Wer liest, liegt nicht bequem: Buchvorstellung in Bonn zum 10. Todestag von Roger Willemsen mit seinem Lektor Jürgen Hosemann – Lesung der Texte: Hektor Haarkötter

Es beginnt mit einer Frage, die in Wahrheit keine Höflichkeit ist, sondern eine Zumutung: „Liegen Sie bequem?“ Wer sie hört, glaubt zunächst, es gehe um eine Haltung des Körpers. Roger Willemsen aber wusste, dass jede wahre Lektüre mit dem Gegenteil beginnt: mit einer kleinen Störung der Bequemlichkeit. Nicht der Leser soll es sich gemütlich machen im Text; der Text soll sich, wenn er etwas taugt, in den Leser einnisten, ihn verrücken, verunsichern, neu disponieren. Dass ein solcher Satz nun, zehn Jahre nach Willemsens Tod, zum Titel eines neuen Bandes geworden ist, besitzt eine stille Notwendigkeit.

In der Bonner Buchhandlung Böttger, wo Jürgen Hosemann, sein langjähriger Lektor im S. Fischer Verlag, den Band vorstellte und Prof. Dr. Hektor Haarkötter Texte daraus las, war an diesem Abend zu spüren, dass hier nicht einfach Nachlasspflege betrieben wurde. Es ging um die Rückkehr einer Stimme, die noch immer gegenwärtiger wirkt als viele, die heute sprechen. Hosemann selbst sagte, Willemsen komme ihm „als Toter viel lebendiger vor als viele andere lebendig“. Das ist kein Gedenksatz. Es ist eine Diagnose.

Ein Buch als begehbare Bibliothek

Denn „Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Büchern“ ist nicht bloß eine Sammlung verstreuter Texte, keine pietätvolle Resteverwertung, keine editorische Blumenablage. Das Buch ist, wie Hosemann treffend sagte, „die Bibliothek seiner Texte über Literatur“; auf dem Umschlag sieht man Willemsens Bibliothek in seinem letzten Haus, und schon darin liegt eine melancholische Wahrheit: Man betritt dieses Buch wie einen Raum, in dem einer eben noch gewesen ist.

Herausgegeben von Insa Wilke, versammelt es erstmals in diesem Umfang Willemsens Schreiben über Literatur, über Autoren, über den Buchmarkt, über Moral, Humanität, Übersetzen, Verstehen – und über jene kurzen, funkelnden Empfehlungen, in denen seine Kunst der Verdichtung fast noch deutlicher hervortritt als im großen Essay. Dieses Buch zeigt den eigentlichen Willemsen: nicht den Fernsehmann, als den ihn die bequemere Öffentlichkeit allzu lange verwaltete, sondern den Leser als Autor, den Autor als Vermittler, den Vermittler als Liebenden.

Herkunft aus der Nähe

Diese Liebe zur Literatur hatte einen denkbar unprätentiösen, ja geradezu rheinischen Ursprung. In der Gesprächsrunde wurde daran erinnert, dass Willemsen in der Bonner Umgebung aufwuchs, zunächst in der Nähe von Alfter, später in Oedekoven, und mit Unterbrechungen das Helmholtz-Gymnasium in Bonn-Duisdorf besuchte. Der Weltbürger des Feuilletons, der später mit einer Leichtigkeit zwischen Musil, Beckett, Goethe und den politischen Verwüstungen der Gegenwart wechselte, hatte seine topographische Schule nicht in der Abstraktion, sondern in der Nähe: zwischen Alfter, Oedekoven und Bonn-Duisdorf.

Wer dort zur Schule ging, wer dort las, wer dort anfing, der weiß vielleicht früher als andere, dass Bildung kein Dekor ist, sondern Arbeit, Reibung, Herkunft. Und wenn man hört, dass der kleine Roger seiner Mutter beim Schneidern Weltliteratur vorlas, dann begreift man plötzlich, dass diese später so mühelos wirkende Belesenheit nie das Produkt akademischer Pose war, sondern Ergebnis einer frühen, fast häuslichen Askese: Literatur nicht als Distinktionsmittel, sondern als Lebensform.

Die Arbeit des Lektors, der Widerstand des Satzes

Jürgen Hosemann hat an diesem Abend etwas ausgesprochen, was man über Schriftsteller selten so präzise hört. Willemsen, sagte er sinngemäß, reichte die Sprache manchmal nicht aus; dann habe er sie sich selbst gemacht. Darin steckt mehr Wahrheit über Autorschaft als in vielen Poetikvorlesungen. Der wirkliche Schriftsteller erkennt sich nicht daran, dass er den vorhandenen Wortschatz geschickt verwendet, sondern daran, dass er an dessen Grenzen gerät.

Willemsens sprachliche Neuerfindungen waren, wie Hosemann schilderte, keine Manier, sondern Folge eines Sehens, das sich mit den abgenutzten Münzen der Rede nicht abspeisen ließ. Und hier beginnt das eigentliche Drama des Lektorats: Der Lektor setzt Punkte, wo der Autor Atem holen sollte; der Autor setzt den Satz fort, weil der Gedanke noch nicht fertig ist. Hosemann bekannte, er habe natürlich oft versucht, lange Sätze zu kürzen – manchmal mit Erfolg, oft ohne. Man sieht darin das schöne, unaufhebbare Kräftespiel zwischen Formwillen und Formwiderstand. Der Lektor will Helligkeit; der Autor will die ganze Bewegung seines Denkens retten. Im besten Fall gewinnt beides. Bei Willemsen gewann oft der Satz – und gerade dadurch der Leser.

Wenn Texte eine zweite Stimme finden

Hektor Haarkötter wiederum gab diesen Texten an diesem Abend jene zweite Geburt, die nur durch eine große Lesung geschieht. Der Goethe-Text, „Der Tausendkünstler“, wurde in seinem Vortrag zu dem, was er bei Willemsen immer ist: eine Befreiung des Klassikers aus der Gedenkstarre. Dieser Goethe ist kein bronzener Olympier, sondern ein Meister des Selbstmanagements, ein Geniekalkulierer, ein früher Regisseur der eigenen Nachwelt. Willemsen schreibt nicht gegen Goethe; er rettet ihn vor der deutschen Verehrungsindustrie.

Ähnlich im Text auf Robert Gernhardt: Hier erscheint das Komische nicht als kleine Schwester des Ernstes, sondern als dessen schärfste Form. Und in den „Schrift-Typen“ wie in den „10 Regeln für Leserinnen und Leser“ zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wie Willemsen dachte: nie bloß ornamental, nie bloß gelehrt, sondern immer mit jener Mischung aus Intelligenz und Charme, die den Leser nicht herablassend belehrt, sondern in eine höhere Aufmerksamkeit hineinlockt. Literatur ist für ihn keine schöne Nebensache, sondern ein diagnostisches Medium für alles, was die Conditio humana betrifft. Wer so über Bücher schreibt, empfiehlt nicht einfach Lektüre. Er verteidigt eine Zivilisationsform.

Gegen die Bequemlichkeit des Lesens

Darin liegt auch die eigentliche Aktualität dieses Bandes. In einer Zeit, in der Lesen immer häufiger entweder als Kompetenztraining oder als Wellnessübung missverstanden wird, kehrt Willemsen auf die denkbar unmodische Weise zum Ernst des Lesens zurück. Nicht zur pädagogischen Verkrampfung, sondern zu jenem Ernst, der Freude erst möglich macht. Seine Buchempfehlungen sind deshalb so kostbar, weil sie nie konsumistische Hinweise sind. Sie sind Miniaturen der Aufmerksamkeit. In wenigen Zeilen skizzieren sie ein Werk so, dass man nicht bloß neugierig wird, sondern sich beinahe schon beschenkt fühlt.

Das Schaufenster als literarische Geste

Alfred Böttgers Gedanke, diese Empfehlungen im Schaufenster der Buchhandlung mit kleinen Zetteln sichtbar zu machen, trifft ins Zentrum: Literaturkritik, von Willemsen betrieben, ist keine Instanz des Urteils von oben, sondern eine Kunst des Zeigens. Schau her, sagt sie, dieses Buch könnte dein Leben berühren. Mehr muss über Bücher nicht gesagt werden. Aber weniger auch nicht.

Die höflichste Form der Unruhe

So bleibt von diesem Bonner Abend nicht nur die Erinnerung an einen Lektor, der klug, diskret und zärtlich von seinem Autor sprach, und nicht nur die Bewunderung für einen Vorleser, der Willemsens Rhythmus ohne Nachahmung in Stimme verwandelte. Es bleibt vor allem die Erkenntnis, dass dieses neue Buch den Toten nicht archiviert, sondern ihn erneut ins Gespräch bringt.

Roger Willemsen ist in ihm noch einmal gegenwärtig: als Leser, der sich nicht mit Oberflächen zufriedengab; als Autor, der deutsche Sätze dehnte, bis sie wieder etwas wagten; als Intellektueller, der Literatur und Menschlichkeit nie gegeneinander ausspielte. „Liegen Sie bequem?“ – das ist am Ende die höflichste Form einer Unruhe. Und vielleicht die schönste Aufforderung, die von Büchern ausgehen kann.

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