten ausgesprochen wird: Dass Dezentralität kein Wert an sich ist. Sie kann emanzipieren, aber auch fragmentieren. Sie kann Vielfalt ermöglichen, aber auch Verantwortlichkeiten vernebeln. Wer glaubt, dass bloßes Föderieren das Machtgefälle zwischen Nutzer und Plattform auflöst, unterschätzt die Trägheit sozialer Systeme – und die Radikalität wirtschaftlicher Interessen.
Es genügt eben nicht, auf Mastodon zu posten, wenn die Aufmerksamkeit bei Instagram bleibt. Es reicht nicht, Protokolle zu entwickeln, wenn die Datenflüsse weiter in geschlossene Ökosysteme fließen. Und es ist keine Revolution, wenn nur die Sprache sich ändert, nicht aber die Machtverhältnisse.
Zwischen Netzkunst und Gesetzbuch – § 18 GWB und das zögerliche Rückgrat der Politik
Spätestens an dieser Stelle wurde die Debatte konkret. Denn es gibt Werkzeuge. Es gibt Gesetzestexte, die in der Lage wären, die Machtverhältnisse der digitalen Welt aufzubrechen. Nur: Sie werden nicht eingesetzt.
Das beste Beispiel: § 18 Absatz 3b GWB – der unscheinbare Paragraf im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, der das Potenzial hätte, das digitale Machtgefüge grundlegend zu verschieben. Dieser Absatz führt ein, was in der Debatte zu oft fehlt: den Begriff der Intermediationsmacht.
Gemeint ist: Plattformen wie Google, YouTube, Facebook, Amazon und TikTok sind längst nicht mehr bloße Vermittler. Sie sind Infrastruktur, Verleger, Herausgeber, Redakteure, Werbemarktbetreiber, Aufmerksamkeitsverteiler – und damit die zentralen Akteure einer Öffentlichkeit, die keine ist, weil sie sich entzieht: der Transparenz, der Kontrolle, der demokratischen Aushandlung.
Der § 18 Abs. 3b GWB erkennt diese Rolle explizit an. Er erlaubt es dem Bundeskartellamt, Plattformen mit „überragender marktübergreifender Bedeutung“ besondere Pflichten aufzuerlegen – etwa zur Datenportabilität, zu diskriminierungsfreiem Zugang, zur Interoperabilität. Kurz: Er schafft den Hebel, um ein digitales Gegengewicht zu setzen. Nicht durch Appelle, sondern durch rechtlich bindende Strukturvorgaben.
Und doch: Die politische Realität bleibt zögerlich, mutlos, verschwommen.
Die Landesmedienanstalten schlafen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat seine Kommentarspalten längst an Facebook outgesourct.
Die Bundesregierung betreibt Standortmarketing für Amazon und nennt es Digitalisierungspolitik.
Und die EU-Kommission hat mit dem Digital Services Act ein theoretisch elegantes Rahmenwerk geschaffen – das aber ohne mutige Durchsetzung bloß ein Papiergewitter bleibt.
Man redet über Resilienz. Aber wenn es ernst wird, kneift man.
Das Ende der Unschuld
Vielleicht war es das größte Verdienst dieser Session am Bonner Bogen, dass sie das Ende der Unschuld markierte. Die Unschuld, mit der wir uns eingeredet haben, Technik werde das schon richten. Dass ein offenes System per se ein gerechtes System sei. Dass die Flucht aus der Plattform zugleich eine Rückkehr zur Demokratie bedeute.
Stattdessen wurde klar: Das Netz ist politisch. Und es braucht nicht nur bessere Tools, sondern bessere Institutionen. Nicht nur Protokolle, sondern politisches Rückgrat. Das Fediverse ist ein Labor – aber kein Gesetzgeber. Es ist ein Möglichkeitsraum – aber keine Lösung, solange der gesetzliche Rahmen nur existiert, aber nicht zur Geltung kommt.
Was bleibt?
Eine Unruhe. Eine Ahnung. Ein Satz: „Kann das Fediverse die Welt retten?“
Nein. Aber es könnte der Anfang einer anderen Welt sein – wenn wir bereit sind, das Netz nicht länger als Sonderzone zu behandeln. Wenn wir begreifen, dass der § 18 GWB nicht nur ein juristisches Detail ist, sondern eine Verabredung darüber, was Öffentlichkeit in digitalen Zeiten bedeuten kann.
Und vielleicht war das die eigentliche Botschaft dieser Session mit Blick auf den Rhein:
Dass Rettung kein Zustand ist. Sondern ein Prozess. Und dass es dafür mehr braucht als Server.
Es braucht: Haltung. Struktur. Streit. Und eine demokratische Architektur, die diesen Namen verdient.
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