Zwischen Arkana und Szenarien – Die westliche Idee des Think Tanks #ZPNachgefragt – Livetalk am Dienstag 15 Uhr

Frühneuzeitliche Wurzeln: Arcana Consilia und geheimes Wissen

Die Geschichte der Denkfabriken beginnt nicht erst mit der RAND Corporation. Sie reicht zurück bis ins 17. Jahrhundert, zu den Brüdern Dupuy in Paris, deren Akademie ein intellektuelles Netz spannen wollte zwischen Staat, gelehrtem Gespräch und systematischem Quellenstudium. In den Bibliotheken Colberts zirkulierten „Secreta“ und „Arcana Consilia“ – geheime Gutachten, politische Exzerpte, Strategien zur Staatsformung. Das Wissen wurde nicht veröffentlicht, sondern aufgespart, geschützt, kuratiert. Es war ein Think Tank avant la lettre, eingebettet in das Machtwissen des frühneuzeitlichen Absolutismus.

Vom Sammeln zur Methode: Bacons Programm der Prognose

Mit Francis Bacon nahm dieser Denktyp eine Wendung: weg vom bloßen Sammeln, hin zum methodischen, induktiven Zugriff auf die Welt. Der Empirismus wurde zur epistemischen Infrastruktur – und rückte Prognose, Planung und Machbarkeit in den Mittelpunkt. Die Geburt der Moderne ging einher mit einer Verschiebung der Denkform: vom geheimen Ratschlag zum operativen Szenario.

RAND Corporation: Das Labor strategischen Denkens

Im 20. Jahrhundert erlebt dieses Denken seine technokratische Zuspitzung: Die RAND Corporation – 1948 von der US Air Force gegründet und zunächst vollständig von ihr finanziert – wurde zur Matrix des modernen Think Tanks. Wie Claus Pias in der Zeitschrift für Ideengeschichte zeigt, war RAND keine Universität, kein Ministerium, kein Unternehmen. Sie war eine hybride Zwischenform: interdisziplinär im Anspruch, militärisch in der Disziplin, spekulativ im Denken.

Der One-Man Think Tank: Herman Kahn und die Kunst des Undenkbaren

An RAND entstand, was Pias einen „One-Man Think Tank“ nennt: Herman Kahn, Physiker, Stratege, Provokateur. Kahn verband Spieltheorie, Systemanalyse, Rollenspiel, Brainstorming und Zukunftsszenarien zu einem experimentellen Methodengebäude, das dem Zufall ebenso viel Raum ließ wie der Berechnung. „Thinking the Unthinkable“ nannte er seine Strategie – das Undenkbare durchzuspielen, um vorbereitet zu sein, wenn es Realität wird. Die Idee: Sicherheit entsteht nicht durch Gewissheit, sondern durch gedankliche Antizipation von Ungewissheiten.

Retro-Futurismen mit Realitätswert

Kahns Szenarien – etwa über die postindustrielle Gesellschaft oder die Lerngesellschaft – mögen aus heutiger Sicht wie Retro-Futurismen erscheinen. Und doch erweisen sie sich in Teilen als bemerkenswert präzise: Auf der Konferenz in Malmö 1970 etwa beschrieb er mobile Arbeitsplätze, transportable Kommunikationsgeräte, „pocket-sized computers“, Remote-Meetings und globale Talentmärkte. Was damals als Science-Fiction klang, ist heute Homeoffice mit Cloud-Anbindung.

Denken im Grenzbereich: Interdisziplinär, adaptiv, simulativ

Die westliche Geschichte der Think Tanks ist keine Geschichte einer Disziplin. Sie ist die Geschichte einer Form des Arbeitens an Unsicherheit. Das erklärt, warum Systemanalytiker, Ökonomen, Soziologen, Kybernetiker und Strategen sich bei RAND begegneten – nicht trotz, sondern wegen ihrer Unterschiedlichkeit. Es ging um Simulation, um Perspektivwechsel, um Prognose und Rückkopplung. Szenariotechnik, Brainstorming, Delphi-Methode, Operations Research – all das entstand nicht im Elfenbeinturm, sondern im Grenzbereich von Militär, Wissenschaft und Industrie.

Renaissance der Denkform: Vom Kalten Krieg zur ökonomischen Resilienz

Heute erleben wir eine Renaissance dieser Denkform. Mit neuen Akzenten: nachhaltiger, digitaler, vernetzter. Auch das Smarter Service Institut greift auf diese Tradition zurück – etwa im Kontext ökonomischer Sicherheitspolitik. Es geht nicht mehr allein um Verteidigung, sondern um Resilienz. Nicht um bloße Modelle, sondern um adaptive Infrastrukturen des Denkens.

Von der Theorie zur Praxis: Was kann Denken heute leisten?

Die Frage lautet nicht: Was ist ein Think Tank? Sondern: Was kann Denken heute leisten, wenn es sich der Ungewissheit stellt?

ZPNachgefragt: Die Zukunft der Denkfabriken in der Arbeitswelt

Eine zeitgemäße Antwort liefert die Zukunft Personal Europe – im Kleinen wie im Großen. Dort versammeln sich nicht nur Technologien und Tools, sondern auch Denkformen. Und genau darüber sprechen wir in unserer Livestream-Sendung ZPNachgefragt, morgen, am Dienstag, den 29. Juli, um 15 Uhr.

„25 Jahre – und aktueller denn je“

Unter diesem Titel geben wir einen exklusiven Ausblick auf die ZP Europe 2025, die vom 9. bis 11. September in Köln stattfindet.

Was erwartet Dich im Stream?

👉 Ein Überblick über alle Think Tanks der ZP Europe – jeweils mit Gästen aus den Arbeitsgruppen
👉 Erste Insights zu den Jubiläums-Highlights: begehbare Timeline, Timecapsule, SelfieWall & mehr
👉 Spannende Teaser zu Sessions und Keynotes – von Prof. Maja Göpel bis Dr. Thomas Kreiter
👉 Und: Warum 2025 mehr ist als ein Rückblick – es ist der Aufbruch in eine neue Ära von People & Organisational Performance

Mit dabei: Martina Hofmann, Sven Semet, Prof. Dr. Rupert Felder, Oliver Walle.

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