Warum Jony Ive und Sam Altman mehr vorhaben als ein neues Gadget – Eine Re-Replik auf den Blogbeitrag von Thomas Riedel

Was, wenn Thomas Riedel recht hat – und trotzdem etwas übersehen wird?

Es spricht für Thomas Riedel, dass er nicht in den Kairos-Chor einstimmt. Dass er skeptisch bleibt, analytisch, nüchtern. Kein Next-Big-Thing-Gejohle, keine Revolutionspose.
Er kennt die Versprechen der XR-Branche, die Frustration des Immer-beinahe, das Warten auf ein Interface, das wirklich etwas ersetzt.
Er hat gesehen, wie aus Visionen Produkte wurden – und wie oft diese Produkte an der Schwerkraft des Alltags zerbrachen.

Aber vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck seiner Argumentation: Sie rechnet zu klug mit der Welt, wie sie ist – und unterschätzt die Macht der Welt, wie sie sein könnte.

Riedel sagt: Wer das Smartphone ablösen will, muss es in allen Dimensionen übertreffen. Eine einfache Regel. Doch wie viele Paradigmenwechsel wurden wirklich durch Übertreffung des Bestehenden ausgelöst – und wie viele durch die Verschiebung dessen, was als selbstverständlich galt?

Das Smartphone war kein besserer Computer. Es war ein neuer Zugriff auf das, was ein Computer sein kann.
Der iPod war kein besserer Walkman. Er war eine neue Ordnung von Musik, Besitz und Bewegung.

Was Project KAIROS sein wird, wissen wir nicht. Aber die Allianz zwischen Jony Ive und Sam Altman zielt nicht auf die Optimierung bestehender Nutzungsszenarien. Sie zielt auf etwas anderes: auf das Verschwinden von Interface, auf Kontexte statt Klicks, auf Intelligenz, die nicht aufgerufen wird, sondern anwesend ist.

Riedel bringt ein starkes Bild: Das Smartphone sei selbst Chronos, es entwickle sich fort, passe sich an, reagiere. Das stimmt.
Aber genau deshalb braucht es Kairos – nicht als Ersatz, sondern als Unterbrechung, als Durchstoß, als Störung der Fortschrittslinie.

Die Kritik, dass ohne Bildschirm und Touch nichts „richtig“ funktionieren könne, ist im besten Sinne traditionsbewusst – aber sie unterschätzt die stille Radikalität, die darin liegt, nicht alles sichtbar zu machen.
Wer sagt eigentlich, dass Technologie immer über Displays vermittelt werden muss?
Wer bestimmt, dass Worte, Gesten, Blickrichtungen, Körperspannung keine validen Formen der Interaktion sein dürfen?

Thomas Riedel vermisst die Tauglichkeit für den Massenmarkt. Und er könnte Recht behalten – kurzfristig. Aber was, wenn das gar nicht der Punkt ist?

Vielleicht ist es gerade der Verzicht auf die gewohnte Breitenwirkung, der das Projekt bedeutend macht.
Vielleicht braucht es erst wieder ein Gerät, das sich weigert, sofort verstanden zu werden – um die Vorstellungskraft neu zu kalibrieren.

Was Riedel als technologische Reduktion liest („keine Knöpfe, keine Screens“) könnte sich als mentale Zumutung mit Zukunft entpuppen: ein Gerät, das nicht alles kann, aber alles infrage stellt.

Ich glaube, die entscheidende Frage ist gar nicht, ob das Smartphone verschwindet. Solche Fragen sind oft Stellvertreterdiskussionen für etwas Tieferes. Viel spannender ist: Wer ist künftig in der Lage, Hardware, Software, KI und Design im Zusammenspiel neu zu denken – nicht als Komponenten eines Produkts, sondern als Elemente eines neuen ökologischen Ganzen?
Ein Ökosystem, das nicht nur bedienbar ist, sondern bedeutungsvoll, das nicht nach Funktionen fragt, sondern nach Kontext, Präsenz und Beziehung.
Vielleicht ist Project KAIROS der erste ernsthafte Versuch, diese Frage überhaupt zu stellen. Und allein das macht es relevanter als jedes Verkaufsziel.

Siehe auch:

„Project KAIROS“ – Wird OpenAI das Smartphone abschaffen?

3 Gedanken zu “Warum Jony Ive und Sam Altman mehr vorhaben als ein neues Gadget – Eine Re-Replik auf den Blogbeitrag von Thomas Riedel

  1. „Wer bestimmt, dass Worte, Gesten, Blickrichtungen, Körperspannung keine validen Formen der Interaktion sein dürfen?“
    Letzendlich die User. Wobei die Antwort auch positiv sein könnte, was ich aber für wenig wahrscheinlich halte.

    Worte: ok, mit der KI sprechen wir ja schon. Nervig wirds, wenn die KI ihre langatmigen Erklärungen akustisch zum Besten gibt. Einen gut designten Info-Screen, gepackt mit Daten, Texten, Bildern – damit kann ich schneller erfassen, was ich wissen wollte, als per linearer Sprache.

    „Gesten, Blickrichtungen, Körperspannung“ sind im Unterschied zum gesprochenen Prompt großteils unbewusst. Darauf zu reagieren, bedeutet nicht nur, dass die KI ständig „anwesend“ sein muss, sondern auch, dass sie mich fortwährend interpretiert – und mich dann womöglich noch „proaktiv“ belästigt. (So fantasiert aktuell auch Google seinen künftigen KI-Modus in der Suche…).

    Wer will denn das? Wir werden sehen….

  2. gsohn

    Hallo Claudia! Die Sorge vor einer „proaktiven“, allgegenwärtigen KI, die Gesten und Blicke liest, ist berechtigt – wenn wir unterstellen, dass solche Systeme aufdringlich, daueraktiv und letztlich übergriffig sind. Aber was, wenn Kontext nicht Kontrolle bedeutet? Sondern Resonanz?

    Wir Menschen reagieren permanent auf Körpersprache, meist unbewusst – und genau darin liegt ja ihre Stärke. Sie ist keine Eingabe, sondern eine Atmosphäre. Vielleicht geht es bei Kairos nicht um „Interaktion“ im klassischen Sinn, sondern um eine neue Form von Präsenz: nicht lauter, sondern leiser. Nicht erklärend, sondern andeutend.

    Das Smartphone war ein Produkt mit Interface. Project KAIROS könnte eine Beziehung sein, in der Interface selbst verschwindet.

    Und ja, das kann verstörend sein. Vielleicht sogar unheimlich. Aber es könnte auch genau die Art von Irritation sein, die es braucht, um unser Verständnis von Technologie weiterzudenken.

    Nicht weil sie „alles besser kann“ – sondern weil sie etwas anderes versucht. Gruß Gunnar

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.