Über den diskreten Charme literarischer Ranglisten #SignaturenMagazin

Es gehört zu den kleinen Zumutungen des digitalen Zeitalters, dass es selbst dort zu zählen beginnt, wo man früher noch unterschied. Auch die Literatur bleibt von diesem Hang zur Numerisierung nicht verschont. Was gelesen wurde, wird geklickt; was geklickt wurde, wird gelistet; und was gelistet ist, darf sich, für einen flüchtigen Augenblick jedenfalls, des Anscheins erfreuen, es habe damit schon etwas wie Geltung erlangt. Man sollte darüber nicht allzu entrüstet sein. Denn selbst dort, wo Zahlen den Ton angeben, verraten sie bisweilen mehr, als ihnen lieb sein kann.

Die Charts 2025 des Signaturen Magazins lese ich daher weder als Triumphregister noch als demokratisierte Form des Jüngsten Gerichts, sondern als eine jener aufschlussreichen Nebenerscheinungen literarischer Öffentlichkeit, in denen sich, halb zufällig und halb doch mit innerer Folgerichtigkeit, die Temperatur eines Jahres anzeigt. Fünf meiner Beiträge finden sich in den vorderen Rängen. Das schmeichelt dem Autor, ohne ihn ernsthaft zu verderben. Interessanter als die Platzierung ist ohnehin die Nachbarschaft der Texte untereinander. Denn sie bilden, wenn ich es recht sehe, weniger eine Serie als ein Kaleidoskop: eine literarische Reise durch Denkformen, Tonlagen, Abschiede, Komik, Poesie und jene eigentümlichen Begegnungen, aus denen sich ein Lesejahr erst zusammensetzt.

Von der selten gewordenen Kunst, zu urteilen

Am Anfang stand Herbert Anton. Genauer: ein Abend zu seinen Ehren, in dessen Verlauf sich einmal mehr bestätigte, dass literarische Erinnerung dann am lebendigsten ist, wenn sie nicht den Fehler begeht, sich bloß ehrfürchtig zu verhalten. „Die Urteilskraft der Dichtung“ lautete der Titel meines Beitrags, und er meinte, gegen alle Gewohnheiten des routinierten Kulturbetriebs, tatsächlich genau das, was er sagte. Es ging nicht um den dekorativen Nachvollzug einer akademischen Biographie, nicht um den gepflegten Nachruf mit Bildungsfirnis, sondern um die Rückkehr einer Haltung, die inzwischen beinahe altertümlich wirkt: der Fähigkeit nämlich, Literatur ernst zu nehmen, ohne sie zu sakralisieren, und über sie nachzudenken, ohne sie in methodischen Spezialzonen verschwinden zu lassen.

Herbert Anton erschien an diesem Abend nicht als Denkmal, das man mit den üblichen Kränzen versieht und dann der institutionellen Ewigkeit überlässt, sondern als gegenwärtige Figur eines Denkens, das auf Unterscheidung beharrt. Das ist in Zeiten, in denen vieles Meinung heißt und nur weniges Urteil ist, keine Nebensächlichkeit. Literatur war hier nicht Ornament, nicht Seminarfolklore, nicht der gehobene Restbestand einer besseren Vergangenheit, sondern Erfahrungsraum, Widerlager, Schule der Freiheit. Man darf solche Abende, die weder geschniegelt noch gefällig daherkommen, mit einem gewissen Recht Glücksfälle nennen. Sie erinnern daran, dass Urteilskraft keine Strengepose ist, sondern die zivilisierte Form geistiger Beweglichkeit.

Von Raumforderungen äußerer und innerer Art

Ganz anderer Art, wenn auch nicht geringer an Eindringlichkeit, war die Begegnung mit Willi Achten und seinem Roman „Die Einmaligkeit des Lebens“. Mein Text über diesen Abend kreiste um das Wort „Raumforderung“, jenes klinisch trockene und gerade deshalb so beunruhigende Wort, das im medizinischen Vokabular eine Diagnose tarnt und doch längst eine Metapher auf Vorrat bereithält. Denn plötzlich stand es doppelt im Raum: als Tumor im Körper und als Verwüstung einer Landschaft, die vom Tagebau in Besitz genommen wird. Der Leib und das Land, die Krankheit und der Verlust, das Innere und das Äußere begannen, einander in einer Weise zu spiegeln, die man, wäre sie nicht so genau beobachtet, fast schon für zu kunstvoll halten könnte.

Achtens Roman hat mich gerade deshalb so beschäftigt, weil er sich jeder billigen Verstärkung verweigert. Er macht aus Abschied kein Spektakel und aus Vergänglichkeit keinen sentimentalen Großverbrauch. Was ihn trägt, ist jene seltene literarische Souveränität, die weiß, dass das Schwere umso mehr Gewicht bekommt, je weniger man daran zerrt. Die Brüder Simon und Vinzenz, das Dorf, dessen Zukunft unter Abbruchvorbehalt steht, Martha mit ihrer stillen Präsenz: Das alles ist nicht auf Effekte angelegt, sondern auf Genauigkeit. Man liest oder hört davon und begreift, dass Literatur dort ihre stärkste Form gewinnt, wo sie das Unabwendbare nicht dramatisiert, sondern ihm eine Gestalt gibt. Das ist mehr als Erzählkunst; es ist, im besten Sinne, eine Form der Disziplin des Gefühls.

Jenseits der Sprachglätte

Mit Wolfgang Schiffer verschob sich das Bild erneut. Der Beitrag „Jenseits der Sprache“ war mein Versuch, Poesie und Übersetzung aus jener höflichen Randständigkeit zu befreien, in die der Betrieb sie so gern abschiebt, wenn er sich seiner eigenen Betriebsamkeit nicht gerade allzu deutlich schämen möchte. Wir leben, wie man weiß und täglich besichtigt, in einer Epoche der permanenten Kommunikation, was nicht ausschließt, dass das Gesagte dabei zunehmend an Kontur verliert. Es wird formuliert, aber selten gedacht; es wird gesendet, aber wenig gesagt; und wo Sprache einmal Widerstand leisten könnte, wird sie meist schon im Vorfeld zu Anschlussfähigkeit erzogen.

Schiffer interessierte mich, weil er sich dieser Glättung entzieht, ohne daraus einen Kult des Hermetischen zu machen. Er weiß, was Sprache kann, und vielleicht noch genauer, was sie nicht kann. Eben darin liegt ihre Würde. Übersetzung erschien mir in diesem Zusammenhang nicht als mustergültige Überführung eines Sinnbestands von hier nach dort, sondern als riskante Annäherung, als Arbeit an Brüchen, Verlusten, Verschiebungen. Man gewinnt nicht, ohne zu verlieren; und bisweilen ist es gerade der Verlust, der den Blick schärft. Das ist, mit Verlaub, mehr als Kulturvermittlung. Es ist ein Einspruch gegen die freundliche Verarmung, mit der sich unsere Gegenwart so oft zufrieden gibt.

Poesie, das wurde mir an diesem Abend erneut klar, ist kein hübsches Nebengewerbe des Geistes, sondern die Störung seiner Bequemlichkeit. Sie verlangsamt, wo alles beschleunigt; sie verdunkelt, wo alles sofort verständlich zu sein hat; sie widerspricht dem stillschweigenden Vertrag der Gegenwart, wonach nur gelten soll, was sich umstandslos verwerten lässt. Eben deshalb bleibt sie notwendig, auch — oder vielleicht gerade — wenn man ihr dies kaum noch anmerkt.

Wenn der Irrsinn Verwaltungssprache annimmt

Nun wäre es unerquicklich, wollte man ein literarisches Jahr ausschließlich in ernsten Tonarten bilanzieren. Denn zur Wahrheit der Literatur gehört bekanntlich auch ihre Fähigkeit, die Welt mit dem Mittel des Lachens zu entlarven. Thomas Frankes gläserner Aufzug in die Hölle war in diesem Sinne eine höchst willkommene Erinnerung daran, dass Satire keine leichtere Gattung ist, sondern die heiterere Schwester der Erkenntnis.

Was mich an diesem Text und dem dazugehörigen Abend so amüsierte wie beunruhigte, war die frappierende Gegenwärtigkeit des Absurden. Die Welt von Ilf und Petrow, von Franke in ein heutiges Licht gerückt, wirkte keineswegs wie ein ferner sowjetischer Sonderfall, den man mit historischer Gelassenheit betrachten dürfte. Im Gegenteil: Sie kam einem stellenweise verdächtig bekannt vor. Unfallrenten als Geschäftsmodell, Wunderquellen aus geplatzten Rohren, moralisch geschniegelt auftretende Geschäftigkeit, Prestigeprojekte mit eingebauter Bruchlandung — das alles besitzt, sobald man den Staub der Zeiten ein wenig abklopft, eine erstaunliche Nähe zur bundesrepublikanischen Normalität. Kolokolamsk, so stellte sich heraus, liegt nicht am Ende der Welt, sondern mitunter gleich hinter dem nächsten Verwaltungsflur.

Gerade darin liegt die hohe Kunst der Satire: Sie erlaubt dem Leser das Lachen und entreißt ihm zugleich die Unschuld. Man amüsiert sich, gewiss; aber man amüsiert sich auf eigene Kosten. Das ist angenehmer, als es klingt, und nützlicher noch dazu.

Über die merkwürdige Zähigkeit der Lyrik

Vielleicht am nachhaltigsten beschäftigt hat mich in diesem Jahr der Abend mit Michael Krüger. Mein Text über die „verschwundene Lyrik“ ging von einem durchaus hübschen Paradox aus: Eine Gattung, deren öffentliche Sichtbarkeit seit Jahren mit routinierter Grabesstimme beklagt wird, vermag es immer noch, eine Buchhandlung bis auf den letzten Platz zu füllen. Das ist mindestens unerquicklich für die Untergangsverwalter und erfreulich für alle, die Gedichten noch mehr zutrauen als dekorative Randexistenz.

Krüger sprach nicht als kulturpessimistischer Hohepriester des Verlorenen, sondern als einer, der lange genug im Literaturbetrieb gelebt hat, um dessen Eitelkeiten, Amnesien und Ausschlussmechanismen ohne jede Illusion zu kennen. Vielleicht war gerade das der Grundton des Abends: keine Klage, sondern Nüchternheit; keine Pose, sondern Erfahrung. Es ging um Dichter am Rand, um Namen wie Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Bächler oder Oskar Pastior, um Biographien, denen das Zentrum des Betriebs bestenfalls noch pflichtschuldig zunickt, sofern es sie nicht längst vergessen hat.

Und doch ist es ja gerade diese Randständigkeit, in der die Lyrik ihre eigentümliche Überlebenskunst entfaltet. Sie verschwindet nicht; sie zieht sich zurück. Sie wechselt nur den Aufenthaltsort: aus den großen Sichtbarkeitsmaschinen in Buchhandlungen, in kleine Kreise, in beharrliche Leserschaften, in jene Köpfe, die auf das Urteil des Marktes aus Gründen geistiger Hygiene nur begrenzt Wert legen. Dass eine solche Gattung immer wieder totgesagt wird, gehört beinahe schon zu ihren traditionellen Lebenszeichen.

Kein Programm, sondern eine Bewegungsfigur

Wenn ich diese fünf Beiträge heute nebeneinander sehe, dann erkenne ich darin weniger ein geplantes Vorhaben als eine Bewegungsfigur des Lesens. Da ist Herbert Anton und mit ihm die Frage nach der Urteilskraft; da ist Willi Achten und die Zumutung des Abschieds; da ist Wolfgang Schiffer und der Widerstand gegen die Glätte der Sprache; da ist Thomas Franke und die rettende Schärfe des Komischen; da ist Michael Krüger und die stille, beinahe störrische Beharrlichkeit der Lyrik. Das ist kein Programm im engeren Sinn, und Gott sei Dank keines. Programme altern rasch. Tonlagen, wenn sie gut gewählt sind, halten länger.

Vielleicht erklärt gerade das die Resonanz dieser Texte. Sie wollten nicht gefallen, jedenfalls nicht vorrangig. Sie wollten etwas sichtbar machen: Denkstile, Gefährdungen, Verluste, Gegenkräfte. Abenteuerlich waren diese Entdeckungen nur für jene, die unter Abenteuer ausschließlich äußere Bewegung verstehen. In Wahrheit sind die besten literarischen Expeditionen bekanntlich jene, die in eine Sprache, eine Haltung, ein Bewusstsein führen. Und großartige Begegnungen sind es dann, wenn man aus ihnen nicht bloß mit einer Notiz, sondern mit einer Verschiebung des eigenen Blicks hervorgeht.

Gute Gesellschaft, wie man sagt

Dass ich mich mit diesen Beiträgen unter den Top Ten in Gesellschaft von Kafka, Shakespeare, Enzensberger und Morgenstern wiederfinde, ist, ich räume es ohne falsche Bescheidenheit ein, eine charmante Konstellation. Zugleich ist es eine, die die Proportionen sogleich wiederherstellt. Denn wer neben Kafka rangiert, gewinnt vielleicht eine hübsche Zeile für die eigene Eitelkeit, aber gewiss keinen Anlass zur Verwechslung. Franz Kafka mit dem Steuermann, Shakespeare mit den Sonetten, Enzensberger mit dem Lesebuch für die Oberstufe, Morgenstern mit dem Knie — das ist keine Gesellschaft, in der man sich breitmachen sollte. Es ist vielmehr eine, in der man sich mit Vergnügen etwas gerader hinsetzt.

Und vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Charme solcher Listen: dass sie, für einen kurzen Moment, Gegenwart und Überlieferung auf derselben Seite zusammenführen, ohne deshalb ihre Unterschiede zu verwischen. Die Literatur kennt, anders als der Betrieb, keine peinliche Hierarchie des Tagesaktuellen. Sie lebt von Gleichzeitigkeit. Das Vergangene spricht ins Gegenwärtige hinein, und das Gegenwärtige darf, im Glücksfall, antworten.

Was am Ende bleibt

Man muss literarische Charts nicht überschätzen, um ihren diskreten Mitteilungswert zu erkennen. Sie zeigen, dass es noch Leser gibt, die sich nicht mit der flottesten Oberfläche zufriedengeben. Leser, die sich auf einen Abend über Herbert Anton einlassen, auf Abschiedsräume bei Willi Achten, auf sprachskeptische Präzision mit Wolfgang Schiffer, auf das satirische Furioso eines gläsernen Aufzugs und auf Michael Krügers melancholisch nüchternen Blick auf die Lyrik. Das ist, in Zeiten allseitiger Beschleunigung, alles andere als selbstverständlich.

Vielleicht ist das die freundlichste und zugleich genaueste Deutung dieser Liste: Sie dokumentiert nicht den Sieg des Klicks, sondern die fortdauernde Möglichkeit der Auswahl. Und das heißt eben auch: der Urteilskraft.

So gesehen, hat diese kleine Rangliste etwas Tröstliches. Nicht weil sie Zahlen produziert, sondern weil sie erkennen lässt, dass Literatur auch 2025 noch gefunden werden kann — als Reise, als Kaleidoskop, als Gespräch, als Zumutung, als Heiterkeit, als Form geistiger Anwesenheit in einer Welt, die sich ihrer eigenen Zerstreuung sonst nur allzu bereitwillig überlässt.

Wenn der Staat im Buchladen Gesinnung schnüffelt

Und vielleicht wäre damit auch der unerquicklichste Befund dieses Literaturjahres benannt: dass ausgerechnet ein Kulturstaatsminister meint, Buchhandlungen nach politischer Zuträglichkeit sortieren zu dürfen, drei von einer Fachjury nominierte Läden unter Berufung auf nicht öffentlich gemachte „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ von der Preisliste nimmt und, als der Widerspruch daraufhin nicht wie gewünscht verstummt, gleich auch noch die Preisverleihung absagt. Das verrät ein bemerkenswert kleinkariertes Verständnis von Büchern, Buchhandlungen und überhaupt von Kultur: als sei Literatur ein behördlich zu beaufsichtigender Gesinnungsraum und nicht jenes widerspenstige, offene, oft anstrengende Gespräch, das gerade in unabhängigen Buchhandlungen seine lebendigste Form findet. Wer Buchhandlungen nicht als Orte der geistigen Entfaltung, des Dissenses und der Zumutung begreift, sondern vor allem als potenzielle Fälle administrativer Misshelligkeit, hat vom Eigenleben der Literatur offenbar weniger verstanden, als in einem Ministeramt für Kultur unerquicklich sichtbar werden sollte.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.