
Port de Sóller als Winterquartier
Wir haben Mallorca nicht „bereist“, wir haben es bewohnt – zumindest für ein paar Tage. Unser Quartier war das Hotel Eden im Port de Sóller, dort, wo die Bucht den Rhythmus vorgibt und der Winter die Insel in einen ruhigeren Aggregatzustand versetzt. Keine Hochsaison-Gesten, kein touristisches Dauerlächeln. Stattdessen Licht, das länger bleibt als erwartet, und eine Gelassenheit, die sich wie eine zweite Haut über den Ort legt.

Port de Sóller ist im Winter nicht leer, sondern entlastet. Man hört wieder, was sonst untergeht: Schritte auf Holz, Stimmen aus den Cafés, das Klirren von Geschirr, das kurze Aufatmen einer Tür, die ins Warme fällt. Von dieser Basis aus haben wir Tagesausflüge gemacht – und sind abends immer wieder in den Hafen zurückgekehrt, als hätte er eine eigene Gravitation.

Tagesausflug 1: Valldemossa und der andere Mallorca-Winter
Valldemossa ist im Winter eine Art Gegenentwurf zum Hafen: enger, steinerner, kontemplativer. Dort, in der Kartause, wird Geschichte nicht erzählt, sie liegt einfach herum – in Korridoren, Zellen, Innenhöfen. Und genau dort, zwischen Mauern und feuchter Kühle, bekommt die berühmte Episode mit George Sand und Frédéric Chopin eine physische Plausibilität.

Sie kamen mit der Hoffnung auf ein heilendes Klima und fanden einen Winter, der ihnen unerquicklich erschien: feuchte Luft, kühle Räume, eine Umgebung, die dem unverheirateten Paar skeptisch begegnete. Sand hat das später in ihrem Bericht scharf festgehalten – nicht ohne Übertreibung, aber mit der Präzision der Enttäuschten. Chopins Krankheit machte den Aufenthalt zur Daueranspannung; selbst das Klavier wurde zum Symbol der Reibung zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Und doch: Wer heute bei Sonne durch Valldemossa geht, merkt, wie sehr das Urteil über einen Ort auch von den Bedingungen abhängt, unter denen man ihn erlebt. Dass wir nach Port de Sóller zurückfahren konnten – ins warme Licht, ins bewohnte Heute –, ist ein Luxus, den Sand und Chopin in dieser Form nicht hatten.

Tagesausflug 2: Sóller – Wanderung durchs Tal der Zitrusfrüchte
Ein zweiter Tag gehörte Sóller selbst, dem Tal hinter dem Hafen, das wie ein aufgeschlagenes Buch zwischen den Bergen liegt. Die Wanderung beginnt dort, wo das Städtische ausfranst: an Trockenmauern, an Wegen, die von Generationen geglättet wurden, an Plantagen, die der Landschaft Struktur geben.

Dann Orangen – nicht als Dekoration, sondern als Selbstverständlichkeit. Zitronen, die in der Wintersonne fast zu leuchten scheinen. Mandelbäume, je nach Woche noch karg oder schon mit jenem zarten Weiß-Rosa, das den Frühling ankündigt, bevor er offiziell da ist. Der Duft ist das eigentliche Souvenir: Zitrus, kühl, klar, mit einer Spur Bitterkeit. Und immer wieder diese unaufdringliche Freundlichkeit der Menschen – ein Nicken, ein Gruß, kein Theater.

Ramon Llull: Die Insel als Denkraum
Mallorca ist nicht nur Landschaft, Mallorca ist auch Idee. Wer nach einer Wanderung mit Zitrusduft in der Kleidung auf die Klarheit des Winterlichts schaut, versteht besser, warum die Insel eine Figur wie Ramon Llull hervorbringen konnte: Philosoph, Mystiker, Sprach- und Systemarbeiter – ein Mann, der nicht beim Eindruck stehen blieb, sondern nach Ordnung suchte.

Llulls Denken passt erstaunlich gut zu dieser Jahreszeit. Der Winter macht die Insel nicht spektakulärer, sondern deutlicher: Linien statt Schleier, Struktur statt Überwältigung. Als wolle Mallorca sagen, was Llull gewusst haben muss: Dass Klarheit nicht kalt ist – sondern eine Form von Wahrhaftigkeit.

La Miranda: Die große Pfanne und die richtige Wärme
Und dann, am Abend, zurück im Hafen: La Miranda. Das leuchtende Schild über der Tür ist weniger Reklame als Versprechen. Drinnen warmes Licht, Holz, Stimmen, ein Service, der nicht animiert, sondern willkommen heißt.

Die Paella kommt in der großen Pfanne – ein Moment, der fast still macht. Rotgoldener Reis, tief in Fond und Safran verankert, Muscheln wie dunkle Klammern am Rand, Garnelen obenauf, Zitronenspalten als präziser Eingriff in die Fülle. Der Reis trägt das Gericht, nicht umgekehrt: Körnig, aber saftig, konzentriert, ohne schwer zu wirken. Man schmeckt Meer, Würze, Zeit – und diese seltene Sicherheit, dass hier jemand kocht, um zu treffen, nicht um zu beeindrucken.

Rückkehr ins Hotel Eden: Winter als Einladung
So entsteht eine kleine Dramaturgie, ganz ohne Planungsaufwand: morgens los, tagsüber Insel – abends Hafen. Hotel Eden als ruhige Basis, Valldemossa als historische Gegenfolie, Sóller als Landschaftserlebnis, La Miranda als kulinarischer Schlusspunkt.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass Mallorca viele Winter hat. Sand und Chopin erlebten einen, der ihnen die Insel verschloss. Wir erleben einen, der sie öffnet: sonnig, freundlich, kulinarisch präzise. Vielleicht ist das die eigentliche Reiseerkenntnis: Orte ändern sich – aber noch mehr ändern sich die Bedingungen, unter denen wir sie lesen. Und manchmal reicht ein Tag zwischen Orangen und Mandelbäumen und ein Abend mit Paella, um zu begreifen, dass Winter auf Mallorca kein Urteil ist, sondern eine Einladung.
Lieber Herr Sohn,
danke für diesen schönen Bericht! Ein Geschenk für alle Mallorca-Fans!
Da hätten sich zwei Proustianer ja fast getroffen! Ich habe die vierte Januarwoche in Palma verbracht. Ich bin jedes Jahr in den ersten drei Monaten eine Woche dort. Wie ich mich freue, dass Sie ein ebenso schönes, gelassenes Mallorca und hoffentlich den Beginn der Mandelblüte erleben durften.
Sóller und Valldemossa besuche ich jedes Jahr wie ein Ritual! Man kann es sich gar nicht vorstellen: Welche Feindseligkeit der Bevölkerung als Mischung aus Misstrauen, Ablehnung und sogar Hass George Sand als „Städterin“ aus Frankreich mit dem „Patienten“ dort erlebt hat. Was sie nach dem Erscheinen von „Un hiver à Mallorque“, vom Bürgertum Palmas über sich lesen musste, da sie die Rückständigkeit, die Intoleranz, die Bigotterie, die Verschlagenheit und die Armut der Leute in Valldemossa und Palma hemmungslos beschrieb.
Dafür kommt die Landschaft bestens weg und macht „Un hiver…“ zum schönsten Mallorca-Reiseführer:
„L’île est un paradis, un lieu de beauté et de paix.“ (Kap. 3) / „Les oliviers, les orangers, les citronniers, tout est beau et harmonieux ici.“ (Kap. 3) / „Les montagnes de Majorque sont majestueuses et imposantes.“ (Kap. 4)
Und die allerschönste Passage in Kap. 3:
„Je me promenais dans les vallées, je gravissais les collines, je me perdais dans les oliviers, je me reposais à l’ombre des citronniers. La mer était là, toujours présente, toujours belle, avec ses vagues qui venaient mourir à mes pieds. Le soleil se couchait, les étoiles se levaient, et je restais là, immobile, à respirer l’air embaumé de la nuit.“
Möchten Sie meine Hotelempfehlung in Palma? Das Hotel El Llorenç mit der wunderbaren Dachterrasse mit Blick aufs Meer. Mein Programm dieses Jahr waren die schönen Paläste in Palma, die kaum jemand besucht: Man ist fast ganz allein (sogar im Sommer) in der Can Balaguer, im CaixaForum an der Plaza Weyler (Zuloaga-Ausstellung), in der Can Casasayas, einem Meisterwerk des Modernismo oder der Can Marquès, gleich hinter der Kathedrale bei den Arabischen Bädern. Oder im Palau Fundación Bartolomé March mit den Wandgemälden von José Maria Sert……, dessen Frau Misia ja eine Freundin Prousts war.
Ich wünsche Ihnen noch viele schöne Mallorca-Reisen und für uns alle Ihre Berichte und freue mich, wenn wir uns in den wärmeren Tagen dieses Jahres bei einer Proust-Veranstaltung wiedersehen.
Liebe Grüße
Ellen Schellinger
Liebe Frau Schellinger,
haben Sie herzlichen Dank für Ihren kenntnisreichen Kommentar – und für die schönen Proust-Fäden, die Sie in meine Mallorca-Notizen hineinziehen. Das „gelassene Mallorca“ in der vierten Januarwoche kann ich nur bestätigen: Dieses Winterlicht, die leeren Wege, der Duft nach Zitrus und – ja – erste Andeutungen der Mandelblüte, die mehr versprechen als sie schon zeigen.
Dass sich zwei Proustianer „verfehlt“ haben, hat etwas Tröstliches: Man reist, als suche man denselben Satz in der Landschaft – und merkt erst hinterher, wie nah man sich war.
Ihr Hinweis auf die Feindseligkeit, die Sand und Chopin erlebt haben, trifft einen immer wieder. Man liest „Un hiver à Majorque“ heute leicht mit dem Kopf der Reisenden, die sich in der Schönheit der Insel bestätigt fühlen. Und doch steht darunter diese andere Schicht: das harte soziale Klima, das Urteil über die „Städterin“ und den „Patienten“, die Enge des Misstrauens. Umso auffälliger ist die Doppelbewegung des Buches, die Sie so gut herausarbeiten: menschlich bitter, landschaftlich hymnisch. Die von Ihnen zitierten Passagen sind dafür der beste Beleg – besonders die Szene der abendlichen Vallées und der „air embaumé de la nuit“: Mallorca als reine Wahrnehmung, nahezu ohne Gesellschaft.
Sehr gerne nehme ich auch Ihre Hotelempfehlung an – das El Llorenç stand ohnehin schon auf meiner Liste, und Sie haben sie nun decisiv nach oben geschoben. Und Ihr Palma-Programm klingt nach der idealen Gegenkur zur allzu linearen Insel-Ikonographie: Paläste, Modernismo, Sert – und dazu die Misia-Proust-Verbindung als kleine, elegante Schleuse zurück ins eigene Universum. Can Balaguer und Can Casasayas notiere ich mir sofort (und dass man dort selbst im Sommer fast allein ist, klingt wie ein Versprechen).
Ich freue mich sehr, wenn wir uns bei einer Proust-Veranstaltung in den wärmeren Monaten wiedersehen – und bis dahin danke ich Ihnen für diese präzise, begeisterte und zugleich sehr belesene Rückmeldung. Solche Kommentare sind, im besten Sinne, die zweite Stimme zum Text. Liebe Grüße Gunnar Sohn