#SchutzFürBahnBeschäftigte: Ein Text kehrt zurück – weil die Gegenwart ihn bestätigt #ZukunftPersonal

Dass ein Beitrag aus September 2025 heute wieder zirkuliert, ist weniger ein Algorithmus-Effekt als ein gesellschaftlicher Seismograf: Das Thema „Sicherheit im System Bahn“ hat sich vom Rand in die Mitte geschoben. Nicht, weil plötzlich neue Gefahren erfunden wurden, sondern weil ein einzelnes Ereignis die Routine entblößt hat, in der das Risiko längst mitfährt: Der Zugbegleiter Serkan Çalar wurde Anfang Februar 2026 bei einer Ticketkontrolle in Rheinland-Pfalz so schwer verletzt, dass er später starb; die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Totschlags, ein Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft.

Acht am Tag – die Zahl als moralische Zumutung

Die Bahn ist ein Ort, an dem Deutschland sich selbst im Miniaturformat begegnet: Zeitdruck, Enge, soziale Spannungen, Alkohol, Überforderung – und dazwischen Beschäftigte, die Ordnung herstellen sollen, ohne je als „Ordnungsmacht“ gelten zu wollen. Dass diese Rolle gefährlicher geworden ist, lässt sich inzwischen nicht mehr in Anekdoten verstecken. Für 2025 bestätigt die Bahn mehr als 3.000 körperliche Angriffe auf Mitarbeitende – im Schnitt rund acht pro Tag; etwa die Hälfte ereigne sich im Regionalverkehr, gut ein Drittel betreffe Sicherheitskräfte, aber auch Service- und Reinigungspersonal werde angegriffen.

Diese Statistik ist deshalb so unerquicklich, weil sie nicht bloß Kriminalität abbildet, sondern eine Erosion von Normen: Wer jemanden attackiert, der im Auftrag der Allgemeinheit Tickets prüft oder Hausrecht durchsetzt, greift nicht nur eine Person an, sondern die zivilisierende Idee, dass Konflikte in Regeln übersetzt werden können.

Britta Zurs „unsichtbare Architektur“ – und warum sie plötzlich sichtbar wird

Der September-Text über Britta Zur traf einen Nerv, weil er die Bahn-Sicherheit nicht als martialisches Gegenstück zur „freundlichen Reise“, sondern als Infrastruktur beschrieb: ein System aus Prävention, Training, Lagebildern, Technik, Kooperationen – und Personalpolitik. Zur sprach von DB Sicherheit als einer Art „Polizei der Deutschen Bahn“; im Interview schildert sie eine Organisation, die deutschlandweit operiert, mit Analyse- und Vorhersagetools arbeitet, Hotspots verlagert, gemeinsam mit Bundespolizei trainiert und auf Deeskalation setzt.

Das Bemerkenswerte an dieser Perspektive: Sie verschiebt die Frage weg von „mehr Härte“ hin zu „mehr System“. Sicherheit entsteht nicht erst dort, wo Uniformierte eingreifen. Sie entsteht vorher – in Ausbildung, Standards, Meldewegen, Nachsorge. Und sie scheitert, wenn diese Architektur zwar rhetorisch anerkannt, praktisch aber unterfinanziert, unterbesetzt oder bürokratisch zerfasert wird.

Dass Zur ihr Mandat bei DB Sicherheit Ende Oktober 2025 niederlegte, ändert daran nichts; es macht die Sache eher essayistisch bitter: Die Diagnose stand im Raum, bevor die Gegenwart sie dramatisch illustrierte.

Der tödliche Moment der Routine

Der Fall Çalar ist so erschütternd, weil er aus einer Alltagsszene heraus eskalierte: Ticketkontrolle, Ansprache, Widerstand – dann Gewalt. Gerade dieser Übergang, von „kleiner Regelverletzung“ zu „großer Tat“, ist die Zone, in der Sicherheitspersonal lebt. Dass in solchen Lagen „die gefährlichsten Situationen oft unscheinbar beginnen“, ist keine Floskel, sondern Berufsrealismus.

In dieser Logik steckt auch die politische Brisanz: Wenn ein Staat will, dass Regeln gelten, braucht er Menschen, die sie im Alltag vertreten – und er muss sie so ausstatten, dass sie dabei nicht zu Verschleißmaterial werden.

Bodycams – Technik als Werkzeug und als Symbol

Vor diesem Hintergrund wirkt die aktuelle Debatte um Bodycams fast zwangsläufig. Sie sind ein doppeltes Objekt: praktisch (Beweissicherung, Abschreckung, subjektives Sicherheitsgefühl) und symbolisch (das Eingeständnis, dass die Lage nicht mehr „mit Worten“ allein zu halten ist).

Nach dem Sicherheitsgipfel am 13. Februar 2026 in Berlin kündigt die Bahn an: 2026 sollen alle Beschäftigten mit Kundenkontakt in Nah- und Fernverkehr sowie an Bahnhöfen Bodycams bekommen (freiwillige Nutzung), außerdem 200 zusätzliche Kräfte bei DB Sicherheit, bessere persönliche Schutzausrüstung, mehr Verhaltens- und Deeskalationstrainings sowie der Ausbau/Weiterentwicklung eines Hilferufknopfs („Prio-Ruf“) und regionale Sicherheitswerkstätten mit der Bundespolizei.

Doch Bodycams sind kein „Schlussstrich“. Eine Bahn-Ausbilderin beschreibt den Kern treffend: einschalten „situationsabhängig“, nicht beliebig – gerade weil die Kamera nicht permanent läuft und in Eskalationen Sekunden zählen. Die Bodycam ist damit weniger die Lösung als ein Test: ob Organisationen es schaffen, Technik in klare Protokolle, Training und rechtssichere Praxis zu übersetzen.

Föderalismus als Sicherheitsproblem – und als Ausrede

Im Hintergrund steht ein Strukturkonflikt, den man selten offen ausspricht, der aber fast alles entscheidet: Zuständigkeit und Finanzierung. Im Fernverkehr ist die Lage anders als im Regionalverkehr, wo Aufgabenträger, Länder, Verkehrsverträge und Unternehmen ineinandergreifen. Eine flächendeckende Doppelbesetzung – von Gewerkschaften seit langem gefordert – würde nach dpa-Berichten sehr teuer; die Verantwortlichkeiten seien kompliziert verteilt, und genau daran entzündet sich das politische „Pingpong“.

Der Satz „Sicherheit hat ihren Preis“ ist banal – und in der Bahn trotzdem der neuralgische Punkt. Denn solange niemand bereit ist, den Preis explizit zu kalkulieren (Personalstunden, Ausbildung, Technik, Strafverfolgung, Prävention), bleibt der Gipfel ein Ritual, das bestenfalls Maßnahmen ankündigt und schlimmstenfalls Verantwortung verdünnt.

Was jetzt zählt: Umsetzungstiefe statt Gipfelrhetorik

Ob wir es diesmal mit Symbolpolitik oder mit einer echten Kurskorrektur zu tun haben, entscheidet sich nicht an Pressemeldungen, sondern an drei harten Kriterien:

  1. Operationalisierung: Werden Bodycams, Hilferufsysteme und Teams in verbindliche Abläufe übersetzt – mit Schulung, Wartung, Datenschutz, klarer Meldekette?
  2. Personalrealität: Gelingt es, Präsenz zu erhöhen, ohne das System durch Personalmangel auszudünnen (z. B. indem man zwar Doppelbesetzung fordert, aber faktisch Züge ohne Begleitung fahren lässt)?
  3. Politische Ehrlichkeit: Kommt es zu tragfähigen Finanzierungsentscheidungen zwischen Bund und Ländern – oder bleibt es bei der moralisch bequemen Empörung nach dem nächsten Vorfall?

Sicherheit als Vertrauenswährung

Der September-Beitrag über die „unsichtbare Architektur“ ist heute aktuell, weil er eine Wahrheit ausspricht, die man in Deutschland gern verdrängt: Sicherheit ist nicht das Gegenteil von Freiheit, sondern ihre Voraussetzung im Alltag. Züge funktionieren nur, wenn Regeln gelten – und Regeln gelten nur, wenn diejenigen, die sie vertreten, geschützt werden.

Der Tod von Serkan Çalar hat diese Abhängigkeit in ein einziges, tragisches Bild gepresst. Jetzt wird man sehen, ob das Land bereit ist, Sicherheit wieder als das zu behandeln, was sie in Wahrheit ist: öffentliche Daseinsvorsorge – nicht als Schlagwort, sondern als Budget, Personalplan und konsequent umgesetzte Praxis.

Die Berichterstattung gegen Zur empfinde ich als nicht sachgerecht. Sie ist in Sicherheitsfragen super kompetent.

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