Stetiger Kurs, aber Gegenwind voraus: Zur Zukunft des Unternehmens im deutschen Mittelstand – mit Herman Kahn und Peter Drucker

Der deutsche Mittelstand erscheint in der KfW-Erhebung 2025 zugleich robust und verunsichert: Rekordbeschäftigung, solide Eigenkapitalquoten und stabile Renditen stehen einer anhaltend schwachen Investitionsbereitschaft gegenüber. In einer Phase beschleunigter technologischer Transformation – insbesondere durch Digitalisierung und KI – verschiebt sich damit die zentrale Zukunftsfrage des Unternehmens: Nicht ob Wandel erkannt wird, sondern ob er institutionell organisiert, finanziert und kulturell getragen werden kann. Auf den Spuren Herman Kahns (Szenariodenken, “superindustrielle” Beschleunigung) und Peter Druckers (Management als gesellschaftliche Institution und Produktivitätsfrage) entwickelt der Beitrag drei Zukunftsbilder des Unternehmens bis in die 2030er Jahre und leitet daraus Handlungsprinzipien für Führung, Organisation und Wirtschaftspolitik ab.

1. Diagnose 2025: Resilienz ohne Aufbruch

Das KfW-Mittelstandspanel 2025 beschreibt ein Paradox: Die 3,87 Mio. KMU steigerten ihre Umsätze 2024 nominal auf rund 5,2 Billionen Euro, preisbereinigt bleibt es jedoch leicht negativ; die Beschäftigung überschritt erstmals die Marke von 33 Mio. Erwerbstätigen, und die durchschnittliche Eigenkapitalquote liegt bei 30,7 %. Gleichzeitig verharrt die Investitionsneigung auf niedrigem Niveau: Nur 39 % der Unternehmen setzten Investitionsvorhaben um – ein Wert nahe einem Allzeittief. Preisbereinigt fällt das Neuinvestitionsvolumen 2024 erneut ins Minus (real -1,4 %); das nominale Plus ist damit zu großen Teilen inflationsgetrieben.

Bemerkenswert ist dabei die Struktur: Die stagnierende Investitionsdynamik wird wesentlich durch größere Mittelständler (50+ Beschäftigte) gebremst; seit etwa zehn Jahren hat sich deren Investitionsentwicklung von kleineren Größenklassen “abgekoppelt”. Zugleich dominiert in den Investitionshemmnissen ein bekannter Dreiklang: Kosten (Material/Energie/Löhne), Unsicherheit über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung sowie gesetzliche Vorgaben. Und die Demografie wirkt direkt in die Zukunftsfähigkeit hinein: Die Investitionsbereitschaft sinkt mit dem Alter der Inhaberschaft deutlich – während der Anteil älterer Inhaberinnen und Inhaber steigt.

Damit ist “Zukunft des Unternehmens” nicht primär eine Frage der Bilanzstärke, sondern der Transformationsfähigkeit unter Unsicherheit: Wie investiert man in einer Situation, in der das Alte noch trägt, das Neue aber bereits drängt?

2. Kahn: Zukunft als Plural – Szenarien statt Prognosen

Herman Kahn steht für einen methodischen Perspektivwechsel: Zukunft ist kein linearer Trend, sondern ein Bündel möglicher Entwicklungswege, die an “branching points” auseinanderlaufen. Szenarien sind dabei nicht “die wahrscheinlichste Zukunft”, sondern konsistente, plausible Bilder – auch von Entwicklungen, die unwahrscheinlich erscheinen, aber nicht unmöglich sind. pdf Theorie der Think Tanks Genau darin liegt ihr Wert für Unternehmen in investitionsarmen Zeiten: Szenarien reduzieren nicht Unsicherheit, aber sie strukturieren sie und ermöglichen Handlungsfähigkeit.

Kahns Denken ist zugleich kulturdiagnostisch: Beschleunigte technologische Entwicklung erzeugt eine “superindustrielle” Lage, in der neue Informationsmechanismen nötig werden, um eine komplexe Gesellschaft (und damit auch Unternehmen) zu integrieren. pdf Theorie der Think Tanks Zugleich verschiebt sich wirtschaftliche Macht: weg von reiner Produktion, hin zu Distribution, Kommunikation und organisationalen Fähigkeiten. pdf Theorie der Think Tanks Für den Mittelstand heißt das: Wettbewerbsvorteile entstehen weniger durch einzelne Maschinenparks, sondern durch Informations-, Prozess- und Kooperationskompetenz – also durch Fähigkeiten, die klassische Investitionsstatistiken nur teilweise abbilden.

3. Drucker: Unternehmen als Institution – Management als Zukunftsarbeit

Peter Drucker rahmt die Unternehmenszukunft nicht als Technik-, sondern als Institutionenfrage. Management ist für ihn eine “neue Realität”, die – jenseits von Eigentum und Markt – Ziele setzt, Ressourcen allokiert und Organisationen wirksam macht. pdf Zukunft der Unternehmen Entscheidend ist dabei eine doppelte Verantwortlichkeit:

  1. Produktivität: Die “Produktivitätsfrage” verschiebt sich vom manuellen Arbeiter hin zum Wissensarbeiter; dessen Leistung kann nicht “erzwungen” werden, sondern hängt von Sinn, Autonomie, Werkzeugen und Lernumgebungen ab. pdf Theorie der Think Tanks
  2. Gemeinschaft und gesellschaftliche Einbettung: Das Unternehmen gewinnt – gerade in post-/superindustriellen Kontexten – neue Verantwortung für Gemeinschaft, Qualifizierung, Gesundheit und regionale Entwicklung; soziale Notwendigkeiten können in ökonomische Chancen übersetzt werden. pdf Zukunft der Unternehmen

Druckers Pointe ist für die Gegenwart besonders scharf: In alternden Gesellschaften ist Zukunftsfähigkeit nicht nur eine Investitions-, sondern eine Organisations- und Personalproduktivitätsfrage. Wenn Kapital vorsichtig ist, muss Management umso präziser entscheiden, wo begrenzte Ressourcen den größten Zukunftseffekt erzeugen.

Drei Zukunftsbilder des Unternehmens bis Mitte der 2030er

Im Geist Kahns lassen sich aus den heute sichtbaren “branching points” (Demografie, Energie/Kosten, Regulierung, KI-Transformation, geopolitische Fragmentierung) drei idealtypische Szenarien ableiten. Sie sind bewusst zugespitzt; reale Entwicklungen können Mischformen sein.

Szenario A: Das Trägheitsgleichgewicht (Resilienz ohne Transformation)

Kernlogik: Der Mittelstand bleibt beschäftigungsstark, investiert jedoch überwiegend defensiv: Ersatz statt Sprunginnovation. Kosten- und Regulierungsdruck bleiben hoch; die Eigentümerstruktur altert weiter, wodurch Investitionsneigung sinkt.
Folge: Produktivität wächst zu langsam, um Demografie und globale Konkurrenz auszugleichen. KI wird “erkannt”, aber nicht systematisch in Wertschöpfung überführt (Pilotitis). Das Unternehmen wird verwaltungs- und compliance-lastiger; Managementzeit wandert von Zukunftsarbeit zu Absicherung.

Drucker-Lesart: Management verfehlt seine institutionelle Rolle als Zukunftsgestalter und wird zum “Betriebssicherer”.
Kahn-Lesart: Man wählt implizit ein Szenario, ohne es explizit zu prüfen – und verliert dadurch Optionen.

Szenario B: Der Ökosystem-Mittelstand (Optionen statt Wetten)

Kernlogik: Niedrige Investitionsneigung wird nicht nur als Schwäche, sondern als Anlass für modulare Investitionsstrategien verstanden: kleinere, schnell lernende Schritte, kombiniert mit Kooperation (Zuliefernetzwerke, Hochschulen, Plattformen, Shared Services).
Mechanismus: Investiert wird weniger in “große Blöcke”, stärker in digitalisierte Prozesse, Datenfähigkeit, Automatisierung, Qualifizierung, IT-Sicherheit und KI-gestützte Produktivität – also in das, was Kahn als neue Informationsmechanismen und Drucker als Produktivitätshebel des Wissensarbeiters rahmt. pdf Theorie der Think Tanks pdf Theorie der Think Tanks
Folge: Auch bei real stagnierenden Sachinvestitionen entsteht Transformationsdynamik über Organisationskapital. Besonders jüngere Unternehmensführungen werden zum Diffusionsmotor – konsistent mit dem Befund, dass jüngere Inhabergruppen deutlich investitionsaktiver sind. KfW

Drucker-Lesart: Management “macht Organisationen funktional” – und übersetzt gesellschaftliche Knappheiten (Fachkräfte, Alterung) in Innovationsprogramme (Automatisierung, Lernsysteme). pdf Zukunft der Unternehmenpdf Zukunft der Unternehmen
Kahn-Lesart: Man baut optionalitätsstarke Pfade in mehreren Szenarien – statt All-in-Prognosen.

Szenario C: Der orchestrierte Umbau (Staatliche Impulse, private Selektivität)

Kernlogik: Öffentliche Investitionsprogramme und Standortpolitik nehmen zu; Unternehmen reagieren selektiv – investieren, wo Förderlogik, Regulierung und Marktanreize konsistent sind.
Chance: Infrastruktur, Energiepreisstabilität und beschleunigte Genehmigungen senken den “Hemmnis-Dreiklang”.
Risiko: Übersteuerung, Bürokratie und fragmentierte Förderlandschaften verschieben Ressourcen in Antragssysteme statt in Wertschöpfung. Im Drucker-Sinn droht eine Entprofessionalisierung der Managementaufgabe: Zielklarheit wird durch Programmlogiken ersetzt.

Handlungsprinzipien: Was Kahn und Drucker dem Mittelstand 2026 raten würden

Aus den beiden Denktraditionen lassen sich fünf robuste Prinzipien ableiten – robust im Sinne “szenarienfest”:

  1. Szenariokompetenz als Kernfähigkeit: Nicht als jährliche PowerPoint-Übung, sondern als wiederholter Prozess: Annahmen explizit machen, Frühindikatoren definieren, Entscheidungspfade vorbereiten. pdf Theorie der Think Tanks
  2. Investieren als Portfolio, nicht als Einmalentscheidung: In unsicheren Lagen gewinnt ein Mix aus kleinen Prozessinvestitionen, digitalen Werkzeugen, Qualifizierung und partnerschaftlichen Projekten gegenüber großen, irreversiblen Wetten.
  3. Produktivität des Wissensarbeiters systematisieren: KI, Daten und Automatisierung sind kein “Technikprojekt”, sondern Organisationsdesign: Rollen, Standards, Lernen, Qualitätsmessung. pdf Theorie der Think Tanks
  4. Demografie als Strategievariable: Nachfolge, Führungserneuerung und Altersdiversität im Betrieb sind Investitionsdeterminanten – empirisch sichtbar über den Altersgradienten der Investitionsquote.
  5. Unternehmen als regionale Institution: Gerade der Mittelstand trägt Standorte. Community-Investitionen (Ausbildung, Gesundheitsprävention, regionale Kooperation) sind nicht nur “CSR”, sondern können – Drucker folgend – in profitable Stabilität übersetzt werden.

Die Zukunft des Unternehmens ist eine Managementfrage – unter Zeitdruck

Das KfW-Mittelstandspanel 2025 beschreibt keine Krise der Substanz, sondern eine Krise der Transformationsgeschwindigkeit: Rekordbeschäftigung und solide Kapitalstruktur stehen neben real rückläufigen Neuinvestitionen und strukturellen Hemmnissen. Im Kahn’schen Sinne ist das ein klassischer Moment, in dem mehrere Zukunftspfade gleichzeitig offenstehen – und in dem Nicht-Entscheiden bereits eine Entscheidung ist. Im Drucker’schen Sinne entscheidet sich daran, ob Management als Institution der Zukunftsarbeit handlungsfähig bleibt: Ziele, Menschen, Lernen, Produktivität, gesellschaftliche Einbettung.

Die technologische Transformation (inkl. KI) nimmt Tempo auf – und gerade deshalb wird die wichtigste Ressource des Mittelstands nicht nur Kapital sein, sondern organisierte Lern- und Entscheidungsfähigkeit. Das Unternehmen der Zukunft ist dann weniger die “Fabrik” als eine lernende Institution, die Unsicherheit nicht wegplant, sondern in Optionen übersetzt.

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