Wenn die Krise kommt, greifen viele Chefetagen zum Rohrstock von gestern

In den oberen Stockwerken deutscher Unternehmen schlurft die Angst in Slippern mit Bömmelchen durch die Gänge und verlangt nach Anwesenheitslisten. Kaum wird das Konjunkturbarometer blasser, nimmt sie die alte Hausapotheke aus dem Schrank: Pflicht zur Rückkehr ins Büro, engeres Mikromanagement mit Abwesenheitsmeldungen beim Gang zum WC, neue Leistungsvermessung, nun gern mit künstlicher Intelligenz geschniegelt, damit der alte Kommandoton nach Fortschritt klingt. Professor Carsten Schermuly hat diesem Reflex den passenden Namen gegeben: Neo-Taylorismus. Im bereitgestellten Text erwartet Schermuly, daß viele Vorstände „noch weiter an der Taylorismusschraube drehen werden“; als Symptome nennt er „hartes RTO („Ich will Sie arbeiten sehen“ oder vornehm: Return to Office), Mikromanagement, Restrukturierungen und Performance-Management-Systeme mit KI“. Dem stellt er jene Unternehmen gegenüber, die nicht Leistung selbst verwalten, sondern „die Bedingungen, die für Performance von Menschen notwendig sind“. Darin, schreibt er, liege der eigentliche Wettbewerbsvorteil.

Frithjof Bergmann sah den Schuppen, während andere noch die Fabrikhalle bewunderten

Die neue Sohn@Sohn-Newsletter-Ausgabe verbindet Schermulys Diagnose mit einer Beobachtung, die Frithjof Bergmann schon im Dezember 2004 in Bonn im Sohn-Talk formulierte. Bergmann skizzierte die Fabrik von morgen nicht als noch größere Halle, sondern als kleine, bewegliche Produktionseinheit. „Unser gewohntes Bild von der Fabrik der Zukunft“ weise „ganz und gar in die falsche Richtung“, sagte er. An die Stelle kilometerlanger Roboterreihen setzte er eine andere Szene: „Die ideale Fabrik der Zukunft könnte eine Werkstatt sein, vielleicht sogar nur ein Schuppen oder eine Garage.“ Damals war das kühn. Heute liest es sich eher wie die frühe Skizze einer Entwicklung, die technisch längst greifbar geworden ist. Fertigung bis hinunter zum einzelnen Stück, Druckverfahren, die Bauteile aus Daten wachsen lassen, bewegliche Maschinen und Herstellung auf Abruf rücken jene kleine, verteilte Produktion näher, von der Bergmann sprach.

Die große Anlage wirkt mächtig, ist aber oft nur ein teuer verwalteter Ballastkörper

Der Beitrag arbeitet heraus, warum die kleine Einheit nicht deshalb gewinnt, weil sie hübscher aussieht, sondern weil sie weniger Unfug finanzieren muß. Die große Anlage frißt Raum, Verwaltung, Transporte, Zwischenlager, Vertriebslasten, Eigentümerkaskaden und jenen ganzen Apparat, den Bergmann spöttisch als aufgeblähtes „Tu- und Mach-Werk“ beschreibt. Die kleine, hochgerüstete Einheit spart nicht alle Kosten, wohl aber eine erstaunliche Zahl jener Kosten, die nur aus der Größe selbst entstehen. Sie kann näher am Kunden herstellen, schneller umstellen, mit weniger Vorrat arbeiten und manche Montage dorthin zurückverlagern, wo das Produkt gebraucht wird. Das meint der Übergang von der Massenproduktion zur Fertigung auf Abruf: nicht Askese, sondern Präzision; nicht Verzicht, sondern weniger Verschwendung.

Warum der Neo-Taylorismus unter den Bedingungen neuer Technik ins Leere läuft

Ein großer Teil des Managements hält Freiheit für weich und Zwang für hart, hält Selbständigkeit für nett, aber riskant, und Kontrolle für notwendig. Das erinnert an jene alten Ärzte, die bei jeder Krankheit zuerst schröpften. Gerät der Markt ins Wanken, wird nicht gefragt, welche technische Form der Produktion nun vernünftig wäre, sondern wie man die Leute enger an die Kandare bekommt. Genau hier trifft Schermulys Pointe: Die Furcht vor der Krise ruft nicht nach Erneuerung, sondern nach Rückfall. Die Schraube wird angezogen, obwohl das Gewinde längst überdreht ist. Dabei paßt die alte Fabriklogik immer schlechter zu den tatsächlichen technischen Möglichkeiten. Das Industrieideal des 20. Jahrhunderts liebte große Stückzahlen, lange Serien, riesige Anlagen, ausgedehnte Lager und eine strenge Trennung von Denken und Ausführen. Heute arbeitet die Technik in eine andere Richtung. Der Entwurf liegt digital vor, die Maschine wird vielseitiger, die Serie kleiner, die Herstellung näher am Bedarf. Wer ein Einzelstück wirtschaftlich fertigen kann, verliert die alte Ehrfurcht vor der Masse. Der Fehler sitzt dann nicht mehr in der Werkstatt, sondern in der Chefetage: Dort tickt die Uhr des Fließbands weiter, obwohl die Maschine nebenan längst gelernt hat, verschiedene Aufgaben zu übernehmen.

Nicht Aufsicht, sondern Urteil: Was die neue Arbeitswelt von Menschen verlangt

Hier bekommt Schermulys Diagnose ihren wirtschaftspolitischen Ernst. Neo-Taylorismus ist nicht nur eine Frage des Betriebsklimas. Er ist unter den Bedingungen der neuen Technik womöglich die falsche Antwort auf die falsche Frage. Wer kleine, verteilte, bewegliche Produktionsformen vor sich hat und darauf mit mehr Kontrolle, mehr Präsenzzwang und feinerer Überwachung reagiert, verwaltet die Reste eines Modells, dessen technische Grundlage gerade erodiert. Die neue Maschine verlangt andere Menschen: nicht bloße Vollzugsbeamte, sondern Könner, Umsteller, Planer, Reparierer, Leute mit Urteil. Wer sie wie Schulbuben behandelt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nur Schulhofzucht übrigbleibt.

Auf der Zukunft Personal Süd ist diese Debatte längst kein Randthema mehr. Am 22. April 2026 steht auf der Solution Stage 2 die Session „New Work erleben – Arbeit neu denken“ auf dem Programm. Bereits am 21. April folgt im HR-RoundTable „Kopf voll, Akku leer – Mentale Gesundheit zwischen New Work und Realität“. Auch im Programm von „Zukunft Personal Nachgefragt“ für die Live-Sendung am 14. April wird über Konzentration, Erschöpfung und die „biologischen Grundlagen von Energie, Fokus und Belastbarkeit“ gesprochen. Damit rückt eine Frage ins Zentrum, die viele Unternehmen noch immer unterschätzen: Die Arbeitswelt der kommenden Jahre braucht nicht mehr Glocke, sondern mehr Urteil; nicht mehr bloße Verhaltenssteuerung, sondern eine andere Verbindung von Technik, Organisation und menschlichem Vermögen.

Die Zukunft der Arbeit beginnt nicht im Kontrollraum, sondern in der Werkstatt

Genau daran knüpft die Live-Sendung „Zukunft Personal Nachgefragt“ am Dienstag, 14. April 2026, um 15 Uhr an. Im Ausblick auf die Zukunft Personal Süd diskutieren Rolf DudaProfessor Torsten Biemann und Rebekka Ilgner jene Konflikte, die die Arbeitswelt der nächsten Jahre prägen werden: Konzentration und Erschöpfung, datenbasierte Entscheidungen statt Bauchgefühl, Vertrauen im Recruiting, künstliche Intelligenz in der Führung sowie die praktischen Bedingungen guter Zusammenarbeit. Die Sendung läuft auf LinkedIn, YouTube und weiteren Kanälen. Wer verstehen will, warum sich die Zukunft der Arbeit nicht mit den Kommandos von gestern führen läßt, findet hier den richtigen Auftakt.

Sendetermin
Zukunft Personal Nachgefragt
Dienstag, 14. April 2026
15:00 Uhr
Live auf LinkedIn, YouTube und weiteren Kanälen

Übertragung auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/events/vorstuttgart-gespr-che-berarbei7447950516812144640/theater/

Newsletter: https://www.linkedin.com/pulse/die-herren-den-slippern-und-werkstatt-der-zukunft-gunnar-sohn-k4o7e

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