
Der trügerische Titel des Umweltweltmeisters
„Die Kreislaufwirtschaft kommt in Deutschland nicht voran“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das sei kein polemisches Verdikt, sondern die nüchterne Bilanz einer Entwicklung, die sich über Jahrzehnte hinweg in der Selbsttäuschung verfangen hat. Das Gefühl, Umweltweltmeister zu sein, trügt – wie es der Beitrag von FAZ-Redakteur Philipp Krohn eindrucksvoll zeigt. Inzwischen liegen Staaten wie die Niederlande, Italien oder Belgien bei der Nutzung von Sekundärrohstoffen deutlich vor Deutschland. Sie zeigen: Eine echte Circular Economy entsteht nicht durch moralische Selbstvergewisserung, sondern durch konkrete Koordination von Gesetzgebern, Industrie und Wissenschaft.
Der Widerspruch zwischen dem öffentlichen Anspruch und den statistischen Realitäten ist gravierend – und steht exemplarisch für das, was Balthasar Gracián als Gegensatz von Sein und Schein beschrieben hat. Nur wer diese Differenz erkennt, kann mit der Arbeit beginnen, die sich nicht mit Etiketten begnügt.
Das Mehrweg-Paradox
Ein Blick auf die Zahlen offenbart, wie sehr auch bewährte Instrumente aus der Balance geraten sind: Die Mehrwegquote bei Getränken liegt aktuell bei nur 43 Prozent. Im Jahr 1989 waren es noch über 70 Prozent. Trotz der frühen Etablierung des Dualen Systems und der politischen Vorreiterrolle Deutschlands in den 1990er Jahren hat sich der Trend umgekehrt. Statt Wiedernutzung dominieren Einwegvarianten, selbst im Segment der Glasverpackungen. Wo einst ein differenziertes System zur Stoffkreislaufführung etabliert war, herrscht heute bequemes Wegwerfen mit grünem Anstrich.
Das Thema Kreislaufwirtschaft bleibt dadurch auf eine symbolisch überhöhte Mülltrennung reduziert – eine Entwicklung, die sich nicht nur in der Gesetzgebung, sondern auch in der öffentlichen Debatte spiegelt.
Was wir nicht sehen: Die verdrängten Stoffströme
UBA-Präsident Dirk Messner hat im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview auf einen entscheidenden systemischen Fehler hingewiesen: Die dominante Wahrnehmung der Kreislaufwirtschaft sei auf Haushaltsabfälle verengt. Die wirklich relevanten Stoffströme – etwa aus dem Bausektor, der Fahrzeugproduktion, der Elektroindustrie und der Großchemie – entziehen sich weitgehend dem öffentlichen Blick.
Dabei fallen allein im Gebäudebereich mehr als die Hälfte aller nationalen Abfälle an. Doch die stoffliche Wiederverwendungsquote liegt bei unter fünf Prozent. Vom vielbeschworenen Urban Mining ist in der Praxis kaum etwas zu sehen. Gleiches gilt für seltene Erden, Batteriematerialien oder Hightech-Kunststoffe, die in der Industrie zwar knapp, aber kaum rückgewinnbar sind.
Produktdesign als neuralgischer Punkt
Messners Appell: Wer es mit der Kreislaufwirtschaft ernst meint, muss beim Produktdesign beginnen. Kreislauffähigkeit bedeutet eben nicht nur Recycelbarkeit, sondern auch Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Modularität. Stattdessen dominieren auf dem Markt Produkte, die entweder technisch verklebt oder softwareseitig blockiert sind. Ein klassisches Beispiel: Nicht austauschbare Akkus in Elektrogeräten, die bei Defekt das gesamte Gerät unbrauchbar machen.
Von einer systemischen Kreislaufwirtschaft ist Deutschland weit entfernt. Noch immer herrscht ein lineares Denken: vom Rohstoff zum Produkt – bis zum Abfall.
Der Rebound-Effekt als verdeckter Gegner
Selbst da, wo Fortschritte erzielt werden, etwa bei der Energieeffizienz von Produkten, wirkt der sogenannte Rebound-Effekt entgegen. Effizienzgewinne führen nicht automatisch zur Ressourcenschonung, wenn gleichzeitig Konsum und Produktion wachsen. Die Zahlen sind ernüchternd: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen 2010 und 2020 um 40 Prozent – der Rohstoffeinsatz aber nur um sieben Prozent zurück. Der Rohstoff-Fußabdruck stagniert.
Das bedeutet: Die viel beschworene Entkopplung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch findet nicht statt – zumindest nicht im Maßstab, der ökologisch erforderlich wäre. Fortschritt wird durch Wachstum kompensiert.
Gesetzliche Blockaden und ökonomische Trägheit
Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen hemmen den Wandel. Lange Zeit wurde etwa das chemische Recycling, also die Rückführung von Kunststoffen in ihre molekularen Bestandteile, durch Regularien blockiert. Erst jetzt beginnt sich die Sichtweise zu ändern. Unternehmen beklagen in Panels und Studien regelmäßig eine überbordende Komplexität der Vorschriften und mangelnde Förderanreize.
Dabei zeigt sich: Bereits heute haben drei Viertel der größeren Unternehmen eigene Rohstoffstrategien entwickelt – meist aus Risikomanagement-Gründen. Unter den KMU ist es immerhin jedes zweite. Doch diese Initiativen bleiben oft auf der Betriebsebene stecken. Ohne systemische Koordination und infrastrukturelle Unterstützung sind sie kaum skalierbar.
Milchdöschen-Perspektive adé
UBA-Präsident Messner spricht von der „Milchdöschen-Perspektive“ – einem deutschen Hang zur mikroökologischen Betrachtung, der das Große und Relevante vernachlässigt. Der Verpackungskreislauf, so wichtig er auch sein mag, ist nicht der Hebel, mit dem sich globale Stoffströme, Rohstoffabhängigkeiten und CO₂-Emissionen substanziell beeinflussen lassen.
Was stattdessen gebraucht wird, ist eine wirtschaftliche Architektur, die Materialflüsse strategisch lenkt, Produktlebenszyklen verlängert und Designprozesse von Anfang an auf Zirkularität verpflichtet. Kurz: Eine Kreislaufwirtschaft, die nicht aus moralischem Appell, sondern aus industrieller Vernunft besteht.
Am Tag der Kreislaufwirtschaft: Richtung stimmt, Anspruch bleibt
- 09:30 Uhr eröffnet Anja Siegesmund, geschäftsführende Präsidentin des BDE, mit klarer Ansprache.
- 10:00 Uhr folgen politische Keynotes u. a. von Carsten Schneider (Bundesumweltminister) und Jan Ceyssens (EU-Kommission).
- Um 10:45 Uhr bringt Prof. Dr. Martin Faulstich den wissenschaftlichen Impuls.
- Die Panels bis zum frühen Nachmittag widmen sich genau jenen Fragen, die im Zentrum stehen müssen: Rohstoffsicherheit, Innovationskraft, Design-for-Recycling.
Wer sich unter dem Hashtag #TdKLW25 informiert oder engagiert, trifft auf eine wachsende Community von Akteuren, die an Lösungen arbeiten. Entscheidend ist, dass aus dem Tag mehr wird als ein Event: ein Impuls für eine Wirtschaft, die mehr Wert auf Wiederverwendung als auf Verwertung legt – und die den Unterschied zwischen Schein und Sein erkennt und überwindet.