
Abseits der grellen Scheinwerfer der Börsenmetropolen gedeiht eine Klasse von Unternehmen, die still und unerkannt zur Weltspitze gehört. Es sind die Hidden Champions, jene mittelständischen Weltmarktführer, die der deutsche Ökonom Professor Hermann Simon bereits in den 1990er-Jahren so taufte. Ihr Erfolg – oft in Nischenmärkten errungen – bildet das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Fast die Hälfte der weltweit identifizierten “heimlichen“ Marktführer hat ihren Sitz in Deutschland. Diese Firmen, meist familiengeführt und im Investitionsgüterbereich tätig, haben sich dem Trend zur Deindustrialisierung erfolgreich entzogen. Sie verbinden bodenständige regionale Verwurzelung mit globaler Präsenz – eine Balance, die ihnen auch in Krisenzeiten bemerkenswerte Resilienz verleiht. Kein Wunder also, dass Ökonomen in ihnen einen wesentlichen Pfeiler der Volkswirtschaft erkennen.
Das Buch „Hidden Champions HR – Personalmanagement der Weltmarktführer“, herausgegeben von Professor Karlheinz Schwuchow und Joachim Gutmann, richtet den Scheinwerfer ins Innere dieser Unternehmen. Es fragt, worin ihre besondere Kunst der Personalführung besteht – jenes oft unsichtbare Gefüge aus Kultur, Managementprinzipien und Mitarbeiterbindung, das ihren Markterfolg überhaupt erst ermöglicht. Gleich zu Beginn ordnet ein Essay von Hermann Simon den Aufstieg und Wandel der Hidden Champions im großen Bild ein. Simon skizziert, wie diese Firmen die neuen Spielregeln der Globalisierung im „chinesischen Jahrhundert“ adaptieren. So verlagern Hidden Champions beispielsweise Forschungszentren in Technologie-Hotspots rund um den Globus und geben dabei ein Stück provinzieller Behaglichkeit zugunsten „konsequenter Weltoffenheit“ auf – ohne jedoch ihre Identität einzubüßen. Diese strategische Weitsicht verbindet sich bei den Hidden Champions stets mit Langfristorientierung und Fokussierung auf Kernkompetenzen.
Personalmanagement jenseits der Moden: Mitarbeiter im Mittelpunkt
Die Leitthese des Buches, unterstrichen schon im Vorwort der Herausgeber, lautet: Der überragende Erfolg der Hidden Champions fußt in hohem Maße auf ihrem besonderen Umgang mit Menschen – ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie ihren Führungskräften. Um ihre ehrgeizigen Markt- und Wachstumsziele zu erreichen, pflegen diese Firmen eine spezifische Unternehmenskultur, die organisatorisch und führungsmäßig ganz auf Hochleistung ausgerichtet ist. Sie ist oft noch von den Gründerpersönlichkeiten geprägt und zugleich ausgeprägt mitarbeiterorientiert. Hohe Leistungsansprüche und unbedingtes Commitment gehen Hand in Hand mit sozialer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten. Tradition und Moderne, Stabilität und Wandel sind für Hidden Champions dabei keine unüberbrückbaren Gegensätze, sondern ein Spannungsfeld, das kreativ für den langfristigen Erfolg genutzt wird. Personal und Organisation werden so zu den Fundamenten ihres nachhaltigen Wachstums.
Gerade Personalmanagement wird in diesen Unternehmen als strategische Kernaufgabe begriffen, nicht als Verwaltungsroutine. Von der Gewinnung der Auszubildenden bis zur Förderung der Top-Fachkräfte durchzieht eine umfassende Mitarbeiterorientierung alle Ebenen. Lebenslanges Lernen, Wissensmanagement, Bindung erfahrener Kräfte – all das hat hier einen Stellenwert, der in vielen Großkonzernen oft nur in Sonntagsreden beschworen wird. Demografischer Wandel und Fachkräftemangel, Globalisierung und Digitalisierung – die großen Herausforderungen unserer Zeit – begegnen Hidden Champions mit durchdachten, langfristigen Antworten. So gelingt es ihnen, im Wettbewerb um Talente trotz geringer Bekanntheit und oft abgelegener Standorte zu bestehen: Die Nachteile der Provinz gleichen sie durch kluge Personalstrategien aus. Ihre Arbeitgeberattraktivität steigern sie mit authentischem Employer Branding, bei dem die eigenen Mitarbeiter als glaubwürdigste Botschafter auftreten.
Auffällig ist, dass diese Mittelständler sich regelmäßig gängigen Managementmoden entziehen. Kurzlebige Trends – insbesondere angelsächsische Hypes – lässt man links liegen. Stattdessen folgen Hidden Champions ihrer eigenen, bewährten Linie, geprägt von Werten statt Moden. Die Ergebnisse geben ihnen recht: Eine durchweg hohe Mitarbeiterzufriedenheit und Loyalität bestätigt den zentralen Stellenwert der Belegschaft für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. In der Tat sind Fluktuation und Krankenstand bei Hidden Champions deutlich geringer als anderswo – laut Studien liegt die Fluktuationsrate im Schnitt unter sieben Prozent. Solche Stabilität reduziert nicht nur Kosten für ständige Neueinstellungen; sie bewahrt auch kostbares Know-how und langfristige Kundenbeziehungen. Diese Firmen zeigen eindrücklich, dass nachhaltiger Erfolg auf Konstanz, Vertrauen und Identifikation fußt. Selbst ohne modische „Purpose-Statements“ oder glossy CSR-Berichte setzen Hidden Champions Maßstäbe in der Personalarbeit und führen vor, „was Erfolgsunternehmen ausmacht“.
Fallstudien, Anekdoten und Impulse
Statt theoretischer Platitüden bietet Hidden Champions HR einen direkten Blick in den Maschinenraum der vorgestellten Unternehmen. Der Aufbau des Buches folgt vier großen Themenblöcken – Strategie & Kultur, Führung & Verantwortung, Digitalisierung & KI sowie Agilität & Transformation –, unter denen insgesamt 22 Fallstudien versammelt sind. Jede Fallstudie wurde von Insider*innen verfasst – meist Personalverantwortlichen der jeweiligen Firma – und beleuchtet einen spezifischen Aspekt des dortigen Personalmanagements. Die Bandbreite ist beeindruckend: Der Bogen spannt sich „vom zukunftsorientierten Personalmanagement bei Phoenix Contact über New Learning und New Leadership bei Ottobock sowie Künstlicher Intelligenz in der Personalgewinnung bei Carl Zeiss bis hin zur agilen Transformation bei B. Braun Melsungen“. Mit anderen Worten: Von High-Tech bis Traditionsindustrie, von Maschinenbau über Orthopädietechnik bis Medien und Konsumgüter ist alles vertreten. Der Sammelband öffnet die Werktore von so unterschiedlichen Hidden Champions wie etwa Stihl (Motorgerätehersteller) und Hubert Burda Media, Zeppelin (Luftschiffbau bis hin zu spezialisierten Nischenplayern à la Schöffel (Outdoor-Bekleidung). Diese Vielfalt demonstriert anschaulich, dass es kein isoliertes Phänomen einzelner Branchen ist – es gibt sie überall, die heimlichen Gewinner, die im Hintergrund Weltklasse-Leistungen erbringen.
Die Fallstudien selbst liefern reichhaltiges Anekdotenmaterial und praxisnahe Einblicke. So erfährt man beispielsweise, dass Phoenix Contact sich vor Jahren das ambitionierte Ziel gesetzt hat, „einer der besten Arbeitgeber“ zu sein – und dieses Ziel nicht nur in Hochglanzbroschüren verkündet, sondern konsequent verfolgt hat: Das Unternehmen wurde zwölfmal als Top-Arbeitgeber ausgezeichnet, woraufhin der Personalchef als vollwertiges Mitglied in die Geschäftsführung aufrücken durfte. Dieser Schritt, HR zur Chefsache zu machen, spricht Bände über die Firmenphilosophie. Bei Ottobock, dem Weltmarktführer für Prothesen und Orthesen, liest man von einem Change-Projekt, das exemplarisch für die partizipative Kultur der Hidden Champions steht: Ein interdisziplinäres Kernteam von 30 Beschäftigten erarbeitete gemeinsam mit der Geschäftsführung sechs neue Leitprinzipien für die zukünftige Führungskultur. Die Umsetzung dieses Programms LEADership 2020+ begleitet Ottobock mit ungewöhnlichen Formaten – CEO-Podcasts, Sonderausgaben der Mitarbeiterzeitung, ein eigens eingerichteter Newsletters – um wirklich alle Mitarbeiter weltweit ins Boot zu holen. Diese ko-kreative Herangehensweise zahlte sich aus: Sie stärkte nicht nur die Akzeptanz der Veränderung, sondern machte jeden einzelnen Beschäftigten zum Mitverantwortlichen der neuen Kultur.
Auch die Herausforderungen der Digitalisierung werden greifbar illustriert. In einer Fallstudie berichtet etwa Carl Zeiss darüber, wie Künstliche Intelligenz im Recruiting zum Einsatz kommt – ein spannender Spagat zwischen High-Tech-Auswahlverfahren und dem Bewahren menschlicher Unternehmens-DNA. B. Braun Melsungen, ein 180 Jahre altes Familienunternehmen, schildert seinen Weg zur agilen Organisation: Hier wird New Work nicht als Buzzword abgetan, sondern aktiv gestaltet, um Tradition und Agilität zu versöhnen. Und als die COVID-19-Pandemie über alle hereinbrach, förderte sie bei manchen Hidden Champions sogar Unerwartetes zutage: Plötzlich wurden Talente und Kompetenzen sichtbar, die zuvor unter den alten Strukturen verborgen waren. Aus der Not einer Krise machten diese Unternehmen eine Tugend, indem sie interne Weiterbildungsprogramme und virtuelle Kollaborationsformen in Rekordzeit entwickelten – oft mit dem erfreulichen Nebeneffekt, schlummernde Potenziale im eigenen Haus zu wecken.
All diese Beispiele werden im Buch nicht trocken referiert, sondern lebendig und mit Augenmaß für das Wesentliche dargestellt. Die jeweiligen Autoren – von der HR-Direktorin bis zum Werksleiter – krempeln sprichwörtlich die Ärmel hoch und berichten aus erster Hand, wie sie Probleme angehen. Doch geschieht dies niemals hemdsärmelig oder banal, sondern immer mit spürbarer Substanz und Reflexion – theoretisches Blabla sucht man hier vergebens. Gerade dieser praxisnahe, aber dennoch integre Ton macht die Lektüre reizvoll. Man spürt den Stolz und die Verantwortung, mit der die Hidden Champions ihr Personal führen, ohne dass es in Selbstbeweihräucherung abgleitet. Oft sind es kleine Details – ein zitiertes Mitarbeiterstatement hier, eine erzählte Anekdote dort – die dem Leser ein eindrückliches Bild der jeweiligen Unternehmenskultur vermitteln.
Werte, Wandel und wirtschaftskulturelle Erkenntnis
Beim Lesen dieses Buches entsteht unweigerlich ein übergeordnetes wirtschaftskulturelles Bild des deutschsprachigen Mittelstands. Hidden Champions HR ist mehr als eine lose Sammlung von Best Practices – es gerät zu einer Art Soziogramm der Mittelstands-DNA. Einige gemeinsame Leitmotive tauchen in fast allen Fallstudien auf: Da ist zum einen der ausgeprägte Wertekompass, oft durch familiäre Eigentümer geprägt, der für Konsistenz zwischen Anspruch und gelebter Realität sorgt. In mehreren Beiträgen wird deutlich, wie sehr diese Unternehmen darauf bedacht sind, dass Führungskräfte nicht bloß Entscheider, sondern Kulturvorbilder und Coach ihrer Teams sind. Die Konsistenz zwischen normativem Anspruch und täglichem Verhalten ist ein Erfolgsgeheimnis, das nur schwer imitierbar ist. Zum anderen zeigt sich der Mittelstand hier als wandlungsfähiger Organismus: Technologiebrüche, globale Machtverschiebungen oder neue Generationen in der Belegschaft – all das begreifen Hidden Champions weniger als Bedrohung denn als Ansporn zum Wandel. Sie schaffen es, Wandel und Kontinuität zu versöhnen, indem sie ein klares Zukunftsbild entwerfen und zugleich ihre Wurzeln nicht kappen. Diese Kultur der behutsamen Erneuerung durchzieht viele Geschichten im Buch: sei es ein Maschinenbauer, der mit einem internen Digital Lab junge IT-Talente anzieht, oder ein Traditionskonzern, der seinen Führungskräften Mut zum “Courage to Transform“ abverlangt (so geschehen bei Trumpf).
Interessant für die wirtschaftskulturelle Lesart ist auch, wie unterschiedlich einzelne Unternehmen ihre Antworten finden – und doch im Grundsätzlichen übereinstimmen. Einige Hidden Champions – etwa exportstarke Industriezulieferer – agieren fast globalistischer als mancher Großkonzern, mit Entwicklungszentren in aller Welt und multikulturellen Teams. Andere, zum Beispiel traditionsreiche Familienbetriebe, setzen bewusst auf lokale Verwurzelung und organisches Wachstum. Doch beide Typen vereint eine Haltung: Sie betrachten Mitarbeiter nicht als Human Resource, die man beliebig ein- und auswechseln kann, sondern als langfristige Mitunternehmer im Geiste. Diese Haltung schlägt sich in konkreten Kennzahlen nieder (lange Betriebszugehörigkeiten, hoher Anteil interner Beförderungen, investitionsfreudige Weiterbildungsbudgets) ebenso wie in einem gewissen Stolz auf die eigene Andersartigkeit gegenüber dem Manager-Mainstream. Man könnte sagen, Hidden Champions pflegen eine Form von rebellischem Konservatismus: Sie bewahren traditionelle Tugenden – Qualitätsbesessenheit, Kundenähe, Verantwortungsbewusstsein – und kombinieren sie mit unkonventionellen Lösungen, wo immer der Mainstream versagt. Das Buch liefert dazu zahlreiche Beispiele, von der radikalen Kundenfokussierung bis zur Unabhängigkeit von Beratermoden. Als Leser*in gewinnt man den Eindruck, hier wird ein Stück deutscher Wirtschaftskultur entschlüsselt: Man versteht, wie diese Mittelständler ticken, was sie antreibt, und warum sie oft erfolgreicher sind, als es ihre geringe Bekanntheit vermuten ließe.
Ein Lehrstück für Führung und ein Manifest des Mittelstands
Hidden Champions HR überzeugt als Gesamtwürdigung einer oft unterschätzten Unternehmensklasse. Der Sammelband ist analytisch tiefgehend, reich an Beispielen und dennoch angenehm lesbar – gerade weil er auf dröge Theoriediskussionen verzichtet und stattdessen die Praxis sprechen lässt Für Führungskräfte und Personalverantwortliche, ob in Mittelständlern oder in Konzernen, bietet dieses Buch einen Fundus an Inspiration. Es zeigt, dass Personalarbeit kein Selbstzweck ist, sondern wettbewerbskritischer Faktor – und dass exzellentes Personalmanagement nicht lautes Marketing braucht, sondern im Stillen Großes bewirken kann. Die Lektüre gleicht einer Reise durch versteckte Königreiche industrieller Exzellenz: Man lernt von Ottobock etwa, wie kultureller Wandel spielerisch gelingen kann, von Phoenix Contact, wie Employer Branding authentisch gelebt wird, oder von Festo, wie Ausbildung und Technologie gemeinsam gedacht werden (hier wurden jüngst neue Berufsbilder rund um KI und Industrie 4.0 geschaffen). Jede Station liefert Denkanstöße, die über den Einzelfall hinausweisen.
Stilistisch schafft der Band dabei einen angenehmen Spagat zwischen Feuilleton und Fachbuch. An einigen Stellen liest er sich wie ein Wirtschaftskrimi – man fiebert mit, ob eine Transformation gelingt –, an anderen wie ein kenntnisreicher Kommentar zur Lage des Mittelstands. Die Redaktion der Herausgeber Schwuchow und Gutmann sorgt trotz der vielen Stimmen für einen roten Faden. Ihre eigene Einführung und Simons Auftaktbeitrag geben dem Werk einen theoretischen Rahmen, der die Fallstudien kontextualisiert und verbindet. So entsteht am Ende mehr als die Summe der Teile: nämlich das facettenreiche Porträt einer Unternehmenskultur, die auf Vertrauen, Beständigkeit und Mut zur Erneuerung gründet.
Unterm Strich ist “Hidden Champions HR“ ein hochwertiges Wirtschaftsfeuilleton in Buchform, literarisch präzise und intellektuell anregend, ohne anwendungsferne Abstraktion. Es schärft den Blick dafür, dass große Ziele und humane Führung einander nicht ausschließen, sondern bedingen. Die heimlichen Weltmarktführer des Mittelstands lehren uns in diesem Buch, dass exzellentes Management immer auch Menschenführungskunst ist – eine Kunst, die hier mit viel Leidenschaft, Realitätssinn und visionärer Kraft zum Ausdruck kommt. Für jede Führungskraft, die über den Tellerrand kurzfristiger Moden hinausblicken will, ist dieses Werk eine wahre Fundgrube an Erkenntnissen und Ermutigungen. Es erinnert uns daran, dass wirtschaftlicher Erfolg letztlich im Verborgenen geschmiedet wird: in den Werkshallen und Büros, wo kluge Köpfe und engagierte Hände täglich daran arbeiten, aus deutscher Provinz heraus Weltklasse zu schaffen. Und es feiert genau diese stille Meisterschaft in einer Weise, die sowohl analytisch überzeugt als auch ansteckend inspiriert.
Karlheinz Schwuchow, Joachim Gutmann (Hrsg.): Hidden Champions HR – Personalmanagement der Weltmarktführer. Haufe Group, Freiburg 2022. (Zitate und Inhalte entstammen diesem Band). Am Donnerstag, den 4. Dezember werden wir das Thema um 15 Uhr vertiefen beim #ZPNachgefragtDay.
Man hört, sieht und streamt sich live von der Online Educa Berlin im Hotel Interconti in der Budapester Straße. Kommt vorbei oder schaut Euch den Livestream an.