You Can’t Judge a Book by it’s Cover oder: Die Geste des HerausGebens

Auftakt: Transit als Denkform

Bahnhof.
Kaffeehaus.
Rollendes Gepäck.
Ein Satz kommt an, ein anderer fährt schon ab.

So beginnt dieser außergewöhnliche Band des Merve Verlags nicht als Buch im stillen Sinn, nicht als abgeschlossene Form, sondern als Durchgang. Als Stimmenlage. Als Arrangement von Ankünften, Abfahrten, Einschüben, Aufnahmen, Übertragungen. Nicht das Buch liegt vor uns, sondern eine Schaltung: Theorie im Transit, Denken mit Nebengeräusch, ein Verlag, der sich als Milieu hörbar macht. Im Buchobjekt „You Can’t Judge a Book by it’s Cover“ werden Stimmen, Geräusche, Autoren, Verfahren und Verlagspraxis so montiert, dass die Reihe selbst zu sprechen beginnt.

Foucault: Das Buch als Räumlichkeit

Foucault spricht zuerst, oder genauer: der Raum spricht durch ihn. Man lebe nicht in einem „neutralen und weißen Raum“, nicht auf dem Rechteck eines Papiers, sondern in Passagen, Métros, Cafés, Kinos, Hotels, in hellen und dunklen Zonen, in porösen und harten Regionen. Das ist mehr als eine Theorie der Räume. Es ist bereits eine Verlagsästhetik. Denn auch Merve dachte das Buch nie als leere Fläche, sondern als soziales Klima, als Passage.

Die verlegerische Operation: Umlegen, umlagern, neu verkoppeln

Dann die verlegerische Geste selbst: Verlegen heiße, so Hanns Zischler, „wo anders hinlegen“. Ein Autor wird seinem eigenen Zusammenhang entzogen und neben andere Texte gelegt; ein Aufsatz wird umgelagert, ein Titel neu gesetzt, eine Nachbarschaft hergestellt, die es vorher nicht gab. Und Diedrich Diedrichsen bringt dafür die schönste Formel: „Aus dem Zusammenhang reißen, in den Zusammenhang schmeißen.“ Genau das ist Merve. Kein Heiligtum des Werks, sondern eine Kunst der neuen Verkettung. Nicht Bewahrung im klassischen Sinn, sondern produktive Umlagerung. Der Verlag als Montage-Tisch, als Mischpult, als Stelle, an der Theorie ihre Nachbarn wechselt.

Die Serie spricht: Jubiläum als Stimmenkomposition

Deshalb ist dieser Band so merkwürdig und so genau: Er feiert im Jahr 1995 nicht einfach 25 Jahre Verlag, sondern stellt die Feier selbst unter das Gesetz der Serie. Nicht Festschrift, sondern Stimmenkomposition. Nicht Jubiläumston, sondern Zuggeräusch. Nicht Rückblick, sondern Rückkopplung. Die Reihe erscheint als mosaikartige Struktur, als ein Feld unterschwelliger Gemeinsamkeiten, als Bündel von Nebenwurzeln: Foucault neben Deleuze, Virilio neben Baudrillard, Techno neben Philosophie, Kybernetik neben Ethik, Pop neben Theorie. Man könnte sagen: Hier wird nicht das Werk gefeiert, sondern die Anschlussfähigkeit. Nicht der einzelne Autor glänzt, sondern die Funken springen zwischen den Bänden.

Taubes: Sprache, Übertragung, Relais

Jacob Taubes setzt einen Grundton: Sprache, in weitem Sinn, sei „ununterbrochen ein Abbilden von einer Sprache auf die andere Sprache“. In diesem einen Satz steckt die ganze geheime Mechanik des Verlags. Denn Merve übersetzt nicht bloß aus dem Französischen oder Amerikanischen ins Deutsche. Merve übersetzt Denkweisen in Reihen, Gespräche in Taschenbücher, Stimmen in Schnitte, Milieus in Formate, Theorie in Umlauf. Taubes sagt Sprache und meint schon Übertragung; Merve hört Übertragung und macht daraus Programm. So werden Leser zu Machern, Theorien zu Materialien, Bücher zu Werkzeugkästen, Brücken, Labels, Rückkopplungen. Das Buch ist nicht Endpunkt, sondern Relais.

Heinz von Foerster: Entscheidungen im Unentscheidbaren

Heinz von Foerster öffnet den Abgrund mit heiterer Nüchternheit: Der Ursprung des Universums sei „prinzipiell nicht beantwortbar“. Wenn einer erkläre, wie das Universum entstanden sei, erfahre man etwas über ihn, nicht über den Ursprung. Das ist als kosmologischer Satz brillant; als verlegerischer Satz ist er noch besser. Denn auch ein Verlagsprogramm hat keinen absoluten Grund. Warum dieser Text jetzt? Warum dieser Autor? Warum diese Serie? Warum diese riskante Nachbarschaft? Es gibt keine letzte Begründung. Es gibt nur Entscheidungen im Unentscheidbaren. Und gerade dort beginnt Stil. Gerade dort beginnt Herausgeben. Nie sagen: Das kenne ich schon. Immer wieder: noch einmal sehen, noch einmal hören, noch einmal riskieren.

Baudrillard: Der ungeöffnete Schirm

Baudrillard kommt wie ein trockener Blitz. Kein Trost, kein System, eher eine kleine Parabel, die sich sofort ins Nervensystem frisst: ein Mensch geht im Regen spazieren und trägt den Schirm unterm Arm. Man fragt ihn, warum er ihn nicht aufspanne. Er antwortet: „Ich möchte nicht am Ende meiner Möglichkeiten fühlen.“ Das ist der Satz, an dem die ganze Pose der Souveränität kippt und zugleich glänzt. Nicht Unvermögen, nicht Nachlässigkeit, sondern die kalte Verweigerung des verfügbaren Schutzes. Die Möglichkeit ist da, aber sie soll nicht eingelöst werden. Der Schirm bleibt Potential. Vielleicht ist das überhaupt eine Figur des Merve-Denkens: Die Apparate sind da, die Systeme sind da, die Diskurse sind da — aber interessant wird es erst dort, wo man sie nicht einfach benutzt, sondern gegen ihre beruhigende Funktion kehrt. Baudrillard bei Merve war nie Dekoration; er war Störsender.

Szeemann: Erinnerung als Zirkulation

Harald Szeemann spricht vom Medium im Hinblick auf das „Überleben einer Person in der Erinnerung“. Das klingt archivalisch, ist aber bei Merve gerade nicht museal. Denn Erinnerung heißt hier nicht Konservierung, sondern Fortsetzung unter veränderten Bedingungen. Eine Stimme bleibt nicht, weil sie bewacht wird, sondern weil sie wieder auftaucht, neu montiert wird, in andere Zusammenhänge gerät, von anderen aufgenommen wird. Nicht das Monument, sondern die Zirkulation rettet. Nicht die Vitrine, sondern die Weitergabe. Darum die kleine Form, das Taschenbuch, die sparsame Machart, die hohe editorische Präzision: gebundene Energie, bereit, an anderer Stelle wieder freigesetzt zu werden.

Heiner Müller: Demokratismus der Elemente

Heiner Müller nennt es einen „Demokratismus in der Ästhetik“: Licht, Ton, Kostüm, Bühnenbild, Text — keine Hierarchie. Auch dieser Band funktioniert genau so. Hier herrscht keine alte Oberhoheit des Autors. Das Geräusch ist nicht Beiwerk. Der Schnitt ist nicht bloß Technik. Der Titel ist nicht Verpackung. Die Reihe ist nicht Verwaltung. Alles arbeitet gleichberechtigt am Sinn. Daher ist „You Can’t Judge a Book by it’s Cover“ im tiefsten Sinn auch Theater: eine Inszenierung der Gleichrangigkeit von Elementen. Verlag nicht als Büro, sondern als Bühne des Arrangements.

Hannes Böhringer: Wiederholbarkeit des Glücks

Und Hannes Böhringer setzt die schöne Schranke: Das Subjekt des Vergnügens sei stumm, es könne nur ausrufen, wie schön das sei, und es wiederholen. Vielleicht liegt genau darin die Wahrheit dieses Bandes. Er will nicht endgültig auslegen, nicht alles hermeneutisch stillstellen. Er will den richtigen Ton treffen, die Wiederholbarkeit eines Impulses, die kleine Sprechfaulheit des Glücks, die man nur künstlich, nur als Mimesis, nur als Form noch einmal aufrufen kann. Der Verlag komponiert also nicht nur Begriffe; er komponiert Wiederholbarkeit. Er sucht die Tonart, in der Widerspruch und Anklang zusammen möglich bleiben.

Deleuze: Das Gras wächst aus der Mitte

Und dann Deleuze, fast am Ende, fast wie eine Regieanweisung für alles Vorangegangene: nicht die Wurzel, sondern das Gras; nicht die Herkunft, sondern die Mitte; nicht der Stammbaum, sondern das Rhizom. „Die Herbe … pousse durch den Milieu“ — das Gras wächst durch das Milieu. Dieser Satz könnte über dem ganzen Merve-Projekt stehen. Denn auch dieser Band wächst aus der Mitte heraus: aus dem Dazwischen der Stimmen, aus der Gegenwart, aus einer Aufmerksamkeit für Querverbindungen, Übergänge, plötzliche Singularitäten. Nicht von oben verordnet, nicht aus einer Lehrmeinung entwickelt, sondern mittendrin, im Lärm, im Café, im Gespräch, am Bahnsteig, im kleinen Format, mit großer Wachheit.

Die Geste des HerausGebens: Gabe an die Gegenwart

So wird die „Geste des HerausGebens“ sichtbar. Nicht als noble Gönnerpose. Nicht als kuratorische Eitelkeit. Sondern als eine Gabe an die Gegenwart. Mit der Publikation eines Buches, heißt es, setze man „etwas in die Welt“, gebe, ja schenke der Welt etwas. Der Satz ist schlicht und maßlos zugleich. Denn schenken heißt hier nicht besänftigen, sondern zusetzen. Etwas in Umlauf bringen, das andere Umläufe stört. Eine Stimme hörbar machen, die noch keinen Ort hatte. Ein Denken so klein formatieren, dass es reisen kann. Ein Buch so setzen, dass es keine Ruhe gibt.

Schluss: Eine Serie von Übergängen

Am Ende bleibt nicht das Cover.
Am Ende bleibt auch nicht der Autor als Statue.
Am Ende bleibt eine Serie von Übergängen.

Foucault: Raum.
Taubes: Übertragung.
von Foerster: Unentscheidbarkeit.
Baudrillard: der ungeöffnete Schirm.
Szeemann: Erinnerung.
Müller: Gleichrangigkeit.
Deleuze: Gras aus der Mitte.

Und Merve?
Merve ist die Stelle, an der diese Stimmen einander nicht erklären, sondern aussetzen.
Ein Verlag als Passage.
Ein Band als Schaltkreis.
Ein kleines Buchobjekt, das mehr weiß als sein Umschlag.

https://ichsagmal.com/tag/peter-gente

Fundgrube: Seite über Heidi Paris.

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