
Warum Rupert Felder an ein Gesetz erinnerte, ohne das weder Wirtschaft noch Gesellschaft Bestand haben
Das 125-jährige Jubiläum des Bürgerlichen Gesetzbuches ist im vergangenen Jahr beinahe lautlos vorbeigezogen. Für ein Land, das seine politische Identität gern aus Rechtsstaat, Ordnung und Verfassung bezieht, war das ein aufschlussreicher Vorgang. Man feiert Jahrestage mit symbolischer Fallhöhe, mit Pathos, mit Fernsehstunden. Das Gesetzbuch, das den Alltag einer Gesellschaft ordnet, das Eigentum, Vertrag, Haftung, Familie und Erbe regelt, durfte dagegen in den Hintergrund treten. Die Herausgeber des Bandes 125 Jahre Bürgerliches Gesetzbuch, Nils Jansen und Sebastian Lohsse, erinnern daran, dass schon der hundertste Geburtstag des Gesetzbuchs im Jahr 2000 „merkwürdig still“ blieb und das BGB nie zum eigentlichen Identifikationssymbol der deutschen Rechtswissenschaft wurde.
Das Schweigen ist kein Zufall. Es sagt etwas über die geistige Lage des Landes. Man lebt vom Recht, aber man interessiert sich lieber für seine Kulissen als für seine Substanz. Der Rechtsstaat wird beschworen, das Privatrecht übersehen. Dabei liegt dort die elementare Grammatik des Zusammenlebens. Dort wird festgelegt, was ein Versprechen gilt, was ein Schaden ist, was Eigentum darf, wo Bindung anfängt und Willkür endet.
SZ-Kolumnist Heribert Prantl gehörte zu den wenigen, die dieses Jubiläum gewürdigt haben. Er nannte das BGB ein Meisterwerk aus Paragraphen. Das traf den Punkt besser als manches gelehrte Kolloquium. Denn hinter dem trockenen Titel verbirgt sich kein toter Normenblock, sondern ein Monument der europäischen Rechtsvernunft: jahrzehntelang vorbereitet, systematisch gebaut, darauf angelegt, einen zersplitterten Rechtsraum in eine kohärente Ordnung zu überführen. Auch der Münsteraner Jubiläumsband versteht die Kodifikation als Anlass, über das Verhältnis von Gesetzgebung, Rechtsprechung und Wissenschaft neu nachzudenken.
Die wahre Nachricht des BGB heißt: Verlässlichkeit
Man kann über die Sprache des Gesetzbuchs spotten. Man kann an Formulierungen verzweifeln, die wie sprachgewordene Schraubstöcke wirken. Prantl hat gerade daraus seinen Witz gezogen. Doch Präzision ist nicht bloß Stilfrage. Präzision ist eine Form der Zivilisation. Wo die Begriffe ausfransen, franst am Ende auch die Wirklichkeit aus.
Darum war das Gespräch mit Rupert Felder bei „Zukunft Personal Nachgefragt“ mehr als ein juristischer Rückblick. Felder sprach nicht als Antiquar des Rechts, sondern als Diagnostiker der Gegenwart. Sein Thema waren die multiplen Krisen: geopolitische Erschütterungen, ökonomischer Druck, politische Radikalisierung, soziale Unsicherheit. Aber er verweigerte sich der üblichen Litanei. Die Krise selbst, so sein Befund, ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, wie auf sie reagiert wird. Ob eine Gesellschaft noch unterscheiden kann. Ob sie Bedrohungen erkennt, Alternativen prüft, Kräfte bündelt und aus der Bewältigung mehr gewinnt als bloße Erschöpfung.
Das klingt schlicht. In Wahrheit hängt daran die Zukunft wirtschaftlicher Vernunft. Denn Wirtschaft scheitert selten zuerst an der Knappheit. Sie scheitert oft früher an der Auflösung gemeinsamer Maßstäbe. Wenn Sprache nur noch Waffe ist, wenn Verfahren nur noch Verzögerung heißen, wenn jede Bindung als Schwäche verachtet wird, dann wird aus Markt Hektik und aus Freiheit eine Vorstufe der Beliebigkeit.
„Treu und Glauben“ ist keine sentimentale Formel
Felder erinnerte im Gespräch an einen Satz, der älter ist als jede Managementmode und moderner als fast alles, was heute auf Strategietagen verhandelt wird: Treu und Glauben. Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist das keine Dekoration. Es ist der zivilrechtliche Kern der Erwartung, dass der andere nicht bloß Mittel zum Zweck ist. Verträge funktionieren nicht allein deshalb, weil Unterschriften unter ihnen stehen. Sie funktionieren, weil nicht jede Lücke sofort geplündert, nicht jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt, nicht jede Formalie in ein Instrument des Übervorteilens verwandelt wird.
Damit ist man mitten in der Ökonomie. Vertrauen ist kein weiches Zusatzgut, sondern ein harter Produktionsfaktor. Wer das unterschätzt, hält Recht für Beiwerk und wundert sich später über erodierende Loyalität, steigende Transaktionskosten und eine Öffentlichkeit, in der keiner mehr ein Wort vom anderen gelten lässt.
Im Münsteraner Band ist nachzulesen, wie das Gesetzbuch in Deutschland lange als Problem galt: als „Gefängniszelle“, als zu starr, zu formal, zu wenig geschmeidig für die Zumutungen der Moderne. Erst spät kehrte die Einsicht zurück, dass klare dogmatische Strukturen und Privatautonomie nicht das Hindernis, sondern die Voraussetzung eines funktionierenden Privatrechts sind. Das ist die eigentliche Pointe dieses Jubiläums: Man beginnt den Wert einer Ordnung oft erst zu begreifen, wenn sie von allen Seiten unter Druck gerät.
Das Recht verliert, wenn die Sprache verwahrlost
Felder hat den Nerv der Gegenwart dort getroffen, wo er am sichtbarsten offenliegt: in der Sprache. Seine Beobachtung war von bestürzender Schlichtheit. Nicht der Stärkere gewinnt, sondern der Lautere. Diese Verschiebung reicht weit über die Politik hinaus. Sie erfasst Unternehmen, Verbände, Institutionen. Überall wächst die Versuchung, Klarheit durch Signalwörter zu ersetzen, Urteil durch Pose, Analyse durch Erregung.
In solcher Atmosphäre verändern Krisen ihren Charakter. Sie bleiben nicht mehr äußere Herausforderungen. Sie wandern nach innen. Sie greifen in die Verständigungsfähigkeit ein. Sie zerstören die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten, Kompromisse zu erarbeiten, Verfahren zu respektieren. Das ist nicht nur ein kulturelles Problem. Es ist ein ökonomisches. Denn moderne Volkswirtschaften leben von komplexer Kooperation. Wo Vertrauen und Sprache verfallen, wird die Koordination teuer, unerquicklich wäre hier noch ein Lob, und am Ende brutal ineffizient.
Felder kam von dort folgerichtig zur betrieblichen Wirklichkeit. Betriebsverfassung, Tarifkompromiss, Mitbestimmung, Interessenausgleich: Das alles wirkt im öffentlichen Gerede oft wie altes Mobiliar der Bundesrepublik. Tatsächlich handelt es sich um hochentwickelte Verfahren zur Befriedung von Konflikten. Während sich draußen die Pose des Unversöhnlichen ausbreitet, wird im Betrieb noch immer gezwungen, miteinander auszukommen. Genau darin liegt ein Teil der Stärke des deutschen Modells.
Der ehrbare Kaufmann ist kein Museumsstück
Felder sprach auch vom ehrbaren Kaufmann. Man kann darüber lächeln. Man kann das für den letzten Gruß aus der Vitrine halten. Man täte gut daran, es nicht zu tun. Denn im Kern steckt darin nur ein Satz: Wirtschaftliches Handeln darf den nächsten Tag mitdenken. Nicht bloß die nächste Zahl, die nächste Marge, den nächsten Quartalsapplaus.
Das unterscheidet Unternehmer von Verwaltern des Augenblicks. Wer ausschließlich opportun reagiert, wird zum Gefangenen äußerer Signale. Dann gilt Diversität, solange sie Reputation verspricht. Dann gilt Nachhaltigkeit, solange Analysten danach fragen. Dann gilt soziale Verantwortung, solange sie nichts kostet. Dreht die Lage, dreht das Vokabular. Zurück bleibt eine Organisation, die sich selbst nicht mehr glaubt.
Hier liegt die Nähe zwischen Felder und Prantl, obwohl beide aus ganz verschiedenen Richtungen kommen. Der eine liest das Gesetzbuch als publizistische Großform der Ordnung, der andere als arbeitsrechtliche Schule der Verlässlichkeit. Beide verstehen, dass eine Gesellschaft nicht nur an den Rändern gehalten wird, sondern in ihren alltäglichen Bindungen. Nicht durch moralische Anrufungen, sondern durch Regeln, die gelten, und durch Worte, die nicht jeden Tag ihr Gegenteil bedeuten.
Warum gerade HR an dieser Stelle politisch wird
Der überraschendste Teil des Felder-Gesprächs lag vielleicht darin, dass ausgerechnet HR zur Scharnierstelle einer größeren Debatte wurde. Personalpolitik erscheint gern als Nebenbühne: ein Feld für Instrumente, Formate, Befindlichkeiten. Felder sah darin etwas anderes. Für ihn ist HR eine betriebswirtschaftliche Funktion unter Druckbedingungen. Dort entscheidet sich, ob Beschäftigungsfähigkeit erhalten bleibt, ob Transformation geordnet verläuft, ob Weiterbildung mehr ist als Dekor, ob Gesundheitspolitik den Betrieb stabilisiert, ob soziale Spannungen eskalieren oder bearbeitet werden.
Damit ist HR sofort mehr als Administration. Es wird zur Praxis des Zivilrechts im Unternehmen. Arbeitsverhältnisse sind nicht nur Kostenpositionen. Sie sind rechtlich gebundene, sozial aufgeladene, ökonomisch folgenreiche Beziehungen. Wer das vergisst, zerstört die innere Statik des Betriebs. Wer nur noch vom Menschen als Ressource spricht, hat den ersten Schritt bereits getan.
Der Münsteraner Jubiläumsband kreist genau um diese Verschiebungen. Er beschreibt, wie das klassische Privatrechtsdenken unter dem Druck von Sondermaterien, Richterrecht und europäischer Regulierung seine frühere Selbstverständlichkeit verloren hat und dennoch als Symbol einer systematischen Ordnung wieder an Bedeutung gewinnt. Für die Wirtschaft heißt das: Ohne verlässliche Strukturen wird Transformation nicht dynamisch, sondern nervös.
Deutschland redet über Zukunft und vergisst die Form, die sie trägt
Vielleicht war das Schweigen rund um den 125. Geburtstag des Gesetzbuchs deshalb so bezeichnend, weil es in eine Zeit fiel, in der überall von Zukunft die Rede ist. Von Künstlicher Intelligenz, von Disruption, von Dekarbonisierung, von geopolitischer Neuordnung, von der Neuvermessung der Arbeit. All diese Debatten haben Gewicht. Aber sie hängen in der Luft, wenn die Form fehlt, die sie tragen soll.
Diese Form heißt nicht nur Grundgesetz. Sie heißt auch Zivilrecht. Sie heißt Berechenbarkeit. Sie heißt Verfahren. Sie heißt Vertrag. Sie heißt Eigentum unter Recht. Sie heißt Treu und Glauben. Das klingt nicht spektakulär. Es ist auch nicht dazu da, spektakulär zu sein. Es ist dazu da, den zivilen Verkehr so zu ordnen, dass Freiheit nicht in Willkür umkippt.
Prantl hat das Gesetzbuch als Meisterwerk aus Paragraphen gewürdigt. Felder hat daran erinnert, warum dieses Werk nicht im Archiv liegen darf. Zwischen beiden liegt ein Gedanke, der in die Gegenwart schneidet: Eine Gesellschaft verliert ihre Zukunft nicht erst dann, wenn ihr das Geld ausgeht. Sie verliert sie früher, wenn sie die Sprache, die Bindung und die Form preisgibt, in denen Vertrauen entsteht.
Drei Termine in Stuttgart, an denen das Thema weiterläuft
Wer diese Debatte nicht nur als Rückblick lesen will, wird auf der Zukunft Personal Süd am 21. und 22. April 2026 in der Messe Stuttgart fündig. Genau dort wird weiterverhandelt, was im Gespräch mit Rupert Felder aufgerufen wurde: Wie Organisationen in einer Lage bestehen, in der Krisen, Überforderung, Regulierungsdruck und Transformationszwang gleichzeitig auftreten.
Am 21. April gehört dazu der HR-RoundTable „Von Polikrise zu Polipotential! Dynamikrobuste Lernökosysteme gestalten“ mit Prof. Dr. Anja Schmitz. Der Titel allein markiert schon die Verschiebung: weg von der bloßen Krisenbeschreibung, hin zur Frage, wie Lern- und Arbeitsfähigkeit unter Dauerveränderung stabilisiert werden können. Dass Anja Schmitz diesen Begriff der „dynamikrobusten Lernökosysteme“ aktuell genau in diesem Zusammenhang entfaltet, ist auch außerhalb des ZP-Programms dokumentiert.
Am 22. April folgt auf der Keynote Stage mit „We the HR – Der Realitätscheck 2026: Was die Branche sagt – und was sie tut“ jener schonungslose Abgleich von Anspruch und Praxis, der in einer Branche mit Hang zur Selbstberuhigung überfällig ist. Mit Christina Pallmann, Giovanna Lo Presti und Cliff Lehnen bekommt das Format genau die Mischung aus Praxisnähe, Streitlust und öffentlicher Fallhöhe, die man sich öfter wünschen würde.
Und am selben Tag spricht Dr. Tobias Zimmermann in seiner Keynote „Zeit der Chancen für HR und Personalmanagende: Trends, Wahrheiten und Mythen zum Arbeitsmarkt 2026“ über den Arbeitsmarkt als widersprüchliches Feld zwischen Unsicherheit, Fachkräftemangel und neuer strategischer Bedeutung von HR. Dass Zukunft Personal diese Session bereits als einen der süddeutschen Keynote-Höhepunkte herausstellt, ist offiziell vorgezeichnet.
Wir debattieren natürlich auch im Messe-TV-Studio weiter – direkt neben der Keynote Stage.