
In der Politik geht es nicht nur darum, was gesagt wird, sondern vor allem, wie es gesagt wird. Sprache formt die Wahrnehmung, und in einem Wahlkampf kann sie den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen. Ein treffendes Beispiel dafür liefert die amerikanische Politik, wie der Spiegel kürzlich analysierte. Die Jakobiner, Robespierre und Mirabeau, verstanden im revolutionären Frankreich, dass Macht durch die Erzählung der Gegenwart erlangt wird. Diese Einsicht gilt bis heute – auch für Kamala Harris und Donald Trump, deren Kommunikationsstrategien im Vorfeld der US-Wahl im Mittelpunkt stehen.
Kamala Harris, die als mögliche Präsidentschaftskandidatin für 2024 gehandelt wird, hat es bislang nicht geschafft, ihre politische Person mit einer klaren Botschaft zu verknüpfen. Der Vergleich mit Barack Obama, dessen „Yes we can“-Slogan eine Welle der Hoffnung und Begeisterung auslöste, legt offen, was Harris derzeit fehlt: eine zugkräftige Erzählung, die die gegenwärtigen Ängste und Hoffnungen der amerikanischen Bevölkerung aufgreift. Obamas Stärke lag nicht nur in seinen Worten, sondern darin, zur richtigen Zeit die richtigen Worte zu finden, um eine diffuse Stimmung in der Bevölkerung zu bündeln und zu artikulieren.
Donald Trump hingegen ist ein Meister der simplifizierten und oft unsinnigen Botschaften. Doch gerade darin liegt seine Stärke. Seine „Make America Great Again“-Rhetorik ist nicht nur eine Ansammlung von Worten, sondern eine emotionale Ansprache, die seine Basis begeistert und mobilisiert. Seine Sprache, so platt sie erscheinen mag, greift tief in das Gefühl seiner Anhänger ein, die darin Bestätigung, Unerschrockenheit und, wie der Spiegel es formuliert, Skrupellosigkeit finden. Dies verleiht ihm eine Macht, die auf einer tiefen emotionalen Ebene wirkt, unabhängig von den Wahrheitsgehalten seiner Aussagen.
Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass diese Dynamiken auch hier im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 zu beobachten sind. Die Verbindung zwischen Wirtschaft, öffentlicher Meinung und Regierungserfolg war selten so offensichtlich wie in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Robert Habeck, der grüne Wirtschaftsminister, steht vor einer ähnlichen Herausforderung wie Kamala Harris. Trotz realer Fortschritte, wie der sinkenden Inflation und steigender Löhne, bleibt die öffentliche Wahrnehmung seiner Wirtschaftspolitik negativ. Die Menschen nehmen die Rezession stärker wahr als die Erholung.
„It’s the economy, stupid“ – dieser Slogan, der Bill Clinton 1992 zum Wahlsieg verhalf, bleibt auch heute eine ungeschriebene Regel in der politischen Arena. Doch wie Clinton damals wusste, geht es nicht nur um die realen Zahlen, sondern darum, wie diese Zahlen in eine für die Menschen verständliche und überzeugende Erzählung verwandelt werden. Wenn Habeck es nicht schafft, die Menschen von seiner Wirtschaftspolitik zu überzeugen, könnte dies nicht nur seinen politischen Ambitionen schaden, sondern auch die Bundestagswahl 2025 prägen.
Die Geschichte zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg oder Misserfolg oft nicht direkt mit den tatsächlichen Zahlen korreliert, sondern mit dem Bild, das von diesen Zahlen in den Medien und der politischen Rhetorik vermittelt wird. 1992 verloren George H. W. Bush und die Republikaner die Präsidentschaftswahl, obwohl die Wirtschaft gerade wieder anzog. Clinton konnte hingegen eine Erzählung etablieren, die die Sorgen und Ängste der Bevölkerung aufgriff und ihm den Wahlsieg bescherte.
Auch in Deutschland entscheidet das Bild der Wirtschaft über das Schicksal der Regierung. Die Rezession mag tatsächlich enden, aber wenn die Menschen dies nicht spüren oder die Botschaft davon nicht glaubhaft bei ihnen ankommt, könnte es für Habeck und die Regierungskoalition schwierig werden, die Wahlen zu gewinnen. Der bevorstehende Bundestagswahlkampf wird daher nicht nur ein Kampf um Fakten und Programme sein, sondern vor allem um die Deutungshoheit – darum, wer die überzeugendere Geschichte erzählt und damit die öffentliche Meinung prägt.
Die Jakobiner wussten es, und auch heute bleibt die Einsicht bestehen: Politik ist Sprache. Wer im richtigen Moment die passenden Worte findet, kann die Realität formen, und im besten Fall, die Macht erlangen.
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