Popper statt Panik, Tocotronic statt Techno-Pathos: KI als sokratische Maschine für den Mittelstand – Ausblick auf die Zukunftswerkstatt in Stuttgart am 5. Februar 2026

Es ist ein unscheinbarer Satz, aber er verrät, wie sich Öffentlichkeit gerade neu sortiert: „Wir sind Partner dieser Zukunftswerkstatt“, sagt Dirk von Gehlen, Leiter des SZ-Instituts, im Smarter Service Talk. Und er zählt gleich drei Gründe auf, warum er nach Stuttgart fährt – zur ersten Zukunftswerkstatt der KOMI Group am 5. Februar im Wizemann. Schöne Location, neue Partnerschaften zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – und dann dieser „Spoiler“, der in Zeiten digitaler Dauervernetzung fast kontraintuitiv klingt: „…dass man beim Kaffee auf jemanden trifft und sich vernetzt, an Bedeutung gewinnt.“Das ist mehr als Veranstaltungsromantik. Es ist eine Diagnose: In einer Ökonomie, die Datenströme perfektioniert hat, wird das Unplanbare knapp – und damit wertvoll. Serendipity als Standortfaktor. Wer Innovation auf Folien reduziert, verwechselt Kommunikation mit Erkenntnis. Von Gehlen setzt dagegen eine alte Unterscheidung, die plötzlich modern wirkt: Es braucht „einen Raum … einen geschützten Raum“, in dem Gedanken entstehen dürfen – und dann „eine Bühne, um das wieder in eine neue Diskussion zu überführen“.Die Zukunftswerkstatt übersetzt diese Idee in ein Programm: Zukunftsforum und Lösungswerkstatt, Utopie und Anwendung, Debatte und Live-Hacking. Von Gehlen nennt das zwei „Temperaturen“ – und trifft damit einen Kern wirtschaftlicher Transformation: Ohne Praxis bleibt Vision Marketing; ohne Vision wird Praxis Betriebsblindheit. Und genau deshalb, so seine Beobachtung, hängt an KI und Digitalisierung bei vielen „Sorge“, „Verpflichtung“ und „schlechtes Gewissen“ – die Zweiteilung helfe, „dass es nichts ist, was ein Muss ist, sondern … ein Gestaltungsraum“.

Hidden Champions: 90 Prozent – und die fehlenden zehn

Wer über KI in Deutschland spricht, landet schnell bei einem nationalen Reflex: Wir seien zu spät, zu langsam, zu vorsichtig. Dagegen hilft kein Pathos, sondern Material. Und das hast du als Moderator geliefert: Die Studie „Zukunftsmacher“, die am 5. Februar in Stuttgart vorgestellt werden soll, beruht auf Interviews mit „55 Hidden Champions – von KUKA bis zum FC Köln“. Dein Punkt war entlastend und zugleich fordernd: Es geht nicht darum, das USA-China-Vergleichstheater auf der Metaebene zu gewinnen, sondern darum, Anwendungen zu finden, bei denen Experimentieren Schritt für Schritt Sinn ergibt.Von Gehlen greift das auf – und lenkt den Blick auf ein Selbstwahrnehmungsproblem: Man ist in vielem schon gut, bekommt aber nicht die Aufmerksamkeit, die daraus eine Erzählung macht. Stattdessen, so sein Befund, erzählen wir uns zu gern „was alles nicht funktioniert“ und übersehen, „dass es ganz viel gibt, was funktioniert“. Und dann fällt dieser Satz, der wie ein Bonbon klingt und wie eine volkswirtschaftliche Regel funktioniert: „as soon as it works, no one calls it AI anymore.“ Die Pointe ist bitter: Sobald Technik Alltag wird, verschwindet sie aus der Sprache – und damit aus dem Selbstbild. Ergebnis: „Dann ist man bei 90 und wir reden aber nur über die fehlenden 10.“Das ist die Hidden-Champion-Logik in einem Satz: Weltmarktführerschaft ist oft nicht laut, sondern eingebaut. Sie ist die Kunst, Intelligenz so in Produkte und Prozesse zu versenken, dass sie niemand mehr für „KI“ hält. Und es ist zugleich ein Warnhinweis an Politik und Medien: Wer nur über Hype und Bedrohung redet, verfehlt die produktive Mitte – den pragmatischen Fortschritt.

Nicht Orakel, sondern Werkzeug: die sokratische Maschine

An diesem Punkt dockt das Buch an, das im Gespräch mehrfach aufscheint: „Wie KI dein Leben besser macht“ (Kösel, 2025), verfasst von Franz Himpsl und Dirk von Gehlen. Leitidee: KI nicht als übermächtige Kraft, sondern als gestaltbares Werkzeug. Von Gehlen formuliert das im Talk so: „KI nicht als Bedrohung … sondern als etwas, was wir lernen können, zu gestalten.“ Und er setzt den Kontrapunkt zur internationalen Erregungsökonomie gleich hinterher: „Da sind wir nicht OpenAI auf Hype-PR-Tour, sondern … man macht lieber etwas.“Himpsl liefert dafür das passende Bild: die „sokratische Maschine“ – ein Trainingsgerät für intellektuelle Redlichkeit. Nicht weil die Maschine Recht hätte, sondern weil sie widersprechen kann, ohne gekränkt zu sein. Von Gehlen übersetzt das in eine Übung, die in Unternehmen mehr verändern könnte als der nächste Strategie-Workshop: „Sagen wir doch mal die Argumente der Gegenseite. Das ist ja die Voraussetzung, um auf neue Ideen zu kommen.“ Wer das ernst nimmt, erkennt: Der Engpass moderner Organisationen ist selten Rechenleistung – es ist die Qualität der Entscheidungen unter Unsicherheit. Bessere Einwände, bessere Entscheidungen. Die sokratische Maschine wäre dann keine Abkürzung am Denken vorbei, sondern eine Abkürzung ins Denken hinein.

Popper als Betriebsanleitung: nicht Bestätigung, sondern Widerlegung

Von hier ist es nur ein Schritt zu Karl Popper – und im Talk wird er ausdrücklich gegangen. „Das Credo ist ja einfach nicht nach Bestätigungen zu suchen, sondern nach Widerlegungen“, sagt von Gehlen, „das ist doch die Essenz von Wissen.“ Und dann, fast lehrbuchhaft: „Wahrheiten … temporär anerkennen. Sie gelten nur so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist die Idee von Karl Poppers kritischem Rationalismus. Ich bin da großer Fan.“Übersetzt in Wirtschaftssprache ist das keine Philosophievorlesung, sondern Organisationsdesign: Hypothesen bauen, Gegenhypothesen zulassen, Fehler früh finden. Wer dagegen nur Bestätigung sucht, betreibt – freundlich gesagt – Unternehmensfolklore. Und hier berührt sich die KI-Debatte mit der Debatte über Öffentlichkeit. Von Gehlen warnt vor „algorithmischen Öffentlichkeiten“ und sagt einen Satz, der in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie wie eine Grundbedingung klingt: „Meinungsfreiheit funktioniert nur, wenn wir auch Informationsfreiheit haben.“ Die Zukunftswerkstatt wird damit mehr als ein Ort für Tools: ein Ort für Korrektive – für Einwände, Perspektivwechsel, gemeinsame Lernkurven.

Tocotronic und das Recht, sich zu widersprechen

Und dann – als Gegenmittel gegen die technokratische Verengung – Tocotronic. Auf die Frage, wie viel Tocotronic es in Stuttgart geben werde, antwortet von Gehlen: „Ich bin großer Fan“ – und nennt ein Lied, das seine KI-Erfahrung spiegele: „Die Geschichte, wie ich mir selbst entkam.“ Kurz darauf fällt noch ein Titel wie ein Parolensatz für Gegenwart und Wirtschaft zugleich: „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden.“Popkultur ist hier nicht Dekoration, sondern Erinnerung: Transformation ist nicht nur Technik, sondern Identitätsarbeit. Und diese Identitätsarbeit braucht – wieder Popper – das Recht, falsch gelegen zu haben. Von Gehlen formuliert es politisch und zugleich zutiefst ökonomisch: „Das wirkliche Privileg ist, du darfst deine Meinung auch ändern.“ In freien Gesellschaften ist Kurskorrektur kein Makel, sondern Methode.Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Smarter Service Talks: KI wird nicht dadurch „smarter“, dass sie uns ersetzt, sondern dadurch, dass sie uns widerspruchsfähiger macht – im Denken, im Entscheiden, im öffentlichen Gespräch. Raum und Bühne. Hidden Champions und sichtbare Lernkultur. Sokratische Maschine und kritischer Rationalismus. Und irgendwo zwischen Vizemann und Wirklichkeit die Hoffnung, dass man 2026 nicht mehr nur über die fehlenden zehn Prozent redet – sondern endlich versteht, was die neunzig bereits können.

Links / Infos:

– Zukunftswerkstatt: https://komi-zukunftswerkstatt.de/

– Studie „Zukunftsmacher“: https://www.smarter-service.com/studien/zukunftsmacher/

– Buch (Kösel, 2025): https://www.dirkvongehlen.de/wie-ki-dein-leben-besser-macht-50-denkanstoesse-fuer-einen-entspannteren-alltag/

– SZ-Institut: https://institut.sz.de/

– Dirk von Gehlen: https://www.dirkvongehlen.de/

LinkedIn: https://www.linkedin.com/events/7420059418194493441/?viewAsMember=true

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.