Wie man den Dickbauch verjagt – nicht mit Hula-Hoop, sondern mit Hirn, Herz und Hausverstand

Der Dickbauch – nennen wir ihn, wie er sich gibt: ein gemütlich vor sich hinwaberndes Mahnmal sitzender Lebensführung, von Cappuccino-Keksen und Homeoffice-Croissants genährt, mit der Trägheit eines Sofakissens und dem Selbstbewusstsein eines Bierdeckels. Doch wie wird man ihn los, diesen altansässigen Untermieter knapp über dem Hosenbund?

Prof. Dr. Karsten Köhler vom „Fitnesswissenschaftsrat“ nimmt sich dieses Bauch-Bewohners an – mit dem Charme eines nüchternen Naturwissenschaftlers und der Geduld eines Physiklehrers, der den Energieerhaltungssatz in die ernährungsdeutsche Seele hämmert. Seine YouTube-Vorlesung (die, bei aller Eloquenz, weniger nach Meditainment als nach Pflichtvorlesung klingt) trägt den schönen Titel: „Effektives Abnehmen durch Sport und Ernährung“ – wobei das „effektiv“ gleich mit einem Augenzwinkern dekonstruiert wird. Denn, so viel vorweg: Wer glaubt, mit Jogging allein die Brötchen vom Bauch zu turnen, wird enttäuscht. Der Fettpolster ist ein zähes Biest. Und Sport ist – Überraschung! – ein schlechter Fettverbrenner.

Abnehmen ist Thermodynamik, nicht Hexerei

Köhler beginnt mit einem beherzten Tritt gegen das Fettnäpfchen populärer Irrlehren: Sport, so zeigt er, bringt allein kaum nennenswerten Gewichtsverlust. In sauber durchgeführten Studien liegt der Verlust nach einem Jahr regelmäßiger körperlicher Aktivität bei durchschnittlich einem mickrigen Prozent. Ja, richtig gelesen: ein Prozent! Das ist etwa so, als ob man das Titanic-Wrack mit einem Teesieb lenzen will.

Warum das so ist? Ganz einfach: Der menschliche Körper gehorcht der Thermodynamik. Was reingeht, muss raus – oder lagert sich als Bauchdeckchen an. Ohne Energiedefizit geht gar nichts. Wer mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht – egal wie viel er radelt, rennt oder Rudern tanzt – wird nicht leichter.

Der Mythos Muskelmasse

Was ist mit Muskeln? Sind sie nicht diese heiß geliebten Kalorien-Kraftwerke im Ruhezustand? Auch hier räumt Köhler mit einem beliebten Fitness-Märchen auf. Zwar verbrennen Muskeln mehr als Fett, aber nicht so viel, wie Influencer glauben machen wollen. Zehn Kilogramm Muskelzuwachs – das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein sechsmonatiger Aufenthalt auf einer Bodybuilding-Farm – bringen gerade mal 270 Kilokalorien zusätzlich verbrannte Energie pro Tag. Das ist ein halbes Croissant. Ohne Butter.

Die fiese Falle der Kompensation

Und dann gibt es da noch das Phänomen, das alle Diät-Willigen aus eigener Erfahrung kennen: Man schwitzt, schnauft, zieht sich mit letzter Kraft durchs Workout – und dann? Hat man Hunger wie ein Wolf. Der Körper schlägt zurück. In den Studien von Köhler zeigt sich: Nach dem Sport essen viele Menschen mehr als sie verbrannt haben. Manche nehmen sogar zu. Kompensation nennt sich dieses perfide Spiel des inneren Schweinehunds, der nach dem Spinning-Kurs mit der Stimme eines Vanilleeisbechers spricht.

Die leise Macht der Bewegung im Alltag

Die wirkliche Waffe gegen den Dickbauch ist weniger der Kampf im Fitnessstudio als die stille Rebellion des Alltags. Köhler zeigt: Wer sich regelmäßig leicht bewegt – also spaziert, steht, Treppen steigt, nicht stillsitzt wie eine Topfpflanze im Büro – verbrennt im Schnitt 2.000 Kilokalorien pro Tag mehr als Couchkartoffeln. Das ist, metaphorisch gesprochen, der Unterschied zwischen einem Walross auf dem Liegestuhl und einem Eichhörnchen auf Koffein.

Sport – nicht zur Gewichtsabnahme, sondern zur Gewichtserhaltung

Und doch: Köhler rehabilitiert den Sport. Zwar bringt er beim Abnehmen nur wenig – aber nach dem Abnehmen wirkt er wie ein stabilisierender Anker. Wer nach erfolgreicher Gewichtsreduktion nicht sportlich bleibt, wird vom Jo-Jo-Effekt gnadenlos zurückkatapultiert in seine alte Gewichtsklasse – nur mit noch weniger Muskelmasse und noch mehr Fett. Der Körper, so zeigt Köhler, will seine verlorenen Reserven zurück. Und wenn er darf, bunkert er sogar mehr als zuvor.

Köhlers Vortrag ist keine Diät-Werbung, keine Zauberformel, keine Fitness-Guru-Beschwörung. Sondern ein realistischer, fundierter, angenehm unaufgeregter Blick auf die Zusammenhänge zwischen Energiezufuhr, Bewegung und Körpergewicht. Er entzaubert Fitnessmythen mit Fakten und stattet uns aus mit einem Werkzeugkasten des nüchternen Menschenverstands. Wer abnehmen will, braucht keine Bauchweg-Gürtel oder Detox-Tee. Sondern eine einfache Formel:

Weniger essen. Mehr bewegen. Und dabei bitte nicht gleich das Universum erwarten.

Denn der Dickbauch geht nicht mit einem Paukenschlag – sondern still, langsam, nachdenklich. Schritt für Schritt. Kalorie für Kalorie. Und das ist, in einer Welt der Sofortlösungen, fast schon revolutionär.

Empfohlene Kombination zur Vertiefung:
– Tägliche Bewegung (auch ohne Schweiß)
– Ernährungsprotokoll (ja, wirklich aufschreiben)
– Keine Angst vor Gewichten (Muskelmasse hilft)
– Und: Geduld. Viel Geduld.

Mal schauen, was ich davon umsetze…..

6 Gedanken zu “Wie man den Dickbauch verjagt – nicht mit Hula-Hoop, sondern mit Hirn, Herz und Hausverstand

  1. Anonym

    Was auch immer du davon umsetzt: Mache es zu einem Teil für den Rest deines Lebens. Denn: Habbits sind brutal wichtig;

  2. Mir ist in deinem Artikel das Wort lenzen aufgefallen. Gibt es das wirklich oder handelt es sich um einen Tippfehler?

  3. gsohn

    Wasser aus einem Boot oder Schiff entfernen, zum Beispiel mit Eimern, Pumpen oder Lenzsystemen

  4. Vor allem braucht es lange Vorlaufzeit, bis man überhaupt Fett verbrennt. Wenn man sich mal bewegt, 30 Minuten, eine Stunde, dann passiert da gar nix. Erst nach ein paar Wochen stellt sich was um: und in der Zeit hat man (auch ich) meist schon wieder aufgegeben.
    Zudem: die Nahrung ist mittlerweile so verkorkst (hochkalorisch, stark verarbeitet), da kämpft man gegen Windmühlen. Man isst zu oft, zu viel, zu große Portionen und in den Portionen steckt eigentlich nur leerer Unfug, aber kein Inhalt.
    Aber nichts destotrotz: schicker Artikel. Und die Bilder-KI kann keine Umlaute 😉

  5. gerdos

    Ich bin seit 50 Jahren Langstreckenläufer. Mit 45 Jahren bin ich 50-60 km in der Woche gerannt, wog 78 kg und konnte jede Menge Kuchen essen. Aufgrund der Absenkung der freien Testosterons im Serum sinkt bei Männer der Grundumsatz im Alter so stark, dass die Differenz zu früher nicht mehr durch Ausdauersport allein ausgeglichen werden kann. Durch Joggen (3 x 10 km/Woche) und Radfahren habe ich bisher (Stand 1.8.2025) zusätzliche 50-60.000 ckal verbrannt. Das hat aber die Ganzjahresreifen an meinem Körperäquator nicht schrumpfen lassen. Obwohl ich im langsamen Fettverbrennungsmodus jogge. Wobei das gesundheitliche Problem im viszeralen Bauchfett liegt. Diese kardiologisch gefährlichen Fettzellen abzuschmelzen ist harte Disziplin – Zuckerverzicht. Fällt mir nicht leicht. Rattenversuche haben ergeben, dass Zucker ein höheres Suchtpotenzial hat, als Kokain.

    Ich empfehle, mal in einen Lebensmittelsupermarkt nach zuckerfreien Waren zu suchen. Außer einem Pfund Salz findet man da nichts im Sortiment.

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