
Der Abend beginnt mit einer herzlichen Begrüßung durch die Veranstalterin des Literaturhauses. Sie stellt Reinhard Kleist und Matthias Wieland vor, der an diesem Abend nicht nur als technischer Unterstützer fungiert, sondern auch als Moderator durch das Gespräch führt. Kleist sei „ein Meister seines Fachs“, wie sie betont – und mit David Bowie habe er sich eine Ikone vorgenommen, an der man kaum vorbeikomme.
Reinhard Kleist erzählt zunächst, wie lange ihn das Projekt beschäftigt hat: insgesamt rund vier bis fünf Jahre. Der erste Impuls für eine Beschäftigung mit David Bowie kam schon in seiner Kindheit – das Lied „Ashes to Ashes“ habe ihn verstört, aber auch fasziniert. Bowie sei für ihn immer ein Leuchtturm gewesen: „Wenn du jemand anderes sein willst, kannst du das machen – und dann steht dir die Welt offen.“
Die Graphic Novel „Low“ ist der zweite Teil seines Bowie-Projekts. Während „Starman“ die Ziggy-Stardust-Jahre behandelt, widmet sich „Low“ Bowies Berliner Zeit. Die Entscheidung, das Werk in zwei Teile zu gliedern, fiel erst im Laufe der Arbeit. Ausschlaggebend war auch eine Verlagsüberlegung: 2022 jährte sich Ziggy Stardust zum 50. Mal – ein passender Anlass für den ersten Band.
Kleist erläutert, dass es sich nicht um eine klassische Biografie handelt, sondern um eine künstlerische Annäherung. Der Berlin-Band erzähle nicht nur chronologisch, sondern spiele mit Rückblenden – etwa zu Bowies Aufenthalt in Amerika. Besonders eindrucksvoll: eine Szene, in der Bowie paranoid über angebliche Hexen und Verschwörungen spricht – eine Darstellung seiner damaligen psychischen Verfassung.
Die visuelle Umsetzung sei ein intensiver Prozess gewesen. Kleist zeigt Skizzen und beschreibt, wie er sich zeichnerisch an Bowies Physiognomie annäherte. „Das war nicht einfach – Bowie hatte ein sehr komplexes Gesicht.“ Umso wichtiger sei es gewesen, charakteristische Merkmale wie hohe Stirn und kantiges Kinn stilisiert herauszuarbeiten.
Ein zentrales Motiv ist Bowies Wunsch nach Anonymität in West-Berlin. Der Umzug in die Hauptstraße 155 – in eine Wohnung mit Blick auf die Mauer – bedeutete für ihn einen Rückzug aus dem grellen Licht von Los Angeles. Kleist inszeniert diesen Neustart humorvoll: Er schlüpft in der Lesung selbst in die Rolle des Hausmeisters des Mietshauses – mit kölschem Zungenschlag, weil er den Berliner Dialekt nicht überzeugend nachahmen konnte.
Die Lesung zeigt eindrücklich, wie stark Bowie von Berlin inspiriert wurde. In den Hansa Studios, direkt an der Mauer, entstand ein neuer Sound – kalt, artifiziell, zerbrechlich. Kleist beschreibt das Effektgerät Harmonizer, das Bowie und Produzent Tony Visconti für das Album „Low“ nutzten. Die klangliche Verfremdung habe perfekt zu Bowies Gemütslage gepasst – entfremdet, auf der Suche, aber künstlerisch radikal.
Ein weiterer Strang des Comics widmet sich Bowies Beziehungen – etwa zu seiner Assistentin Coco Schwab. Oder zu Performerin Romy Haag. Ihre Beziehung zu Bowie wird erklärbar durch ihre gemeinsame Passion: Goodbye to Berlin von Christopher Isherwood. Im Comic schreiben sie sich Postkarten – so wie darin Sally Bowles an den Erzähler schreibt. Erinnerung als literarische Verlängerung. Berlin als Bühne mit Nachspiel. Kleist schildert intime Szenen aus der Berliner WG-Zeit mit Iggy Pop, etwa gemeinsame Spaziergänge oder Clubbesuche. Die Figur Bowie wird dabei nie entzaubert, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit greifbar gemacht.
Besonders eindrucksvoll ist der Schluss: Kleist lässt Bowie im Comic symbolisch ins Weltall aufsteigen – eine Anspielung auf Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Bowie wird so zur transzendentalen Künstlerfigur, zum Erzähler seiner eigenen Metamorphosen.

Matthias Wieland ergänzt den Abend mit klugen Fragen und technischer Expertise. Er weist auch auf die Zusammenarbeit mit dem Koloristen Thomas Gilke hin, der den „Gegenwartsteil“ der Geschichte besonders farbintensiv gestaltet hat – im Gegensatz zu Kleists eher gedecktem Farbton für die Rückblenden.
Der Abend endet mit vielen Anekdoten: über Bowies Fahrradtouren durch Berlin, über seinen Besuch im Berliner Ensemble, über verschwundene Fahrräder und Fotos, die es vielleicht gibt – oder auch nicht. Reinhard Kleist berichtet von seiner Tour mit dem Bowie-Abend „Heroes“ im Berliner Ensemble, gemeinsam mit Schauspieler Alexander Scheer.

Die Veranstaltung zeigt: „Low“ ist weit mehr als ein Comic. Es ist eine vielschichtige künstlerische Reflexion über Identität, Stadt, Klang und Selbstverwirklichung. Reinhard Kleist gelingt das Kunststück, Bowie weder zu glorifizieren noch zu trivialisieren – sondern ihn als komplexe Figur in einer komplexen Stadt erfahrbar zu machen.