
Von Paul Feyerabend ist viel Lärm im Umlauf. Der Name ruft sofort die bekannten Reizwörter auf: Wissenschaftsanarchismus, Methodenfeindschaft, „Anything goes“, Angriff auf den Szientismus. Das sitzt fest, so fest, dass man darüber leicht übersieht, was für ein Ton in diesem Denken eigentlich herrschte. Denn Feyerabend war nie bloß ein Sprengmeister der Methode. Er war, tiefer und eigensinniger, ein Mann des Hörens: der Stimme, des Rhythmus, der Szene, des Auftritts, des Abgangs, der dramatischen Pause. Erst die privaten Aufnahmen aus den Jahren 1984 bis 1993 lassen das mit aller Deutlichkeit hervortreten.
Diese unter dem Titel Private Recordings 1984–1993 veröffentlichten Bänder sind ein Sonderfall. Das Material, so heißt es in der editorischen Vorbemerkung von Grazia Borrini-Feyerabend, stammt aus persönlichen Kassetten, die Paul Feyerabend ihr schickte; sie waren nie für Veröffentlichung oder fremde Ohren bestimmt. Gerade das macht ihren Rang aus. Hier spricht keiner für das Seminar, das Podium, die Zunft. Hier spricht einer für einen einzelnen Menschen. Kein Manuskript knistert dazwischen. Keine akademische Kulisse schützt den Satz. Die Stimme läuft frei, springt, stockt, beschleunigt, macht Umwege, verliert sich mit Lust im Detail und trifft gerade deshalb ins Zentrum.
Wer nur den öffentlichen Feyerabend kennt, trifft hier auf sein Gegenbild: nicht den Mann mit der intellektuellen Abrissbirne, sondern einen Erzähler von stupender Anschaulichkeit; nicht den Feind der Wissenschaft, als den ihn schlichte Gemüter gern archiviert haben, sondern einen Liebhaber von Formen, Gesten und Temperamenten; nicht den kalten Relativisten, sondern einen Redner mit Wärme, Witz und einer beinahe altmodischen Fähigkeit zur Bewunderung.
Philosophie ohne Hörsaalton
Die eigentliche Sensation dieser Aufnahmen liegt im Registerwechsel. Feyerabend doziert nicht, er erzählt und singt. Und im Erzählen verwandelt sich auch seine Philosophie. Sie kommt herunter vom Katheder, zieht die Schuhe aus, setzt sich an den Küchentisch und fängt an, von Verdi, Shakespeare, Fritz Lang, Schrödinger, Xenophanes, Paul Robeson und Joe Louis zu sprechen, als gehörten sie alle in dasselbe große, etwas unordentliche, aber hochlebendige Zimmer des Geistes.
Das ist keine beiläufige Bildungsgeste. Hier tritt ein Zug hervor, der in der Fachszene oft unterbelichtet bleibt: Feyerabends Denken war nie nur erkenntniskritisch, es war immer auch physiognomisch. Ihn interessierten nicht bloß Theorien, sondern Temperamente; nicht bloß Wahrheitsansprüche, sondern die Lebensformen, in denen sie auftreten. Man könnte auch sagen: Er dachte weniger wie ein Buchhalter der Begriffe als wie ein Regisseur der Perspektiven.
Darum gewinnen auf diesen Bändern Nebensachen plötzlich Gewicht. Die Art, wie eine Szene gespielt wird. Der Ausdruck in einem Gesicht. Der Unterschied zwischen Gesang und Geste. Das Misstrauen gegen jede Darstellung, die den Menschen glättet. In der akademischen Philosophie wird der Mensch meist geschniegelt hereingebeten: als rationales Wesen, als Sprecher von Sätzen, als Träger von Gründen. Feyerabend bringt ihn zerzaust zurück.
Falstaff, oder: Gegen die geschniegelt Menschheit
Besonders schön lässt sich das an seinen Ausführungen zu Verdis Falstaff hören. Da spricht kein Opernliebhaber im Nebenberuf, der ein wenig Kulturglanz über philosophische Materie streuen möchte. Da spricht einer, der an einer komischen Figur anthropologische Wahrheit entdeckt. Falstaff ist für ihn nicht bloß ein dicker Intrigant mit Restcharme. Er ist eine menschliche Grunderfahrung auf zwei Beinen: lächerlich, verwundbar, eitel, hungrig, taktlos, erschütternd lebendig.
Feyerabend erzählt die Geschichte mit sichtlichem Vergnügen, aber das Vergnügen hat eine Klinge. Denn in dieser Figur erscheint etwas, das den großen Allgemeinbegriffen entgeht. Der Mensch ist eben nicht nur Würde und Vernunft, nicht nur Autonomie und Normfähigkeit. Er ist auch Fehltritt, Posse, Selbsttäuschung, Rausch, Aufschneiderei, der Sturz ins nasse Tuch. Gerade im Komischen entdeckt Feyerabend eine Genauigkeit, die vielen moralisch geschniegelt auftretenden Philosophien abgeht. Falstaff wird gedemütigt, doch nicht vernichtet; er wird bloßgestellt, doch nicht ausgelöscht. Das Gelächter ist hier keine Vernichtungsmaschine, sondern eine Erkenntnisform.
Bemerkenswert ist, wie rasch Feyerabend von der Oper zur Gesellschaft überblendet. Aus der Narrenfigur wächst eine harsche Diagnose dessen, was unter „Menschheit“ gewöhnlich firmiert. Das Wort, so legt er nahe, bezeichnet in Wahrheit oft nur einen sehr kleinen, sehr gut beleuchteten Ausschnitt: die westliche, artikulationsstarke, kulturell privilegierte Vorderbühne. Und dann fällt dieser eine Satz aus Brecht, an dem sich Feyerabend hörbar festbeißt: „Und die einen stehen im Dunkel, und die anderen stehen im Licht.“ In seinen Händen wird daraus mehr als ein theatralischer Effekt. Es wird eine Theorie der Sichtbarkeit.
Gegen das Scheinwerferlicht
In diesen privaten Reden zeigt sich ein politischer Impuls, der mit Feyerabends Ruf als bloßem Provokateur kaum zu fassen ist. Sein eigentlicher Gegner ist nicht einfach „die Wissenschaft“, sondern jede Instanz, die aus einem beleuchteten Teilstück das Ganze macht. Das gilt für wissenschaftliche Methoden ebenso wie für kulturelle Repräsentationen, mediale Aufmerksamkeitsökonomien oder moralische Selbstfeiern. Feyerabend misstraut dem Scheinwerfer.
Darin steckt eine feine, heute erstaunlich aktuelle Einsicht. Nicht alles, was sichtbar ist, ist wichtig; und vieles, was wichtig ist, bleibt unsichtbar, weil es nicht auf die Bühne passt. Die Millionen, von denen er spricht – jene, die „smiling, crying, dying, being born“ im Dunkel leben –, sind keine rhetorische Kulisse. Sie markieren die Grenze jeder Rede, die sich selbst zu schnell für universell hält. Feyerabends Pluralismus ist daher nicht nur methodisch. Er ist moralisch. Er verteidigt nicht die Willkür, sondern die Vielheit der Wirklichkeiten gegen die Arroganz des einen Formats.
Schrödinger ohne Denkmal
Von besonderem Wert sind die Passagen über Erwin Schrödinger. Auch hier verrät die private Form mehr als mancher gelehrte Aufsatz. Feyerabend spricht nicht über eine Ikone der Physikgeschichte, sondern über einen Menschen, den er gekannt hat: beim Essen, beim Gehen, im Gespräch. Die Wissenschaftsgeschichte verliert ihr Museumsglas. Schrödinger wird wieder konturiert, störrisch, anständig, unerquicklich in den Augen der Angepassten.
Gerade diese Schilderungen legen eine wenig bekannte Seite Feyerabends frei. Der angebliche Feind der Wissenschaft erweist sich als Bewunderer großer Wissenschaftler – allerdings nur dann, wenn sie mehr sind als Spezialisten. Er schätzt Schrödinger nicht nur wegen der Wellenmechanik, sondern wegen des Muts, unzeitgemäß zu sein; wegen der Weigerung, sich in den Betrieb zu falten; wegen seiner frühen Skepsis gegenüber einer industrialisierten Kernenergie; wegen seiner Überzeugung, dass eine Wissenschaft, die sich der Öffentlichkeit nicht mehr verständlich machen kann, ihr Daseinsrecht verspielt.
Das ist bemerkenswert. Feyerabend, den man gern als Patron der epistemischen Unordnung ablegt, verteidigt hier nichts so sehr wie intellektuellen Charakter. Er lobt den Wissenschaftler nicht für saubere Fachgrenzen, sondern für zivilen Eigensinn. Die Größe der Wissenschaft liegt, so hört man heraus, nicht in ihrer methodischen Reinheit, sondern in der Qualität der Menschen, die sie betreiben.
Oper, Film, Boxkampf: Die große Gegenakademie
Wer diese Bänder hört, stößt auf eine geistige Ordnung, die an den Universitäten kaum noch vorkommt. Verdi steht neben Schrödinger, Fritz Lang neben Xenophanes, Paul Robeson neben der Quantenmechanik, Joe Louis neben der Religionskritik der Vorsokratiker. In einem ordinären Betrieb wäre das Dilettantismusverdacht genug. Bei Feyerabend wirkt es dagegen wie eine Wiederherstellung verlorener Proportionen.
Denn die Trennung der Sphären – hier Wissenschaft, dort Kunst; hier Erkenntnis, dort Darstellung; hier Theorie, dort Biographie – war ihm immer suspekt. Er wusste, dass Menschen nicht in Disziplinen leben. Sie leben in Bildern, Stimmen, Loyalitäten, Affekten, Erinnerungen. Wer das Denken aus all dem herauspräpariert, macht es nicht klarer, sondern ärmer.
Darum ist sein Interesse an Paul Robeson und Joe Louis mehr als eine private Marotte. Feyerabend hört in Robesons Stimme nicht nur künstlerische Größe, sondern einen moralischen Bass: Weltzugewandtheit, Würde, politische Empfindlichkeit. Und er betrachtet Joe Louis nicht nur als Boxer, sondern als Kristallisationsfigur sozialer Energien, als jemand, in dessen Sieg und Niederlage sich weit mehr bündelt als ein sportlicher Ausgang. Diese Aufmerksamkeit für Existenzen außerhalb des akademischen Lichtkreises ist kein ornamentaler Zug. Sie gehört zum innersten Kern seiner Philosophie.
Die Form denkt mit
Vielleicht ist das Unterschätzteste an diesen Aufnahmen überhaupt die Form. Feyerabend spricht oft so, als müsse man eine Sache nicht nur verstehen, sondern im richtigen Rhythmus sagen können. Das gilt für seine Ausführungen zu Verdis Macbeth ebenso wie für seine Bemerkungen über Xenophanes. Immer wieder kehrt der Gedanke zurück, dass Inhalt allein noch nichts ist; dass Tonfall, Tempo, Gestik, ja selbst die richtige Rauheit einer Stimme zum Wahrheitsgehalt gehören.
Hier verrät sich ein Denker, der gegen die Verarmung des wissenschaftlichen Prosaideals anschreibt. Trockene Eindeutigkeit ist nicht sein Ideal. Er bevorzugt eine Sprache, die etwas riskiert: Abschweifung, Überblendung, Szene, Pathos, Ironie. Nicht, weil sie ungenau wäre, sondern weil manche Genauigkeit ohne Bild gar nicht zu haben ist. Feyerabends Denken ist in diesem Sinn zutiefst antiaszetisch. Es hungert nicht nach Reduktion, sondern nach Fülle.
Das erklärt vielleicht auch, warum diese Bänder nicht wie Nachlassware klingen, sondern wie eine späte Selbstentfaltung. Einer, der in der gedruckten Philosophie häufig als Störenfried auftrat, findet in der gesprochenen Form seinen eigentlichen Aggregatzustand. Hier muss er keine Fronten markieren. Hier darf er glänzen, ohne zu posieren.
Ein anderer Feyerabend
Die Private Recordings, herausgegeben von Grazia Borrini-Feyerabend und Klaus Sander, produziert 2001 bei supposé, korrigieren daher ein verfestigtes Bild. Man hört nicht bloß den Autor von Against Method im privaten Modus. Man hört einen anderen Feyerabend. Einen, der erzählt statt zu dekretierten; der staunt statt bloß zu attackieren; der liebt, was er beschreibt. Die editorische Notiz Grazia Borrini-Feyerabends trifft den Kern, wenn sie von seiner Liebe zu Oper, Theater und Kino spricht sowie von seinem Respekt, seiner Anteilnahme, seiner Bewunderung, seinem Staunen gegenüber vielen Menschen. Genau diese Bewegungen sind es, die auf den Bändern den Ton angeben.
Das ist der eigentliche Ertrag: Nicht eine neue These, sondern eine neue Hörbarkeit. Feyerabend erscheint hier als Philosoph der Aufmerksamkeit. Einer, der gegen geistige Monokulturen nicht nur mit Argumenten vorging, sondern mit einer ganzen Lebensform des Wahrnehmens. Er hört genauer, als viele Theoretiker sehen. Und vielleicht liegt eben darin seine bleibende Zumutung für den Wissenschaftsbetrieb: dass Erkenntnis nicht dort am größten ist, wo sie am saubersten abgegrenzt wird, sondern dort, wo sie den Mut hat, sich von der Welt affizieren zu lassen.
Am Ende bleibt von diesen Bändern weniger ein Lehrsatz als eine Stimme. Rauh, sprungbereit, zärtlich im Urteil, boshaft gegen Pomp, plötzlich gerührt, plötzlich komisch, dann wieder von einer fast kindlichen Begeisterung. Eine Stimme, die das Denken aus der Uniform holt. Und gerade deshalb noch immer frisch klingt: nicht wie ein System, sondern wie ein Mensch.