
Von Constantin Sohn und Gunnar Sohn – Sohn@Sohn auf dem Foto in den 1990er Jahren und unten am 2. Weihnachtsfeiertag.

Den Beitrag hatten wir im Juli 2024 eingereicht für den LibMod Essaywettbewerb: Liberalismus mit Zukunft – auf Nachfrage im Oktober eine Empfangsbestätigung erhalten, dann keine weiteren Rückmeldungen. Die Gewinner stehen wohl fest. Sohn@Sohn sind nicht dabei. Da veröffentlichen wir das halt auf ichsagmal.com. Gebt doch in den Kommentaren ein Votum ab für unseren Essay.
Abenddämmerung an der Hamburger Alster. Die Luft ist frisch, die Schritte hallen auf dem Pflaster wider. Zwei Männer, Helmut Schmidt und Karl Popper, spazieren entlang des Ufers, vertieft in ein Gespräch, das so intensiv ist wie die rötlichen Reflexionen des Himmels im Wasser.
Die Essenz der Stückwerk-Sozialtechnik
Helmut Schmidt: „Karl, die Welt dreht durch. Jeder will die großen Lösungen, alles oder nichts. Es ist, als hätten sie vergessen, dass echte Veränderung in kleinen Schritten kommt.“
Karl Popper: „Genau das ist der Kern meiner Stückwerk-Sozialtechnik. Vergesst die großen, allumfassenden Pläne. Die Welt ist zu komplex und chaotisch, um von einem einzigen Masterplan beherrscht zu werden. Was wir brauchen, ist pragmatisches Herumprobieren. Kleine, kontrollierte Schritte, Versuch und Irrtum. Und vor allem, der Mut, Fehler zu machen und daraus zu lernen.“
Schmidt: „Stell dir vor, ein Politiker gibt zu, dass er nicht alles weiß. Dass seine Entscheidungen oft experimentell sind. Dass er Fehler macht und diese korrigiert. Für viele klingt das utopisch, aber genau diese Radikalität brauchen wir. Kein ideologisches Gezeter, keine großen Reden. Einfach machen, schauen, was funktioniert und was nicht. Anpassen, weitermachen. Das ist dein Rezept.“
Popper: „Du hast diese Philosophie verstanden, Helmut. Du warst kein Träumer, sondern ein Macher. Ein Pragmatiker durch und durch. Meine Idee der Stückwerk-Sozialtechnik war für dich kein theoretisches Konzept, sondern ein praktischer Leitfaden.“
Schmidt: „Die Welt verändert sich nicht durch große, revolutionäre Umwälzungen, sondern durch kontinuierliche, kleine Verbesserungen. Meine Politik war nüchtern, empirisch. Keine großen Versprechungen, sondern konkrete Maßnahmen. Jede Reform hat unerwünschte Nebenwirkungen. Daher die kleinen Schritte. Jeder Schritt wird genau beobachtet, analysiert und, wenn nötig, korrigiert. Eine Politik, die sich ständig selbst hinterfragt und verbessert. Keine Angst vor Fehlern, sondern die Fähigkeit, aus ihnen zu lernen.“
Stückwerk-Sozialtechnik in der Praxis
Popper: „Die Stückwerk-Sozialtechnik ist das Gegenteil von planwirtschaftlicher Anmaßung. Sie erfordert eine Politik, die sich nicht als allwissend darstellt, sondern die Ungewissheit als Teil des Prozesses akzeptiert. ‚Wir wissen nicht, wir raten.‘ Das klingt nach wenig, ist aber alles. Es bedeutet, dass politische Maßnahmen immer provisorisch sind, immer zur Diskussion und Verbesserung stehen.“
Schmidt: „In der Praxis bedeutet das: Einführung kleiner Reformen, Pilotprojekte, Feedbackschleifen. Statt ein riesiges, alles umfassendes Programm zu starten, setzen wir auf modulare Veränderungen. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es angepasst oder verworfen, ohne dass das gesamte System ins Wanken gerät. Das ist echte politische Flexibilität.“
Ein Beispiel: Klimapolitik im Geiste Poppers
Schmidt: „Nehmen wir die Klimapolitik. Anstatt ein alles umfassendes Klimapaket zu schnüren, könnten wir mit einzelnen Maßnahmen beginnen: Pilotprojekte für erneuerbare Energien, lokale Initiativen zur Reduktion von Emissionen, steuerliche Anreize für umweltfreundliche Technologien. Jede dieser Maßnahmen wird getestet, evaluiert und, wenn nötig, angepasst. Keine Angst vor dem Scheitern, sondern der Mut, aus Fehlern zu lernen und weiterzumachen.“
Popper: „Die beste Klimapolitik ist eine, die ständig in Bewegung bleibt, die sich kontinuierlich verbessert und anpasst. Keine dogmatischen Festlegungen, sondern flexible, empirisch fundierte Entscheidungen. Das ist die Essenz der Stückwerk-Sozialtechnik.“
Schmidt: „Hinter jeder politischen Idee, hinter jeder Vision oder schnell artikulierten Reformforderung muss ein praktikabler Plan zur Umsetzung stehen. Das sehen wir doch gerade am Gebäudeenergiegesetz.“
Popper: „Genau. Wie oft haben wir erlebt, dass Fachkenntnisse allein nicht ausreichen, um in der Politik erfolgreich zu sein? Sie sind am wenigsten notwendig, um ein Spitzenamt in der Politik zu erreichen. Und das hat sich bewährt. Expertenregierungen mögen in Krisenzeiten hilfreich sein, aber auf Dauer brauchen wir Politiker, die über die fachliche Eignung hinausgehen.“
Schmidt: „Meine Erfahrung zeigt, dass reine Fachleute zur Führung großer Organisationen oft nicht genügend Distanz mitbringen. Gute Lehrer, Rechtsanwälte, Ärzte oder Unternehmer sind nicht automatisch die besten Minister. Und Virologen wären in einer Pandemie nicht unbedingt die besten Krisenmanager.“
Popper: „Politische Führungskräfte müssen nicht die besten Sachbearbeiter sein. Sie müssen die Fähigkeit haben, sich in die Sachmaterien einzuarbeiten und Erwartungsmanagement zu betreiben. Wer zu viel verspricht und den allwissenden Strategen gibt, scheitert schnell an der Realität.“
Erwartungen übertreffen, nicht erfüllbare vermeiden
Schmidt: „Politische Führung bedeutet, selbst geweckte Erwartungen zu übertreffen und nicht erfüllbare Erwartungen zu vermeiden. Man sollte gar nicht erst den Eindruck erwecken, als könne man alle Erwartungen erfüllen. Das erleben wir gerade live mit dem Gebäudeenergiegesetz.“
Popper: „Genau, und deshalb müssen hinter jeder Idee, hinter jeder Vision oder Reformforderung praktikable Pläne zur Umsetzung stehen. Ein grobes Drehbuch, strategische Ziele, wichtige Unterziele, Schrittfolgen zur politischen Beschlussfassung und die Betrachtung der Ressourcen und Möglichkeiten zur Umsetzung.“
Schmidt: „Und das wird in politischen Debatten oft beiseite geschoben. Ob bei Lobbyisten, Beratern, Wissenschaftlern oder Medien. Man braucht Umsetzungskompetenz. Fundamentalkritiker verdrängen diese Notwendigkeit.“
Verwaltung und Ressourcen
Popper: „Selbst eine gesetzgeberische Mehrheit in Bundestag und Bundesrat genügt oft nicht, um eine strategische Reform durchzusetzen. Gesetze allein verändern die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit immer weniger. Es bedarf einer Verwaltung, die bereit und in der Lage ist, den gesetzgeberischen Willen umzusetzen, entsprechender Haushaltsmittel und IT, deren Bedeutung oft unterschätzt wird.“
Schmidt: „Die Ungeduldigen auf TwitterX und Co. sollten ein wenig mehr über die Sinnlosigkeit von Ich-weiß-wie-es-geht-Diskursen nachdenken. Von Klimapolitik bis Katastrophenschutz.“
Offenheit und Zugänglichkeit bei politischen Entscheidungen
Popper: „Entscheidend ist Offenheit und Zugänglichkeit bei politischen Entscheidungen. Keine Hinterzimmer-Kungelei, keine staatlich orchestrierten Big-Nudging-Aktionen, keine geschwärzten Dokumente, Redeverbote für ehemalige Staatssekretäre oder überhebliche Kommunikation von Führungsleuten in politischen Ämtern.“
Schmidt: „In einer privatisierten Öffentlichkeit mit einem Überschuss an Meinungen, Schwurbeleien und kruden Gerüchten sollte die Politik auf die Vermittlung von Themen besonders achten. Ein lobenswertes Projekt ist die Stärkung der europäischen Demokratie an der Basis, wie es die Bertelsmann-Stiftung betreibt.“
Mehr Kompetenzen für Bürgerbeteiligung
Popper: „Mehr Kompetenzen für Bürgerbeteiligung passen gut zu den Gedanken des Ludwig-Erhard-Beraters Rüdiger Altmann, der die Kraft der Popkultur betonte. Die mediale Kultur hat einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen und unterscheidet sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils.“
Schmidt: „Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten.“
Schluss mit dem heroischen Getue
Popper: „Es ist an der Zeit, unseren Geist wieder aufleben zu lassen. Anstatt große Pläne zu schmieden, sollten wir anfangen, kleine, konkrete Schritte zu machen. Anstatt zu behaupten, wir hätten alle Antworten, sollten wir den Mut haben zu sagen: Wir wissen es nicht, aber wir werden es herausfinden. Stück für Stück. Herumprobieren, Fehler machen, lernen. Das ist die wahre Kunst der Politik.“
Schmidt: „Schluss mit dem heroischen Getue. Es lebe der pragmatische Fortschritt. Es lebe das Stückwerk. 2025, das Jahr der kleinen Schritte, der ehrlichen Politik, der wahren Reformen im Geiste von Popper und Schmidt. Es ist Zeit für eine Revolution des Pragmatismus.“
Schmidt: „Und jetzt zur Realität. Im Social Web wird verkürzt, gehetzt, unterstellt, beleidigt, denunziert, geglaubt, verurteilt, gemunkelt, selektiert, manipuliert, verulkt und getrickst. Ein Arsenal der Fehlschlüsse – bewusst und unbewusst. Ein Vademekum der Verfälschung. Zu den beliebtesten ‚Stil‘-Mitteln gehört die Ad-Hominem-Attacke. Das Argument einer Person wird prinzipiell als ungültig oder falsch gewertet, weil man diese Person generell ablehnt. Motto: Schlechte Menschen können auch nur schlechte Ansichten vertreten.“
Popper: „Gepaart wird dieser Trugschluss mit Formulierungen wie Lügner, unmoralisch, inkonsequent, Fanatiker, Heuchler, Blender und dergleichen. Auf TwitterX würzt man diese Stigmatisierung mit schadenfrohen und madigmachenden Parolen, um den vermeintlichen Gegner lächerlich zu machen und ihn dadurch in der Öffentlichkeit herabzusetzen. Wer in einer solchen Netzdebatte die Lacher auf seiner Seite hat, wirkt glaubwürdiger, auch wenn seine Argumente nicht wirklich die besseren sind.
Schmidt: „Zum Arsenal der Demontage Andersdenkender zählt die Unterstellung von unseriösen oder zweifelhaften Motiven. Die Zielperson für semantische Attacken verfolgt im Verborgenen ganz andere Interessen, Ziele und Meta-Planungen. Besonders rührend sind jene Zeitgenossen, die ihre Gefühle in Streitigkeiten einsetzen: ‚Ich fühle es sehr genau, dass es nicht stimmt, was XY sagt.‘ Emotionsgeladene Formeln werden inflationär geäußert: ‚Das Versagen des Staates‘, ‚das unschuldige Leben‘, ‚die kaltblütige Ignoranz‘. Kommen persönliche Gefühle ins Spiel, gibt es kaum Chancen für sachliche Kommunikation.“
Popper: „Der kausale Reduktionismus oder Reduktionstrugschluss darf in dieser Aufzählung nicht fehlen. Ob in der Pandemie oder beim Katastrophenschutz: Hier gab und gibt es unzählige Verzerrungen von Ursache und Wirkung sowie unfassbar pauschale Empfehlungen für Gegenmaßnahmen. Etwa bei den Warnungen vor Starkregen, die zu den verheerenden Fluten in Rheinland-Pfalz und NRW führten. Schnell waren Sündenböcke und zentralistische Konzepte zur Hand, wo es doch auf dezentrale Maßnahmen und eine bessere Vorbereitung der Bevölkerung im Krisenfall ankommt.“
Schmidt: Das habe ich ja in Hamburg als Bürgermeister unter Beweis gestellt. Schnellschuss-Argumente sind ärgerlich, denn sie behindern eine umfassende Analyse des Geschehens und führen im ärgsten Fall sogar zu kontraproduktiven Handlungen. Zum Repertoire der Niedertracht zählen Fangfragen: ‚Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?‘ Wer da nicht aufpasst, sitzt schnell in einer Zwickmühle und wird als menschenverachtendes Subjekt bloßgestellt, denn schließlich versteckt der Fragende geschickt eine Unterstellung.“
Popper: „Die moralische Entrüstung sehe ich in enger Komplizenschaft mit Gefühlsausbrüchen. Hier geht es nicht um Argumente, sondern um das eigene Weltbild. Ratio hilft da nicht weiter. Wenn ich mir die beliebtesten Hashtags auf Twitter anschaue, dominiert der ‚Slogan-Beweis‘: Was ständig wiederholt wird, ist irgendwann auch wahr oder erreicht den Zweck der Kampagne. Eine Behauptung, die als Slogan oder Meme gebetsmühlenartig verbreitet wird, wirkt wie Gehirnwäsche. Irgendwann versagen die Mechanismen zur Überprüfung des Wahrheitsgehaltes. In der Masse der Slogans versinkt das kritische Bewusstsein.“
Schmidt: „Nicht fehlen in der Auflistung der rhetorischen Niedertracht darf das Strohmann-Argument. Dem Widersacher werden Entwicklungen, Meinungen, Haltungen oder Tatsachen untergeschoben, für die er gar keine Verantwortung trägt oder die er nie geäußert hat. Letztlich geht es vor allem bei politischen Auseinandersetzungen darum, eine Persönlichkeit schon im Vorfeld eines Ereignisses zum Abschuss freizugeben und zu diskreditieren: Das Strategem der Brunnenvergifter.“
Popper: „Als Gegenmittel empfehle ich den kritischen Rationalismus meines Kollegen Hans Albert. Arpad-Andreas Sölter hat das in einer Albert-Hommage gut zum Ausdruck gebracht. Nichts gilt als unbezweifelbar. Rationale Kritik unterwirft sich weder dem Mainstream, Kampagnen oder dem politischen Konformismus. Sie überprüft ständig Glaubenssysteme, Aussagen, Thesen, Überzeugungen und Ansichten.“
2025: Die Revolution des Pragmatismus
Schmidt: „Es ist an der Zeit, unseren Geist wieder aufleben zu lassen. Anstatt große Pläne zu schmieden, sollten wir anfangen, kleine, konkrete Schritte zu machen. Anstatt zu behaupten, wir hätten alle Antworten, sollten wir den Mut haben zu sagen: Wir wissen es nicht, aber wir werden es herausfinden. Stück für Stück. Herumprobieren, Fehler machen, lernen. Das ist die wahre Kunst der Politik.“
Popper: „Schluss mit dem heroischen Getue. Es lebe der pragmatische Fortschritt. Es lebe das Stückwerk. 2025, das Jahr der kleinen Schritte, der ehrlichen Politik, der wahren Reformen. Es ist Zeit für eine Revolution des Pragmatismus.“
Vive la révolution pragmatique !
Danke für die Anregung!
Gerne