
Die Galerie der Buchhandlung war eigentlich zu klein für so viele Weltanschauungen. Aber an diesem letzten Maitag quollen sie, die Zuschauer, die Zwischenrufer, die Collagen, die Käfer und die 42 Milliarden Jahre wie aus einem sich selbst zerlegenden Banach-Tarski-Würfel, unaufhaltsam aus den Fugen. Der Galerist und Buchhändler Alfred Böttger hatte nicht zu viel versprochen, als er den Künstler Thomas Franke bei der Vernissage in Bonn mit den Worten vorstellte: „Ich plane ein neues Wörterbuch.“ Ein Thomasisch-Deutsches Lexikon, zusammengesetzt aus den Zetteln, Zerschnipselungen, Zersetzungen seiner Bildunterschriften.

Was folgte, war kein Vortrag, keine klassische Ausstellung, keine normale Lesung – es war ein intermediales Erwachen aus dem Dämmerschlaf bürgerlicher Kunstrezeption. Zwischen Käfern, Maschinen, Kaiser Wilhelm als Kanonenprothese und Alice, die bei Franke eine echte Transformation erleidet – hinein in eine Welt aus technischen Fabelwesen, Kolben, Kondensatoren und Kakerlaken – stolperten wir durch eine Metaphysik des Dazwischen.
Die Scheibe Odins und das Holz des Erkenntnisses
Wer in Frankes Collagen nach Illustrationen sucht, findet vielmehr: Parabeln auf das Halteproblem. So wie Borges einmal schrieb, die Landkarte werde zur Größe des Imperiums selbst, so dehnt sich bei Franke das Bild bis zur Philosophie – und zurück. Im Zentrum der Lesung: „Die Scheibe“ – eine Borges’sche Parabel über einen Holzfäller, der einen alten Mann erschlägt, um die Scheibe mit nur einer Seite zu besitzen. Natürlich findet er sie nicht. Der Gedanke ist gödelsch: In einem geschlossenen System lässt sich die Wahrheit der Ausgangsaussage nicht endgültig beweisen. Die Scheibe bleibt verschwunden, gerade weil sie zu offensichtlich ist.

42 Milliarden Jahre – das Orakel spricht (nicht)
Im Höhepunkt der Lesung zitierte Franke aus Peter Schattschneiders Text „42 Milliarden Jahre“. Eine postpandemische VR-Groteske über den Versuch, die Ursprünge des Lebens zu berechnen, gipfelnd in einer Maschine namens Derwin, deren mathematische Struktur mit Tachionenlaserstrecken operiert. Das Publikum lachte verstört, als plötzlich Douglas Adams’ Antwort auf alle Fragen des Universums – 42 – ernst genommen wurde. Nicht, weil sie wahr sei, sondern weil sie berechenbar scheint.
Und genau das ist Frankes künstlerisches Programm: Er entwirft Maschinen, die nicht rechnen können, weil sie schon zu viel wissen. Sein „D-Ritter des Wagemutantigen“, ein „madistischer Dschinn“ zwischen Livermorium und Darmstadtium, ist keine Ironie auf den Fortschritt – er ist dessen akzeleriertes Standbild. Die Holzstichcollagen zeigen eine Welt, in der alles gesagt ist, aber keiner mehr zuhört, weil der Verstärker zum Verstummen zwingt.
Schrödingers Känguru
Am Rand der Ausstellung schlich ein Motiv durch die Gespräche, das sich selbst verflüchtigte: Schrödingers Känguru. Eine Anspielung auf Frankes Fähigkeit, in einem Moment grotesk witzig, im nächsten metaphysisch schwerelos zu sein. Ist das Tier tot? Ist es jemals da gewesen? War es ein Käfer? Oder ein Witz über ein Käfer-Wesen in einer Welt, in der Gregor Samsa morgens aufwacht – nicht als Insekt, sondern als Avatar in einer VR-Suite von IvoSim?
Zwischen den Linien: Turing, Gödel, Adams
Frankes Werk ist ein Kaleidoskop mathematisch-literarischer Paradoxien. Alan Turing erscheint nicht als Vater der KI, sondern als resignierter Zeuge eines Erkenntnissystems, das seine eigenen Grenzen überschreitet – wie das berühmte Turing-Orakel in der VR-Erzählung, das durch rückwirkende Zeitprojektion 100 Milliarden Jahre in wenigen Tagen berechnen will. Und Gödel? Der sitzt, mathematisch gemeißelt, im Tympanon des Orakelportals, stumm, aber wissend. Er ist die stille Mahnung, dass jedes System, das sich selbst zu erklären versucht, irgendwann in sich zusammenfällt. Wie die Zettelkästen Frankes – poetische Maschinen des Unaufhörlichen.
Die Ausstellung „Schrödingers Känguru und majestante Raupkunst“ ist kein Ausstellungsbesuch, sondern ein Initiationsritus. Wer eintritt, verlässt die Komfortzone rationaler Kunstbetrachtung. Was bleibt, ist das Rauschen der Maschinen, das Wispern der Käfer, die Ratschläge der blauen Raupe – und die Ahnung, dass in einem gewissen Sinne alles Collage ist. Selbst das Ich.
Die Ausstellung „Schrödingers Känguru und majestante Raupkunst“ mit Holzstichcollagen von Thomas Franke ist noch bis zum 13. September 2025 in der Buchhandlung Böttger,
Maximilianstraße 44, 53111 Bonn,
zu sehen.
Zwei weitere Lesungen mit Thomas Franke finden zur Ausstellung statt:
- Dienstag, 8. Juli 2025, 20 Uhr
- Freitag, 12. September 2025, 20 Uhr
Eintritt frei, Gedanken nicht (Scherzchen).