
„I am sick of it down here“
Es gibt Stunden, in denen ich nach außen ganz normal wirke – freundlich, stabil, ansprechbar. Und innen ist es plötzlich zäh. Als hätte sich die Luft verändert. Für diese Stunden gibt es bei Colin Vearncombe, aka Black, eine Sprache, die mich seit Jahren begleitet: Gonna fly up to the moon… Nicht als Science-Fiction, sondern als innerer Reflex. Weg aus dem Gewicht. Raus aus „hier unten“.
Raising all of my money. Can’t make it too soon.
Das klingt wie ein Plan, aber es ist eher ein Seufzer mit Richtung: Ich muss irgendwohin, wo der Druck kurz nachlässt. Und manchmal reicht dafür ein Lied.
Das Ende kommt nicht immer mit Knall
So this is how the world ends — not with a bang but with a wimpy.
Black trifft damit etwas, das ich gut kenne: Manche Zusammenbrüche sind unspektakulär. Kein Drama, kein großes Theater. Nur ein leiser Moment, in dem man merkt, dass die Kraft kurz weg ist. Don’t laugh too soon – als Warnung, als Schutzsatz: Unterschätz die leisen Abstürze nicht. Sie sind echt, auch wenn keiner sie sieht.
„Out of focus“ – wenn das Leben kurz unscharf wird
Who needs all the troubles of today? What’s the difference anyway?
Das ist keine Pose, eher Müdigkeit. Dieses Gefühl, als würde man durch den Tag gehen und für einen Moment nicht richtig greifen können, was man da tut. I feel out of focus, what can I do?
Wie ein Foto, das nicht scharf wird, egal wie sehr man nachstellt.
Und genau hier passiert bei Black etwas Besonderes: Er lässt diese Unsicherheit stehen, ohne sie zu beschönigen. Er benennt sie – und damit wird sie tragbar.
„There’s only you“ – ein Satz mit mehreren Schichten
There’s only you.
Früher hatte dieser Satz ein Gesicht, eine eindeutige Adresse. Heute hat er mehrere Ebenen – und genau das ist mein Leben geworden.
Ich habe ein neues Leben. Das ist wahr. Es ist Nähe, die wieder möglich ist. Es ist Zukunft, die nicht laut einzieht, sondern vorsichtig. Und trotzdem gibt es Stunden, die schwer bleiben. Nicht, weil die Gegenwart nicht zählt, sondern weil das Vergangene nicht verschwindet. Weil Liebe nicht austauschbar ist, und Verlust kein Schalter.
Dieses „you“ kann Erinnerung sein. Es kann Gegenwart sein. Und manchmal muss es auch heißen: Ich selbst. Derjenige, der weitergeht, obwohl es innerlich nicht immer glatt ist.
Wenn Grenzen aufgehen, wird es manchmal härter
When they open the borders where will you be?
Ich höre darin nicht nur Geografie. Ich höre die Grenze zwischen „damals“ und „jetzt“. Sobald die Welt wieder aufmacht, sobald wieder mehr möglich ist, wird der Kontrast sichtbarer: Was man wieder tun kann – und mit wem man es nicht mehr tun kann.
I’ll climb the highest tree to avoid the stampede.
Ein starkes Bild: sich hochziehen, Abstand gewinnen, nicht überrannt werden vom Tempo der Normalität. Manchmal braucht es genau das, um nicht unterzugehen: raus aus der Menge, kurz überblicken, atmen, wieder runter.
„Only you… would say goodbye“
And if I should fly… only you… there’s only you… that would say goodbye.
Das ist der schmerzlichste Teil – und zugleich der zärtlichste. Wer würde es wirklich merken, wenn ich innerlich verschwinde? Wer würde mich wirklich verabschieden?
In dieser Zeile steckt beides: die Angst, übersehen zu werden – und die Gewissheit, dass es mindestens einen Menschen gibt, der bleibt. Damals. Heute vielleicht sogar mehr als einer, auch wenn ich es nicht immer sofort spüre.
Black bleibt – als Stimme, die nicht lügt
Der vor zehn Jahren verstorbene Colin Vearncombe begleitet mich nicht, weil er Lösungen anbietet, sondern weil er das Unzeigbare ausspricht, ohne es auszuschlachten. Er erlaubt mir, stark zu wirken und trotzdem zuzugeben: I am sick of it down here. Und er zeigt mir, dass „zum Mond“ manchmal nur heißt: ein paar Minuten Abstand vom Gewicht.
Und wenn ich danach wieder nach außen trete – mit einem Lächeln, mit Plänen, mit einer Hand, die ich heute wieder halte – dann nehme ich dieses Lied mit wie einen stillen Beweis: Die schweren Stunden sind nicht das Ende. Sie sind nur die Stellen, an denen ich kurz aufsteigen muss, um weitergehen zu können.