
Wer heute in Berlin oder Brüssel über China spricht, redet oft so, als ließe sich Weltwirtschaft in Lager aufteilen: hier die „Guten“, dort die „Gefährlichen“, dazwischen ein paar Strafzölle, Exportkontrollen und moralische Erklärungen. Das Ergebnis ist kein strategischer Kurs, sondern eine Mischung aus Dämonisierung und Aktionismus. Und genau das ist gefährlich: weil es die eigenen Abhängigkeiten nicht verringert, sondern verschiebt; weil es die europäischen Interessen unscharf macht; und weil es uns in einen Wirtschaftskrieg hineinzieht, dessen innere Logik nicht europäisch ist.
Der amerikanische Export-Mythos und die politische Versuchung, China zum Sündenbock zu machen
Schon vor einigen Jahren wurde im #bpbforum digital nüchtern beschrieben, wo die strukturellen Schwachstellen der USA liegen: ein chronisches Güterhandelsdefizit, eine Exportstruktur, die politisch wenig Integrationskraft entfaltet, und eine Wohlstandsmaschine, die stark über Patente, Lizenzen und die globale Abschöpfung von Wertschöpfung funktioniert, während die heimische industrielle Basis vielerorts ausdünnt. Dazu kommt das, was in der Debatte oft als „Offshore-Ökonomie“ durchgeht: Profite entstehen dort, wo Steuersätze klein und Regeln biegsam sind, nicht dort, wo Fabriken stehen.
Die politischen Folgen liegen auf der Hand: Wenn die eigene Ökonomie im Kern an Güterproduktion schwächelt, wächst der Druck, den Konflikt zu externalisieren. Dann wird Handelspolitik zum Instrument innenpolitischer Beruhigung: Man erklärt Zölle zur Industriepolitik, Sanktionen zur Gerechtigkeit, „Härte“ zur Lösung. Und man findet in China den idealen Gegner, weil er groß ist, anders tickt und als Projektionsfläche für fast alles taugt.
Das ist keine Parteifrage. Der protektionistische Impuls ist in den USA längst überparteilich geworden. Die großen China-Zölle aus der ersten Amtszeit von Trump wurden unter Joe Biden nicht etwa zurückgedreht, sondern im Kern beibehalten und teils verschärft.
Europas Realität: Wir können uns keine Loyalitätsfalle leisten
Deutschland ist keine Insel. Unsere Wirtschaftsleistung hängt an globalen Märkten, an Zulieferketten, an Absatzräumen. Wer uns zum Frontstaat eines US-chinesischen Handelskonflikts machen will, soll bitte ehrlich dazusagen, welche Industrien er dafür zu opfern bereit ist.
Aktuelle Außenhandelsdaten zeigen die Gewichte deutlicher als jede Sonntagsrede: 2024 gingen rund 10,4 Prozent der deutschen Exporte in die USA (Wert: 161,4 Mrd. Euro). Gleichzeitig bleibt China ein zentraler Markt und vor allem ein massiver Lieferant: Deutsche Exporte nach China lagen 2024 bei rund 90,0 Mrd. Euro, bei einem deutlichen bilateralen Defizit. Und der Trend ist politisch brisant: Für 2025 wird prognostiziert, dass China als Exportziel weiter zurückfällt (u. a. wegen lokaler Produktion und schwächerer Nachfrage) – bei gleichzeitig weiter hoher Importquote.
Wer in dieser Lage „harte Sanktionen“ fordert, sollte das Wort übersetzen: Es heißt in der Praxis Gegenmaßnahmen, Marktverluste, beschleunigte Importsubstitution, Lieferkettenstress – und am Ende oft: europäische Firmen zahlen die Rechnung, während Washington den Konflikt innenpolitisch verwertet.
Genau vor dieser Mühlstein-Logik wurde in Gesprächen mit Experten seit Jahren gewarnt: Das Worst-Case-Szenario ist, zwischen USA und China zur Wahl gezwungen zu werden – und ökonomisch zerrieben zu werden.
Das Problem an „harten Sanktionen“: Sie sind selten smart, oft teuer und politisch bequem
Sanktionen können sinnvoll sein, wenn sie eng begrenzt sind: gegen konkret identifizierte Akteure, gegen eindeutig militärische Dual-Use-Transfers, gegen nachweisbare Umgehungsnetze. Aber „harte Sanktionen gegen China“ als pauschale Strategie sind eine grobe Keule. Drei Gründe:
Sie verwechseln Moral mit Mechanik.
Moralische Empörung ersetzt kein Wirkungsmodell. Handels- und Technologiesanktionen verändern Anreize – aber sie erzeugen auch Anpassung. China reagiert nicht mit Einsicht, sondern mit Substitution, Industrieförderung, Marktabschottung.
Sie stabilisieren das amerikanische Narrativ, ohne Europas Interessen zu bedienen.
Die USA nutzen Handelspolitik zunehmend, um eigene Strukturprobleme zu kaschieren. Die Güterbilanz ist ein zentraler Schwachpunkt. Selbst 2024 war der amerikanische Güterhandelsbilanzsaldo tief negativ, während Dienstleistungen deutlich besser laufen – das ist eine Ökonomie, die außenpolitisch zu Druckmitteln neigt.
Sie legen Europa an die kurze Leine.
Wenn Europa reflexhaft „mitzieht“, wird es zum Anhängsel fremder Interessenlagen. Strategische Autonomie heißt nicht Neutralität, sondern Entscheidungskompetenz.
Dämonisierung: Warum sie politisch toxisch und ökonomisch dumm ist
„China“ wird in Teilen der Debatte behandelt wie ein monolithischer Block: ein Gegner, eine Absicht, ein Plan. Das ist intellektuelle Faulheit – und in der Praxis ein Turbo für Fehlentscheidungen. Dämonisierung erzeugt drei Schäden:
Sie verhindert Priorisierung. Alles wird „Sicherheitsrisiko“, also wird am Ende nichts sauber abgesichert.
Sie begünstigt Symbolpolitik. Große Worte, kleine Wirkung, hohe Kosten.
Sie vergiftet die Fähigkeit zur nüchternen Interessenpolitik. Deutschland braucht beides: klare rote Linien (Spionage, Sabotage, militärische Schlüsseltechnologien) und zugleich die Fähigkeit, in nicht-sensiblen Bereichen weiter zu handeln.
Was Deutschland stattdessen tun sollte: Interessenpolitik ohne Illusionen
- De-risking in echt, nicht als PR-Formel.
Kritische Abhängigkeiten identifizieren (Halbleiter, Pharma-Vorstufen, Netzkomponenten, seltene Rohstoffe), Alternativen aufbauen, Lagerstrategien modernisieren. Nicht „Decoupling“, sondern Redundanz. - Europäische Industriepolitik als Sicherheitsinstrument.
Nicht mehr reden, bauen: Energiepreise, Netze, Rechenzentren, Halbleiterkapazitäten, Robotik, Photonik, industrielle KI. Wer „Souveränität“ sagt und keine Produktions- und Kapitalmarktarchitektur liefert, betreibt Folklore. - Handelsfähigkeit statt Haltungsstolz.
Europa braucht eine robuste Handels- und Investitionsstrategie in Asien jenseits von China (ASEAN, Indien, Südkorea, Japan), ohne sich in Blocklogik zu flüchten. - Gezielte Abwehr statt pauschaler Strafkataloge.
Wo Spionage und Einflussoperationen stattfinden: konsequent verfolgen, sanktionieren, schützen. Aber nicht die gesamte Wirtschaftsbeziehung als moralisches Tribunal führen. - Nicht in den Wirtschaftskrieg hineinziehen lassen.
Kooperation mit den USA: ja. Automatische Gefolgschaft: nein. Wer europäische Resilienz will, darf europäische Wertschöpfung nicht zum Kollateralschaden fremder Innenpolitik machen.
Am Ende ist die Frage nicht, ob China „gut“ oder „böse“ ist. Die Frage ist, ob Deutschland und Europa erwachsen genug sind, Sicherheit, Wohlstand und Handlungsfreiheit gleichzeitig zu denken. Dämonisierung ist bequem. Klugheit ist Arbeit.
Siehe dazu auch den Reisebericht von Walter Tauber: